Forschungsamt

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Das Forschungsamt (FA) oder später Forschungsamt der Luftwaffe war ein Nachrichtendienst im Reichsluftfahrtministerium im Dritten Reich.

Es wurde am 10. April 1933 von Hermann Göring gegründet und beschäftigte sich mit technischer Aufklärung, wie beispielsweise Signale, Bandmitschnitte und Kryptographie. Anfang 1935 wurde Prinz Christoph Ernst August von Hessen-Kassel Leiter des Forschungsamtes. Dienstaufsichtlich unterstand es dem Preußischen Staatsministerium unter Staatssekretär Paul Körner.[1]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Amt entstand im Zusammenhang der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat. Mit der „Machtergreifung“ kam es am 28. Februar 1933 zur Aufhebung des Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnisses. Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat: Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt.[2] Der Artikel 117 behandelte u. a. das Briefgeheimnis. Er lautete:

„Das Briefgeheimnis sowie das Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis sind unverletzlich. Ausnahmen können nur durch Reichsgesetz zugelassen werden. Siehe hierzu die §§ 99 bis 101 der Strafprozessordnung vom 1. Februar 1877 (RGBl. S. 253) in der Fassung der Bekanntmachung vom 4. Januar 1924 (RGBl. I. S. 15)“

– Artikel 117.[3]

Durch § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 (RGBl. I. S. 83) in Verbindung mit Artikel 48 Abs. 2 Satz 2 wurde der Artikel 117 „bis auf weiteres“ außer Kraft gesetzt.

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufgaben gehen zum Teil aus den Vernehmungen während des Nürnberger Prozesses hervor:

„Ich bitte das Hohe Gericht, auch meine Schwierigkeit in Rücksicht stellen zu wollen; auch ich spreche nicht gerne über diese Dinge. Ich muß hinzufügen, daß Göring der einzige Chef des Forschungsamts war. Das ist jene Institution, die alle Telephonüberwachungen im Dritten Reiche übernahm. Dieses Forschungsamt begnügte sich nicht, wie es hier geschildert worden ist, nur mit telephonischem Abhören und Decodieren, es hatte auch seinen eigenen Nachrichtendienst bis herunter zu eigenen Beamten, die Erkundigungen einziehen konnten, so daß es durchaus möglich war, auch über den Marschall von Blomberg vertrauliche Erkundigungen einzuziehen. Als Helldorff Göring die Akte übergeben hatte, sah Göring sich gezwungen, diese Akte Hitler zu geben. Hitler erlitt einen Nervenzusammenbruch und entschloß sich, den Marschall Blomberg sofort zu entlassen. Wie Hitler es später auch den Generalen in öffentlicher Sitzung gesagt hat, war sein erster Gedanke, zum Nachfolger Blombergs den Generaloberst von Fritsch zu ernennen. In dem Augenblick, als er diesen Entschluß aussprach, erinnerten ihn Göring und Himmler, daß dieses nicht möglich sei, da Fritsch durch eine Akte aus dem Jahre 1935 aufs schwerste kriminell belastet sei.“

Hans Bernd Gisevius: 25. April 1946 Vormittag[4]

Eine entsprechende Bezeichnung für das Forschungsamt der Luftwaffe suggerierend, fragte Otto Stahmer, der Verteidiger von Göring im Nürnberger Prozess: Hing damit im Zusammenhang das Forschungsamt der Luftwaffe?

„Nein, das Forschungsamt der Luftwaffe war etwas absolut anderes, hatte mit Forschung einerseits und mit der Luftwaffe andererseits nicht das geringste zu tun. Der Ausdruck war eine Art Camouflage, denn, als wir an die Macht kamen, war ein ziemliches Durcheinander in dem technischen Teil der Überwachung wichtiger Nachrichten. Ich habe deshalb zunächst das Forschungsamt gegründet, das heißt eine Stelle, wo alle technischen Einrichtungen zur Überwachung des Funkbetriebes, der Telegraphie, der Telephonie und aller sonstigen technischen Einrichtungen möglich war. Da ich damals nur Reichsluftfahrtminister war, konnte ich diese Apparatur nur bei mir unterbringen und wählte diesen Camouflage-Ausdruck. Der Apparat diente dazu, vor allen Dingen die auswärtigen Missionen, die wichtigen Persönlichkeiten, die mit dem Ausland telephonierten, telegraphierten und funkten, wie das überall und in allen Staaten üblich ist, zu überwachen, zu dechiffrieren und den einzelnen Ressorts dann die Auswertung zuzustellen. Das Amt hatte keinen Agentendienst, keinen Nachrichtendienst, sondern war eine rein technische Stelle, erfaßte Funkspruch, erfaßte Telephongespräche, wo es befohlen war zu überwachen, erfaßte die Telegramme und gab die Auswertung an die interessierten Stellen.

In diesem Zusammenhang kann ich betonen, daß ich auch viel über die Meldungen des Herrn Messersmith,[5] die hier eine Rolle spielten, gelesen habe. Er war zeitweise der Hauptlieferant für derartige Meldungen.“

Hermann Göring 14. März 1946 Vormittag[6]

Gliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegliedert war das Amt in die Abteilungen:

  • Abt. I: Verwaltung
  • Abt. II: Personal
  • Abt. III: Erfassungsansatz
  • Abt. IV: Dechiffrierung
    • Zum Dechiffrieren der Zeichen waren Tabelliermaschinen eingesetzt. Diese standen in der Zentrale der im Juli 1931 in Konkurs gegangenen Danatbank, in der Behrendstraße zwischen Wilhelmstraße und Friedrichstraße, im Reichskommissariat für Luftfahrt.
  • Abt. V: Auswertung
  • Abt. VI: Technisches Amt
  • Abt. XII: wissenschaftliche Auswertung

Überwachungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abhörprotokolle wurden auf braunem Papier geschrieben und deswegen „Braune Blätter“ oder umgangssprachlich auch „Braune Vögel“ genannt.[7]

Besetzung Norwegens

Die Entscheidung zur Besetzung Norwegens vom 2. April 1940 basiert auf einer vom Forschungsamt dechiffrierten Nachricht eines finnischen Diplomaten, die von Paris nach Helsinki gefunkt wurde. Die Nachricht der finnischen Botschaft behauptete, dass Winston Churchill der scheidenden französischen Regierung bei einem Treffen mitgeteilt hätte, dass britische Expeditionstruppen auf dem Weg nach Norwegen seien.

Militärattachés beim Papst

Während des Zweiten Weltkrieges leitete die Gruppe „Luft“ der Abwehr-Abteilung 1, der Abwehrstelle (AST) des Wehrkreises VII in München der spätere CSU-Vorsitzende Josef Müller. Einer seiner Mitarbeiter war Wilhelm Schmidhuber. Schmidhuber hatte im Mai 1940 dem Papst-Vertrauten Robert Leiber jenen Zettel hineingereicht, auf dem das Datum des Beginns der deutschen Westoffensive (10. Mai 1940) stand. Der belgische Gesandte bei Pius XII. Adriano Nieuwenhuys telegrafierte das an seine Regierung, weshalb Göring wusste, dass ein deutscher Verräter am 29. April 1940 aus Berlin kam. Am 8. März 1940 warnte Leopold II. Maurice Gamelin, dass die Wehrmacht den Hauptschlag durch die Ardennen führen und so die alliierten Truppen einschließen würde.[8]

Telefonüberwachung und Funküberwachung

Die Überwachung wurde durch das Postministerium geschaltet. In Berlin konnten 500 Telefonanschlüsse abgehört werden. Regionale A: Stellen: Köln, Nürnberg, Hamburg, 1935 München. Die B-Stellen waren im Eigentum der Reichspost. Eutin beendete im Juli 1945 die Funküberwachung, Prien am Chiemsee wurde weiter betrieben.

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Kunst am Bau für die Dechiffrierzentralen wurde Bernhard Bleeker beauftragt.

München

Das Luftgaukommando VII Süd wurde von 1937 bis 1938 nach Plänen von German Bestelmeyer errichtet. Das Gebäude befindet sich auf der Südseite der Prinzregentenstraße. Die Gartenmauer ziert ein Pinienzapfenbrunnen des Bildhauers Joseph Wackerle, die Westseite des Carré ziert die Wagmüllerstraße 18–20, der Amtssitz von Karl Michael Betzl.[9]

Dresden

Das Luftgaukommando IV wurde 1938 nach Plänen von Wilhelm Kreis und Plastiken von Karl Albiker in der August-Bebel-Straße 19 erbaut.[10]

Personalentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1933: 120 Mitarbeiter
  • 1938: 3500 Mitarbeiter[11]
  • 1944: 6000 Mitarbeiter

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günther W. Gellermann: … und lauschten für Hitler. Geheime Reichssache: Die Abhörzentralen des Dritten Reiches. Bonn 1991, ISBN 3-7637-5899-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alfred Kube: Pour le mérite und Hakenkreuz. S. 63
  2. Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat Text
  3. verfassungen.de
  4. Der Nürnberger Prozeß, Hauptverhandlung, 114. Tag zeno.org
  5. George Strausser Messersmith (1883–1960) 1933 Generalkonsul der USA in Berlin. Messersmith’s Nose. In: Time 15. April 1946
  6. Der Nürnberger Prozeß, Hauptverhandlung, 180. Tag zeno.org
  7. Stuhlgang in Ordnung halten. In: Der Spiegel. Nr. 8, 1989, S. 38 (online).
  8. John H. Waller, The Unseen War in Europe S. 124.
  9. Staatsbauamt München I, Wagmüllerstraße 18–20
  10. Luftgaukommando IV. ifz
  11. Interrogation of Paul Körner by Eric Kaufmann, Nürnberg, No. 439D, 15 Sep. 1947, „U.S.Army, Nürnberg Trials“. Nach Robert H. Whealey: Hitler And Spain. S. 126.