Foodwatch

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Foodwatch
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Zweck: Verbraucherinformation
Vorsitz: Thilo Bode, Martin Rücker
Gründungsdatum: 2002
Mitgliederzahl: 80 stimmberechtigte Mitglieder[1]
Sitz: Berlin
Website: www.foodwatch.org

Foodwatch e. V. (englisch food, deutsch ‚Nahrung‘ und watch ‚Wacht‘) ist ein gemeinnütziger Idealverein, der sich mit den Rechten von Verbrauchern und der Qualität von Lebensmitteln auseinandersetzt. Foodwatch wurde im Oktober 2002 in Berlin vom ehemaligen Greenpeace-Geschäftsführer Thilo Bode gegründet. Vorstand im Sinne des Gesetzes und Geschäftsführer sind Bode und seit April 2017 auch der frühere Journalist Martin Rücker. Während Bode als Direktor foodwatch International fungiert, leitet Rücker die Organisation in Deutschland.[2] foodwatch hat seit 2010 ein Büro in Amsterdam und seit 2014 eines in Paris.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zweck des Vereins ist laut Satzung die „Beratung und Information von Verbrauchern auf dem Gebiet der Agrar- und Lebensmittelproduktion, des Handels und des Absatzes von Verbrauchsgütern sowie der Bereitstellung von Dienstleistungen“. Der Verein hat auch politische Ziele: Es diktiere zurzeit „die Nahrungsmittelindustrie der Politik die Spielregeln“ meint Foodwatch und ist für Gesetzesänderungen.[3] Der Verein ist verbandsklageberechtigt.

Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2016 zählte der Verein nach eigenen Angaben mehr als 35.000 Förderer;[4] darunter fallen nicht-stimmberechtigte Fördermitglieder, stimmberechtigte Fördermitglieder und Einmalspender. Über die Aufnahme stimmberechtigter Mitglieder bestimmt der Foodwatch-Aufsichtsrat, der aktuell aus fünf Personen besteht.[5] Die Zahl der stimmberechtigten Mitglieder veröffentlicht Foodwatch nicht offiziell, in einem Handelsblatt-Interview im Januar 2015 sprach Thilo Bode von 80 stimmberechtigten Mitgliedern.[1] Laut Satzung sollen es nicht mehr als 100 werden,[6] entsprechend konzentriert sich die Werbung von Foodwatch auf Förderer und Spender.

Finanzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach eigenen Angaben finanziert sich Foodwatch „aus den Beiträgen der Fördermitglieder und aus Spenden“. Auf staatliche Zuschüsse werde verzichtet; Spenden der Wirtschaft würden nur angenommen, wenn dadurch keine Interessenkonflikte entstünden. Zum Aufbau der Organisation hätten 2002 bis 2005 rund 1,5 Millionen Euro, hauptsächlich durch langfristige Darlehen von der GLS Gemeinschaftsbank und von Privatpersonen, zur Verfügung gestanden.[7]

2015 erzielte der Verein Einnahmen von knapp 2,9 Mio. Euro, die zu 86 Prozent aus Förderbeiträgen und Kleinspenden, zu 8 Prozent aus Großspenden und von Stiftungen sowie zu 6 Prozent aus anderen Quellen (nach Angaben der Organisation Reisekostenerstattungen für Vorträge und Medienauftritte, Kostenerstattungen von foodwatch Niederlande und foodwatch Frankreich an foodwatch Deutschland, Honorare aus Vorträgen, Zinserträge und Zahlungen aus Bußgeldverfahren) stammten.[8] Die Ausgaben beliefen sich 2015 den Angaben zufolge auf knapp 2,5 Millionen Euro. Sie wurden verwendet für Kampagnen (61 Prozent), Medien- und Öffentlichkeitsarbeit (14 Prozent), Fördererbetreuung und Service (9 Prozent), Spendenwerbung (8 Prozent) und Verwaltung (8 Prozent).[9]

Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Foodwatch greift vor allem mediengängige Themen wie beispielsweise Lebensmittelskandale auf und positioniert sich dadurch öffentlich als Lobbyorganisation der Verbraucher gegenüber der Nahrungsmittelindustrie. Dazu fährt die Organisation Kampagnen nach Greenpeace-Vorbild; die bekannteste gilt der Substanz Acrylamid, welche beim Erhitzen kohlenhydrathaltiger Lebensmittel entstehen kann. Seit einigen Jahren testet Foodwatch regelmäßig Kartoffelchips und Weihnachtsgebäck auf das krebsverdächtige Acrylamid. Kartoffelchips wurden im August 2007 getestet.[10]

2003 deckte Foodwatch eine Lüge in der Werbung von McDonald’s auf. Das Unternehmen hatte versprochen, Brötchen ohne chemische Zusatzstoffe anzubieten, was nicht den Tatsachen entsprach.[11][12] Nach Intervention von Foodwatch änderte McDonald’s den Slogan auf „natürliche Backhilfsstoffe“ um. Dies wiederum war ein Verstoß gegen das Lebensmittelgesetz. Erneut schritt Foodwatch ein, worauf McDonald’s 2005 eine Unterlassungserklärung unterschrieb.[13]

Anfang 2007 erstattete Foodwatch Anzeige gegen die Unternehmen SNP (gehört zum Nahrungsmittelkonzern Vion N. V.), GePro (PHW-Gruppe), den Düngemittelhändler Beckmann und die Veterinärämter der Landkreise Diepholz, Emsland, Oldenburg und Vechta. Die Anzeige basierte auf dem Vorwurf, dass die Unternehmen illegalen Handel mit Tiermehl (K3-Material) betreiben und die Ämter hierzu Beihilfe leisten würden. Obwohl entsprechende Abfälle und das daraus hergestellte Tiermehl keinesfalls in die menschliche Nahrungskette gelangen dürfen, fand die Verbraucherschutzorganisation dafür entsprechende Hinweise. Die daraufhin eingeleiteten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergaben, dass der Handel mit den Mehlen tatsächlich stattfand, jedoch mit Genehmigung der zuständigen Behörden und daher keine Straftat war. Die Genehmigungen selbst haben allerdings gegen geltende Gesetze verstoßen. Da Beihilfe aus juristischer Sicht jedoch nur vorliegt, wenn die Haupttat strafbar ist, wurden die Ermittlungen sowohl gegen die Unternehmen als auch gegen die Ämter Ende 2007 eingestellt. Die Genehmigungspraxis der Behörden wurde daraufhin geändert.[14][15]

Im Jahr 2008 kritisierte die Organisation anhand einer eigenen Datensammlung amtliche Messwerte aus den Bundesländern, dass an manchen Orten in Deutschland das Trinkwasser stärker mit Uran belastet sei als bisher bekannt. Dabei wurde vor allem die Informationspolitik der Behörden in Frage gestellt und die Forderung erhoben, dass der Verbraucher mit der nächsten Wasserrechnung über den Urangehalt seines Trinkwassers informiert werden solle. Die Trinkwasserverordnung sieht keinen Höchstwert für Uran vor. 2006 war nach Foodwatch-Recherchen und einer Klage auf Informationserteilung ein Grenzwert für Uran in die Mineralwasserverordnung aufgenommen worden: Mineral- und Tafelwasser, das als „geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung“ beworben wird, darf seitdem nicht mehr als 2 µg Uran pro Liter enthalten.[16] Im Vorfeld hatte bereits das Bundesinstitut für Risikobewertung gefordert, Mineralwasser für Säuglingsnahrung müsse frei von Uran sein.[17] Das Umweltbundesamt kritisierte allerdings, dass es aufgrund der neuen Verordnung zu einer Risikoüberbewertung käme, da Wasser erst ab 10 µg Uran pro Liter für die Zubereitung von Babynahrung gefährlich werde.[18]

Im Jahr 2016 veröffentlichte Foodwatch eine Studie über den Zuckergehalt von Erfrischungsgetränken verbunden mit der Forderung, dass ähnlich wie es ab 2018 in Großbritannien vorgesehen ist, eine Abgabe auf überzuckerte Getränke erhoben werden sollte, um die Gewöhnung der Konsumenten an süße Lebensmittel zu reduzieren und um Übergewicht und Diabetes entgegenzuwirken.[19]

Seit März 2009 vergibt die Organisation den Goldenen Windbeutel als Negativpreis für Lebensmittelwerbung.

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2010 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Foodwatch und der damaligen Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner (CSU). Foodwatch-Vorsitzender Thilo Bode kritisierte „Die Politik will nichts mehr gegen die Industrie entscheiden“ und bezeichnete Aigner als „Dienstleisterin der Nahrungsmittelindustrie“.[20] Aigner kritisierte, Bode lebe von der „Skandalisierung“ als Geschäftsmodell. Sie halte „Kampagnen, die ein Klima der Verunsicherung schüren, für bedenklich“.[21]

2012 unterlag Foodwatch vor Gericht gegen den Konzern Unilever. Foodwatch warf Unilever irreführende Werbung vor, Unilever hatte behauptet es gebe keine Hinweise auf mögliche Gesundheitsrisiken seiner Margarine „Becel pro.activ“. Das Gericht wertete die Aussage von Unilever als Meinungsäußerung – und nicht als Tatsachenbehauptung, weswegen sie zulässig sei.[22]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Catrin Bialek, Hans-Jürgen Jakobs: Streitgespräch – „Jetzt lassen Sie mich ausreden!“ In: Handelsblatt. 15. Januar 2015, S. 4–7.
  2. [1]
  3. Seite Über uns auf der Foodwatch-Website.
  4. foodwatch kämpft für die Rechte der Verbraucher. Abgerufen am 4. April 2017.
  5. Der Aufsichtsrat von foodwatch. Abgerufen am 23. Januar 2015.
  6. Satzung des Vereins Foodwatch e. V. Abgerufen am 23. Januar 2015 (PDF).
  7. Gründung 2002 als “Start-up-NGO”. Abgerufen am 30. Dezember 2010.
  8. Wie foodwatch sich finanziert. Abgerufen am 4. April 2017.
  9. Wie foodwatch sich finanziert. Abgerufen am 4. April 2017.
  10. NDR Fernsehen: Nachgefragt: Wie viel giftiges Acrylamid steckt noch in Kartoffel-Chips? 24. September 2007, archiviert vom Original am 10. November 2007, abgerufen am 30. Dezember 2010.
  11. McDonald's ändert Burger-Werbung nach Kritik von Verbraucherschützern. In: Der Spiegel. 4. Oktober 2003, abgerufen am 26. Mai 2017.
  12. Beschwerden von Foodwatch hatten Erfolg: McDonald's zieht Werbekampagne zurück. In: Rheinische Post. 5. Oktober 2003, abgerufen am 26. Mai 2017.
  13. Ernährung: Teilsieg im Burger-Krieg. In: Der Spiegel. 4. April 2005, abgerufen am 26. Mai 2017 (Spiegel-Printausgabe 14/2005, S. 18).
  14. Dieter Nürnberger: Foodwatch zu neuem Fleischskandal. Deutschlandradio, 21. Februar 2007, abgerufen am 30. Dezember 2010.
  15. foodwatch: Verfahren wegen Tiermehl-Schmuggels eingestellt. 8. April 2007, abgerufen am 30. Dezember 2010.
  16. Vierte Verordnung zur Änderung der Mineral- und Tafelwasser-Verordnung, BGBl. I 2006, 2762 f. vom 11. Dezember 2006 Nr. 56
  17. BfR-Pressemitteilung 22/2005. 30. Juni 2005, abgerufen am 30. Dezember 2010.
  18. Newsletter Berufsverband Baden-Württemberg. Abgerufen am 30. Dezember 2010 (PDF; 412 kB).
  19. foodwatch-Marktstudie: Mehr als jedes zweite Erfrischungsgetränk überzuckert – foodwatch fordert Zucker-Abgabe für Getränke-Hersteller. foodwatch, 24.August 2016
  20. Foodwatch-Chef wirft Ministerin Aigner Versagen vor. Spiegel Online, September 2010
  21. Wirtschaftswoche, 6. November 2010.
  22. welt.de