Fluoridierung

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Als Fluoridierung bezeichnet man die Zugabe von Fluoriden zu Lebensmitteln und Kosmetika (Zahnpasta) sowie das Aufbringen höher konzentrierter Präparate auf die Zähne zum Zweck der Kariesprophylaxe. Zu fluoridierten Lebensmitteln zählen Speisesalz, Trinkwasser und Milch. In neuerer Zeit werden auch sogenannte "slow-release-devices" eingesetzt – kleine spezielle Behältnisse, die am Zahn angebracht werden, oder mit Fluorid angereicherte Füllungen, die über einen längeren Zeitraum kontinuierlich Fluorid an den Speichel abgeben.

Karies und Kariesprophylaxe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Zahnkaries

Karies-Ätiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karies entsteht im Zahnhartgewebe (Zahnschmelz, Dentin) durch langfristige Einwirkung der Stoffwechselprodukte von Bakterien, die sich auf den Zähnen und in Zahnzwischenräumen als Zahnbelag (Plaque) ansiedeln. Von den kariogenen Bakterien (Laktobazillen und verschiedene Streptokokkenarten, insbesondere Streptococcus mutans) werden aus Kohlenhydraten wie Saccharose, Glucose und Fructose organische Säuren gebildet,[1][2][3] wodurch der pH-Wert im Speichel wie in den Plaques sinkt. Während die genannten Mikroorganismen in diesem sauren Milieu überleben können, wird bei pH-Werten unter 5,5 die mineralische Hauptkomponente des Schmelzes, Hydroxylapatit (auch Apatit-(CaOH)), aufgelöst. Mit dem Speichel können gelöste Ionen dem Schmelz wieder zugeführt werden (Remineralisation). Lösen Säuren aber dauerhaft mehr Schmelz auf als remineralisiert werden kann, bilden sich Erosionen. Unter bakteriellen Plaques kann durch hohe Säurekonzentrationen der Schmelz in eng umgrenzten Bereichen gelöst werden, es entstehen Kavitäten („Löcher“).[4] Außer der Mundhygiene und damit der Zusammensetzung der oralen Mikroflora, der Zahl der vorhandenen Mikroorganismen sowie Ernährungsfaktoren (z. B. Häufigkeit und Intensität des Konsums von Zucker- bzw. Stärke-haltigen Produkten) bestimmen weitere (teils genetisch bestimmte) Faktoren die Anfälligkeit für Karies, unter Anderem die Zusammensetzung und Viskosität des Speichels, Zahnform und -Stellung (auch Größe der Zahnzwischenräume), die Struktur der Zahnsubstanz, Grübchen und Fissuren (der Backenzähne).[5] Man spricht daher im Fall der Zahnkaries von einem multifaktoriellen Geschehen.

Karies-Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1930er Jahren wurde der DMF-Index zu einem wichtigen Werkzeug um die Zahngesundheit zwischen Bevölkerungsgruppen vergleichen zu können. Der Index erfasst aktuell kariöse (Decayed), fehlende (Missing) und gefüllte (Filled) Zähne (DMFT) oder Zahnflächen (DMFS) pro Kind, pro 100 Kinder oder pro 100 untersuchte Zähne.[6] Die genannten Parameter für den Kariesstatus wurden erstmals 1931 von Selwyn D. Collins, Chef-Statistiker im US Public Health Service, und Tagliafero Clark bei der Untersuchung von Schulkindern herangezogen und als prozentualer Anteil mit mindestens einem faulen, gefüllten oder fehlenden Zahn ausgewertet.[7] Kurz darauf verfeinerten Amanda L. Stoughton und Verna T. Meaker das Maß, indem sie den prozentualen Anteil von Kindern in verschiedenen Altersgruppen mit 1, 3, 5, 7, oder 9 kariösen, gefüllten oder fehlenden Zähnen tabellierten.[8] Für die Auswertung von Daten des ersten nationalen Caries Survey der American Dental Association (1934) summierte erstmals der Arzt Clarence A. Mills die Zahl der kariösen, gefüllten oder extrahierten Zähne pro 100 Kinder und präsentierte die Zahlen für jeden US-Bundesstaat bei der Jahresversammlung der IADR im März 1937 in Baltimore.[9] Im Dezember 1937 veröffentlichten Henry Klein und Carroll E. Palmer ihre Studie, mit der Klein Priorität für die Entwicklung des DMF Index beansprucht und damit auch zum ersten Mal einen Zusammenhang zwischen Fluoridgehalt des Trinkwassers und Karieshäufigkeit gezeigt haben will.[10][11] Nach Querelen mit Trendley Dean verließ er Anfang der 1950er Jahre den Public Health Service und zog nach Paris.[12] Zweifellos kommt Klein das Verdienst zu, in seiner Arbeit von 1937 diverse Störfaktoren diskutiert und in einer nachfolgenden Serie von Untersuchungen Einflüsse wie Alter, Geschlecht, diagnostische Parameter, Zeit des Zahndurchbruchs usw. untersucht zu haben.

Prophylaxe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der Beschränkung der Zuckeraufnahme und der gründlichen Entfernung der Zahnbeläge (Mundhygiene) kann die Anwendung von Fluoriden dazu beitragen, die Entstehung von Karies zu erschweren.[13] Fluoride können OH-Gruppen des Hydroxylapatits im Zahnschmelz ersetzen. Dabei bildet sich Fluorapatit (mit einem theoretischen Fluoridgehalt von ca. 3,8 %), der in schwachen Säuren weniger gut löslich ist als die OH-Form. Auch direkte Einflüsse (z.B. Enzymhemmung) des Fluorids auf die Mundflora sind möglich. In Laborversuchen wurde beobachtet, dass Streptococcus mutans bei niedriger Fluoridkonzentration weniger Säure produziert. Es ist jedoch unklar, welche Bedeutung diese reduzierte Säureproduktion hinsichtlich der kariösen Aktivität der Bakterien im menschlichen Mund hat.[14] Neben diesen Erklärungsmodellen wurde in der Vergangenheit auch die Stimulation der Speichelbildung (vagotoner, weniger viskoser Speichel) und ein daraus möglicherweise resultierender verbesserter Reinigungseffekt diskutiert.[15][16]

Laut einer Presseerklärung der Bayrischen Landeszahnärztekammer hat sich die bis Ende der 1980er Jahre vorherrschende Ansicht, dass die Wirkung des Fluorids vor allem auf seinem festen Einbau in die Kristallstrukturen von Schmelz und Dentin beruhe, grundlegend geändert. Der menschliche Zahnschmelz enthält in seiner äußersten Schicht eine Konzentration von ca. 1.000 bis 2.000 ppm (0,1 %) Fluorid. In einer Tiefe von 25 µm werden nur noch ca. 100 ppm (0,01 %) gefunden. Weiterführende Studien ergaben, dass der kariesprophylaktische Effekt des Fluorids vor allem auf das labile Fluoridreservoir zurückzuführen ist, das sich nach Anwendung leicht löslicher Fluoride in Form einer Calciumfluorid-(CaF2-) Schicht bildet, die die Zahnoberfläche bedeckt. Seit Ende der 1990er Jahre sind Kariesforscher überzeugt, dass das während der Zahnentwicklung in die Kristallstrukturen des Schmelzes eingefügte Fluorid eine vergleichsweise geringe Wirkung auf kariöse Prozesse hat und dass die kariesprotektive Wirkung der systemisch aufgenommenen Fluoride, zum Beispiel aus Trinkwasser, Kochsalz, Tabletten, Milch usw., nach dem Zahndurchbruch einsetzt. Die entscheidende lokale Schutzwirkung der systemisch aufgenommenen und durch den Speichel an die Zahnoberflächen herangeführten Fluoride setzt in der wässerigen Phase an der Grenzfläche des Zahns zu seiner Umgebung und im Kristallwasser der äußeren Schichten des Schmelzmaterials ein.[17] Demineralisation während der Säureattacke, d. h. Mineralverlust infolge teilweiser Auflösung von Schmelzkristallen, wird durch die Anwesenheit von Fluorid gehemmt. Das Fluorid diffundiert mit der Säure in die Schmelzporen und wirkt an den Kristalloberflächen zusammen mit dem dort bereits entstandenen Fluorapatit gegen die nachfolgende Säureattacke. Erste Forschungsergebnisse zur Kariesprävention im Alter zeigen in vitro, dass die lokale Einwirkung von fluoridversetzter Milch (10 ppm) auf das Wurzeldentin extrahierter menschlicher Zähne eine deutliche Wirkung auf die Remineralisation des zuvor künstlich demineralisierten Wurzeldentins hat. Die lokale Einwirkung von mit NaF angereichertem (10 ppm) künstlichem Speichel zeigt sogar eine noch stärkere Wirkung. Bei der Einwirkung von künstlichem Speichel wurde eine zusätzliche kristalline Schicht auf der Läsion gebildet, die erhöhte Werte von F und Ca enthielt.[18]

Das während des pH-Anstiegs nach einer Demineralisationsphase in der wässerigen Lösung an der Kristallfläche vorhandene Fluorid kann sich mit den gelösten Calcium- und Phosphationen verbinden und an der Kristallfläche niederschlagen oder sich als fluorapatit-ähnliches kristallines Material im Schmelz ansammeln. Fluorid verändert diesen als Remineralisation bezeichneten Mineralgewinn und verhilft der kristallinen Substanz des Schmelzes damit zu mehr Resistenz gegen künftige Säureangriffe. Bei relativ hohen Konzentrationen an Fluoridionen können diese sich mit Calcium verbinden und als Calciumfluorid (CaF2) niederschlagen, woraus das Fluorid sich wie aus einem Depot langsam wieder herauslösen kann und als "slow releasing device" wirkt.[19] Damit wird das Calciumfluorid zur Quelle von Fluoridionen, die wiederum die Demineralisation hemmen.

Das freigesetzte Fluoridion sorgt als Biokatalysator für den Wiedereinbau von Calcium- und Phosphationen, in zweiter Linie wird es selbst im Austausch mit dem Hydroxylion (OH-) des Apatits in die obersten Schmelzschichten eingebaut.[17]

Verwendete Fluoride[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Kariesprophylaxe werden Natriumfluorid (enthalten in Fluoridtabletten, Zahncremes und Mundwässern), Kaliumfluorid (Speisesalz), Zinn(II)-Fluorid (Zahncremes) oder Aminfluoride (Zahncremes und fluoridhaltige Gele, z. B. Olaflur) verwendet. Ebenso wie diese werden unter den im allgemeinen Sprachgebrauch als Synonyme verwendeten Begriffen „Fluorid“ oder „Fluor“ auch Fluoridokomplexe eingereiht, wie z. B. Natriummonofluorphosphat (Na2PO3F, in Zahncremes verwendet) oder die Fluoridosilikate (Natriumhexafluoridosilikat, Na2SiF6; Hexafluoridokieselsäure, H2SiF6), die seit Beginn der 1950er Jahre zur Trinkwasserfluoridierung eingesetzt werden. In der Frühzeit der Trinkwasserfluoridierung hat man in Madison, einer Stadt im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, sogar mit Flusssäure fluoridiert, weil diese Säure in der Region produziert wurde und dort günstig zur Verfügung stand.[20][21]

Empfohlene Aufnahme-Mengen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als um 1945 in den USA die Trinkwasserfluoridierung („TWF“, Fluoridzusatz von ca. 1 mg je Liter) eingeführt wurde, ging man dabei von einer täglichen Fluoridzufuhr von 1 bis 1,5 mg pro Tag aus (McClure), und dieser Wert diente später als Basis für die Fluoridverabreichung in Tablettenform. Seit etwa 25 Jahren weiß man, dass in Orten mit Trinkwasserfluoridierung die tägliche Zufuhr bei etwa 3 mg (und mehr) pro Tag liegt. Entsprechend passte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BGVV) in einer Stellungnahme (September 2001) die Zufuhrempfehlung für eine Kariesprophylaxe auf 3,1 mg bis 3,8 mg pro Tag für Personen zwischen 19 und 65 Jahren an.[22]

Dagegen sieht sich die WHO nicht in der Lage, einen Wert für einen täglichen Fluoridbedarf festzulegen, da Fluorid kein essentielles Spurenelement ist und es somit keine diagnostischen Parameter und keinen Beweis für die Existenz klinischer Symptome eines „Fluoridmangels“ gibt.[23]

Die durchschnittliche Aufnahme aus Lebensmitteln (ohne Fluorid-Supplemente und ohne Getränke) beträgt in Deutschland 0,4–0,5 mg pro Tag.[24] In verschiedenen Produkten findet man von Natur aus eine erhöhte Fluoridkonzentration, z. B. in Tee (schwarzer u. grüner) oder in Mineralwässern. Mineralwässer mit einem Fluoridgehalt von mehr als 1,5 mg/l müssen in Deutschland als „fluoridhaltig“, solche mit weniger als 0,7 mg/l dürfen als „für Säuglingsnahrung geeignet“ gekennzeichnet werden. Bei höheren Konzentrationen wächst nämlich das Risiko einer Dentalfluorose.[24] In manchen Gegenden in Deutschland (z. B. einige Orte in der Eifel) enthält das Leitungswasser von Natur aus (abhängig von der geologischen Formation) Fluorid in Konzentrationen von 1 mg/l und mehr.[25]

Verbreitung von fluoridierten Lebensmitteln und Trinkwasser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fluoridierung von Trinkwasser wurde 1945 in einigen Städten der USA probeweise eingeführt und fand dort seit 1950 rasche Verbreitung. Später folgte man auch in einigen anderen Ländern wie Australien, Brasilien, Chile, Irland, Malaysia und Vietnam dem amerikanischen Vorbild. 5,7 % der Weltbevölkerung benutzen fluoridiertes Wasser.[26] Bis zur Wiedervereinigung wurde auch in einigen Orten der ehemaligen DDR das Trinkwasser fluoridiert. In Westdeutschland wurde zwischen 1952 und 1971 der Kasseler Ortsteil Wahlershausen mit fluoridiertem Trinkwasser versorgt.

Heute wird in den meisten europäischen Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, das Trinkwasser nicht fluoridiert. Ausnahmen sind Irland, wo etwa 71 % der Bevölkerung fluoridiertes Trinkwasser zur Verfügung steht[27], und das Vereinigte Königreich mit etwa 10 % Abdeckung.[28] Public Health England, ein wissenschaftlicher Beirat der britischen Regierung, kam nach einer Auswertung dieser Maßnahme im März 2014 zu der Schlussfolgerung, dass die Trinkwasserfluoridierung eine „sichere und effektive“ Maßnahme sei. In der Altersgruppe zwischen ein und vier Jahren seien 45 % weniger kariöse Zähne festgestellt worden. Bei den Fünfjährigen seien es 15 % weniger und bei den Zwölfjährigen 11 %. Als Konsequenz empfahl der Beirat die weitere Ausweitung der Trinkwasserfluoridierung in England.[29] Auch in Schweden wurde die Trinkwasserfluoridierung eingestellt. Dort hatten sogar Fluoridierungsbefürworter einen entsprechenden Antrag unterschrieben und stattdessen die Einführung von fluoridversetztem Kochsalz empfohlen.[30] Einer der Unterzeichner, Gunnar Harder Santesson, war Inhaber von Patenten zur Salzfluoridierung.[31] In der Schweizer Stadt Basel wurde 2003 die Trinkwasserfluoridierung eingestellt, die seit 1962 durchgeführt wurde. Immer wieder hatten Bürger dort entsprechende Eingaben vorgelegt, die abgewiesen wurden, bis dann angeblich aus Sorge um Fluorid-Überversorgung durch ebenfalls erhältliches Fluoridsalz der Zusatz zum Wasser beendet wurde.[28] Wie in der Schweiz ist auch in Deutschland fluorid-versetztes Speisesalz erhältlich.

Für 2004 listet die WHO 19 Länder mit Trinkwasserfluoridierung auf, darunter USA, Australien, Malaysia, Kolumbien, Hongkong und Singapur.[32]

  • 80–100%
  • 60–80%
  • 40–60%
  • 20–40%
  •   1–20%
  • <1%
  • unbekannt

Alternativen zur Trinkwasser- und Salzfluoridierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenüber der Verwendung von fluoridiertem Wasser und Lebensmitteln wird vor allem der Fluoridierung von Zahnpasta seit den siebziger Jahren große Bedeutung zugemessen, wodurch die Wasserfluoridierung an Bedeutung verloren hat.[33][34] Regelmäßiges Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta ist im Allgemeinen ausreichend. Bei Patienten mit hohem Kariesrisiko kann der Zahnarzt zusätzlich lokal ein höher konzentriertes Fluorid-Präparat (Lack oder Gel) aufbringen.

Bei einer lokalen Anwendung wird das fluoridhaltige Mittel in der Mundhöhle durch Zahnpasten, Mundspülungen, Gele und Lacke angewandt und bleibt dann eine Zeit lang im Speichel nachweisbar. Die topische (lokale) Anwendung höher konzentrierter Fluorid-Produkte führt eher zu einem Verlust an Zahnmineralien, wie durch eine Reihe von Patenten der American Dental Association Health Foundation (ADAHF) belegt wird.[35] Laut dort angeführten Untersuchungen wird durch höher konzentrierte Fluorid-Produkte der Entzug von Calcium aus dem Apatit unter Bildung von Calciumfluorid an der Zahnoberfläche begünstigt, das leichter weggespült wird. Deshalb wurden Zwei-Komponenten-Zahncremes entwickelt, bei denen Fluorid einerseits sowie Calcium und Phosphat andererseits getrennt gehalten werden, die erst beim Ausdrücken aus der Tube gemischt werden und an der Zahnoberfläche unter Bildung von Apatit reagieren sollen.

Bei einer systemischen Anwendung wird Fluorid mit der Nahrung aufgenommen oder als Tablette verabreicht. Das Fluorid wird im Verdauungstrakt resorbiert und über das Blut transportiert. Von dort aus kann es in neugebildetes Zahnhartgewebe (Dentin) und Knochengewebe eingebaut oder im Speichel ausgeschieden werden. Als Beispiele sind fluoridhaltiges Trinkwasser, Mineralwasser, Tabletten, Speisesalz, fluoridhaltige Nahrungsmittel (Fisch, Schalentiere und Tee) zu nennen. Die Verweildauer im Mund ist sehr gering, und die Konzentration an Fluorid ist mit Ausnahme bei der Anwendung von Fluoridtabletten meist sehr klein. Deshalb können über das Essen aufgenommene Fluoride vermutlich nicht direkt auf den Zahnschmelz einwirken.[36][37]

Die gemischte Anwendung durch Lutschen von Fluoridtabletten oder Verschlucken von fluoridhaltiger Zahnpasta wirkt zuerst lokal im Mund und danach systemisch.

Akademikerstreit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bislang haben sich die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGK) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) den auf der Wirkungsweise des Fluorids basierenden Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) noch nicht angeschlossen. In anderen Ländern wie zum Beispiel in den USA gelten Empfehlungen ähnlich denen der DGZMK schon seit längerer Zeit.[38]

Sichtweise der DGZMK[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Statt der Fluoridtabletten oder -tropfen, wie sie die meisten Säuglinge zurzeit ab dem ersten Lebensmonat in der kinderärztlichen Praxis erhalten, empfiehlt die DGZMK ab den ersten Milchzähnen mit etwa sechs Monaten gleich eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta zu verwenden. Die wesentlichen Empfehlungen sind im Einzelnen:[39]

  • Aus zahnärztlicher Sicht sind in den ersten sechs Lebensmonaten keine Fluoridierungsmaßnahmen erforderlich.
  • Mit dem Durchbruch der ersten Milchzähne sollten diese von den Eltern einmal am Tag mit einer höchstens erbsengroßen Menge fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm Fluorid) geputzt werden. Von Zahnpasten mit Frucht- oder Bonbongeschmack wird abgeraten, weil dies zum Herunterschlucken reizt.
  • Ab dem zweiten Geburtstag sollten die Zähne auf die gleiche Weise zweimal am Tag geputzt werden. Dies erhöht den Kariesschutz und soll dazu beitragen, dass sich das Kind frühzeitig an die tägliche Zahnpflege gewöhnt. Bei Kleinkindern muss das Zähneputzen überwacht werden, und Eltern sollten bis ins Schulalter hinein die Zähne ihres Kindes nochmals nachputzen.
  • Zusätzlich zum Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta wird empfohlen, fluoridhaltiges Speisesalz zu verwenden.
  • Ab dem Schuleintritt sollten die Zähne mit einer Zahnpasta mit einem Fluoridgehalt von 1000 bis 1500 ppm geputzt und regelmäßig fluoridiertes Speisesalz zum Kochen verwendet werden.
  • Eine Fluoridgabe in Form von Tabletten kann dann erfolgen, wenn keine fluoridierte Zahnpasta und auch kein fluoridiertes Speisesalz verwendet werden. Allerdings sollte gewährleistet sein, dass die empfohlene Tagesmenge nicht überschritten wird. Hierbei sind auch fluoridhaltige Lebensmittel zu berücksichtigen, da diese auch zur täglichen Fluoridaufnahme beitragen. Deshalb ist es wichtig, dass vor der Fluoridverordnung in der kinder- oder zahnärztlichen Praxis der individuelle Fluoridstatus erhoben wird.[40][41]
  • Wenn schon Fluoridtabletten verabreicht werden, dann sollten diese nicht geschluckt, sondern – wegen der im Vordergrund stehenden lokalen Wirkung – gelutscht werden. Dies ist erst ab einem höheren Lebensalter des Kindes durchführbar.

Sichtweise der DGK[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kinder- und Jugendärzte befürworten für die ersten Lebensjahre Fluoridtabletten. Aus ihrer Sicht hat sich diese Praxis bewährt: Sie berücksichtigt die besonderen Bedingungen bei Säuglingen und Kleinkindern und gewährleistet, dass möglichst viele Kinder zuverlässig mit Fluoriden versorgt werden.

Die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin e.V. empfiehlt deshalb weiterhin:

  • In den ersten sechs Lebensmonaten, d. h. vor Durchbruch des ersten Milchzahns, sollte der Säugling kombinierte Fluorid- und Vitamin-D-Tabletten oder -tropfen in der empfohlenen Fluoridmenge von 0,25 mg/d erhalten.
  • Vom siebten bis ca. 36. Lebensmonat, d. h. nach Durchbruch der ersten Milchzähne, sollte die Fluoridgabe in Form von Tabletten oder Tropfen mit 0,25 mg/Tag fortgeführt werden (bis zum Alter von 12 Monaten in Kombination mit Vitamin D). Gleichzeitig sollte das Kind in die tägliche Zahnpflege eingewöhnt werden.
  • Erst wenn ab dem Alter von etwa drei Jahren sichergestellt ist, dass die Zähne regelmäßig mindestens zweimal täglich geputzt werden, ohne dass die Zahnpasta im Wesentlichen verschluckt wird, und sowohl mit Fluorid angereichertes Speisesalz wie auch mit 500 ppm Fluorid angereicherte Zahnpasta regelmäßig benutzt werden, ist eine weitere externe Fluoridzufuhr mit Tabletten oder Tropfen nicht mehr erforderlich.
  • Wenn diese Bedingungen nicht eingehalten werden, ist die altersgemäße Fluoridzufuhr mit Tabletten (je nach Alter 0,5–1,0 mg/Tag) fortzuführen.
  • Bei Auftreten einer Karies ist eine kinderzahnärztliche Behandlung einzuleiten.[42]

Daneben werden auch ganz praktische Erwägungen angeführt, die aus kinderärztlicher Sicht gegen die zahnmedizinischen Empfehlungen sprechen. Hierzu gehören unter anderem:

  • Kleinkinder verschlucken häufig Zahnpasta. Da Zahnpasten jedoch als Kosmetika deklariert sind, unterliegen sie keinen lebensmittelrechtlichen Kontrollen und eignen sich daher nicht zum Verzehr (Verschlucken).
  • Es wird kinderärztlich empfohlen, in der Kindernahrung zunächst überhaupt kein zusätzliches Speisesalz zu verwenden. Deshalb ist eine ergänzende Fluoridversorgung über fluoridiertes Speisesalz, wie es seitens der Zahnmediziner empfohlen wird, nicht von Anfang an gegeben.
  • Kleine Kinder können sich ihre Zähne noch nicht richtig selbst putzen, und oft sind auch Eltern unsicher, wie Kinderzähne am besten gepflegt werden. Es gibt jedoch nur eine unzureichende zahnärztliche Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, die Eltern in die Zahnpflege einweisen könnte.[42]

Der sächsische Weg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die unterschiedlichen Stellungnahmen haben zu einer großen Verunsicherung insbesondere bei Eltern beigetragen. In Sachsen gründeten 2015 deshalb Kinderärzte und Zahnärzte einen Steuerkreis, in dem sie sich in einem Konsenspapier auf einen Kompromiss geeinigt haben, um den Akademikerstreit zumindest zu reduzieren. Vor allem ging es um die Anwendung von Fluoriden ab dem Säuglingsalter und die Kariesprophylaxe beim Kleinkind. Wegen der Gefahr der Zahnfluorose und gegebenenfalls einer Knochenfluorose muss eine gleichzeitige Anwendung von Fluoridtabletten und fluoridierter Zahncreme unterbleiben. Kindergartenkinder und oft auch Grundschulkinder verfügen noch über keine ausreichende Zahnputztechnik. Daher ist mindestens einmal täglich ein Nachputzen durch die Eltern angezeigt, idealerweise bis zum sicheren Erlernen der Schreibschrift.[43][44]

Anwendung von Fluoriden ab dem Säuglingsalter
Alter Variante A Variante B
bis zur Vollendung des 2. Lebensjahres Kombinierte Rachitis- und Kariesprophylaxe:
  • Einnahme eines Vitamin-D-Präparates (500 l.E.) ohne Fluoridzusatz
  • ab Durchbruch des ersten Zahnes einmal täglich Zähneputzen mit einer
    „reiskorngroßen“ Portion fluoridierter Kinderzahncreme (500 ppm Fluorid)
  • Verwendung von fluoridiertem Speisesalz mit Beginn der festen Kost*
Kombinierte Rachitis- und Kariesprophylaxe:
  • Einnahme eines Kombinationspräparates Vitamin D (500 l.E.) mit Fluorid
  • ab Durchbruch des ersten Zahnes einmal täglich Zähneputzen mit einer
    „reiskorngroßen“ Portion fluoridfreier Kinderzahncreme
  • Verwendung von fluoridiertem Speisesalz mit Beginn der festen Kost*
ab dem 3. Lebensjahr bis zur Vollendung
des 6. Lebensjahres
  • zweimal täglich Zähneputzen mit einer „erbsengroßen“ Portion fluoridierter Kinderzahncreme (500 ppm Fluorid)
  • Verwendung von fluoridiertem Speisesalz*
  • keine Einnahme von Fluorid-Tabletten

* Speisesalz ist bei Kindern, insbesondere bei Kleinkindern, aus ernährungsphysiologischer Sicht generell äußerst zurückhaltend anzuwenden.

Kontroverse um Schaden und Wirksamkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter verschiedenen Aspekten wird die Fluoridierung, insbesondere des Leitungswassers, kontrovers diskutiert.[45] Die Trinkwasser-Fluoridierung wird oftmals als Zwangsmedikation abgelehnt. Da in Deutschland als Massenprophylaxe nur die Salzfluoridierung praktiziert wird,[24] beschränkt sich die Kontroverse hier im Wesentlichen auf fluoridiertes Speisesalz und die Gabe von Fluoridtabletten wie auch Fluoridapplikation beim Zahnarzt, wobei allerdings einige Argumente gegen Trinkwasserfluoridierung auch hierbei relevant sind.

Wirksamkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wirksamkeit von Fluoridanwendungen gilt zwar als gut belegt,[14][46] trotzdem werden gelegentlich noch immer Zweifel geäußert, die sich auf die vielfältigen Fehlerquellen bei epidemiologischen Studien beziehen oder auf den Umstand, dass lange als wichtig hervorgehobene Wirkmechanismen (z. B. Fluorapatitbildung) nicht die ihnen zugeschriebene Bedeutung haben können.[25]

Mögliche Schadwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahnschäden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Zahnfluorose

Während Fluorid in einer Dosierung von ca. 1 mg/Tag als ein wirksames Mittel zur Prophylaxe der Karies (Fluoridierung) angesehen wird, erzeugt es in höheren Dosen die Zahnfluorose, bei der sich weiße bis braune Verfärbungen in Form von Flecken oder Streifen auf der Zahnschmelzoberfläche bilden. Gelegentlich ist die gesamte Zahnoberfläche kreideweiß (matt) verfärbt und von braunen Verfärbungen durchsetzt.[47] In stärkerer Ausprägung ist dies nicht nur kosmetisch störend, sondern auch schädlich für die Zähne, da die Zahnschmelzoberfläche dadurch weniger widerstandsfähig wird.[48] In manchen Regionen (Deutschland: Eifel) kennt man die Dentalfluorose (engl.: „mottled teeth“, s.u.), die bei der Bevölkerung aufgrund erhöhter Fluoridaufnahme mit dem Trinkwasser (≥ 1 mg/l) gehäuft auftritt.

Chronische Schädigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Fluorose

Manche Argumente gegen die Fluorid-Anwendung beziehen sich auf die akute und chronische Giftwirkung von Fluoriden und ihren Komplexsalzen, die aus vielfältigen Quellen zu einer letztlich toxisch wirkenden Gesamtbelastung führen können.[49] Befürchtungen resultieren zum Teil aus der Verwendung von Fluoriden als Rattengifte und Insektizide.[50] Sie haben infolge von Verwechslungen oder als Mittel für Suizide und Mordanschläge auch bei Menschen oft tödlich verlaufene akute Vergiftungen verursacht. Unter bestimmten Voraussetzungen (zum Beispiel Verzehr von vielen Fluoridtabletten durch Kinder, technisches Versagen von Anlagen zur Wasserfluoridierung oder Verschlucken von höher konzentrierten Fluoridgelen, die beim Zahnarzt aufgetragen werden) ist eine akute Fluoridvergiftung auch durch Produkte zur Kariesprophylaxe möglich und vorgekommen.[51][52] So kam es auch 1992 in einem Dorf in Alaska aufgrund eines Defekts in der Trinkwasseraufbereitungs-Anlage zu Fluorid-Vergiftungen in der Bevölkerung und einem Todesfall.[53]

Chronische Schädigungen sind von Arbeitern bekannt geworden, die am Arbeitsplatz Fluoriden exponiert sind. Knochenfluorose, auch durch Wasser mit überhöhtem Fluoridgehalt induzierbar, entsteht durch eine fluoridbedingte Stimulation der knochenbildenden Zellen (Osteoblasten). Diesen Effekt nutzte man lange bei der inzwischen veralteten Osteoporose-Therapie mit hoch dosierten Fluoridgaben (iatrogene Fluorose). Die Fluorosteopathie führt durch Vermehrung des Knochengewebes zu Elastizitätsverlust und erhöhter Knochenbrüchigkeit (Osteosklerose) bis hin zum völligen Versteifen von Gelenken oder gar der Wirbelsäule.[54]

Durch Immissionen wurden Umweltschäden an Nutzpflanzen und Tierbeständen ausgelöst, die zu hohen Schadenersatzforderungen führten.[55][56][57] Ein besonders gut belegtes Beispiel ist hier der sogenannte Schweizer Fluorkrieg.[58][59]

leichte Formen der Zahnfluorose

Auf der anderen Seite muss die Giftwirkung von Fluoriden in Lebensmitteln im Hinblick auf die verwendeten Dosen entsprechend berücksichtigt werden. Die Frage nach der optimalen Fluorid-Dosis ist aber nicht abschließend beantwortet. Schließlich stellt man durch Fluoridierung eine bestimmte Konzentration z. B. im Leitungswasser (oder Kochsalz) ein, wobei die individuelle Dosis von der verbrauchten Wasser- oder Salzmenge und zusätzlicher Fluorid-Zufuhr aus anderen Quellen bestimmt wird. Der oft überhöhte Fluoridgehalt von Trinkwasser macht nach Ansicht des U. S. National Research Council eine striktere Regulierung der Fluoridzufuhr erforderlich.[60]

Es gibt Vermutungen, dass die Anwendung auch niedrig konzentrierter Fluorsalze und -verbindungen Krebs verursachen sowie das Nervensystem und weitere Organe dauerhaft schädigen können.[61][62] Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) war in ihrer Bewertung 1982 jedoch noch zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine Anzeichen einer erhöhten Krebssterblichkeit im Zusammenhang mit dem Fluoridgehalt von Trinkwasser gibt.[63] Aktuell konzentriert sich diese Diskussion auf Osteosarkome.[64]

Die Autoren einer Metaanalyse von Studien, die überwiegend in China durchgeführt wurden, folgern, dass in Gegenden mit Fluoridkonzentrationen des Trinkwassers zwischen ca. 0,9 und 11 mg/l die kognitive Entwicklung von Kindern beeinflusst werde.[65] So sollen die IQ der Kinder um etwa 7 Punkte niedriger liegen als bei Kindern, die in Gegenden mit geringerer Fluoridkonzentration (< 0,9 mg/L) leben. Im August 2016 wurde in einem Magazin der Harvard T. H. Chan School of Public Health die Metaanalyse aufgegriffen und ein Report der Cochrane Collaboration zur Fluoridierung erwähnt mit dem zusätzlichen Hinweis, dass in etlichen Ländern ohne TWF die Karieshäufigkeit ebenso gesunken war wie in Ländern mit TWF.[66] Auf diesen Artikel folgte ein Sturm erboster Protestschreiben diverser zahnärztlicher Organisationen, die die unverzügliche Zurücknahme des Magazin-Artikels forderten.[67] Die in diesem Zusammenhang wieder einmal vorgebrachte Behauptung, die Giftigkeit von Fluorid sei zehnmal geringer als die von Kochsalz[68] ist ebenso unzutreffend wie gefährlich: vom Kochsalz nimmt man täglich mehrere Gramm auf, während diese Menge Fluorid tödlich wirkt und Langzeitschäden durch Fluoride schon mit wenigen Milligramm täglich auftreten (siehe Fluorose).

Kontroversen gibt es auch zwischen Befürwortern und selbst innerhalb einer Behörde, z. B. beim Bundesgesundheitsamt: 1982 noch dagegen,[69] nach dem Wechsel eines Abteilungsleiters dafür.[70] Die Salzfluoridierung wurde im Oktober 1983 vom damaligen Gesundheitsministerium noch abgelehnt,[71] 1991 wurde sie eingeführt. Umgekehrt spricht sich der vormals prominenteste kanadische Verfechter der Fluoridierung, der Zahnarzt Hardy Limeback, Universität Toronto, inzwischen ausdrücklich gegen die Trinkwasserfluoridierung aus.[72] Zusammen mit über 1.700 Experten unterzeichnete er im August 2007 eine Petition, in der der Stopp der Trinkwasserfluoridierung und eine Untersuchung durch den US-Kongress gefordert werden.[73]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bisher veröffentlichten Ausführungen zur Geschichte der Kariesprophylaxe mit Fluoriden beziehen sich unter verschiedenen Blickwinkeln hauptsächlich auf die Trinkwasserfluoridierung (TWF), die meist als Erfolgsgeschichte der amerikanischen Zahnmedizin geschildert wird.[74][75][76][77][78][79] Zahnärzte wollten unbedingt ein Wundermittel, das ihr berufliches Prestige verbessert und sie dann als Experten in gesundheitspolitisch relevante Entscheidungen einbindet und das sie deshalb energisch propagierten.[80][81][82][83] Hier ist die Vision von einer Trinkwasserhygiene unter Leitung der Zahnärzteschaft zu erwähnen, die William John Gies im Zusammenhang mit der Entdeckung des Fluorids als Ursache der endemisch auftretenden Zahnfluorose erstmals äußerte.[84] In der Diskussion um die Fluoridierung werden auch andere Varianten der Vorgeschichte als Argumentationshilfe genutzt, die politische oder wirtschaftliche Aspekte beinhalten. Fluoride werden bei vielen industriellen Prozessen eingesetzt oder fallen als Nebenprodukte an, wie in der Produktion von Aluminium, Stahl, Keramik, Phosphatdünger (Entfluoridierung) und div. Fluorchemikalien. So liegen Gedanken an mögliche Interessenkonflikte nahe, die entweder die Verharmlosung der Produkte bzw. der mit ihrer Herstellung verbundenen Emissionen oder die lukrative Entsorgung von Nebenprodukten ("Abfall") betreffen.[85][86] Ferner wird behauptet, es liege insbesondere im Interesse der Zuckerindustrie von den Ursachen der Zahnkaries abzulenken und daher die Fluoridierung zu propagieren. In diesem Zusammenhang sind die Auseinandersetzungen um den Zahnarzt Johann Georg Schnitzer zu betrachten, der sich in seinen Veröffentlichungen hierzu äußerte.[87]

Linkes oder Rechtes Komplott?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den USA hatte die Fluoridproblematik bereits bei mancherlei Gelegenheiten für politischen Zündstoff gesorgt[88][89][90], als sie sich auch im „Kalten Krieg“ als probates Mittel erwies, um politischen Druck zu erzeugen. In seinem 1952 veröffentlichten Werk The truth about water fluoridation behauptete Charles Eliot Perkins, die Wasserfluoridierung sei durch den in England geborenen russischen Kommunisten Kreminoff 1935 nach England gebracht worden. Kurz darauf hätten englische Sozialisten die Fluoridierung in den USA eingeführt, wo sie viele Anhänger in höchsten Positionen gehabt hätten.[91]

Oliver Kenneth Goff erklärte 1957, er sei in den späten dreißiger Jahren in einem Kommunisten-Camp ausgebildet worden, wo man ihn lehrte, mit einem Sack Natriumfluorid im Wasserwerk den kompletten Wasservorrat einer Stadt zu vergiften und unter der US-Bevölkerung Lethargie zu erzeugen. Es sei während seiner Ausbildung auch darüber diskutiert worden, wie die Wasserfluoridierung in Russland zur Ruhigstellung in Gefangenen-Lagern eingesetzt worden sei.[92]

Somit war „klar“, dass ein echter Kommunist niemals fluoridiertes Wasser trinken würde. Umgekehrt konnte jemand, der fluoridiertes Wasser trank, nach dieser Logik unmöglich Kommunist sein. Wann immer also wieder einmal behauptet wurde, eine Regierung sei bis in höchste Positionen von Kommunisten durchsetzt, gehörte zur „Widerlegung“ die öffentliche Erklärung, man trinke selbst fluoridiertes Wasser. Dazu sahen sich gelegentlich sogar amerikanische Präsidenten genötigt: Dwight D. Eisenhower wusch sich auf diese Weise rein, und sein Nachfolger John F. Kennedy sah sich ebenfalls zu einer entsprechenden Erklärung genötigt.[93] Kennedy ließ in seiner Verteidigungsrede kein gutes Haar an der John Birch Society, die ihn durch ihren wachsenden politischen Einfluss zum Handeln gezwungen hatte.

Dieser amerikanischen anti-kommunistischen Logik nimmt sich ein Film von Stanley Kubrick an: Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben. In einer Szene dieses 1964 gedrehten Films erklärt der durchgedrehte General Jack D. Ripper seinem Assistenten Captain Mandrake: „Auf keinen Fall wird ein Kommunist je ein Glas Wasser trinken, denn er weiß genau, aus welchem Grund... Fluoridation des Wassers – der grauenhafteste kommunistische Anschlag, dem wir ausgeliefert sind.“ Ripper selbst trinkt sinnigerweise nur „destilliertes Wasser“ (Regenwasser) und „reinen medizinischen Alkohol“ (Scotch). In Anspielung auf eine kommunistische Durchsetzung der Regierung versuchen der amerikanische und der russische Präsident als gute Freunde die von Ripper geschaffene Kriegsgefahr gemeinsam zu bannen. Mit dem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat zur Fluoridierung wird das Werk heute noch gerne zur Polemik gegen Fluoridgegner missbraucht.[94]

Während so die Auswüchse der McCarthy-Ära Fluoridgegner wirksam in Schach hielten, schlug die Amerikanische Zahnärztekammer (American Dental Association) mit ihren veröffentlichten Dossiers über Fluoridierungsgegner in die gleiche Kerbe: Ärzte und Wissenschaftler, die sich gegen die Maßnahme aussprachen, wurden in einem Atemzug mit Perkins, Goff, der Birch Society und dem Ku-Klux-Klan vorgeführt.[95]

In einem Buch[96] und auf diversen Internetseiten wird auf eine angebliche Aussage von Perkins Bezug genommen, der von einem I.G. Farben-Mitarbeiter gehört habe, dass die Nazis in eroberten Gebieten sowie in Konzentrationslagern das Trinkwasser mit Fluorid anreichern wollten, um den Widerstand zu brechen bzw. das Volk zu verdummen. In dem gelegentlich als Referenz zitierten Buch von Joseph Borkin[97] wird aber der Begriff Fluorid nirgendwo erwähnt.

Der Ursprung derartiger Verdummungs-Gerüchte ist in der Anthroposophie zu suchen. Im April 1920 bezeichnete Rudolf Steiner in einem Vortrag in Dornach die Zähne als regelrechte Fluor-Saugapparate und führt weiter aus, dass der Mensch ganz kleine Quantitäten von Fluor in seinem Organismus brauche. „Er wird nämlich durch diese Fluorwirkungen auf das richtige Maß von Dummheit, das wir schon einmal brauchen, damit wir Menschen sind, herabgestimmt.“ Andernfalls würde er „ein Maß an Gescheitheit“ erreichen, das ihn fast vernichtet.[98] Der Anthroposoph Oskar Römer griff ein Jahr später in seiner Schrift über die Zahnkaries Steiners Ausführungen auf.[99] Schon ca. 30 Jahre zuvor hatten Hugo Schulz[100] und Hermann von Tappeiner[101][102] gewisse Beobachtungen im Rahmen ihrer Tierversuche mit Fluoriden als Lähmungserscheinungen des zentralen und peripheren Nervensystems interpretiert.

Wirtschaftliche Interessen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz tiefer Gräben konnten sich westliche Nationen gelegentlich durchaus auch mit den Kommunisten einigen: Am 6. Mai 1937 schlossen in London Regierungsvertreter verschiedener Staaten (einschließlich USA und Sowjetunion) ein internationales Zuckerabkommen ab, in dem erstmals auf Regierungsebene für eine Preisstabilisierung Export- und Import-Quoten festgelegt, eine Reduzierung von Steuerlasten und eine Steigerung des Pro-Kopf-Zuckerverbrauchs angestrebt werden.[103][104] Als zentrale Anlaufstelle für alle Vertragsangelegenheiten wurde ein “International Sugar Council” mit Sitz in London (“Sugar Bureau”) eingerichtet.

Forscher der Universität Michigan, wo Forschungen über die Rolle von Zucker und Bakterien für die Kariesentstehung eine lange Tradition hatten[105], reagierten darauf prompt: “Trotz des enormen Werbeaufwands der Zuckerindustrie konzentriert sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf die Rolle des Zuckers bei der Entstehung der Zahnkaries. Sollte diese Information sich so weit verbreiten, dass der Zuckerhandel ernsthaft beeinträchtigt wird, könnten Zähne nur noch auf Kosten unseres wirtschaftlichen Wohlstands erhalten werden. Ein zu großer Teil der Weltbevölkerung hängt direkt von der Zuckerindustrie ab, als dass die resultierende Notlage nicht letztlich jeden erfasste." Man hatte aber eine Alternative anzubieten: "... Es hängt weitgehend von der Einstellung der Zahnärzteschaft ab, ob die Bevölkerung den gegenwärtigen Überlegungen hinsichtlich des Fluors in der Kariesforschung ablehnend oder positiv gegenübersteht.” [Orig. in Engl.][106]

Die American Dental Association hatte keine Berührungsängste mit der Zuckerindustrie, sprach in einer Buch-Besprechung sogar die Hoffnung aus, dass deren Anstrengungen auf dem Gebiet der Zahnmedizin intensiviert würden.[107] Aber dass Zuwendungen aus der Zuckerindustrie zur Fluoridforschung geheimgehalten wurden, weckte anderweitig Misstrauen. In einer Vorbemerkung zu dem Buch Survey of the Literature of Dental Caries wurde allgemein zwar auf finanzielle Unterstützung aus Industriekreisen verwiesen[108]. Auf Nachfrage wurde mitgeteilt, die betreffenden Firmen wollten nicht genannt werden.[109] In einem Geschäftsbericht für 1943-1959 führt aber zumindest die Sugar Research Foundation, die 1943 von der Zuckerindustrie gegründet worden war,[110] ihre Zuwendung an das Buch-Projekt auf.[111] Dass die gleiche Stiftung bereits im Oktober 1944 ein wichtiges Fluorid-Symposium[112] gesponsert hatte, wurde erst neun Jahre danach nebenbei erwähnt.[113] In neuerer Zeit wurden auch Interaktionen der Zuckerindustrie mit dem National Institute of Dental Research bekannt.[114]

Die besondere Sichtweise zur Zuckerproblematik blieb nicht auf amerikanische Forscher beschränkt: im Jahr 1953 wurde in Konstanz mit Unterstützung der Zucker-, Getränke- und Fluorindustrie die Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe (ORCA) gegründet.[115] 1967 gab es ein Abkommen zwischen dem Bundesverband Deutscher Zahnärzte und der Zuckerindustrie, bekannt als „Süßes Gespräch“.[116] Der Deutsche Bundesverband der Zuckerindustrie, die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarindustrie CMA und die Arbeitsgemeinschaft Zucker der Verbände zuckerverarbeitender Betriebe zur Absatzförderung gründeten 1976 den Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten IME. Er soll die Mundhygiene und Fluoridierung in der Kariesvorbeugung fördern.[115] Auch diese Abkommen werden als Belege dafür angeführt, dass mächtige wirtschaftliche Interessengruppen bei den Auseinandersetzungen um die Fluoridierung eine Rolle spielen.

Fluoridforschung im 19. und frühen 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angesichts der Tatsache, dass schon 1894 der Chemiker S. Gabriel die Diskussion um eine mögliche gesundheitliche Bedeutung von Fluoriden als „fast ein Kampf“ bezeichnete,[117] ist es befremdlich, dass spätere Autoren kurzer historischer Rückblicke[118][119] nicht ahnen lassen, dass es bereits im 19. Jahrhundert zu dem Thema eine Kontroverse gab. Die positiven Darstellungen bildeten z. B. die Grundlage für Tierversuche einer Gruppe von Ernährungswissenschaftlern um Elmer Verner McCollum, die Ratten mit Natriumfluorid-versetztem Futter ernährten, um zu sehen, ob das Fluorid wirklich die früher behaupteten vorteilhaften Wirkungen hätte. Dabei stellten sie 1925 schon ähnliche Zahnveränderungen fest, wie sie bei Menschen mit mottled teeth zu beobachten waren.[120] "Zu seinem Leidwesen" hat jedoch der zahnärztliche Berater der Gruppe, Russell Welford Bunting, den Zusammenhang zunächst nicht erkannt.[121] In einer Arbeit von Trendley Dean aus dem Jahr 1943[122] wird zum ersten Mal überhaupt der Emmendinger Bezirksarzt "Dr. Erhardt" zitiert, der 1874 Fluorid-Pastillen empfahl.[123] Mit Erhardt fanden zwei weitere Protagonisten Beachtung: der Mainzer Chemiker Albert Deninger, der seiner Familie Calciumfluorid ins Essen mischte,[124] und der englische Arzt Sir James Crichton-Browne, der angeblich seiner Zeit weit voraus war, indem er empfahl, bei der Gewinnung von Mehl auch die äußeren Getreidehüllen wegen ihres Fluoridgehalts mitzuverarbeiten.[125] Diese Hinweise waren strategisch vorteilhaft,[126] denn als Dean seine These von der kariesprophylaktischen Fluoridwirkung präsentierte, hatten Fluoride ein sehr schlechtes Image[127][128][129][130] und die Mehrheit seiner Kollegen suchte nach Optionen, den Fluoridgehalt des Trinkwassers so niedrig wie möglich zu halten, um die mancherorts endemisch auftretenden Zahnverfärbungen einzudämmen.[131] Sehr selektiv und oft unzutreffend kommentiert hat der amerikanische Chemiker Gerald Judy Cox die der TWF vorausgegangene Entwicklung in Europa im 19. und frühen 20. Jahrhundert in seine Darstellung der Geschichte fast nahtlos eingereiht.[132] In Europa wurden die frühen Fluoridarbeiten erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf amerikanische Initiative hin interessant,[133] und man hat Deans Zitat -ohne tiefergehende Recherchen- in deutschsprachige Rückblicke übernommen.[134][135] Bis dahin hatten hier zahnmedizinische Kreise, abgesehen von lokal begrenzten Einzelaktivitäten, dieser Möglichkeit der Kariesprophylaxe kein größeres Interesse gewidmet. Als Begründung wird auf widersprüchliche Analysedaten und das toxische Potential von Fluoriden verwiesen.[136][137]

Fluorid: Ursache von gefleckten Zähnen („mottled teeth“)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1916 berichteten die Zahnärzte Greene Vardiman Black & Frederick Sumner McKay in einer Artikelserie über das endemische Auftreten gefleckter Zähne (“mottled teeth”) in einigen Regionen der USA. McKay vermutete eine besondere Eigenschaft des lokalen Trinkwassers als Ursache. In den touristisch attraktiven Städten war dieser negative Aspekt nicht sehr willkommen.[138] Dann wurde das Phänomen auch in der Bevölkerung der Stadt Bauxite, Arkansas, beobachtet, wo eine Tochterfirma der Aluminium Company of America (Alcoa) das Mineral Bauxit abbauen ließ. Bauxit wird für die Herstellung von Aluminium benötigt, über dessen Gefahrenpotential damals schon heftig diskutiert wurde. Auf den Verdacht, auch die merkwürdige Zahnfleckung könne auf Aluminium zurückgeführt werden, reagierte ALCOA mit einer Untersuchung von Trinkwasserproben. Zur Überraschung (und Erleichterung) fand man darin aber Fluorid, das dann auch in Tierversuchen als Auslöser entsprechender Zahnschäden überführt wurde.[139] Im Öffentlichen Gesundheitsdienst der USA (“United States Public Health Service”, USPHS) wurde im gleichen Jahr eine zahnärztliche Forschungsstation mit dem Zahnarzt Henry Trendley Dean besetzt, dem künftigen „Vater der Fluoridierung“[140]. Ihm wurde ein Beraterteam zur Seite gestellt, dem auch Weston Price und Russel Bunting angehörten. Bunting, der einstige designierte Assistent Willoughby D. Miller´s, hatte inzwischen an der Universität Michigan Millers Arbeiten nach dessen Tod fortgeführt, dabei Zucker und bestimmte Bakterien (Lactobacillen) als Kariesursache herausgestellt. Deans Aufgabe bestand zwar zunächst darin, die Verbreitung der "mottled teeth" zu untersuchen und ökonomisch vertretbare Maßnahmen zur Eindämmung zu finden, im Januar 1932 wurde ihm aber beim ersten Treffen mit dem Beraterteam aufgetragen, sich nach Abschluss dieser Aufgabe vorrangig der Kariesforschung zu widmen.

Gefleckte Zähne – weniger Karies?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1937 wurde die zahnärztliche Forschung im USPHS ausgebaut und der Fluorideinfluss auf die Häufigkeit von Zahnkaries in den Vordergrund gestellt. Ein Team besuchte die texanischen Städte Amarillo (ca. 4 ppm) und Wichita Falls (0.4 ppm F-) für einschlägige epidemiologische Untersuchungen.[141] Im gleichen Jahr wurde in London das erste internationale Zuckerabkommen auf Regierungsebene abgeschlossen, Bunting wurde neuer Dekan der zahnmedizinischen Fakultät der Universität Michigan und sein Assistenzprofessor Philip Jay übernahm an Buntings Stelle die Forschung und fungierte als Berater des USPHS.[142]

Auf die Einsicht, dass eine kausale Kariesprävention durch Reduktion des Zuckerkonsums aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen ist (Jay, s.o.), folgten erste Fluoridierungsversuche: In Escanaba (Michigan) und Garrettsville (Ohio) wurden Wasserquellen mit erhöhtem Fluoridgehalt (1,7 ppm) erschlossen und deren Wasser mit Wasser aus bestehenden Quellen gemischt, um einen Fluoridgehalt von 0,7 ppm zu erreichen. Nach zwei Jahren war noch kein Einfluss auf die Karieshäufigkeit unter den Bewohnern nachzuweisen[143], trotzdem liefen bald Vorbereitungen für die ersten Versuche mit künstlichem Fluoridzusatz an.

Erste Versuche mit Trinkwasserfluoridierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1942 stellten Trendley Dean und Philip Jay ihre statistischen Untersuchungen in 21 Städten vor, wonach der Kariesbefall bei Kindern mit zunehmender Fluoridkonzentration des Wassers sinkt. Diese Arbeiten wurden später heftig kritisiert.[144] 1945 begannen die ersten Fluoridierungsversuche in den US-Städten Grand Rapids (Michigan) und Newburgh (New York) sowie in Brantford (Ontario, Canada).

Fluoridierungspropaganda nach dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ende des Krieges besuchte Trendley Dean mehrere deutsche Städte für zahnmedizinische Untersuchungen. Auch David B. Ast, Initiator des Newburgh-Versuchs, und Henry Klein (USPHS) reisten durch europäische Städte, um dem American Jewish Joint Distribution Committee ein Bild von der zahnärztlichen Versorgung der jüdischen Vertriebenen zu vermitteln. Beide versorgten ihre europäischen Kollegen mit Fluorid-Literatur.[145] In Europa hungere man nach Literatur, schrieb Ast an Klein und trug ihm auf, genügend Sonderdrucke zur Verteilung mitzubringen.

Die deutsche Zahnmedizin war bei Kriegsende aus Sicht der Amerikaner in einem erbärmlichen Zustand: die Präsenz von Zahnärzten im Militär war weit entfernt von dem Potential das in den USA mobilisiert worden war; die zahnärztliche Ausbildung, wie auch immer sie vor dem Krieg gewesen sein mag, war gnadenlos den Kriegszielen geopfert worden; zahnmedizinische Techniken, manchmal aus Improvisation und Verknappung geboren, beginnen nicht einmal dem amerikanischen Standard zu entsprechen; das Wissen über Prävention und Kontrolle von Zahnerkrankungen hat nicht einmal den Stand, den die USA vor zehn Jahren oder mehr erreicht hatten. Folglich ist die Zahnärzteschaft in Deutschland konfrontiert mit einem enormen Bedarf an Rehabilitation und Wiederaufbau, der mindestens eine Generation beschäftigen wird. So das Fazit in einem Editorial von 1946, das begleitet wird von einem ausführlichen Bericht über die Zahnmedizin im vom Krieg gezeichneten Deutschland. Und dieser Bericht erwähnt auch, dass Direktoren zahnmedizinischer Universitätsinstitute in Deutschland fast nichts von den amerikanischen Fluorforschungen mitbekommen hatten.[146] Die Isolation wurde verschärft, als 1947 die Federation Dentaire Internationale (FDI) Deutschland (und Japan) aus der Liste der Mitglieder strich.[147] Am 17. Juni 1948 wurde die „Zahnärztliche Gesellschaft an der Universität Berlin“ gegründet. Zu Ihrem Vorstand gehörten Georg Axhausen (1. Vorsitzender), Walter Drum (stellvertr. Vorsitzender) und Hans Joachim Schmidt (dann Oberarzt der zahnärztlichen Klinik, Schriftwart). Ziel der Gesellschaft war es, unter Ausschaltung wirtschaftlicher und staatspolitischer Ziele ein Forum für die Verbreitung und Diskussion wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bilden. Dann brachte „Besuch aus Amerika“ mit Informationen über die amerikanische Fluorforschung Aufbruchstimmung nach Berlin.[148][149] Es ist angesichts ihrer Vergangenheit (s. Geschichte der Zahnmedizin) bemerkenswert, aber vielleicht ihrem damit erarbeiteten Organisationstalent geschuldet, dass die Zahnärzte Kessler, Schmidt, Euler und Wannenmacher bald auch als führende Mitglieder der Deutschen Fluorkommission auftraten, die 1950 im Deutschen Ausschuss für Jugendzahnpflege (DAJ) gegründet wurde.[150] Als korrespondierende Mitglieder sind u. a. die früheren NSDAP-Mitglieder Hans Heuser (auch SA, NS Dozenten- und Lehrerbund) und Friedrich Proell aufgeführt.[151] Die Fluoridierungspropaganda der Amerikaner bot den deutschen Zahnärzten die Gelegenheit, sich aus der Isolierung zu befreien und international „wissenschaftlichen Anschluss“ zu finden. 1951 gab es unter anderem eine „Fluor-Großaktion im Land Hessen“ durch Verteilung von Fluorid-Pillen an Schulkinder. „Die Gesamtkosten ... werden teilweise von amerikanischer Seite getragen“.[152] Zwischen Deutschland und den USA folgte ein reger Austausch von Zahnärzten für Studienbesuche. Schon 1952 stimmte die FDI einer Wiederaufnahme Deutschlands zu und Erich Müller versprach für die deutsche Zahnmedizin eine rückhaltlose Kooperation.[153] Voller Enthusiasmus verkündete ein Jahr später Walter Drum den Sieg über die Zahnkaries durch Fluor.[154]

Am 2. Dezember 1952 begann in Kassel-Wahlershausen der erste deutsche Trinkwasserfluoridierungsversuch, auf Betreiben von Heinrich Hornung.[155] Schon nach kurzer Zeit erforderte die Apparatur eine Instandsetzung.[156][157] Die Fluoridierungsanlage in Kassel wurde 1971 auf Beschluss des verantwortlichen Ministeriums endgültig abgestellt als Ergebnis „gesetzlicher und gesundheitlicher Erwägungen“.[158] Trotzdem wurde 1984 ein neuer Versuch unternommen, in Berlin die Trinkwasserfluoridierung einzuführen.[159] Der Versuch scheiterte am Widerstand der Bevölkerung, unterstützt von kritischen Ärzten und Zahnärzten.[160]

Fluoridiertes Kochsalz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doch Senator Ulf Fink setzte sich nun für eine Gesetzesänderung über den Bundesrat ein, um die Fluoridierung von Kochsalz zu ermöglichen[161]. Nachdem 1987 in Frankreich fluoridiertes Kochsalz eingeführt worden war, erforderten Wirtschaftsbeziehungen eine entsprechende Anpassung in Deutschland. Seit 1991 wird in Deutschland fluoridiertes Kochsalz verkauft.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Fluor – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Fluor – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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    Rugg-Gunn AJ, Murray JJ: 2. The epidemiological evidence. In: J Dent. 11, Nr. 3, September 1983, S. 190–9. doi:10.1016/0300-5712(83)90183-5. PMID 6358296.
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  36. Ilka Lehnen-Beyel: Warum Fluorid in die Zahnpasta und nicht ins Salz gehört
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  38. Fluoridation facts, American Dental Association (ADA). Abgerufen am 12. Januar 2016.
  39. Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe, Information der Bundeszahnärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Stand 4/2013.
  40. DGZMK: Empfehlungen zur Kariesprophylaxe mit Fluoriden, Stand 06/02, 2002 (PDF; 185 kB)
  41. Verwendung fluoridhaltiger Zahnpasta ist sicher und schützt wirksam vor Karies Bundeszahnärztekammer, 16. Januar 2014. Caveat: Der gefährlichen Behauptung, Kochsalz sei 10mal giftiger als Fluorid, ist entgegenzuhalten, dass man Kochsalz grammweise zu sich nimmt, während Fluoride im Milligramm-Bereich bereits toxische Wirkungen entfalten!
  42. a b Brodehl, Johannes: Ist die Kariesprophylaxe mit Fluoriden immer noch aktuell? Antwort der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., Gynäkologische Praxis 2003; 27: X-X.
  43. Der sächsische Weg – Kariesprophylaxe beim Kleinkind – Ein ärztlich-zahnärztliches Konsenspapier, Zahnärzteblatt Sachsen, 09/2015, S. 28–31. Abgerufen am 19. Januar 2016.
  44. Der sächsische Weg – Kariesprophylaxe beim Kleinkind, Zahnärztliche Mitteilungen 02/2016. Abgerufen am 19. Januar 2016.
  45. Meiers P.: J. Orthomolecular Med. 16:2 (2001) 73-82 (PDF; 392 kB)
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  47. Zahnfluorose (englisch)
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  49. DVGW: Dokumentation zur Frage der Trinkwasserfluoridierung, Deutscher Verein von Gas- und Wasserfach-Männern e.V., Eschborn, 1975
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