Franz Jalics

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Franz Jalics S.J. (eigentlich Ferenc Jalics; * 1927 in Budapest) ist ein ungarischer römisch-katholischer Priester (Jesuit) und Autor geistlicher Bücher.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Mutter, Isabella, geb. Fricke (1902–2004) war in Sövényháza aufgewachsen, besuchte das Sophianum der Sacre Coeur Nonnen in Budapest und promovierte in Linguistik. Das Studium der Mathematik hatte ihr Vater ihr verboten, weil sie dann nie einen Mann finden würde. Auf einem Ball ihrer Tante lernte sie Jalics Kalman kennen, den sie im Herbst 1925 heiratete. Das Paar lebte in Gyál, Ungarn und bekam fünf Söhne und fünf Töchter. Sein Vater wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der kommunistischen Geheimpolizei gefangen genommen und kam wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1950 frei. Seine Mutter war im Krieg gemeinsam mit ihrer Schwester und den Kindern vor der russischen Armee und nach der ungarischen Revolution zunächst nach Wien, wo sie Zuflucht bei den Sacre Coeur Nonnen fanden, und dann mit Hilfe ihres in Cleveland, Ohio lebenden Bruders in die Vereinigten Staaten emigrierte, wo sie ab 1957 als Lehrerin arbeitete.[1]

Franz Jalics wuchs auf dem Landgut seines Vaters in Gyál auf und schlug zunächst auf Wunsch seines Vaters die Militärlaufbahn ein.[2] Im Februar 1945 war er als 17-jähriger ungarischer Offiziersanwärter in Erlangen. Zu seinen Aufgaben zählten auch Rettungsarbeiten nach Bombenangriffen in Nürnberg. Bei einem erneuten Angriff litt er Todesangst angesichts der offensichtlichen Ohnmacht in einem Schutzkeller, wobei er eine tiefe Gotteserfahrung erlebte.

Im Jahre 1946 kehrte er nach Ungarn zurück und trat nach seinem Abitur in den Jesuitenorden ein. Unter dem Druck der kommunistischen Regierung musste er 1948 Ungarn wieder verlassen. Er reiste zunächst wieder nach Deutschland, wo er von 1950 bis 1951 am Berchmanskolleg in Pullach Philosophie studierte. Von 1951 bis 1954 setzte er dann das Studium an der Katholischen Universität in Löwen, Belgien fort. Anschließend absolvierte er ein zweijähriges Praktikum im ordenseigenen Gymnasium der Universität Mons. 1956 wurde er von seinem Orden nach Chile, ein Jahr später nach Argentinien gesandt, wo er an der Universität Buenos Aires Theologie studierte und 1959 zum Priester geweiht wurde. Nach einem sogenannten „geistlichen Jahr“ in Córdoba dozierte er von 1962 bis 1976 Dogmatik und Fundamentaltheologie an der ordenseigenen Fakultät für Theologie und Philosophie in San Miguel. Ab 1963 war er dort auch geistlicher Begleiter der studierenden Jesuiten und begann, Exerzitienkurse zu geben. 1966 promovierte er in Theologie und lehrte anschließend an der Päpstlichen Katholischen Universität von Argentinien in Buenos Aires und der Nationaluniversität Jujuy in San Salvador de Jujuy.

Überwindung einer Glaubenskrise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als er die Glaubenskrise erfuhr, dass nur die sichtbare Welt existiere, erschien ihm die atheistische Weltsicht die ehrlichste. Drei Jahre rang er, ob sein Ordensleben ein fataler Irrweg sei. Nachdem er einmal bemerkt hatte, dass er einem Mitbruder nicht richtig zugehört hatte, stellte sich ihm die Frage, ob das mit seiner Beziehung zu Gott ähnlich sei. Nach einem Jahr war die Krise vorbei.

Er las das Buch Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers (zum Bibelwort „Betet ohne Unterlass!“) und begann mit dem Jesusgebet.

Arbeit im Elendsviertel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während seines Studiums hatte er Orlando Yorio kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. 1974 gingen die beiden – möglicherweise mit einem dritten jesuitischen Mitbruder – in die Villa Miseria (Armenviertel) namens „Bajo Flores“ südlich des Stadtteils Flores (Buenos Aires), um dort das Leben mit den Armen zu teilen. Im beginnenden argentinischen Bürgerkrieg nach Perons Tod (1974) zwischen extrem Rechten und Linken hatte sich der dritte Mitbruder möglicherweise der linken Guerilla angeschlossen.

Die beiden Priester hatten mit Mónica Quinteiro zusammengearbeitet, die einige Jahre als Katechetin im Bajo Flores gearbeitet hatte, und mit der Yorio möglicherweise in engerer Beziehung stand. Quinteiro gehörte der Partido Autentico an, die mit den Montoneros in Verbindung stand. Als im Dezember 1975 erneut Gerüchte aufkamen, dass die beiden Priester mit den Guerilla kollaborieren würden, baten sie ihren Ordensprovinzial Jorge Mario Bergoglio, den Militärs zu versichern, dass dem nicht so wäre.[3]

Nach Schilderung Bergoglios hatte er erfahren, dass die drei auf einer Fahndungsliste des Militärs stünden. Er forderte sie daher auf, die Favela oder das Land zu verlassen,[4] und stellte sie vor das Ultimatum, entweder mit der Gesellschaft in der Favela oder in der Ordensgemeinschaft zu leben.[5] Daraufhin hätten sie um Entlassung aus dem Jesuitenorden gebeten, die für Yorio am 19. März 1976 angenommen wurde. Weil Jalics schon seine letzten Ordensgelübde abgelegt hatte, sei sein Gesuch abgelehnt worden.[6] Kein Bischof des Grossraums Buenos Aires wollte sie danach noch aufnehmen. Bergoglio hatte zu der Sache später mit Orcoyen (Anselmo O., Direktor des Culto Católico de la Cancillería)[7] kommuniziert.[8] Am 23. März 1976 putschte das Militär.

In dieser Zeit verbrachte auch Mónica Mignone, die Tochter von Emilio Mignone wöchentlich einige Stunden im Bajo Flores, und hatte sich eine Woche vor ihrem und ihrer Freundin Maria Marta Vasquez Verschwinden (14. Mai) mit Yorio getroffen.[9] Wie Oscar Antonio Montes (Leiter der Marinebetriebe) um Juli 1976 Emilio Mignone erklärte, sei einer der beiden Priester gefährlich.[10]

Einkerkerung und Entlassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jalics erlebte eine dritte Gotteserfahrung, nachdem er am 23. Mai 1976 im Bajo Flores zusammen mit Yorio von Soldaten verhaftet wurde. Die von verschiedenen Seiten genannten Hintergründe, die zu dieser Verschleppung geführt hatten, sind widersprüchlich. Jalics gewann in der Gefangenschaft die Überzeugung, dass es auf einer Falschaussage seines (ehem.?) Jesuitenoberen beruhe. Als Jalics zu Mónica befragt wurde, wußte er nicht, welche der beiden gemeint sei. Der unter Drogen oder Barbiturate gesetzte Yorio, der seine Verbindungen zu Terroristen offenbaren sollte, redete nur von Gott und Jesus. Ein Offizier erklärte ihnen: „You aren’t a guerrilla, you’re not involved in violence, but you don’t realize that when you go to live in a slum, you are bringing people together, you are uniting the poor, and uniting the poor is subversive.“ («Ihr seid kein Mitglied der Guerilla, ihr seid nicht an Gewalt beteiligt; jedoch realisieren Sie nicht dass, wenn Sie in ein Armenviertel gehen um dort zu leben, Sie diese Menschen zusammen bringen, Sie die Armen vereinen – und die Vereinigung von Armen ist subversiv.») Die falsche Zusage eines Offiziers, am nächsten Samstag entlassen zu werden, wird der psychischen Folter zugerechnet. Die ersten etwa fünf Tage verbrachten sie in einem Gefängnis, wobei Yorio anhand von Geräuschen (tieffliegende Flugzeuge) und Stimmen (Schulungen) schloss, dass es sich um das ESMA handele. Danach kamen sie in ein Privathaus bei Don Torcuato. Sie blieben letztendlich fünf Monate, gefesselt und mit verbundenen Augen in Gefangenschaft. Jalics überstand diese Zeit, in der sich Wut, Angst, Depression, Trauer und Hoffnung abwechselten, durch beständiges Jesusgebet, mit dem er verzeihen wollte – nicht seinen Vernehmern, sondern der Person, deren vermeintliche Falschaussage ihn in dieses Schlamassel gebracht hatte.

Admiral Montes hatte in einem „prahlerischen indiskreten Moment“ gegenüber Emilio Mignone zugegeben, dass die Marine die beiden Priester hätte. Im September versuchte seine Mutter über die US-amerikanische und argentinische Botschaft seinen Verbleib, und ob eine formale Anklage gegen ihn erhoben war, zu erfahren.[11][12][13]

Ihre Entlassung am 23. Oktober 1976 erfolgte verstohlen ohne Erklärung. Wie Yorio zwei Tage später auf der Bischofskonferenz berichtete, bekamen sie ein Schlafmittel gespritzt und wurden in einen Lieferwagen verfrachtet. Nach ihrem Erwachen, halbbekleidet auf einem Feld nahe Cañuelas, gingen sie auf eine Hütte zu, wo ein Zivilist erklärte, am Vortag einen Helikopter gesehen zu haben.[14]

Ausreise aus Argentinien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um Anfang November 1976 verließ Jalics auf Yorios Rat Argentinien und verbrachte ein Jahr in Cleveland, USA und Kanada. Seit 1978 lebt er in Deutschland, zunächst in Kloster St. Trudpert in Obermünstertal. Hier bemerkte er, dass eine frühere latente Depression und Aggression seit der Gefangenschaft verschwunden war; die beständige Anrufung Jesu hatte eine Läuterung bewirkt. Aus dieser spirituellen Erfahrung entwickelte er seine kontemplativen Exerzitien.

Acht Jahre nach der Entführung – nachdem er die Dokumente verbrannt hatte, mit denen er die Schuld seiner Verfolger beweisen wollte – und sich vier Jahre darauf bei einem Jesuiten-Treffen in Rom mit Pedro Arrupe unterhalten hatte, fühlte er sich endgültig davon befreit.[15]

Wirken in Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1984 gründete Jalics in Gries, Wilhelmsthal, ein eigenes Exerzitien-Haus, das er bis 2004 führte.[16] Er leitete auch in der Schweiz Kontemplationskurse, so im Lassalle-Haus und im Flüeli-Ranft.

Neben Emmanuel Jungclaussen, Sabine Bobert und Peter Dyckhoff ist Jalics der wohl bedeutendste geistliche Begleiter für das hesychastische Gebet im deutschsprachigen Raum. Während bei Dyckhoff allerdings mehr das Ruhegebet nach Johannes Cassian im Vordergrund steht, bildet bei Jalics, wie auch bei Jungclaussen und Bobert, das Jesusgebet das Zentrum des geistlichen Lebens.

Jalics wirkt auch ökumenisch, weil er die christozentrische Dimension des Jesusgebets in den Vordergrund stellt und das Jesusgebet von Christen aller Konfessionen gebetet werden kann. Viele evangelische Geistliche und Schwestern der Communität Christusbruderschaft Selbitz sowie anderer Kommunitäten führte er in die hesychastische Spiritualität des Jesusgebets ein.

Durch sein 1994 erstmals erschienenes Buch Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet wurde Jalics weit bekannt und es fanden sich noch mehr Interessenten für die Praxis des Jesusgebets. Dieses Buch wurde inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt und gilt als bedeutendes Werk zur praxisorientierten Einführung in die Kontemplation.

Franz Jalics lebt in seiner Geburtsstadt Budapest.[17]

Entlastung von Verdächtigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2013 entlastete der von der argentinischen Militärdiktatur Verfolgte den ehemaligen Jesuitenoberen Jorge Mario Bergoglio und derzeitigen Papst: „Dies sind nun die Tatsachen: Orlando Yorio und ich wurden nicht von Pater Bergoglio angezeigt.“[18] Am 5. Oktober 2013 empfing Papst Franziskus Franz Jalics in Rom zu einem persönlichen Gespräch, über dessen Inhalt der Vatikan nichts bekanntgab.[19]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Miteinander im Glauben wachsen: Anleitung zum geistlichen Begleitgespräch. Aus dem Spanischen von Isabella Jalics; Würzburg: Echter, 2008, ISBN 978-3-429-02988-3.
  • Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet. 12. Auflage; Würzburg: Echter, 2009, ISBN 978-3-429-01576-3.
  • Der kontemplative Weg (= Ignatianische Impulse, 14). 5. Auflage; Würzburg: Echter, 2012, ISBN 978-3-429-02767-4.
  • Die geistliche Begleitung im Evangelium. Würzburg: Echter, 2012, ISBN 978-3-429-03482-5.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Pflaum: Die aktive und die kontemplative Seite der Freiheit (=Tübinger Perspektiven zur Pastoraltheologie und Religionspädagogik, 47). Lit, Berlin 2012, ISBN 978-3-643-11732-8; S. 408f (online).
  • Nello Scavo: Bergolios Liste. Herder, Freiburg 2014, ISBN 978-3-451-34046-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://thickethouse.wordpress.com/2010/05/ (Memento vom 15. Juni 2013 auf WebCite)
  2. Eine kurze Übersicht über seine Biographie findet sich im Anhang seines Werkes Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet, Echter Verlag, Würzburg, 2009, ISBN 978-3429015763, S. 400.
  3. SHARON CHURCHER und TOM WORDEN: Special report: The damning documents that show new Pope DID betray tortured priests to the junta. Daily Mail, 16. März 2013; abgerufen am 18. Juni 2013.
  4. Dr. Eckhard Bieger SJ: Der neue Papst in Zeiten der Militärdiktatur: "Er hat mit der Junta verhandelt". Domradio, 15. März 2013; abgerufen am 18. Juni 2013.
  5. Dr. Eckhard Bieger SJ: Der Papst und der Vorwurf des Verrats. explizit, 16. März 2013; abgerufen am 18. Juni 2013.
  6. Sergio Rubin, Francesca Ambrogetti: El Jesuita. Conversaciones con el cardenal Jorge Bergoglio, sj. Vergara & Riba, 2010, ISBN 950-15-2450-7.
  7. Horacio Verbitsky: El silencio; S. 111
  8. http://i.dailymail.co.uk/i/pix/2013/03/16/article-2294580-18B918CC000005DC-484_634x536.jpg
  9. Iain Guest: Behind the Disappearances; S. 34, 35
  10. Behind the Disappearances, S. 35
  11. http://foia.state.gov/documents/Argentina/0000A0AE.pdf
  12. http://foia.state.gov/documents/Argentina/0000A0B9.pdf
  13. http://foia.state.gov/documents/Argentina/0000A145.pdf
  14. http://www.desaparecidos.org/arg/conadep/nuncamas/353.html
  15. George M. Anderson (S.J.): With Christ in Prison: From St. Ignatius to the Present; S. 63, 64
  16. Leben und Werk von P. Franz Jalics SJ, abgerufen am 27. November 2017.
  17. Pater Franz Jalics SJ wird 90 Jahre alt, abgerufen am 27. November 2017.
  18. Militärdiktatur in Argentinien: Pater entlastet Papst Franziskus, 21. März 2013, abgerufen am 24. März 2013.
  19. Jesuitenpater Franz Jalics beim Papst. Radio Vatikan, 5. Oktober 2013; abgerufen am 7. Oktober 2013.