Folklore

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Dieser Artikel behandelt Folklore in der Volkskunde; zu anderen Bedeutungen siehe Folklore (Begriffsklärung).

Der Begriff Folklore (engl. folk „Volk“ und lore „Überlieferung“ oder „Wissen“) umfasst die traditionelle Kultur einer ethnischen Gemeinschaft, die insbesondere auf mündlicher Überlieferung beruht. Die Wissenschaft hierfür ist die Folkloristik, ein in der Folkloristik tätiger Wissenschaftler heißt Folklorist. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Folklore erfolgt zudem im Rahmen der Volkskunde beziehungsweise der Erzählforschung.

Begriffsherkunft[Bearbeiten]

William John Thoms (*1803, † 1885) prägte im August 1846 das Kunstwort „folk-lore“ in einem Artikel in der Londoner Literatur-Wochenzeitschrift The Athenaeum,[1] ohne es jedoch näher zu definieren.[2] Er sah Bedarf für einen neuen englischen Ausdruck anstelle des Begriffs „antiquities“ (Altertümer), um das von den Gebrüdern Grimm veröffentlichte Werk[3] einordnen zu können. Das Wort, so erläuterte Thoms, bedeute Volksüberlieferung („lore of the people“). Der Begriff stammte jedoch nicht von ihm, da es frühe angelsächsische Dokumente mit „folklǡr“ aus dem 11. Jahrhundert gibt.[4] Im Altenglischen bedeutete „lǡr“ so viel wie „Wissen, Lehre“.[5] Seine Arbeiten regten 1878 die Gründung der englischen „Folk-Lore Society“ an, geleitet von Thoms. 1888 entstand die amerikanische Variante als „American Folklore Society“ unter Francis James Child als Präsident, der etwa ab 1856 mit dem Studium englischer und schottischer Folkballaden begonnen hatte. Der 1863 in die USA ausgewanderte Karl Knortz verfasste ein 1896 in Dresden verlegtes Buch unter dem Titel „Folklore“, worunter er die „Quintessenz der Gedankenarbeit eines ganzen, von der Kultur noch unbeleckten Volkes, wozu nun in diesem Falle nicht nur die Aboriginer und altfränkischen Leute, sondern auch alle Kinder der Erde gehören…“ verstand.[6] Johann Gottfried von Herder verbreitete erstmals Begriffe wie Volkslied (folksong), Volksseele (folk soul) oder Volksglaube (folk belief) und sorgte 1778 mit seiner Sammlung Stimmen der Völker in Liedern für erste folkloristische Versuche. Er strebte danach, den „Volksgeist“, die Tradition und die Identität des „deutschen Volkes“ zu dokumentieren. Die Gebrüder Grimm setzten 1812 in ihrem ersten Band von Kinder- und Hausmärchen diese folkloristische Dokumentation fort.[7] Spätere Definitionsversuche legten den Begriffsumfang weit aus. Für Francis Abernethy war Folklore schlicht das Wissen über die Traditionen einer Kultur.[8]

Aus dem zusammengesetzten Wort Folklore ergibt sich, dass es sich um die traditionelle Kultur eines Volkes bzw. einer Gemeinschaft handelt.[9] Tradition wird als die Weitergabe von Generation zu Generation,[10] Kultur als Lebensart einer Gesellschaft[11] und Volk als eine ethnisch einheitliche Gemeinschaft verstanden, die durch eigene Sitten und Gebräuche von anderen Gemeinschaften abgegrenzt werden kann.[12]

Inhalt[Bearbeiten]

Der Begriff wird als Anglizismus in deutscher Aussprache als Sammelbegriff für alle meist regional gebundenen Erscheinungsformen gebraucht, mit denen sich die Volkskunde beschäftigt.[13] Dazu gehören neben der Volksmusik auch Bräuche, Sagen, Märchen, Fabeln, Legenden, Sprichwörter, Trachten, Volkstänze, Reime, Schwänke, Volkstheater, Volkslieder, Balladen, Witze, Zaubersprüche oder charakteristische handwerkliche Techniken. Das Wort Folklore wird ersichtlich nur in angelsächsischen und deutschsprachigen Ländern verwendet, in Frankreich wird von „traditions pouplaires“ oder in Italien von „tradizioni populari“ gesprochen.

Folklore kann religiöse oder mythologische Elemente enthalten, befasst sich aber normalerweise mit den profanen Überlieferungen des täglichen Lebens. Sie vereint häufig das Reale und das Übersinnliche in einem erzählerischen Miteinander. Andererseits kann Folklore für eine Darstellung verwendet werden, die keinen theologischen Inhalt hat, sondern nützliche weltliche Überlieferungen in der Art von Regeln, Rezepten oder Moralpredigten. Diese weltliche Überlieferung kann Elemente der Phantasie aufweisen (wie Magie, übernatürliche Wesen oder personifizierte Gegenstände).

Volksmärchen können erbauliche Traditionen aufweisen, handeln aber primär vom weltlichen Bereich. So beinhaltet das Märchen Hänsel und Gretel Elemente der Hexerei beziehungsweise naturreligiöse Züge. Zugleich weist es – weltlich und moralistisch – auf die Gefahren des Waldes und des Hungers für Kinder hin.

Folklore findet ihren materiellen Niederschlag in lokalen Varianten des Kunsthandwerks, der Architektur und in Schmuck, Kleidung und Speisen.

Musikfolklore[Bearbeiten]

Musikfolklore ist die Vokal- und Instrumentalmusik eines Volkes. Das wichtigste Merkmal der Volksmusik bzw. der Musikfolklore ist, dass sie aus dem Volk stammt. Sie ist ganz eng mit der Lebensweise, mit den Bräuchen und mit der Arbeit des Volkes verbunden. Sie entsteht unmittelbar aus dem Volk, spiegelt die Ansichten, die Interessen, die Wünsche und Bestrebungen, sowie den künstlerischen Geschmack des Volkes wider. Die Volksmusik bietet eine Möglichkeit, Einblick in das Leben der eigenen Vorfahren zu erhalten und sie besser zu verstehen. Volksmusik ist das Produkt einer Kollektivarbeit. Sie ist Ergebnis der anonymen schöpferischen Kräfte vieler Menschen und schließlich eines ganzen Volkes. Wie die Sprache ist die traditionelle Volksmusik ein konservatives Element in der Kultur eines Volkes.

Abgrenzung[Bearbeiten]

Nicht zur Folklore gehören sowohl biblische (zum Klerus gehörige) als auch antike (zum Adel gehörige) Inhalte. Fiktive „ausgedachte Kulturen“ wie etwa J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe haben zwar künstlerischen Wert, sind jedoch von Folklore abzugrenzen.[14] Ausgehend von den USA hat sich in den englischsprachigen Ländern eine Reduzierung des Begriffs auf rein musikalische Formen eingebürgert. Dabei steht das Volkslied („Folksong“), insbesondere jedoch seine zeitgenössischen Erscheinungsformen wie Folk-Musik[15] im Vordergrund.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Bausinger: Folklore, Folkloristik. In: Enzyklopädie des Märchens; Band 4 (1984), Sp. 1397–1403.
  • Fritz Willy Schulze: Folklore: zur Ableitung der Vorgeschichte einer Wissenschaftsbezeichnung. Niemeyer, Halle 1949.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Folklore – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The Athenaeum vom 22. August 1846, S. 862 f.
  2. Simon J. Bronner, The Folkore Historian, Band 14, S. 55
  3. insbesondere Jacob Grimms Deutsche Mythologie ab 1835
  4. Simon J. Bronner, a.a.O., S. 5
  5. Ursula Hermann (Hrsg.), Knauers Etymologisches Lexikon, 1983, S. 165
  6. Karl Knortz, Folklore, 1895, S. 1
  7. Alan Dundes, Interpreting Folklore, 1980, S. 1
  8. Francis E. Abernethy, Classroom Definition of Folklore, 1997, S. 4
  9. Jana C. Schlinkert, Lebendige folkloristische Ausdrucksweisen traditioneller Gemeinschaften, 2007, S. 32
  10. Jana C. Schlinkert, a.a.O., S. 37 f.
  11. Jana C. Schlinkert, a.a.O., S. 35 f.
  12. Jana C. Schlinkert, a.a.O., S. 33 f.
  13. Wieland Ziegenrücker/Peter Wicke, Sachlexikon Popularmusik, 1987, S. 134 f.
  14. Jana C. Schlinkert, a.a.O., S. 40
  15. Wieland Ziegenrücker/Peter Wicke, a.a.O., S. 135.