Florence Gaub

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Florence Gaub trägt ein schwarzes, langärmeliges Oberteil und hält die linke Hand im Gesicht. Sie hat langes zurückgebundenes, braunes Haar und schaut direkt in die Kamera.
Florence Gaub (2022)

Florence Gaub (* 1977) ist eine deutsch-französische Politikwissenschafterin. 2018 wurde sie stellvertretende Direktorin des Instituts der Europäischen Union für Sicherheitsstudien in Paris. Seit Mai 2022 berät sie den Europäischen Rat.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Florence Gaub studierte Politologie, Französisch und Neuere Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und schloss dieses als Magistra (M. A.) ab. Es folgte ein Auslandssemester am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po Paris) in Paris.[1] Gaub promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Dissertation über die Libanesische Armee.[2][3]

Gaub unterrichtete von 2007 bis 2009 am Historischen Institut der Universität Potsdam im Lehrgang Militärische Studien[4] und am Institut d'Etudes Politiques in Paris.

Von 2009 bis 2013 war sie am NATO Defense College beschäftigt und im Zeitraum 2013–2018 Senior Analyst des Instituts der Europäischen Union für Sicherheitsstudien in Paris (EUISS). Von 2012 bis 2015 war sie Reserveoffizierin der französischen Armee im Rang eines Majors.[5] Seit März 2018 ist Gaub stellvertretende Direktorin des EUISS. In dieser Funktion hat sie u. a. die „Foresight“-Kapazitäten des EUISS aufgebaut und Formate wie die What if..? Serie der Chaillot Papiere herausgegeben.[6]

Gaub ist seit 2020 Mitglied des Future Council on Frontier Risks des World Economic Forums. Sie ist ehrenamtliche Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach und verantwortete 2020–2021 den inhaltlichen Track Securing our Future.[7]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Florence Gaub publizierte zu Zukunftsthemen und -szenarien.[8][9] So hat sie 2019 den Global Trends to 2030 Bericht für das Foresight-Netzwerk der Europäischen Union veröffentlicht.[10] Global Trends to 2030 ist ein Beitrag zur Unterstützung von Politikern und Entscheidungsträgern zur Gestaltung der Welt im Jahr 2030. Die Zukunft Europas und Europas Rolle in der Welt wird anhand dieses Berichts in geopolitischen, geoökonomischen und geotechnologischen Ordnungen beschrieben.[10] Gaub beschreibt darin unter anderem Foresight als ein Werkzeug der strategischen Zukunftsforschung, das die Politikgestaltung unterstützen kann.[11] Im Außen- und sicherheitspolitischen Bereich kann das Vorhersehen eines möglichst wahrscheinlichen Lagebilds der Zukunft dienen. In ihrem Artikel Foresight: Eine Anleitung beschreibt Gaub die Methode, welche Arten von Zukunft wahrscheinlich, möglich oder wünschenswert sind, um somit Entscheidungsträger zu unterstützen.[12]

Neben der Beobachtung von Entwicklungen nach dem Irakkrieg, Libanonkrieg 2006 und Libyenkrieg untersuchte sie Konfliktstrukturen und die geopolitische Bedeutung der arabischen Region,[2][13] zuletzt eine Vorausschau zu Afghanistan 2025.[14] Ein weiterer Forschungsschwerpunkt sind die Auswirkungen des Klimawandels in der arabischen Welt, worüber sie 2021 die Studie Arab Climate Futures herausgab.[15][9] Die Arab Climate Futures, eine auf klimawissenschaftlichen Untersuchungen beruhende Studie, zeigt die Auswirkungen des Klimawandels im Nahen Osten, wo die Wasserknappheit bereits gravierende Auswirkungen hat. Florence Gaub befasst sich insbesondere mit Maßnahmen, diese Trends zu verlangsamen oder zu verhindern. Ein Schwerpunkt dieser Arbeit besteht darin, die sozialen und politischen Auswirkungen von Wassermangel zu erforschen und in einen globalen Kontext zu setzen.[16][17]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 2022 sagte Gaub in der ZDF-Sendung Markus Lanz auf die Frage: „Wird die russische Bevölkerung sich nicht auflehnen gegen Putin, wenn immer mehr tote junge Soldaten aus der Ukraine zurückkommen?“[18]:

Der Krieg in Vietnam hat über zehn Jahre gedauert, bis die amerikanische Bevölkerung angefangen hat, sich dagegen zu wehren. Und noch weniger funktioniert es, wenn in einer Gesellschaft Gewalt ein Stück weit normal ist.[18] Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, einen anderen Bezug zu Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben. … Naja, das gibt da nicht diesen liberalen, postmodernen Zugang zum Leben … da geht man einfach anders damit um, dass da Menschen sterben.[19]

Diese Aussagen wurden von Nutzern des Kurznachrichtendienstes Twitter und in mehreren anderen Medien als „rassistisch“ bzw. „rassistisches, antislawisches“ Klischee kritisiert,[20][21] während ihr eine Kolumnistin des Spiegel im Hinblick auf die Haltung in der russischen Gesellschaft zu Gewalt recht gab.[22]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien
  • Die Darstellung von Krieg im französischen Roman: von Waterloo bis zum 1. Weltkrieg. WiKu-Verlag für Wissenschaft und Kultur, Duisburg / Köln 2008, ISBN 978-3-86553-272-5.
  • Military integration after civil wars. Multiethnic armies, identity and post-conflict reconstruction. Routledge, London 2010, ISBN 978-0-415-58094-6 (englisch).
  • Guardians of the Arab State. When militaries intervene in politics, from Iraq to Mauritania. Oxford University Press, New York 2017, ISBN 978-0-19-069761-7 (englisch).[23]
  • mit Rob Weighill: The Cauldron: NATO's Campaign in Libya. Hurst Publishers, London 2018, ISBN 978-1-84904-882-8 (englisch).
Beiträge und Artikel
  • The Libyan Armed Forces between Coup-Proofing and Repression. In: Journal of Strategic Studies 36 no. 2, 2013
  • Saudi-Arabien und seine 40 Alliierten – Was die Islamische Allianz wirklich bedeutet. Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Band 6, 2016
  • Scheidung auf syrisch: Warum eine Aufteilung keine Lösung ist. Bundesakademie für Sicherheitspolitik 2016, Band 17
  • Libyen: Warum die NATO nicht an allem Schuld ist. In: SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, 2017
  • Brot, Freiheit und Gerechtigkeit, Internationale Politik, 2018  
  • Are Middle Eastern Militaries Agents of Stability or Instability? in Seven Pillars: What Really causes Instability in the Middle East?, Michael Rubin & Brian Katulis (eds.), The AEI Press, Washington DC, December 2019, pp.83-103
  • Der Nahe und Mittlere Osten und Nordafrika 2020 In Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2020, Bundesministerium für Landesverteidigung, Vienna 2020
  • Global Trends to 2030. EUISS, 2019
  • What if.. there is another Arab Spring? In: What if..? Scanning the horizon: 12 scenarios for 2021. Chaillot Paper 150. EUISS, 2019
  • What’s in A Name? Mena Flag Carriers as Instruments of Soft Power, In S. Colombo, E. Soler (Eds.), Infrastructures and Power in the Middle East and North Africa, Euromesco Joint Policy Study, No. 17, 2020
  • L’anticipation, notamment celle du coronavirus, est une affaire de mentalité, Le Monde, 2020
  • Why Does Foresight Matter in a Time of Crisis?, Institut Montaigne, 2020
  • The EU in Action I: The Middle East and North Africa, Internationale Politik, 2021
  • How to get better at making warnings, World Economic Forum, 2021
  • Thinking MENA Futures: The Next Five Years and Beyond, Middle East Institute, 2021
  • What if.. there is no Muslim Mass Migration to Europe? In: What if..not? The cost of assumption. Chaillot Paper 172. EUISS, 2022

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Florence Gaub. Jugendparlament für Europa, archiviert vom Original am 9. Mai 2017; abgerufen am 24. März 2022.
  2. a b Florence Gaub. Strategic Studies Institute, archiviert vom Original am 23. Januar 2017; abgerufen am 24. März 2022 (englisch).
  3. Florence Gaub. European Union Institute for Security Studies, abgerufen am 26. März 2022 (englisch).
  4. Florence Gaub. Universität Potsdam, abgerufen am 24. März 2022.
  5. "Reserve officer in the French army with the rank of major; attached to the Centre for Doctrine Development." in: Florence Gaub, alpbach.org
  6. Chaillot Papers. European Union Institute for Security Studies, abgerufen am 13. April 2022 (englisch).
  7. Thomas Seifert: Interview - Florence Gaub: "Ich bin Realoptimistin". Wiener Zeitung, 13. August 2021, abgerufen am 23. März 2022.
  8. What if...not? The cost of assumptions. European Union Institute for Security Studies, 21. Januar 2021, abgerufen am 12. April 2022 (englisch).
  9. a b Arab Climate Futures. European Union Institute for Security Studies, abgerufen am 12. April 2022 (englisch).
  10. a b Global Trends To 2030 – Challenges and Choices for Europe. European Union Institute for Security Studies, abgerufen am 26. März 2022 (englisch).
  11. Podcast miniseries: how is foresight useful for policymaking? European Union Institute for Security Studies, abgerufen am 27. März 2022 (englisch).
  12. Foresight: Eine Anleitung | Internationale Politik. Abgerufen am 26. März 2022.
  13. Florence Gaub - Senior Analyst (auf archive.org). European Union Institute for Security Studies, archiviert vom Original am 2. Juli 2017; abgerufen am 24. März 2022 (englisch).
  14. Taliban in or out? European Union Institute for Security Studies, abgerufen am 12. April 2022.
  15. Jason Beaubien: Why Baghdad will be one of the cities hardest hit by global warming. In: NPR. 10. März 2022 (npr.org [abgerufen am 26. März 2022]).
  16. Klimawandel in Nahost: Wenn das Wasser knapp wird. In: Deutsche Welle. 19. Januar 2022, abgerufen am 26. März 2022.
  17. Mahmoud Javadi: Can the Middle East Fulfill Europe’s Security Provider Aspirations? 12. Dezember 2021, abgerufen am 27. März 2022 (englisch).
  18. a b : Szenarien einer böseren Welt. taz, Juni 2022, abgerufen am 26. Juni 2022
  19. Ausschnitt aus der Sendung mit Frage und vollständigem Zitat auf YouTube.
  20. Nach »Lanz«-Auftritt: Wissenschaftlerin erntet heftigen Shitstorm – »Einfach unfassbar« Watson, 14. April 2022; Emilie Böhm: Markus Lanz: Mariupol und die Bulldogge Krass & konkret, 16. April 2022; André Mielke: [1] Berliner Zeitung, 20. April 2022; Kristian Stemmler: Zielscheibe für Hass junge Welt, 21. April 2022.
  21. Thomas Dudek: Der Antislawismus lebt. Der deutsche Blick nach Osten ist kolonial geprägt. n-tv, 16. April 2022.
  22. Juno Vai: Russlands Krieg in der Ukraine - Woher kommen die Gewaltexzesse? In: www.spiegel.de. 29. Juni 2022, abgerufen am 29. Juni 2022.
  23. Review in: The Journal of North African Studies, Band 25/2020, doi:10.1080/13629387.2018.1545197