Franz Ehrlich

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Franz Ehrlich (* 28. Dezember 1907 in Leipzig-Reudnitz; † 28. November 1984 in Bernburg (Saale)) war ein deutscher Architekt, Designer und Künstler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Lagerinsasse im KZ Buchenwald gestaltete Ehrlich auf Befehl der Bauleitung das Tor mit der Inschrift Jedem das Seine. Die Typografie wurde von den Nationalsozialisten nicht als vom Bauhaus beeinflusst erkannt.[1]

Franz Ehrlich begann nach Abschluss der Volksschule am Täubchenweg in Leipzig im Jahr 1922 eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Er engagierte sich in der Metallarbeitergewerkschaft (DMV) und in der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ). 1923, so berichtete er später, wurde das Interesse des damals 16-Jährigen an der Architekturbewegung des Neuen Bauens beim Besuch der Bauhaus-Ausstellung in Weimar geweckt. Nach dem Abschluss der Lehre, Weiterbildung an Abend- und Sonntagsschulen und einer Phase der Arbeitslosigkeit studierte Ehrlich von 1927 bis 1930 am Bauhaus Dessau.

1930 verließ er das Bauhaus und arbeitete als freier Gestalter in Berlin und später in Leipzig. Infolge der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus schloss sich Franz Ehrlich dem antifaschistischen Widerstand an und beteiligte sich an der Produktion von illegalen Zeitschriften und Flugblättern der kommunistischen Jugendbewegung. 1934 wurde er verhaftet und 1935 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. Zunächst im Zuchthaus Waldheim inhaftiert, verbrachte er die meiste Zeit seiner Haftstrafe im Zuchthaus Zwickau. Im August 1937 wurde er aus dem Zuchthaus entlassen und infolge in Schutzhaft genommen. Ehrlich wurde in das im Aufbau befindliche KZ Buchenwald gebracht, wo er aktiv im Lagerwiderstand tätig war. 1939 wurde er aus der Haft entlassen. Als „wehrunwürdig“ vom Wehrdienst ausgeschlossen, wurde er arbeitsverpflichtet im SS-Baubüro Buchenwald und im SS-Hauptamt Haushalt und Bauten in Berlin. Er plante die Kommandantenvilla in Buchenwald samt Inventar, Häuser, Baracken und den Lager-Zoo.[2] Von 1943 bis 1945 kam er als Soldat im Strafbataillon 999 nach Griechenland und anschließend in jugoslawische Kriegsgefangenschaft.

Funkhaus Nalepastraße Block B, Großer Sendesaal 1 Bühne.jpg
Großer Sendesaal mit einer hervorragenden Akustik[3]
Bundesarchiv Bild 183-B1028-0015-004, Berlin, Nalepastraße, Sendeanstalt.jpg
Foyer des Funkhauses


1946 kehrte Franz Ehrlich nach Deutschland zurück und wurde Referent für Wiederaufbau in Dresden.

In den 1950er-Jahren war er unter anderem am Bau des Funkhauses Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide, dem Wiederaufbau des Gebäudekomplexes der Deutschen Bank sowie des Instituts für kortiko-viszerale Pathologie und Therapie (ab 1972 Zentralinstitut für Herz-Kreislaufforschung) auf dem Gelände der Heilanstalten in Berlin-Buch beteiligt. Es ist jedoch oftmals schwierig zu belegen, welche Bauten er tatsächlich geschaffen hat, da in der frühen Phase der DDR viele Bauten als Geheimprojekte eingestuft wurden, für die keine Unterlagen existieren. So wurden ihm Gebäude zugeschrieben, die er nicht entworfen hatte, zum Beispiel das DDR-Fernsehzentrum in Berlin-Adlershof, das von Wolfgang Wunsch stammt.[4]

Ehrlich, als Beauftragter des Rundfunkkomitees (ab 1953), war als Architekt des Ministeriums für Außenwirtschaft für den Bau von Botschaften und Handelsvertretungen zuständig (1955–1958) und später für die Akademie der Wissenschaften der DDR (1959–1962) tätig; so gehört das Zentralinstitut für Herz-Kreislaufforschung (ab 1992 Franz-Vollhardt-Klinik) in Berlin-Buch (1954–1957) noch heute zu seinen bekanntesten Bauten.

Anlässlich des 800-jährigen Bestehens der Leipziger Messe 1965 sollte Ehrlich als Chefarchitekt das Messegelände neu gestalten. Die Messeleitung verwarf jedoch alle seine Pläne als zu groß, zu kompliziert und zu teuer. Danach erhielt er nie wieder einen Großauftrag.[4]

Ab Ende der 1940er-Jahre war er, wie beispielsweise auch Selman Selmanagić, künstlerischer Mitarbeiter der Deutschen Werkstätten Hellerau. Die von ihm entworfene Möbel-Typenserie „602“ – die von Walter Ulbricht während der Leipziger Messe kritisiert worden sei[1] – wurde zwischen 1957 und 1967 in größeren Stückzahlen dort produziert. An den Deutschen Werkstätten stellte er seine Vielseitigkeit als Architekt und Künstler durch innenarchitektonische Entwürfe, Gestaltungen von Ausstellungsarchitekturen und Messeständen sowie einer Vielzahl von Einzelmöbeln und Möbelserien unter Beweis. Im Funkhaus Berlin sind heute noch von Franz Ehrlich entworfene Möbel, Einbauten und Wandvertäfelungen aus den Werkstätten Hellerau erhalten und denkmalgeschützt. Die Formgebung für eine Geschirrserie Angelika konnte aufgrund staatlicher Intervention als „westlich dekadent“ nicht in die Produktion gehen.[1]

Von 1966 bis 1968 war Ehrlich an der Rekonstruktion des Goethe-Theaters in Bad Lauchstädt beteiligt. Das von ihm entworfene Interieur und die Bühnentechnik des Theaters und des spätbarocken Kursaals sind noch heute erhalten. Franz Ehrlich war neben seinen Festanstellungen auch immer als freier Architekt tätig. Neben städtebaulichen Projekten entwarf er Neubauten für Kultureinrichtungen (z. B. ein nicht ausgeführter Entwurf für das Gewandhaus in Leipzig).

Als Zeichner und Bildhauer ist Franz Ehrlich weniger bekannt. Seine oft dreidimensionalen Zeichnungen sind vor allem Vorstudien der Detailformen seiner Außen- und Innenarchitektur, die Skulpturen oft streng und auf die Grundformen reduziert. Sein künstlerischer Nachlass wird heute im Archiv der Stiftung Bauhaus Dessau verwahrt.

Plakat zur Ehrlich-Ausstellung im Neuen Museum Weimar 2009

Franz Ehrlich war zu Lebzeiten umstritten. Teils wurden ihm sein Festhalten am Bauhaus, Formalismus und sein Funktionalismus zum Vorwurf gemacht, teils seine kritische Einstellung zur Entwicklung des Bauwesens in der DDR. Er forderte die künstlerische Freiheit unter Beachtung von Wirtschaftlichkeit und sozialen Aspekten, passte sich letztlich aber doch den politisch motivierten Normen an. Als vielseitiger Architekt und Designer prägte Franz Ehrlich die Architekturgeschichte der DDR mit und gilt heute vielen als einer der wenigen Architekten, die eine gewisse Eigenständigkeit in der Formensprache bewahren konnten. Der Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm beschreibt den Architekten Ehrlich als Funktionalist auf dem schmalen, aber möglichen Grat „zwischen Bauhausmoderne und Gestaltkonservatismus“.[5]

Im Zuge der Vorbereitungen für einen biografischen Dokumentarfilm über Franz Ehrlich entdeckte der freie MDR-Mitarbeiter Rainer Erices im Jahr 2013 eine Akte über Ehrlichs IM-Tätigkeit in der Behörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Laut der Akte wurde Ehrlich im Frühjahr 1954 von der Hauptabteilung Volkswirtschaft des SfS angeworben und wurde vom MfS bis 1975 als IM geführt. Nach Darstellung des Journalisten Erices habe Ehrlich weitgehend selbst bestimmen können, was er an Informationen weitergab und habe die Stasi für seine beruflichen Belange benutzt.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

chronologisch

  • Bauhaus Dessau (Hrsg.): Franz Ehrlich 1907–1984. Kunst und Gestaltung. Katalog zur Ausstellung am Bauhaus Dessau zu Ehren des 80. Geburtstages vom 19. Dezember 1987 bis 26. Februar 1988, Dessau 1987.
  • Franz Ehrlich und seine Berliner Bauten aus den 50er Jahren. In: Bauwelt, 87. Jahrgang, 1996, Nr. 26, 12. Juli 1996.
  • Volkhard Knigge, Harry Stein (Hrsg.): Franz Ehrlich. Ein Bauhäusler in Widerstand und Konzentrationslager. (Katalog zur Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung Weimar und der Stiftung Bauhaus Dessau im Neuen Museum Weimar vom 2. August 2009 bis 11. Oktober 2009.) Weimar 2009.
  • Gerd Dietrich, Elke Reuter: Ehrlich, Franz. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Regina Kusch, Andreas Beckmann: Die fantastische Karriere des Architekten Franz Ehrlich. In: Deutschlandfunk, Radiofeature, Erstsendung am 7. November 2014.
  • Richter, Peter: Franz Ehrlichs Monument. In: Süddeutsche Zeitung vom 8. Juni 2018. Link

Zur Ausstellung 2009:

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Spur der Schätze. Der Sessel des KZ-Kommandanten. Dokumentarfilm, Deutschland, 2013, 29 Min., Buch und Regie: Ute Gebhardt, redaktionelle Mitarbeit: Rainer Erices, Produktion: MDR, Reihe: Die Spur der Schätze, Erstsendung: 24. April 2013 bei MDR.[2]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Franz Ehrlich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Martina Mescher: Klassenkampf am Nierentisch. Das schlichte Design der Bauhausarchitekten fand in der DDR wenig Verbreitung. In: Jungle World, 2. Juni 2016, S. 22.
  2. a b Ute Gebhardt: Der Sessel des KZ-Kommandanten. (Memento vom 17. September 2013 im Webarchiv archive.today). Dokumentation des MDR am 24. April 2013, 21.15 Uhr.
  3. Claudia Fried: Was dem DDR-Rundfunk in der Berliner Nalepastraße folgte. In: Deutschlandfunk Kultur, 9. Dezember 2009: „Ort einer hervorragenden Akustik.“
  4. a b Regina Kusch, Andreas Beckmann: Buchenwald und Baudenkmäler. Die fantastische Karriere des Architekten Franz Ehrlich. In: Deutschlandfunk. 2014, abgerufen am 4. Mai 2018. (PDF-Dokument)
  5. Fritz von Klinggräff: Bauhäusler Ehrlich und das KZ Buchenwald. Beständiger Widerspruch. In: Die Tageszeitung vom 19. August 2009.
  6. Rainer Erices: Bauhäusler und „Buchenwald-Architekt“ war Stasi-Spion. (Memento vom 1. Juli 2013 im Webarchiv archive.today). In: MDR, 24. April 2013.