Fossa Carolina

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Reste der Fossa Carolina in Graben bei Treuchtlingen
Die verschiedenen Projekte zur Verbindung von Main und Donau

Die Fossa Carolina (auch der Karlsgraben genannt) war eine Verbindung zwischen Schwäbischer Rezat und Altmühl in Bayern.

Zweck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bauwerk sollte in der Zeit der Karolinger in den 790er Jahren eine Verbindung zwischen dem Flusssystem des Rheins und dem der Donau herstellen. Der Karlsgraben ist in dieser Hinsicht ein Vorläufer des Ludwig-Donau-Main-Kanals und des Main-Donau-Kanals. Ziel der Unternehmung war die Verbesserung der Verkehrssituation für die Händler, die den Weg vom Rhein in Richtung Donau mit ihren Schiffen zunächst über den Main bis hin nach Weißenburg an der Schwäbischen Rezat befuhren, wo der bequeme Handelsweg kurz vor der europäischen Hauptwasserscheide endete. Er überwand die europäische Wasserscheide südwestlich von Dettenheim auf einer Höhe von 419 m ü. NN.[1] Der Kanal befand sich unweit des Treuchtlinger Ortsteils Graben im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen.[2] Durch den Kanal wurde es möglich, dass Händler aus beiden angrenzenden Flusssystemen per Schiff in das jeweils andere gelangten und so ihren Handlungsradius ausdehnten. Das in der Literatur häufig zu findende Argument, der Kanal sei aus militärischen Gründen gebaut worden, um Karls Kriegsflotte von der Donau wieder in den Rhein zu bringen, ist heute nicht mehr haltbar. Strategische Motive waren nicht ausschlaggebend, zumal dem König und späteren Kaiser Karl in beiden Flusssystemen genug Schiffe für militärische Operationen zur Verfügung standen.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bau des Karlsgrabens, künstlerische Darstellung in der Würzburger Bischofschronik des Lorenz Fries.
Reste der Fossa Carolina nördlich von Graben

Nach bisherigen Erkenntnissen begannen 792 die Vorbereitungsarbeiten zum Bau des Karlsgrabens unter unsicheren politischen Vorzeichen, die von Konflikten mit Pippin dem Buckeligen und Herzog Tassilo geprägt waren.[4]

Im Jahr 793 ließ Karl der Große beim heutigen Ort Graben bei Treuchtlingen einen etwa drei Kilometer langen Kanal ausheben, der die Verbindung zwischen dem Sualafeldgau und dem Nordgau herstellte.

Die Aussagen von Chronisten, unglückliche Boden- und Witterungsverhältnisse hätten zum Abbruch des Projekts geführt, werden heute als unzutreffend angesehen, denn die zeitgenössischen Quellen berichten in der Mehrheit von einem fertigen und benutzbaren Kanal. Dass er dennoch kaum genutzt und schon bald nach seinem Bau wieder aufgegeben wurde, lag wohl an dem großen Aufwand, den die Kanalpassage erforderte und den Wegzöllen, die den Bau amortisiern sollten. Die Mühen lohnten sich für die Händler im täglichen Geschäft offensichtlich nicht.[3]

Dennoch gibt es andere Hypothesen, nach denen der Kanal länger in Gebrauch war.[5]

Überholt ist eine zeitlich wesentlich frühere Einordnung des Karlsgrabens, der als Beschäftigungsmaßnahme für die nahegelegene römische Garnison im Kastell Biriciana bei Weißenburg (90–253 n. Chr.) zugleich eine schiffbare Verbindung zu anderen Truppenteilen am Niederrhein hergestellt hätte. Gegen diese These spricht insbesondere, dass der durch den Graben entstandene Schifffahrtsweg teilweise auf nicht-römischem Gebiet gelegen hätte.

Die frühen Kanalbauten bestanden bis zur Entwicklung der Kammerschleuse aus einer Reihe von dammbegrenzten Wasserhaltungen. Dazwischen wurden die Niveauunterschiede auf Rutschen oder Rollen überwunden. Nahe beim Karlsgraben wurde zur Wasserversorgung der Scheitelebene ein Stausee erbaut. Ein jüngst an der Altmühl bei Treuchtlingen entdeckter frühmittelalterlicher Damm wurde zunächst als Staudamm zur Wasserversorgung des Kanals gedeutet, bis eine C-14-Datierung für dessen geringeres, hochmittelalterliches Alter sprach.[6][7][8] Des Weiteren konnte nachgewiesen werden, dass zur Versorgung des nördlichen Kanalabschnittes mit Wasser das Bachbett der jungen Rezat verlegt wurde.[9] Nach allem war der Karlsgraben für die zu jener Zeit üblichen Binnenschiffe durchaus geeignet.

Heute sind von der Fossa Carolina eine etwa 500 Meter lange Wasserfläche und angrenzende bis zu 10 Meter hohe Erdwälle aus Aushubmaterial erhalten.

Schutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reste der Fossa Carolina nordöstlich von Graben
Reste der Fossa Carolina nordöstlich von Graben

Die Fossa Carolina ist vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als Geotop 577G003[10] ausgewiesen. Siehe hierzu die Liste der Geotope im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Zugleich wurde die Fossa Carolina in die Liste der schönsten Geotope in Bayern aufgenommen.[11] Die Fossa ist ein eingetragenes Naturdenkmal.

Das Bauwerk ist unter der DenkmalnummerD-5-77-173-84 als Baudenkmal vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in die Bayerische Denkmalliste eingetragen.[12] Die untertätigen Bestandteile sind zusätzlich als Bodendenkmal eingetragen. Die Fossa Carolina gehört zum geschützten Bauensemble Fossa Carolina mit Ortskern Graben.[12]

Archäologische Ausgrabungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Herbst 2012 begann eine Untersuchung der Reste des Baudenkmals im Rahmen eines interdisziplinären Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft durch Wissenschaftler der Universitäten Jena und Leipzig und des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Laut dem Jenaer Archäologen Lukas Werther hatte der mindestens drei Kilometer lange Karlsgraben eine schiffbare Breite von fünf bis sechs Metern und war vermutlich 70 Zentimeter tief. Für die Uferbefestigung sind laut Werther mehrere Zehntausend Eichenbohlen in den Grund gerammt worden.[13] Die naturwissenschaftliche Datierung der ausgegrabenen Eichenbohlen mittels Dendrochronologie ergab mit großer Sicherheit, dass die Eichen in den Jahren 792[4] und 793 n. Chr. gefällt wurden. Das noch nicht oder unvollständig ausgebildete Spätholz des Jahres 793 weist auf einen Fällzeitraum zwischen Sommer 792 und Herbst 793 hin. Der Herbst 793 wird sowohl in den Reichsannalen als auch in den Einhardsannalen als die Bauzeit des Kanals angegeben, in der Karl der Große an der Baustelle zugegen war.[14]

Zu diesen Untersuchungen fanden von Oktober 2014 bis Ende Juli 2015 umfangreiche archäologische und geoarchäologische Untersuchungen bei Dettenheim statt. Hier ging es neben umfangreichen Rettungsgrabungen, die durch die Errichtung einer Umgehungsstraße für Dettenheim stattfinden mussten,[15] im Rahmen des DFG-Projekts um den Beweis einer Theorie, die in dem Straßendamm von Dettenheim nach Treuchtlingen eine karolingische Gründung mutmaßte, um hier Wasser für den Karlsgraben anzustauen und über die Schwäbische Rezat dorthin abzugeben. Die Theorie erwies sich als hinfällig.[16]

Weitere Forschungsgrabungen am Graben selbst fanden im Sommer 2016 statt.[4]

Sonderausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bisherigen Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden 2014 in einer Sonderausstellung in Mainz[17] im Museum für Antike Schifffahrt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums und in München präsentiert. Eine ursprünglich nicht geplante weitere Ausstellung fand wegen des großen Interesses vor Ort in Treuchtlingen statt. Im Begleitband zur Ausstellung Großbaustelle 793 – Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau berichteten die beteiligten Wissenschaftler in über 25 Beiträgen von den neuesten Erkenntnissen.[18]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eva Leitholdt, Christoph Zielhofer u.a.: Fossa Carolina: The First Attempt to Bridge the Central European Watershed – A Review, New Findings, and Geoarchaeological Challenges. In: Geoarchaeology 27 (2012), S. 88–104.
  • P. Ettel: Der Main als Kommunikations- und Handelsweg im Frühmittelalter – Fossa Carolina, Burgen, Königshöfe und der überregionale Handelsplatz Karlburg. In: Flüsse als Kommunikations- und Handelswege. Rivers as communication and trade routes. Marschenratskolloquium 2009. Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 34, Rahden/Westfalen 2011, S. 201–226.
  • Stefanie Berg-Hobohm, Britta Kopecky-Herrmanns: Naturwissenschaftliche Untersuchungen in der Umgebung des Karlsgrabens (Fossa Carolina). In: Berichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege, Nr. 52 (2012), S. 403–418.
  • Gotthard Kießling: Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen (= Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege [Hrsg.]: Denkmäler in Bayern. Band V.70/1). Karl M. Lipp Verlag, München 2000, ISBN 3-87490-581-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Fossa Carolina – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lage auf historischer Karte bei BayernAtlas Klassik
  2. Grandioses Scheitern: Der «Karlsgraben» zwischen Rhein und Donau, Neue Zürcher Zeitung, 24. Juli 2014
  3. a b Ralf Molkenthin: Straßen aus Wasser. Technische, wirtschaftliche und militärische Aspekte der Binnenschiffahrt im Mitteleuropa des frühen und hohen Mittelalters. LIT Verlag, Münster 2006, ISBN 3-8258-9003-1, S. 54–81.
  4. a b c Pressebericht bei nordbayern.de vom 4. Juli 2017 (mit Bilderstrecke der Ausgrabungen)
  5. M. Eckoldt (Hrsg.): Flüsse und Kanäle. Die Geschichte der deutschen Wasserstraßen. DSV-Verlag, 1998, S. 451–457.
  6. Konrad Spindler: Der Kanalbau Karls des Großen. Seine Reflexion in den mittelalterlichen Quellen und der aktuelle archäologische Forschungsstand. In: Konrad Spindler (Hrsg.): Mensch und Natur im mittelalterlichen Europa. Archäologische, historische und naturwissenschaftliche Befunde. Wieser Verlag, Klagenfurt 1998, ISBN 3-85129-268-5, S. 47–100.
  7. Eva Leitholdt, Christoph Zielhofer u.a.: Fossa Carolina: The First Attempt to Bridge the Central European Watershed – A Review, New Findings, and Geoarchaeological Challenges. In: Geoarchaeology 27 (2012), S. 88–104.
  8. Stefanie Berg-Hobohm, Britta Kopecky-Herrmanns: Naturwissenschaftliche Untersuchungen in der Umgebung des Karlsgrabens (Fossa Carolina). In: Berichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege, Nr. 52 (2012), S. 403–418.
  9. Robert Koch: Fossa Carolina. Neue Erkenntnisse zum Schifffahrtskanal Karls des Großen. In: Konrad Elmshäuser (Hrsg.): Häfen, Schiffe, Wasserwege. Zur Schiffahrt des Mittelalters. Bremerhaven 2002, S. 54–70.
  10. Geotop: Karlsgraben (Abgerufen am 1. September 2013; PDF; 149 kB)
  11. Bayerns schönste Geotope, Bayerisches Landesamt für Umwelt, abgerufen am 20. Juli 2015
  12. a b Denkmalliste Treuchtlingen im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege
  13. Horst M. Auer: Karlsgraben bestand aus einer Weiherkette, Nürnberger Nachrichten, 28. August 2014
  14. Peter Ettel, Falko Daim, Stefanie Berg-Hobohm, Lukas Werther, Christoph Zielhofer (Hrsg.): Großbaustelle 793 – Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau, Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2014, ISBN 978-3-88467-232-7, S. 42
  15. Jan Stephan: Eine bedeutende Eisenzeit-Siedlung in Dettenheim entdeckt, www.nordbayern.de, 24. Mai 2015, abgerufen am 3. August 2017; Werner Somplatzki: Sensationelle Funde bei Grabungen, Altmühlbote, 11.09.2015, abgerufen am 3. August 2017
  16. Stefanie Berg-Hobohm, Britta Kopecky-Hermanns, Hans von Suchodoletz: Konzeptionelle geoarchäologische Arbeit als ein Bindeglied zwischen Planung, Grabung und wissenschaftlicher Forschung – die Kolluvien von Dettenheim.
  17. Großbaustelle 793: Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, abgerufen am 20. Juli 2015
  18. Peter Ettel, Falko Daim, Stefanie Berg-Hobohm, Lukas Werther, Christoph Zielhofer (Hrsg.): Großbaustelle 793 – Das Kanalprojekt Karls des Großen zwischen Rhein und Donau, Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2014, ISBN 978-3-88467-232-7, Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung

Koordinaten: 48° 59′ 2″ N, 10° 55′ 18″ O