Franz Meurer

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Franz Meurer (2015)

Franz Meurer (* 1951 in Köln) ist ein deutscher katholischer Priester.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franz Meurer wuchs in Köln-Mülheim in der Bruder-Klaus-Siedlung auf und besuchte das Hölderlin-Gymnasium.[1] Anschließend studierte er Sozialwissenschaften und katholische Theologie; 1978 wurde er zum Priester geweiht. Von 1978 bis 1982 war er Kaplan in der Kölner Pfarrei St. Agnes, dann in St. Kosmas und Damian in Pulheim und zuletzt Kreis-Jugendseelsorger im Rhein-Sieg-Kreis.

Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit den 1980er-Jahren gehörte Franz Meurer zum Arbeitskreis Pastoraler Dienste im Erzbistum Köln und war Mitherausgeber von dessen Zeitschrift Wider die Resignation mit Kritik und Anregungen zur kirchlichen Praxis.[2] Seit 1992 ist er Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Theodor und St. Elisabeth in den Stadtteilen Vingst und Höhenberg[3], die als „Problemviertel“ gelten: Dort leben rund 23.000 Menschen, von denen knapp 4000 Sozialhilfe erhalten; jeder Dritte ist Ausländer. „Ein sozialer Brennpunkt – und seit Meurers Schaffen auch ein Hort der Nächstenliebe“, so der Stern.[4] Er initiierte zahlreiche Aktivitäten, von einer Kleiderkammer und einer Essensausgabe über Ferienfreizeiten für 500 Kinder – „HöVi-Land“ genannt und in gemeinsamer Trägerschaft der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden Höhenberg und Vingst[5] – bis hin zu Programmen für Arbeitslose wie etwa die Möglichkeit, einen Gabelstaplerführerschein zu erwerben.[3] Die Grundlage seiner Tätigkeit als Seelsorger ist für ihn die Verbindung von Liturgie und Diakonie.[6] Aber auch Kunstausstellungen unter dem Motto Kunst – Signale aus Vingst fanden seit 1993 regelmäßig zunächst im Pfarrsaal und ab 2003 in der 2002 geweihten neuen Kirche St. Theodor statt: „Ich persönlich halte viel davon, sich über die ästhetische Seite der Religion zu nähern“, so Franz Meurer, weil er die Religion als „eine Art von Kultur“ mit friedensstiftender Wirkung – auch interkulturell und religionsverbindend – sieht.[7][8]

Mit seinen teils unkonventionellen Aktionen sorgt Meurer immer wieder für Aufmerksamkeit: So hielt er zum Beispiel in einer katholischen Sonntagsmesse eine Kollekte für den Bau der umstrittenen Kölner Großmoschee (Erlös: 811,57 Euro)[3][4], verteilte Kondome oder bepflanzte mit seiner Gemeinde 1000 Blumenbeete.[4] Er plädierte für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge[9] und ging auch Konflikten mit der rechtsextremen Bürgerbewegung Pro NRW nicht aus dem Weg: Weil er Wahlplakate der Partei entfernte, musste er zweimal vor Gericht erscheinen. Pro NRW bezeichnete ihn deshalb als „außerordentlich umstrittenen“ und „gutmenschlichen Pfarrer“, der „selbst mit latenten [!] gewaltbereiten Linksextremisten“ zusammenarbeite.[10] Sein entschiedenes Engagement brachte dem „streitbaren rheinischen Christen“ in den Medien zahlreiche Beinamen ein, wie „der Ghetto-Prediger“[4], „Don Camillo aus Vingst“, „kölscher Franziskus“[11] oder „Erzbischof der Herzen“.[12] Zeitweise spricht er die Hörfunkandacht im WDR 2.[13]

Theologische Ausrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Meurers Motto gilt: „Nix is esu schläch, dat et nit für jet jot es.“ („Nichts ist so schlecht, dass es nicht für irgendwas gut ist.“)[14]

Ökumenische Zusammenarbeit mit den evangelischen Nachbargemeinden ist für ihn selbstverständlich: „Ökumene ist doppelt so gut und halb so teuer.“[15] Er gilt als Kenner des christlich-islamischen Dialogs und engagiert sich vielfältig für das friedliche Miteinander von Christen und Muslimen: „Wer bei uns im Viertel Muslime verachten würde oder seitens der Muslime die Christen verachten würde, hätte einen schweren Stand“; trotz hoher Arbeitslosigkeit, Armut und Verwahrlosung sei das Miteinander der Religionen und Kulturen im Stadtviertel gut,[8] und ein gutes Klima dafür entstehe durch Wohlwollen, welches mehr sei als Respekt oder Dialog. Dialog geschieht für Franz Meurer im Stadtviertel „vor allem praktisch, weniger durch Gespräch“.[16]

Eingangsbereich zum Sockelgeschoss der Kirche

Beim Neubau der 1992 durch ein Erdbeben schwer beschädigten Pfarrkirche St. Theodor legte Franz Meurer als Pfarrer Wert darauf, dass sie ein für soziale Zwecke nutzbares Sockelgeschoss erhielt, in dem sich die Kleiderkammer, eine Küche, Räume für Lebensmittelausgabe, Gemeindewerkstatt und Garage befinden. Darin drückt sich die Programmatik in Meurers Theologie aus: „Die Basis von allem ist die Barmherzigkeit. […] Der Diakonie-Keller ist auch das Fundament für den ganzen Kirchbau.“ An den darüber liegenden runden eigentlichen Kirchenraum sind tangential und zum Kirchenraum hin offen ein Café und eine lange Galerie für Kunstausstellungen angegliedert: „Weltlicher und sakraler Raum stehen miteinander im Dialog, sind nicht vermischt, aber aufeinander bezogen und gehören zusammen. […] In der Zuwendung zum anderen entstanden bereits Gemeinschaft und Gleichheit. Im Gottesdienst finden sie ihren besonderen Ausdruck.“ Über einen spiralförmigen Weg außen am Kirchbau, an dem die Stationen des Kreuzwegs angeordnet sind, ist das begehbare Dach zu erreichen, das einen Blick über die Stadt gewährt: ein „Blick, der einerseits die Erinnerung an den Kreuzweg und damit andererseits die Menschen im Viertel nicht aus den Augen verliert“; Franz Meurer erkennt darin „die vierte Dimension kirchlichen Handelns“ neben Gottesdienst, Diakonie und Gemeinschaft: „den anderen von dem Zeugnis abzulegen, was einen selber trägt“.[17]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2002 wurde Franz Meurer erster Kölner „alternativer Ehrenbürger“. 2004 erhielt er die Kardinal-Frings-Medaille des Katholisch-Sozialen Instituts[18] und 2010 den HumanAward der Familie Kluge Stiftung.[19] Von der Großen Mülheimer Karnevals-Gesellschaft wurde er 2014 mit dem Goldenen Steuerrad für sein außergewöhnliches Engagement geehrt.[12] Damit verbundene Geldbeträge steckt Meurer stets in seine Projekte. Als der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani 2009 den Hessischen Kulturpreis erhielt, gab er sein Preisgeld in Höhe von 11.500 Euro an Meurer weiter.[20]

2015 erhielt Pfarrer Meurer den Deutschen Fundraising-Preis für „besondere Leistungen bei der Mittelbeschaffung für gemeinnützige Zwecke“. Er kämpfe „mit Kreativität, Humor und auch gegen Widerstände für die gute Sache“, hieß es zur Begründung.[21]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Als Herausgeber: Ort Macht Heil: Ein Lese- und Praxisbuch über lebensraumorientierte Pastoral in Köln-HöVi. Berlin/Münster 2006. KirchenZukunft konkret, Bd. 3, ISBN 978-3-82588238-9
  • Mit Jürgen Becker und Martin Stankowski: Von wegen nix zu machen. Werkzeugkiste für Weltverbesserer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, ISBN 3-462-03795-1.
  • Mit Peter Otten: Wenn nicht hier, wo sonst? Kirche gründlich anders. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, ISBN 978-3-579-06560-1
  • Mit Peter Otten: Bibel reloaded. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013, ISBN 978-3-579-06586-1
  • Mit Peter Otten: Himmel reloaded. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, ISBN 978-3-579-08506-7
  • Mit Jochen Ott und Peter Otten: Rheinischer Kapitalismus. Eine Streitschrift für mehr Gerechtigkeit. Greven 2014, ISBN 978-3-7743-0631-8
  • Begegnung und Einheit. Interreligiöse Praxis in der Pfarrei und im Umfeld des Kölner Moscheebaus. In: Lebendige Seelsorge 4/2013, S. 263–268.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Franz Meurer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bianca Pohlmann: Kardinal Woelki: Tief in Köln verwurzelt. In: rundschau-online.de. 10. Juli 2014, abgerufen am 17. April 2015.
  2. Diözesanbibliothek Köln, becker-huberti.de.
  3. a b c Körber-Stiftung Hamburg: Franz Meurer: KörberForum. In: koerber-stiftung.de. 21. September 2007, abgerufen am 17. April 2015.
  4. a b c d Christian Parth: Katholische Kirche mal anders: Der Ghetto-Prediger. In: stern.de. 29. März 2007, abgerufen am 17. April 2015.
  5. HöVi-Land: Das Kinderland. In: hoevi-land.de. 26. Juni 2015, abgerufen am 17. April 2015.
  6. Pfarrbrief St. Agnes Köln, 2/2007, abgerufen am 17. April 2015.
  7. hoevi.info, abgerufen 17. April 2015.
  8. a b Ulrike Hummel: Kunst und Religion in der offenen Moschee Deutsche Welle, vom 4. Oktober 2012, abgerufen am 18. April 2015.
  9. Kölner Sozial-Pfarrer zur Flüchtlings-Hilfe in seiner Gemeinde – domradio.de. In: domradio.de. 1. Oktober 2014, abgerufen am 18. April 2015.
  10. PRO NRW – KV Leverkusen – Skandal- Pfarrer Franz Meurer tritt in Leverkusen auf. In: leverkusen.pro-nrw.net. 14. Januar 2014, abgerufen am 17. April 2015.
  11. Robert Baumanns: Meisner-Nachfolge: Pfarrer Meurer will nicht Erzbischof werden. In: express.de. 6. April 2014, abgerufen am 17. April 2015.
  12. a b Das Goldene Steuerrad der G.M.K.G. 2014 für Pfarrer Franz Meurer. In: gmkg.de. Abgerufen am 17. April 2015.
  13. http://www.kirche-im-wdr.de/autoren/meurer/ansicht/show/
  14. Gabi Knops-Feiler: Leverkusen: Kölner Pastor Meurer ist jetzt 'Ehrenfunk'. In: rp-online.de. 3. Februar 2014, abgerufen am 17. April 2015.
  15. domradio.de, Interview 14. Juni 2013, abgerufen am 18. April 2015.
  16. Franz Meurer: Begegnung und Einheit. In: Lebendige Seelsorge 4/2013, S. 263–268, hier S. 263.266.
  17. Franz Meurer, Peter Otten: Wenn nicht hier, wo sonst? Kirche gründlich anders. Gütersloh 2011, S. 87–90.
  18. Kardinal-Frings-Medaille für den Kölner Pfarrer Franz Meurer – domradio.de. In: domradio.de. 1. Januar 2004, abgerufen am 17. April 2015.
  19. Universität zu Köln – Familie Kluge Stiftung. In: hf.uni-koeln.de. 11. Mai 2012, abgerufen am 17. April 2015.
  20. Koch entschuldigt sich bei Verleihung des Hessischen Kulturpreises – domradio.de. In: domradio.de. 26. November 2009, abgerufen am 17. April 2015.
  21. Fundraising-Preis 2015 für Kölner Sozialpfarrer Meurer – domradio.de. In: domradio.de. 15. April 2015, abgerufen am 17. April 2015.