François Bayrou

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François Bayrou

François Bayrou ([fʀɑ̃.swa·baj.ʀu]; * 25. Mai 1951 in Bordères bei Pau, Département Pyrénées-Atlantiques) ist ein führender französischer Politiker, seit 2007 Präsident der Partei „Demokratische Bewegung“ (Mouvement démocrate oder kurz MoDem) und seit April 2014 Bürgermeister von Pau (Pyrénées-Atlantiques). Er kandidierte bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2002 (6,84 %), 2007 (18,57 %) und 2012 (9,13 %). Er ist Vorsitzender der Europäischen Demokratischen Partei. Von 1993 bis 1997 war er französischer Bildungsminister. Im Übergangskabinett Philippe I (Mai bis Juni 2017) war er stellvertretender Premierminister (Ministre d’État, „Staatsminister“) und Justizminister.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn eines Kleinbauern studierte zunächst Klassische Literatur an der Universität Bordeaux und schloss sein Studium im Alter von 23 Jahren mit der Agrégation in Klassischer Literatur ab.

Politisch stieg er in der bürgerlich-liberalen Union pour la démocratie française (UDF) auf, wo er zunächst Abgeordneter des Départements Pyrénées-Atlantiques war. Er ist geprägt von einer christlich-demokratischen Haltung und bezeichnet sich als praktizierenden Katholiken und Anhänger der Laizität.[1]

Von 1979 bis 1981 war er hoher Verwaltungsbeamter im Landwirtschaftsministerium von Pierre Méhaignerie, danach war er für den Senatspräsidenten Alain Poher tätig. Von 1984 bis 1986 beriet er den damaligen Präsidenten des Europaparlaments Pierre Pflimlin. Zwischen 1986 und 1993 stand Bayrou der „Ständigen Gruppe im Kampf gegen den Analphabetismus“ als Präsident vor.

Nach dem Wahlsieg der Rechtsliberalen unter Édouard Balladur berief dieser Bayrou am 29. März 1993 als Minister für nationale Bildung in sein Kabinett. In seiner Amtszeit sorgte Bayrou für eine umfassende Überprüfung der Situation der Schüler und Lehrer in Frankreich. Als 1995 Alain Juppé neuer Ministerpräsident wurde, beließ er Bayrou in seinem Ministeramt und erweiterte dessen Ressort um den Bereich Forschung.

Bayrous Bestreben war es auch, in der politischen Mitte eine Kraft zu schaffen, die stark genug sein sollte, um den Gaullisten auf der rechten Seite gleichberechtigt gegenüberzutreten. Am 2. Juni 1997 endete die Amtszeit des Kabinetts Juppé (und damit auch Bayrous Amtszeit); Claude Allègre wurde sein Amtsnachfolger.

1998 wurde er Parteivorsitzender der UDF. 1999 kandidierte er auf einer UDF-Liste bei der Wahl zum Europaparlament. Die Liste erreichte 9,3 Prozent der Wählerstimmen und Bayrou wurde Abgeordneter im Europaparlament.

2002 trat er bei der französischen Präsidentschaftswahl an und erreichte mit 6,8 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang den vierten Platz. Im gleichen Jahr spaltete sich die liberale Mitte, als ein Teil sich dem Plan einer starken Mitte-Rechts-Partei unter Jacques Chirac öffnete, der in Form der UMP verwirklicht wurde. Bayrou versuchte vergebenlich, die Eigenständigkeit der UDF zu bewahren.

Bayrou gab sein Mandat als Europaabgeordneter nach der Wahl zur Nationalversammlung 2002 auf, um Mitglied der Nationalversammlung zu werden. Bei den Regionalwahlen in Aquitaine 2004 erlitt er eine herbe Niederlage gegen den Kandidaten der UMP; bei der Europawahl 2004 erhielt die UDF 12 Prozent der Stimmen.

François Bayrou auf einer Linux-Messe in La Défense

Im Wahlkampf zur französischen Präsidentschaftswahl 2007 gelang es ihm laut Umfragen der größeren Meinungsforschungsinstitute, sich binnen weniger Wochen vom aussichtslosen Nischenkandidaten zum ernstzunehmenden Anwärter auf das Präsidentenamt zu entwickeln.[2]

Er präsentierte sich als Alternative zu seiner sozialistischen Konkurrentin Ségolène Royal und dem konservativen Nicolas Sarkozy. Mit einem Stimmenanteil von 18,57 Prozent erreichte Bayrou das drittbeste Ergebnis und kam nicht in die Stichwahl.

Im Rahmen seiner Kandidatur hat er die EU „als die schönste Konstruktion der ganzen Menschheit“ bezeichnet.[3] In allgemeinen Europafragen sprach er sich gegen den Beitritt der Türkei zur EU und für die Annahme des europäischen Verfassungsentwurfs aus. Einen Gottesbezug in dem Text lehnte er ab, mit der Begründung, dass Religion und Gesetz nicht vermischt werden sollen.[1]

Nach der Präsidentschaftswahl 2007 kündigte Bayrou die Gründung der neuen Partei Mouvement démocrate (MoDem) an und wurde deren erster Präsident. MoDem wurde in der ersten Runde der Wahl zur Nationalversammlung am 10. Juni mit 7,61 Prozent der Stimmen drittstärkste Kraft; das Ergebnis blieb aber weit hinter dem Bayrous bei der Präsidentschaftswahl zurück: Nur noch knapp 30 Prozent der Bayrou-Wähler vom 22. April wählten „MoDem“. In die Nationalversammlung zogen aufgrund des von Bayrou als sehr unfair kritisierten Mehrheitswahlrechts nur noch er selbst und drei weitere Abgeordnete ein. Von sechs Kandidaten, die an der zweiten Wahlrunde am 17. Juni teilnehmen konnten, errangen also vier einen Sitz, nur drei blieben während der gesamten Legislatur Mitglieder des MoDem. Das Nouveau Centre, das sich der Majorité Présidentielle angeschlossen hatte, stellte 22 Abgeordnete und konnte somit eine Fraktion bilden. Diese geringe Stärke des MoDem in der Nationalversammlung nahm Bayrou für die Unabhängigkeit der Partei in Kauf.

François Bayrou

Bayrou kandidierte erneut bei der Präsidentschaftswahl 2012, erreichte aber nur halb so viele Stimmen wie 2007 und belegte mit 9,13 % den fünften Platz. François Hollande (PS) wurde Staatspräsident. Bei den Parlamentswahlen vom 10. und 17. Juni 2012 verlor Bayrou wegen seines bewussten Verzichts auf Absprachen mit Sozialisten oder Konservativen auch sein eigenes Abgeordnetenmandat, da er gegenüber 2007 Stimmen einbüßte und nur noch den zweiten Platz in seinem Wahlkreis erreichte. Seine öffentliche Ankündigung nach dem ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl, er werde François Hollande wählen, trug wahrscheinlich zum Verlust seines Abgeordnetenmandats bei, da die Konservativen deswegen mit einem Kandidaten gegen Bayrou antraten. In Reaktion auf das Ergebnis kündigte Bayrou an, er werde sich zunächst etwas aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, sich jedoch, wenn auch in anderer Form als bisher, weiterhin politisch engagieren.

Dem Mouvement démocrate verblieben als Vertreter in der Nationalversammlung nur noch der bisherige Abgeordnete Jean Lassalle und der neu gewählte Thierry Robert.

Am 22. Februar 2017 bot Bayrou, nachdem zuvor über mehrere Monate über eine vierte Kandidatur Bayrous bei der Präsidentschaftswahl 2017 spekuliert worden war, dem aussichtsreich erscheinenden Präsidentschaftsbewerber Emmanuel Macron ein Bündnis an, „um Frankreich einen wahren Wechsel zu ermöglichen“.[4]

Macron wurde am 7. Mai 2017 vom französischen Volk zum Staatspräsident gewählt. Er ernannte kurz darauf Édouard Philippe zum Premierminister und beauftragte ihn, ein Kabinett zu bilden. Dieses wurde am 17. Mai 2017 berufen; Bayrou war darin stellvertretender Premierminister (Ministre d’État, „Staatsminister“) und Justizminister. Bayrou gab am 21. Juni 2017 bekannt, wegen einer Scheinbeschäftigungsaffäre dem nach der Parlamentswahl neuzubildenden Kabinett Philippe II nicht mehr anzugehören.[5] Seine Parteikolleginnen Sylvie Goulard (Verteidigungsministerin) und Marielle de Sarnez (Europaministerin) verzichteten aus dem gleichen Grund.[6]

Bayrous großes Interesse an Literatur und Geschichte findet unter anderem Ausdruck in der Veröffentlichung von Büchern über die Geschichte Frankreichs, darunter eine Biographie des „guten Königs“ Heinrich IV., den er als Vorbild für das heutige Frankreich sieht, da er Frieden und Versöhnung zwischen Katholiken und Protestanten ermöglicht habe. Zudem hat er zahlreiche politische Werke veröffentlicht (siehe unten).

Bayrou ist verheiratet und hat sechs Kinder.

Auftritt in Houellebecqs Roman „Unterwerfung“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Michel Houellebecqs 2015 erschienenen Roman „Unterwerfung“ spielt Bayrou eine wichtige Rolle bei der fiktionalen Machtübernahme durch die Muslimbrüder im Frankreich des Jahres 2022. Die Beteiligung Bayrous wird von einem fiktionalen Ex-Mitarbeiter des französischen Inlandsgeheimdienstes als „genialer“ Schachzug des fiktionalen muslimischen Parteiführers und neuen Präsidenten Frankreichs analysiert, da sich der Politiker aufgrund seines Charakters besonders für dessen Pläne eigne: „Er hatte sich […] auf einen Handel mit Mohammed Ben Abbes eingelassen: Dieser hatte sich dazu verpflichtet, Bayrou zum Premierminister zu ernennen, wenn er als Sieger aus den Präsidentschaftswahlen hervorginge. […] Was Bayrou so einzigartig, so unersetzlich macht […] ist seine Dämlichkeit. Sein politischer Entwurf ist immer auf seinen persönlichen Wunsch beschränkt geblieben, unter allen Umständen ein ‚hohes Amt‘ zu bekleiden […] Er hat nie eigene Vorstellungen gehabt und auch nicht so getan, als hätte er welche; in diesem Ausmaß ist das durchaus selten. Das macht ihn zum idealen, den Begriff des Humanismus verkörpernden Politiker, zumal er sich für Heinrich IV. hält und für einen großartigen Friedensstifter im Dialog der Religionen. Darüber hinaus erfreut er sich bei der katholischen Wählerschaft, die seine Dämlichkeit beruhigt, größter Beliebtheit. Genau das ist es, was Ben Abbes braucht […]“[7]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Le roi libre. – Paris: Flammarion, 1994 – ISBN 2080668218
    Le roi libre. – Paris: France loisirs, 1995 – ISBN 2724289447
    Le roi libre. – Paris: Éd. J’ai lu, 1996 – ISBN 2277241830
    Henri IV. – Paris: Perrin jeunesse, 1998 – ISBN 2262013012
    Henri IV: le roi libre. – Paris: Flammarion, 1999 – ISBN 208067725X.
  • Saint-Louis. – Paris: Flammarion, 1997 – ISBN 2080672088.
  • Ils portaient l’écharpe blanche: l’aventure des premiers réformés, des Guerres de religion à l’édit de Nantes, de la Révocation à la Révolution. – Paris: B. Grasset, 1998 – ISBN 2246559812
    Ils portaient l’écharpe blanche: l’aventure des premiers réformés, des Guerres de religion à l’édit de Nantes, de la Révocation à la Révolution. – Paris: Librairie générale française, 2000 – ISBN 225314779-6.
Politische Veröffentlichungen
  • La Décennie des mal-appris. – Paris: Flammarion, 1990 – ISBN 2080664727.
  • Le droit au sens. – Paris: Flammarion, 1996 – ISBN 2080672045.
  • Bayrou, François; Pierre-Brossolette, Sylvie: Hors des sentiers battus: entretiens avec Sylvie Pierre-Brossolette. – Paris: Hachette littératures, 1999 – ISBN 2012352588.
  • François Bayrou, Qui êtes-vous? Que proposez-vous? – Paris: Archipel, 2001 – ISBN 2841872831.
  • Relève. – Paris: Grasset, 2001 – ISBN 2246618215.
  • Oui: Plaidoyer pour la Constitution européenne. – Paris: Plon, 2005 – ISBN 2259201830.
  • Au nom du Tiers-État. Hachette Littératures 2006, ISBN 2012372503.
  • Projet d’Espoir. Plon 2007, ISBN 2259201628.
  • Abus de Pouvoir. Paris: Plon, 2009

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: François Bayrou – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Alexis Brézet, Philippe Goulliaud, Guillaume Tabard: François Bayrou: "Je veux rassurer et apaiser les tensions". Le Figaro vom 28. März 2007 (französisch)
  2. welt.de 9. April 2007: Bayrou, der Kandidat ohne Erinnerung
  3. Wallstreet Journal vom 23. Februar 2007
  4. François Bayrou: J'ai décidé de proposer à Emmanuel #Macron une alliance pour offrir à la France une vraie alternance. #Présidentielle2017 #ConfBayrou. In: @bayrou. 22. Februar 2017; abgerufen am 18. Juni 2017.
  5. spiegel.de 21. Juni 2017: Justizminister François Bayrou tritt zurück.
  6. FAZ.net: Macrons Bündnispartner in schwerer Not
  7. Michel Houellebecq: Unterwerfung (Roman). DuMont Buchverlag, 2017 (7. Aufl.), ISBN 978-3832163594.