Franco Moretti

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Franco Moretti (* 1950 in Sondrio) ist ein italienischer Literaturwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franco Moretti wurde 1950 in Sondrio geboren und promovierte 1972 mit einer Arbeit über die englischen Intellektuellen der 1930er Jahre an der Universität Rom. Er forschte an den Universitäten von Pescara und Rom (1972–1979), und war einer der Herausgeber der Zeitschriften "calibano" und "Leviatano"; später lehrte er Englische und Vergleichende Literatur an den Universitäten von Salerno (1979–83), Verona (1983–90), Columbia (1990–2000) und Stanford (2000–2016), wo er das Zentrum zur Erforschung des Romans[1] und das Stanford Literary Lab[2] gründete. Im Laufe der Zeit war er auch Gastprofessor an mehreren Universitäten in Europa und den USA, zweimal ein „Fellow“ des Wissenschaftskollegs zu Berlin (1999/2000, 2012/2013), Berater des französischen Ministeriums für Jugend und Bildung, und Mitglied des „Digital Humanities Institute“ der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (2016–2019). Er unterrichtete die Gauß-Seminare in Princeton, hielt die Beckman-Vorlesungen in Berkeley und die Carpenter-Vorlesungen an der Universität von Chicago. Das Werk dieses „großen Bilderstürmers der Literaturkritik“, wie The Guardian ihn einst nannte,[3] wurde in 30 Sprachen übersetzt und war Gegenstand zweier Aufsatzsammlungen: Reading Graphs, Maps, Trees. Critical Reactions to Franco Moretti (2011)[4] und Lire de près, de loin (2014).[5] Die in dem Buch Distant Reading gesammelten Aufsätze wurden 2014 mit dem Preis „National Book Critics Circle“ ausgezeichnet,[6] und Andreas Bernard lobte in seiner Rezension Morettis Buch als "das interessanteste literaturtheoretische Buch, das seit vielen Jahren erschienen ist".

2017 warf eine Frau Moretti in einem Facebook-Post vor, sie 1985 sexuell angegriffen zu haben[7]. Er bestritt die Anschuldigung und erklärte, die Beziehung sei völlig einvernehmlich gewesen.[8] Wenig später behaupteten zwei Frauen, von Moretti in den 1990er-Jahren belästigt worden zu sein; beide Anschuldigungen wurden von Moretti bestritten.[9] Gegen ihn wurde nie ein förmliches Verfahren eröffnet. Ein Stanford-Sprecher erklärte, dass die Universität den Fall prüfe und "feststelle, ob es irgendwelche Maßnahmen für Stanford zu unternehmen gebe"[10]. Solche Maßnahmen wurden jedoch nie ergriffen.

Moretti ist derzeit Emeritus Professor an der Stanford University,[11] „Permanent Fellow“ am Wissenschaftskolleg zu Berlin,[12] Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, der American Philosophical Society, und des wissenschaftlichen Beirats des „Institute for World Literature“ an der Harvard University. Er schreibt regelmäßig Beiträge für die New Left Review, und hält weiterhin Vorträge und Kurse in verschiedenen Ländern. Sein neuestes Buch – Far Country. Scenes from American Culture, das 2019 gleichzeitig in Italien und den USA veröffentlicht wurde, und 2020 in Deutschland als Ein fernes Land erschienen ist – wird von einer langen Reflexion über seinen ersten und letzten Universitätskurs (1979–2016) eingerahmt[13] und ist zugleich eine Analyse der amerikanischen Popkultur.[14]

Der Filmregisseur Nanni Moretti ist sein Bruder. Mit diesem drehte er 1973 zwei Kurzfilme Pâté de bourgeois und La sconfitta sowie 1976 den Spielfilm Io sono un autarchico. Sein Vater ist der Althistoriker Luigi Moretti.

2006 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences und 2009 in die American Philosophical Society[15] gewählt.

Wissenschaftliche Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die große bürgerliche Tradition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein zentraler Forschungsschwerpunkt Morettis ist die Analyse der bürgerlichen Kultur, zu der er 1987 mit The Way of the World erstmals veröffentlichte. Das Buch präsentiert den Europäischen Bildungsroman als die symbolische Form, die es dem Lesepublikum des 19. Jahrhunderts ermöglichte, die politischen Revolutionen und wirtschaftlichen Umwälzungen der Epoche zu verstehen und zu bewältigen.[16] In Modern Epic (1996) erweitert er das Panorama um Faust und Moby-Dick, Wagners Ring, Joyces Ulysses und die Meisterwerke des lateinamerikanischen magischen Realismus.[17] Zwanzig Jahre später hat The Bourgeois (2013; auf Deutsch 2016 als Der Bourgeois) diese Trilogie moderner Existenz mit einer detaillierten Analyse bürgerlicher Schlüsselwörter („nützlich“, „Komfort“, „Effizienz“, „ernst“ usw.) und der Metamorphosen der „prosaischen“ Kultur von Defoe zu Ibsen und Max Weber vervollständigt.[18][19]

Geographie, Roman und vergleichende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1990er Jahren eröffnete Moretti mit seinem Atlas des Europäischen Romans 1800-1900 (1998) das neue Forschungsgebiet der Literaturgeographie,[20][21] das seitdem eng mit seinem Namen verbunden ist.[22] Geographie war auch der Ausgangspunkt für „Conjectures on World Literature“ (2000),[23] ein Essay das – zusammen mit Pascale Casanovas La Republique Mondiale des Lettres – ein neues auf den historischen Schriften von Braudel und Wallerstein aufbauendes Modell für die vergleichende Literatur polemisch formuliert. Zwischen 2001 und 2003 war Moretti Herausgeber der fünf Bände von Einaudis Il Romanzo (2007 von Princeton University Press ins Englische übersetzt): ein kollektives Werk das die räumliche, historische und ästhetische Karte dieser literarischen Form neu zu zeichnen sucht.[24][25] Daran beteiligt waren zweihundert Wissenschaftler aus der ganzen Welt, u. a. Beatriz Sarlo und Rossana Rossanda, I-heng Zhao und Umberto Eco, Meenakshi Mukherjee, Mario Vargas Llosa, Jean-Michel Rabaté, Ann Banfield, und Claudio Magris.

„Distant Reading“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe der Zeit hat Moretti einige entscheidende Kernkonzepte für die Literaturforschung geprägt, von denen das „Fernlesen“ (Distant Reading) das bekannteste ist.[26][27][28][29] Die Idee, Kultur aus der Ferne zu betrachten, führte Moretti schließlich zu dem quantitativen Ansatz, der in den vom "Stanford Literary Lab" veröffentlichten "Pamphleten" entwickelt, und u. a. auf Deutsch in der Sammlung Literatur im Labor veröffentlicht wurde.[30][31][32] Die Gründung eines literarischen „Labors“ rief sowohl Unterstützung als auch Widerstand hervor, da sie innerhalb der Geisteswissenschaften eine Arbeitsweise einführte – ein „neues kritisches Paradigma“, wie der New Yorker es nannte –[33] das lange Zeit den Naturwissenschaften vorbehalten gewesen war.[34]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Center for the Study of the Novel. Abgerufen am 16. Februar 2020 (amerikanisches Englisch).
  2. Stanford Literary Lab – Director: Mark Algee-Hewitt. Abgerufen am 16. Februar 2020 (amerikanisches Englisch).
  3. John Sutherland: The ideas interview: Franco Moretti. In: The Guardian. 9. Januar 2006, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  4. https://www.parlorpress.com/pdf/ReadingMapsGraphsTrees.pdf
  5. Lire de près, de loin Close vs distant reading (= Théorie littéraire, n° 3 in Rencontres). Classiques Garnier, Paris 2014, ISBN 978-2-8124-2124-2 (classiques-garnier.com [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  6. National Book Critics Circle: National Book Critics Circle Announces Award Winners for Publishing Year 2013 - Critical Mass Blog. Abgerufen am 16. Februar 2020.
  7. Retired English professor accused of sexual assault by former graduate student. In: The Stanford Daily. 10. November 2017, abgerufen am 16. Februar 2020.
  8. Caitlin Dickerson, Stephanie Saul: Two Colleges Bound by History Are Roiled by the #MeToo Moment. In: The New York Times. 2. Dezember 2017, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  9. A Full Investigation Is Needed Into the Sexual Assault Allegations Against Brett Kavanaugh. Abgerufen am 16. Februar 2020.
  10. Harini Shyamsundar, Ashley Wong: Former UC Berkeley visiting professor accused of sex assault by then-student. 10. November 2017, abgerufen am 16. Februar 2020 (amerikanisches Englisch).
  11. Franco Moretti | Department of English. Abgerufen am 16. Februar 2020.
  12. Franco Moretti, Permanent Fellow. Abgerufen am 16. Februar 2020 (englisch).
  13. FAR COUNTRY | Kirkus Reviews. (kirkusreviews.com [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  14. Lothar Müller: High Noon. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 193. Süddeutsche Zeitung GmbH, München 22. August 2020, S. 18.
  15. Member History: Franco Moretti. American Philosophical Society, abgerufen am 8. Januar 2019.
  16. Michal P. Ginsburg: The Way of the World: The Bildungsroman in European Culture by Franco Moretti. In: Comparative Literature Studies. Band 27, Nr. 1, 1990, ISSN 0010-4132, S. 79–84 (northwestern.edu [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  17. The Bourgeois: Between History and Literature by Franco Moretti. 27. Juni 2013, abgerufen am 16. Februar 2020 (englisch).
  18. The Bourgeois: Between History and Literature by Franco Moretti. 27. Juni 2013, abgerufen am 16. Februar 2020 (englisch).
  19. Alexander Cammann: Der Bourgeois: Arbeiten statt feiern. In: Die Zeit. 11. Dezember 2014, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  20. Rezension: Sachbuch: Spurensuche. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  21. Christopher Prendergast: By the Width of a Street · LRB 29 October 1998. 29. Oktober 1998, abgerufen am 16. Februar 2020 (englisch).
  22. Makers of maps - Literary criticism. In: TLS. Abgerufen am 16. Februar 2020 (britisches Englisch).
  23. Franco Moretti, Conjectures on World Literature, NLR 1, January–February 2000. Abgerufen am 16. Februar 2020 (englisch).
  24. Il romanzo I. La cultura del romanzo, VV.. Giulio Einaudi Editore - Grandi Opere. In: Einaudi. Abgerufen am 16. Februar 2020 (it-IT).
  25. David Trotter: Into the Future · LRB 22 March 2007. 22. März 2007, abgerufen am 16. Februar 2020 (englisch).
  26. Kathryn Schulz: What Is Distant Reading? In: The New York Times. 24. Juni 2011, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  27. Distant reading in Russia: Franco Moretti and the formalist tradition. Abgerufen am 16. Februar 2020.
  28. Ruben Hackler, Guido Kirsten: Distant Reading, Computational Criticism, and Social Critique: An Interview with Franco Moretti. In: Le foucaldien. Band 2, Nr. 1, 16. Mai 2016, ISSN 2515-2076, S. 7, doi:10.16995/lefou.22 (foucaldien.net [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  29. https://foucaldien.net/articles/abstract/10.16995/lefou.22/
  30. Literatur - ein Fall für den Statistiker. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 16. Februar 2020]).
  31. Franco Moretti: Literatur im Labor - Konstanz University Press. Abgerufen am 16. Februar 2020.
  32. par Marion Renauld: Humanités Numériques. In: En attendant Nadeau. 20. Dezember 2016, abgerufen am 16. Februar 2020 (fr-FR).
  33. Joshua Rothman: An Attempt to Discover the Laws of Literature. Abgerufen am 16. Februar 2020 (englisch).
  34. Jennifer Schuessler: Reading by the Numbers: When Big Data Meets Literature. In: The New York Times. 30. Oktober 2017, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 16. Februar 2020]).