Franz Christian Boll

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Franz Christian Boll[1] (* 31. August 1776[2] in Neubrandenburg; † 12. Februar 1818 ebenda) war ein deutscher evangelischer Theologe der Erweckungsbewegung und Pastor an den Neubrandenburger Hauptkirchen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franz Christian Boll wurde als eines von elf Kindern des Neubrandenburger Böttchers Franz Boll (1741–1800) und dessen Frau Regina Maria, geb. Schärpeltz (1747–1828) geboren. Anscheinend war er der erste seines Geschlechts, der einen akademischen Beruf wählte. Nach dem Besuch der Gelehrtenschule in Neubrandenburg studierte Boll von 1795 bis 1798 an der Universität Jena Evangelische Theologie. Danach war er Hauslehrer von Gustav Brückner (1789–1860) in Neubrandenburg und Carl von Oertzen (1788–1837) in Brunn. Am 23. März 1802[3] erhielt er eine Stelle als Dritter Pastor in Neubrandenburg mit Zuständigkeit für die Johanniskirche. Nach dem zeitweiligen Fortfall der dritten Predigerstelle in Neubrandenburg[4] war er ab 1805 Zweiter Pastor an der Marienkirche und an der Johanniskirche. Er war mit dem Strelitzschen Herzog Karl II. befreundet. Angebote für Pfarrstellen in Bremen (1805) und Ludwigslust (1817) lehnte er ab und blieb bis an sein Lebensende in Neubrandenburg.

Boll-Gedenkstein (1854) in Neubrandenburg nach einem Entwurf von Caspar David Friedrich (1818)[5]

Mehrere Predigten Bolls erschienen als Drucke, darunter seine Antrittspredigt von 1802 sowie die Predigt zum Andenken an den verstorbenen Großherzog Karl II. (1816). Seine Schrift Von dem Verfalle und der Wiederherstellung der Religiosität wurde 1809 (Band 1) und 1810 (Band 2) herausgegeben, Band 3 gelangte nicht mehr in den Druck. 1800 erschien der Band Beherzigungen einiger Wahrheiten aus dem Gebiete der Pädagogik und Philosophie mit Essays und Gedichten von Boll. Daneben befasste er sich mit der Geschichte Neubrandenburgs. Bolls Pfarrchronik übernahm sein Sohn Franz Boll unter dem Titel Merkwürdigkeiten aus der Geschichte der Vorderstadt Neubrandenburg vom Jahre 1801 ab in seine Chronik der Vorderstadt Neubrandenburg.

Franz Christian Boll starb 1818 während einer Typhusepidemie und wurde auf dem alten Friedhof von Neubrandenburg begraben. 1818 entwarf Caspar David Friedrich einen 8 Meter hohen Gedenkstein für Boll. Dieser wurde 36 Jahre später von Christian Gottlieb Kühn an der Südseite der Marienkirche realisiert. Am Denkmal ist mit 1775 ein falsches Geburtsjahr von Boll angegeben.

Franz Christian Boll war seit 10. Juni 1802 mit der Neubrandenburger Arzttochter Friederike Brückner (1780–1839) verheiratet. In dieser Ehe wurden sechs Kinder geboren, von denen nur zwei Söhne das Erwachsenenalter erreichten: Sein älterer Sohn Franz Boll (1805–1875) wurde, wie der Vater, Theologe und befasste sich mit heimatgeschichtlichen Forschungen. Sein jüngerer Sohn Ernst Boll (1817–1868) führte umfangreiche naturwissenschaftliche Studien durch und beteiligte sich an der Geschichtsforschung seines Bruders.

Theologisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Boll war der erste profilierte Theologe der Erweckungsbewegung in Mecklenburg. Seine Schrift Vom Verfalle und Wiederherstellung der Religiosität zählt am Übergang zum 19. Jahrhundert zu den zahlreichen Aufsätzen, die eine Reform des Protestantismus und eine kirchliche Erneuerung forderten. Der Inhalt geht jedoch weit über kirchliche Themen, wie die Auseinandersetzung mit dem theologischen Rationalismus, hinaus, befasst sich mit den Grundlagen der Kultur, des Staatswesens und der Rechtsordnung. Boll steht mit seinem Traktat in der Tradition von Philipp Jacob Spener. In Intension, Struktur und Schreibgestus orientiert sich seine Schrift an dem 1675 von Spener herausgegebenen Reformprogramms Pia desideria. Als Stadtpfarrer in Neubrandenburg blieb Boll in seiner Wirkung in den theologischen Debatten seiner Zeit auf Mecklenburg begrenzt.

Boll und Philipp Otto Runge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franz Christian Boll mit Frau Friedericke und Sohn Franz, 1806, Zeichnung von Philipp Otto Runge

Franz Christian Boll und Philipp Otto Runge waren über die Töchter des Neubrandenburger Arztes, Kreisphysikus und Hofrates Adolph (Friedrich Theodor) Brückner (1744–1823) miteinander verwandt. Runges Bruder Carl Hermann (1779–1841) heiratete 1805 Heinricke Brückner, die Schwester von Bolls Frau Friederike Brückner. Franz Christian Boll und Philipp Otto Runge unternahmen gemeinsame Wanderungen auf der Insel Rügen. Beide, Maler und Theologe, unterhielten schwärmerische Beziehungen zu den wesentlich jüngeren Brückner-Söhnen, Gustav Brückner und Adolf Friedrich Brückner, denen sie treue Freundschaft bis in den Tod gelobten. Boll hatte Einfluss auf Runges kunsttheoretisches und historisches Denken. Das betrifft vor allem Runges Abkehr von der These eines radikalen Neubeginns in der romantischen Kunst. 1809 lässt Boll dem Maler den ersten Band seiner Reformschrift „Vom Verfalle und der Wiederherstellung der Religiosität mit besonderer Hinsicht auf das protestantische Deutschland“ zukommen. Der beigefügte Brief offenbart Standpunkte in dem zwischen beiden Männern geführten Diskurs.

„Ich habe mich Ihrer Aeußerungen über die innere Nothwendigkeit, die uns zum Würken und Schaffen treibt, und wie jede Zeit Produkt der Vergangenheit und Schöpferin der Zukunft ist, sehr gefreut, und ich fahre fort: Wie nothwendig es ist, an keiner Zeit, auch an der unsrigen nicht zu verzweifeln, - und wie heilsam es darum ist, die Gegenwart nicht als eine vom Himmel gefallene, oder aus der Hölle hervorgestoßene Zeit, sondern ein nothwendiges Product der Vergangenheit zu begreifen.“

Franz Christian Boll[6]

Runge plante vermutlich, die Familie Boll in einem seiner typischen Gruppengemälde zu verewigen, die Zeichnung dazu ist erhalten geblieben.

Boll und Caspar David Friedrich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franz Christian Boll und Caspar David Friedrich waren verwandt. Friedrichs Bruder Adolf heiratete 1801 Margarete Brückner, die Cousine von Bolls Frau Friedericke. Eine Korrespondenz zwischen Boll und Friedrich scheint nicht erhalten. Der Einfluss des Pastors auf den bedeutendsten Maler der Romantik ist jedoch im Bildprogramm und schriftlichen Äußerungen erkennbar. Eine engere Freundschaft muss im Sommer 1800 bei einer Wanderung der beiden Männer im Elbsandsteingebirge entstanden sein.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beherzigungen einiger Wahrheiten aus dem Gebiete der Pädagogik und Philosophie. Gedruckt bei Albanus, Neustrelitz 1800. Besprechung des Buches in: Jenaische Allgemeine Literaturzeitung, Band 4, Jahrgang 1800
  • Über das gegenseitige Verhältnis eines Predigers und seiner Gemeine. Eine Antrittspredigt gehalten zu Neubrandenburg, d. 4ten April 1802. Zum Besten der Armen. Gedruckt bei bey Christian Gottlob Korb
  • Vom Verfall und der Wiederherstellung der Religiosität. Band 1 und 2, gedruckt bei Ferdinand Albanus, Neustrelitz 1809/10
  • Gedächtnispredigt auf Se. Königl. Hoheit, d. am 6. Nov. d. J. 1816 zum besseren Leben vollendeten Allerdurchlauchtigsten Großherzog Karl Ludwig Friedrich, Großherzog von Mecklenburg. Neubrandenburg, gedruckt bei Korb, 1816
  • Predigten über D. Martin Luthers Leben und Wirken zur Vorbereitung auf die diesjährige Jubelfeier zur Kirchenverbesserung. Gedruckt bei C. G. Korb, 54 Seiten, Neustrelitz 1817
  • F. C. Boll’s weiland Past. Zu Neubrandenburg letzte Predigt gehalten am Sonntag Septuagesimä 1818, Rostock u. Schwerin o. J.
  • Merkwürdigkeiten aus der Geschichte der Vorderstadt Neubrandenburg im Herzogthum Mecklenburg-Strelitz vom Jahre 1801 an. Angefangen von F. C. Boll hierselbst. Manuskript V 170/2s, Regionalmuseum Neubrandenburg

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Detlef Stapf: Caspar David Friedrichs verborgene Landschaften. Die Neubrandenburger Kontexte. Greifswald 2014, netzbasiert P-Book
  • Boll, Franz Christian. In: Grete Grewolls: Wer war wer in Mecklenburg-Vorpommern? Ein Personenlexikon. Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-282-9, S. 60.
  • Friedrich Scheven: Der Neubrandenburger Pastor Franz Boll und sein Landesherr, der Herzog Carl von Mecklenburg-Strelitz. In: Das Carolinum. Nr. 43, Göttingen 1965
  • Karl Schmaltz: Kirchengeschichte Mecklenburgs, Evangelische Verlagsanstalt, Band 3, Berlin 1952, S. 246 ff.
  • Irmgard Brückner: Brückneriana um Johann Heinrich Voß, Selbstverlag, Neubrandenburg 1940, S. 69.
  • Georg Krüger: Die Pastoren im Lande Stargard seit der Reformation. Neustrelitz 1903, S. 133 ff.
  • Philipp Otto Runge: Hinterlassene Schriften. Herausgegeben von dessen ältestem Bruder. (Johann Daniel Runge) Hamburg 1840, Band 1, S. 6 f., Band 2, S. 385 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Franz Christian Boll (Pastor) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach der Familiengenealogie eigentlich: Franz (II.) Boll. Zur Unterscheidung von seinem namensgleichen Sohn und Enkel jedoch traditionell mit sämtlichen Taufnamen genannt.
  2. Nicht 1775, wie die Inschrift des Neubrandenburger Denkmals besagt!
  3. Georg Krüger: Die Pastoren im Lande Stargard seit der Reformation. Schwerin 1904, S. 135.
  4. Nach dem Tod von Pastor Ernst Theodor Johann Brückner († 29. Mai 1805); die dritte Pastorenstelle wurde 1826 reaktiviert und mit Carl Kühne (1802–1858) besetzt.
  5. Denkmalentwurf für Pastor Franz Boll in Neubrandenburg, deutsche-digitale-bibliothek.de (abgerufen am 29. Oktober 2016)
  6. Philipp Otto Runge: Hinterlassene Schriften. Herausgegeben von dessen ältestem Bruder. Band 1 und 2, Hamburg 1840, Band 1, S. 385 f.