Franz Wieacker

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Franz Wieacker (* 5. August 1908 in Stargard, Pommern; † 17. Februar 1994 in Göttingen) war ein deutscher Privatrechtler und Rechtshistoriker.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wieackers Eltern waren Franz Wieacker, später Präsident des Landgerichts Stade, und dessen Ehefrau Johanna, geb. Ostendorf, aus Schleswig.[1] Wieacker besuchte eine Schule in Weilburg und das Athenaeum in Stade.[2] Nach dem Abitur am Ernestinum Celle studierte er Rechtswissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen. 1926 wurde er Mitglied des Corps Rhenania Tübingen, dem er zeitlebens eng verbunden blieb.[3] Als Inaktiver wechselte er an die Ludwig-Maximilians-Universität München und die Georg-August-Universität Göttingen.

Nach dem Referendarexamen folgte er 1929 seinem Lehrer Fritz Pringsheim an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.[4] 1930 promovierte er mit einer Arbeit über Probleme der kaufrechtlichen Verfallsklausel zum Dr. iur. Von Pringsheim und Otto Lenel erfuhr er eine freirechtliche, die klassische Jurisprudenz verehrende Prägung. Auch Joseph Partsch nahm auf ihn Einfluss.[5] Seit 1933 Privatdozent, lehrte er zwei Semester als Gastdozent an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Ihre juristische Fakultät sollte zu einer nationalsozialistischen Musterfakultät ausgebaut werden. In das Umfeld dieser Kieler Schule gehört in zeitlicher Hinsicht auch Wieacker. Er war Mitglied der NSDAP[6] und des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbunds.[7] Weiterhin war er seit 1937 Mitglied der von Hans Frank gegründeten nationalsozialistischen Akademie für Deutsches Recht. Er saß im Ausschuss Jugendstrafrecht und beteiligte sich während des Zweiten Weltkriegs an der Aktion Ritterbusch.[8]

Die Universität Leipzig berief Wieacker 1937 als außerordentlichen Professor und 1939 als ordentlichen Professor. Nach dem Kriegsdienst und wenigen Monaten Kriegsgefangenschaft übernahm er zum Wintersemester 1945 einen Lehrauftrag in Göttingen.[9] 1948 wurde er Professor für Römisches Recht, Bürgerliches Recht und Neuere Privatrechtsgeschichte an der Universität Freiburg. 1953 wechselte er auf einen Lehrstuhl in Göttingen. Dort wurde er 1973 emeritiert. Mit einem kleinen Teleskop frönte er der Astronomie.[1] Beim Trauergottesdienst in der St.-Nikolai-Kirche in Göttingen am 24. Februar 1994 hielten Lothar Perlitt und Okko Behrends Trauerreden.[10]

Wieacker war Ehrendoktor der Universitäten Freiburg, Glasgow und Uppsala. 1969 wurde er in den Orden Pour le Mérite aufgenommen. Außerdem war er Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland mit Stern, des Großen Verdienstkreuzes des Niedersächsischen Verdienstordens und Träger des italienischen Premio Feltrinelli (1985). Die Stadt Göttingen verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde und ehrte ihn zum 100. Geburtstag mit einer der Göttinger Gedenktafeln am Michaelishaus, dem ehemaligen Sitz Wieackers Instituts für Römisches und Gemeines Recht, die von Christine Langenfeld enthüllt wurde.[11]

In der Nachkriegszeit gehörte er zu den führenden deutschen Rechtsgelehrten. Wieacker arbeitete leidenschaftlich auf dem Gebiet der Geschichte der klassischen bis spätantiken Juristenschriften, deren Textstufen er rekonstruierte. 1960 erschien dazu sein Werk: Textstufen klassischer Juristen. Zu weiteren wichtigen Werken zählen Privatrechtsgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung (1952), das lange die unübertroffene Gesamtdarstellung der rechtsgeschichtlichen Disziplin[12] war und die Römische Rechtsgeschichte, 2 Bde., im Handbuch der Altertumswissenschaft, München 1988 und 2006.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rainer Assmann: Franz Wieacker Rhenaniae Tübingen. In: Deutsche Corpszeitung. 1994, S. 91–94.
  • Okko Behrends: Franz Wieacker 5.8.1908 – 17.2.1994. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Romanistische Abteilung, 112 (1995), S. XIII–LXII.
  • Okko Behrends, Eva Schumann (Hrsg.): Franz Wieacker. Historiker des modernen Privatrechts. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0763-6.
  • Raoul C. van Caenegem: Legal historians I have known: a personal memoir. In: Rechtsgeschichte. Zeitschrift des Max-Planck Instituts für europäische Rechtsgeschichte 17 (2010), S. 253–299.
  • Gabor Hamza: Erinnerung an Franz Wieacker (1908–1994). In: Acta Facultatis Politico-iuridicae Universitatis Scientiarum Budapestinensis de Rolando Eötvös nominatae 34 (1993-94), S. 119–121.
  • Gabor Hamza: Franz Wieacker (1908–1994). In: Annales Universitatis Scientiarum Budapestinensis de Rolando Eötvös nominatae. Sectio Juridica 36 (1995) S. 165–168.
  • Hans-Ludwig Schreiber: In memoriam Franz Wieacker. Akademische Gedenkfeier in Göttingen mit Grußworten von H.-L. Schreiber und U. Mölk, Gedenkworten von R. von Weizsäcker und G. Pugliese sowie der Gedenkrede von J. G. Wolff, Göttingen 1995.
  • Joseph Georg Wolf: Franz Wieacker (5. August 1908 – 17. Februar 1994). In: Stefan Grundmann (Hrsg.): Deutschsprachige Zivilrechtslehrer des 20. Jahrhunderts in Berichten ihrer Schüler. Eine Ideengeschichte in Einzeldarstellungen. Bd. 1, de Gruyter Recht, Berlin 2007, S. 73–86.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Deutsche Corpszeitung 1994.
  2. Zivilrechtslehrer des 20. Jahrhunderts.
  3. Kösener Corpslisten 1960, 128, 835.
  4. Elmar BundPringsheim, Fritz. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 728 f. (Digitalisat).
  5. Reinhard Zimmermann: Heutiges Recht, Römisches Recht und heutiges Römisches Recht. In: Reinhard Zimmermann u. a. (Hrsg.): Rechtsgeschichte und Privatrechtsdogmatik. C.F. Müller, Heidelberg 1999, S. 1–39 (23).
  6. Konrad Krause: Alma mater Lipsiensis. Geschichte der Universität Leipzig von 1409 bis zur Gegenwart. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2003, S. 299 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Franz Wieacker im Professorenkatalog der Universität Leipzig, abgerufen am 22. Juli 2015.
  8. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 675.
  9. Michael Stolleis: Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Band 4, Beck, München 2012, S. 111 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. Thümmler, Corpszeitung der Rhenania Tübingen, April 1994, S. 24.
  11. Georg-August-Universität Göttingen: Enthüllung einer Gedenktafel für Franz Wieacker am Michaelishaus, abgerufen am 22. September 2008
  12. Gedenkrede von Joseph Georg Wolf, In Memoriam Franz Wieacker, Göttinger Universitätsreden, Band 90, 1995, S. 17 ff.; Joachim Rückert: Geschichte des Privatrechts als Apologie des Juristen, Franz Wiecker zum Gedächtnis, Quaderni Florentini 24, 1995, S. 531 ff; Okko Behrends: ZSS (RA), Ausgabe 112, 1995, XIII.