Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport

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Gebäude des ehemaligen FKS (rechter Bereich), 2007

Das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) war eine wissenschaftliche Einrichtung der Leistungssportforschung der DDR im Bereich der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Das Institut war federführend für die Dopingforschung im Rahmen des staatlichen Zwangsdopingsystems, die Mitte der 1970er-Jahre begann.[1][2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur effektiveren Erfüllung der leistungssportlichen Ziele der DDR wurde das FKS im April 1969 durch Vereinigung der Forschungsstelle und des größeren Teils des Instituts für Sportmedizin der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig gegründet. Das FKS war das einzige Institut für die Leistungssportforschung in der DDR und hatte bis zu seiner Auflösung 1990 über 600 Mitarbeiter.

Aufgaben, Struktur und Arbeitsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufgabenstellung basierte primär auf dem Leistungssportbeschluss des DTSB vom 22. April 1969: „Die weitere Entwicklung des Leistungssports bis zu den Olympischen Spielen 1972“. Danach war die Forschung auf die Sportarten Boxen, Eisschnelllauf, Gewichtheben, Leichtathletik, Ringen, Rudern, Schlittensport, Schwimmen, Skisprung, Skilanglauf, Turnen, Volleyball zu konzentrieren.

Die Arbeit am FKS wurde über interdisziplinäre Forschungsgruppen gestaltet. Beispielsweise wurden bis 1974 wurden in allen Sportarten sportartspezifische Ergometer in Betrieb genommen. Dazu gehörten u. a. 1971 der Strömungskanal im Schwimmen und 1974 das kippbare Laufband für den Skilanglauf. In der Leistungssportforschung am FKS waren, verteilt in Projekten der Sportarten, etwa 20 Ärzte tätig.

Ab Mitte der 1970er Jahre wirkte die Sportmedizin relativ eigenständig in der Leistungsdiagnostik, Belastungssteuerung, Sportartenbetreuung und Rehabilitation. Die Zahl der am FKS beschäftigten Sportmediziner (Fachärzte für Sportmedizin und Weiterbildungsassistenten) nahm bis 1990 auf etwa 40 zu. In der Abteilung Endokrinologie (Dopingforschung), geleitet von einem Biologen, wirkte nur ein Arzt.[3] In der DDR wurde die Ausgliederung der leistungssportlichen Forschung aus den sportwissenschaftlichen Instituten kritisiert, da so Forschungsgelder fehlten und Kompetenzen nicht unter optimalen Bedingungen weiterentwickelt werden konnten. Als Folge wurde z. B. an der Universität Jena die Biomechanik der Wintersportarten ausgebaut.[4]

Doping-System[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Institut wurden Doping-Substanzen und -Methoden für das staatlich verordnete Zwangsdoping im DDR-Leistungssport entwickelt.[5] Bei der Entwicklung neuer Dopingpräparate arbeitete das FKS mit der Forschungsabteilung von Jenapharm und dem ZIMET zusammen.[6] 1988 wurden vom Forschungsinstitut beim VEB Jenapharm 60.000 Mestanolon-Doping-Tabletten (Bezeichnung STS 646) bestellt. Die Menge reichte für 20.000 bis 30.000 "Behandlungstage" bei Gewichthebern, Ringern, Schwimmern und bei den Leichtathleten in den Wurf- und Stoßdisziplinen.[7] Das FKS betrieb alleine im Olympiazyklus 1984 bis 1988 21 Dopingforschungsprojekte.[8] Hans Schuster, langjähriger Direktor des FKS, schätzte ein, „daß ohne die Verabreichung von Anabolika die internationale Spitzenstellung nicht zu halten [gewesen] wäre“.[9] Die Idee zum Einsatz von Androstendion im DDR-Leistungssport entstand am FKS. An einem Kolloquium dort nahmen im Juni 1981 unter anderem Kurt Schubert (ZIMET) Michael Oettel (Jenapharm) und Jürgen Hendel (GERMED) teil.[10] Winfried Schäker arbeitete in Serien von Menschenversuchen an der Verbesserung der Darreichungsform und Akzeptanz von Dopingsubstanzen bei Sportlern.[11] Der Leichtathlet Volker Heinrich wurde in das Zwangsdopingsystem eingebunden und an ihm wurde im FKS Leipzig kriminelle Forschung betrieben. Das Dopingopfer Heinrich starb 2015.[12][13]

Auflösung 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Einigungsvertrag (Artikel 39) war die Fortführung des FKS in einer geeigneten Rechtsform oder die Angliederung an eine bestehende Einrichtung festgelegt.[14] Nach einer Übergangsregelung („Warteschleife“) wurden 124 Mitarbeiter, darunter vier Ärzte, vom am 16. April 1992 in Leipzig gegründeten Institut für Angewandte Trainingswissenschaft übernommen. Dietrich Martin (Kassel) wurde zum Übergangsdirektor ernannt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beschluß des Präsidiums des DTSB vom 22. April 1969: Die weitere Entwicklung des Leistungssports bis zu den Olympischen Spielen 1972. Archiv des Bundesvorstandes des DTSB (P4/2/69)
  • W. Hollmann, Kurt Tittel: Geschichte der deutschen Sportmedizin. Druckhaus Gera, 2008, ISBN 978-3-9811758-2-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Doping in der DDR, Die Sportschau
  2. Lothar Pickenhain: Mit erbarmungsloser Härte Professor Lothar Pickenhain über die Befehlsstruktur des DDR-Sports, Der Spiegel, 9. März 1992
  3. Giselher Spitzer: Doping in der DDR. Ein historischer Überblick zu einer konspirativen Praxis. Genese-Verantwortung-Gefahren. 3. Auflage. 2003, ISBN 3-89001-315-5.
  4. Arnd Krüger & Paul Kunath: Die Entwicklung der Sportwissenschaft in der SBZ und der DDR, in: Wolfgang Buss, Christian Becker (Hrsg.): Der Sport in der SBZ und der frühen DDR. Genese – Strukturen – Bedingungen. Schorndorf: Hofmann 2001, 351 – 366.
  5. http://www.spiegel.de/sport/sonst/doping-vergangenheit-die-schwere-last-mit-dem-system-ost-a-605156-2.html
  6. http://www.bstu.bund.de/DE/InDerRegion/Gera/Regionalgeschichten/Doping/_inhalt.html
  7. http://www.spiegel.de/sport/sonst/ddr-sport-dopingopfer-wollen-gegen-jenapharm-klagen-a-410297.html
  8. Vgl. Uwe Müller, Grit Hartmann: Vergeben und Vergessen! Kader, Spitzel und Komplizen - Das gefährliche Erbe der SED-Diktatur. Berlin 2009, S. 203–222.
  9. IMS Hans, Bericht von Oberstleutnant Radeke vom 7. Mai 1975, ZERV-Archiv, zit. n. Jutta Braun: »Jedermann an jedem Ort - einmal in der Woche Sport« - Triumph und Trugbild des DDR-Sports. In: Thomas Großbölting (Hrsg.): Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand. Berlin 2009, S. 188.
  10. Klaus Latzel: Staatsdoping – Der VEB Jenapharm im Sportsystem der DDR. Köln/Weimar 2009, Kapitel Doping und die pharmazeutische Industrie der DDR II, Kooperation in der Kommandowirtschaft - am Beispiel Androstendion, S. 121ff
  11. http://www.cycling4fans.de/index.php?id=5058
  12. http://www.no-doping.org/nachruf/
  13. DDR-Dopingopfer Heinrich gestorben, Focus, 16. Mai 2015
  14. http://www.bpb.de/nachschlagen/gesetze/einigungsvertrag/44109/kultur-bildung-und-wissenschaft-sport