Frühsexualisierung

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Frühsexualisierung ist ein politischer Kampfbegriff, der vor allem im rechten und konservativen politischen Spektrum zur Diffamierung pädagogischer Konzepte gebraucht wird, die die Behandlung von Sexualität von Kindern vor der Pubertät und Jugendlichen in Bildungsplänen verankern möchten.[1]

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontext Pädophilie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In christlich konservativen Milieus ist Frühsexualisierung seit den 1970er Jahren verknüpft mit Pädophilie. So sieht Christa Meves einen Anstieg von pädophilen Übergriffen, den sie auf die 68er zurückführt und die von ihnen betriebene Frühsexualierung von Kindern, die in der Folge selbst wiederum pädophile Täter werden. Bis heute anhaltend veröffentlicht sie auf christlich-konservativen Plattformen, etwa auf freie-welt.net, in denen sie eine Verbindung zwischen Sexualkundeunterricht in der Schule und Pädophilie unter dem Stichwort Frühsexualierung herstellt.[2]

In neonazistischen Diskursen zur Pädophilie, die zunehmend zur Mobilisierung genutzt werden, wird ebenfalls Frühsexualisierung als Ziel der staatlichen Erziehung ausgegeben und mit diesem Thema in Verbindung gebracht. In den entsprechend agierenden Gruppen wird gegen Frühsexualisierung, eine Sexualisierung der gesamten Gesellschaft und Gender-Mainstreaming gleichermaßen polemisiert.[3]

Diskussionen um die Bildungspläne in den deutschen Bundesländern seit 2014[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff in dieser Form wurde vor allem im Zusammenhang mit den Diskussionen um den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg geprägt und dort auf der „Demo für alle“ als Schlagwort gegen die Änderungen des Unterrichtsinhalts im Sexualunterricht benutzt. Diese wandten sich am Anfang vor allem gegen das Vorhaben der grün-roten Landesregierung, die Akzeptanz sexueller Vielfalt in den Lehrplänen zu verankern.[4]

Der mit der „Demo für alle“ zusammenarbeitende, aber nicht deckungsgleiche Verein „Besorgte Eltern“ betreibt seit 2013 einen Blog, in dem er Interessierte über die Themen Frühsexualisierung, Sexualunterricht, Genderismus und Sexualisierung informiert. Sie lehnen sich dabei sowohl dem Namen als auch den Farben und Parolen nach an französische, inhaltlich ähnliche gelagerte Demonstrationen an. Imke Schmincke sieht dabei ein Netzwerk unterschiedlicher Personen, die die Demos und die damit zusammenhängenden Strukturen organisieren. Diese seien in dem fundamentalistisch christlichen und konservativen bis rechtsextremen Kontext zu verorten.[5]

Politischer Diskurs in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen der Diskussion um die Sexualerziehung von Kindern sorgte ein Sortiment an Unterrichtsmaterial für den Sexualkundeunterricht in der Schweiz für eine politische Debatte, die bis zur Lancierung einer Volksinitiative reichte. Konservative Kreise forderten in dieser Initiative, das Mindestalter für Sexualerziehung in der Verfassung festzuschreiben. Die Gegner argumentierten, dass ein Verzicht auf diesen Unterricht die Gefahr erhöhe, dass Kinder Opfer sexueller Gewalt oder von Pädophilie würden.[6]

Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dass der Begriff nicht nur von politischen Gegnern der Pläne in den verschiedenen Bundesländern verwendet wird, sondern auch im niedersächsischen Landtag, sieht der Politikwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß als „einen Punktsieg für rechtspopulistische und rechtskonservative Kreise“.[1]

Er macht darauf aufmerksam, dass die Debatte in den Sexualwissenschaften schon seit Jahrzehnten die sich entwickelnde Sexualität von Kindern und Jugendlichen je nach Alter behandelt und zu diesem Zweck die verantwortlichen Pädagogen geschult werden müssen. Bernadette Bayrhammer und Christine Imlinger vertreten entsprechend in einem Beitrag in Die Presse den Standpunkt, dass bereits im Kindergarten die Auseinandersetzung mit der Sexualität erfolgen müsse, und zeigen auf, dass die Thematik bereits seit 1975 im Kindergartenbildungsplan von Österreich vorhanden ist. Sowohl Olaf Kapella als auch Heinz-Jürgen Voß betonen dabei, dass mit einer solchen frühzeitigen Behandlung von Sexualität, die die Fragen der Kinder aufnimmt und beantwortet, aktiv vor sexuellem Missbrauch geschützt werden könne.[1][7]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Heinz-Jürgen Voß: Wenn rechtpopulistische Kreise gewinnen: Zu den Debatten um Sexualpädagogik und Antidiskriminierung. (dasendedessex.de [PDF]).
  2. Katrin M. Kämpf: Die Büchse der Pandora – Pädophilie in ‚antigenderistischen‘ Diskursfeldern: „Todesstrafe für Kinderschänder“ – neonazistische Verhandlungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder. In: Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hg.): Anti-Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplatz aktueller politischer Auseinandersetzungen, S. 109–128, hier: S. 114.
  3. Katrin M. Kämpf: Die Büchse der Pandora – Pädophilie in ‚antigenderistischen‘ Diskursfeldern: „Todesstrafe für Kinderschänder“ – neonazistische Verhandlungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder. In: Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hg.): Anti-Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplatz aktueller politischer Auseinandersetzungen, S. 109–128, hier: S. 113.
  4. Josef Kelnberger: Demos gegen Gleichberechtigung sexueller Minderheiten: Es wird emotional in Stuttgart. In: sueddeutsche.de. Abgerufen am 23. März 2016.
  5. Imke Schmincke: Das Kind als Chiffre politischer Auseinandersetzungen am Beispiel neuer konservativer Protestbewegungen in Frankreich und Deutschland. In: Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hg.): Anti-Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplatz aktueller politischer Auseinandersetzungen, S. 93–108, hier: S. 96.
  6. «Die Initiative unterstützt Pädophilie!». 4. März 2015. Abgerufen am 25. März 2016.
  7. Bernadette Bayrhammer, Christine Imlinger: Kindergarten: „Das Thema Sexualität ist sowieso da“. In: Die Presse. Abgerufen am 23. März 2016.