Franziska Linkerhand

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Franziska Linkerhand ist ein unvollendeter Roman von Brigitte Reimann, der 1974 postum in Ost-Berlin erschien. Zwanzig Jahre hat die Autorin geschrieben; davon die letzten zehn[1] an diesem Roman[A 1], der ihr bedeutendstes literarisches Werk ist. Aufgrund seiner ungewöhnlich offenen Schilderung des DDR-Alltags spielte das Buch in den 1970er/ 1980er Jahren eine wichtige Rolle für die kritische Auseinandersetzung innerhalb der DDR. Der Roman trägt stark autobiografische Züge. 1998 erschien eine ungekürzte Neuausgabe.

Die junge ehrgeizige Architektin Franziska Linkerhand, aus bürgerlichem Elternhaus stammend, geht voller Enthusiasmus nach Neustadt am östlichen Rand der DDR, um ihre Ideale von menschenwürdigem Städtebau in dem neu entstehenden Ort zu verwirklichen. Ihr Anspruch gerät in scharfen Konflikt mit den ökonomischen Zwängen, mit ideologischer Verkrustung und der resignativen Haltung ihrer Architekten-Kollegen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franziskas Nacherzählung der sehr schwierigen Jugendzeit, an ihren Geliebten Ben adressiert, setzt kurz nach dem 30. April 1945 ein. Der Führer sei in Berlin „an der Spitze seiner Truppen gefallen“[2]. Franziskas Vater, ein protestantischer Verleger alter Schule, im Text stets „Linkerhand“ benannt, distanziert sich im Nachhinein vom Diktator. Er habe ihn nicht gewählt. Die Eltern kommen mit der neuen Gesellschaftsordnung nicht zurecht und gehen Anfang der sechziger Jahre nach Bamberg. Die Architektur liegt in der Familie. Ein Bruder der Großmutter war Stadtbaumeister in Franziskas Geburtsort an der Elbe.[A 2]

Die um 1938 geborene Franziska erzählt von den Maitagen 1945, also vom nahtlosen Übergang in den Bolschewismus[3]. Es wird die rote Fahne herausgehängt[4]. Franziska erweitert ihr Vokabular um das Wort „Kapitalist“. So nennen die Russen den Vater Linkerhand, der seine mittelalterlichen Kunstschätze vergeblich vor den findigen Siegern im Salatbeet vergräbt. Nicht der Vater ernährt die Familie in jenem Frühjahr, sondern vornehmlich Franziskas acht Jahre älterer Bruder Wilhelm.

Wilhelm studiert - zweitausend Kilometer von der Schwester entfernt - Kernphysik. Man trifft sich höchstens einmal im Jahr; diskutiert den Fall Oppenheimer. Später promoviert Wilhelm und arbeitet als privilegierter Wissenschaftler in Dubna.

Mit achtzehn wird Franziska von dem 19-jährigen Arbeiter Wolfgang Exß entjungfert. Wilhelm - auf Heimaturlaub - verprügelt den stiernackigen Verführer. Franziska heiratet Wolfgang. Die Ehe scheitert.

Unter ihrem Lehrer Prof. Reger, einem berühmten Architekten, macht Franziska das Diplom. Reger nimmt Franziska sogar in sein Haus auf. Die 24-Jährige entscheidet sich jedoch gegen eine Mitwirkung an Regers Prestige-Projekten und für den Städtebau. Sie geht nach Neustadt, wo Wohnungen für die Arbeiter eines großen Kombinats gebaut werden müssen (literarisches Vorbild für Neustadt ist Hoyerswerda mit dem Gaskombinat Schwarze Pumpe). Dort wird Genosse Schafheutlin ihr Vorgesetzter. Die geschiedene Franziska soll mit dem 28-jährigen Kollegen Jazwauk - dem letzten Junggesellen auf der Baustelle - die Sanierung der Altstadt planen. Die Neue stürzt sich auf die Arbeit. Chef Schafheutlin hat andere Sorgen, als sich für die hochfliegenden Pläne seiner neuen Mitarbeiterin zu erwärmen. Er warnt Franziska von Anfang an eindringlich: Schnell und billig viele Wohnungen für die Berufstätigen bauen sei die vordringliche und einzige Aufgabe. Schafheutlin, der Franziska gelegentlich gern ermahnt[A 3], ist stolz auf die Resultate dank der modernen industriellen Plattenbauweise. Franziska hält dagegen: Abends sei Neustadt „toter als Pompeji und Herkulanum[5]. Schafheutlin selbst wohnt mit Gattin und vier Kindern in seinem Haus, eine Stunde vom Ort der Handlung entfernt.

Eines Abends, als Franziska mit Schafheutlin ein Restaurant besucht, entdeckt sie unter den Gästen einen Mann, der Wilhelm ähnelt und nennt den Fremden bei sich Ben - wie ihren Wunsch-Geliebten.. Er heißt Wolfgang Trojanowicz Franziska ist fasziniert von seiner Männlichkeit und seinem abgeklärten Zynismus. Trojanowicz provoziert sie mit der Meinung, der Wohnungsbau in Neustadt habe lediglich „eine Siedlung von Fernsehhöhlen“[6] hervorgebracht. Sie begegnen sich zunächst eher zufällig. Franziska wird von Eifersucht geplagt, weil Trojanowicz mit Sigrid - einer Sport- und Russisch-Lehrerin - liiert ist. Obwohl zwischen ihr und Trojanowicz nach und nach ein kompliziertes und fragiles Liebesverhältnis entsteht, geht Trojanowicz schließlich zu Sigrid zurück.

Gegen Ende des Fragments erzählt Brigitte Reimann Trojanowiczs Vergangenheit in Form eines Protokolls. Von Masuren aus über das vereiste Haff geflüchtet, avanciert er nach dem Kriege zum FDJ-Sekretär und wird am 17. Juni als „roter Agitator“ zu empörten Leipziger Arbeitern vorgeschickt. Genosse Trojanowicz profiliert sich nach dieser Mutprobe - auf der er fliegenden Schraubenschlüsseln ausweichen musste - als Journalist. 1956, während er in Leipzig promoviert, lernt er Sigrid kennen. Im selben Jahr wird Trojanowicz nach den Ungarn-Ereignissen aufgrund nicht bewiesener Verdächtigungen festgenommen und zu vier Jahren Bautzen verurteilt[7]. Im letzten der vier Jahre arbeitet er in einem Haftlager beim Bau eines Kombinats auf der grünen Wiese.

Franziska erkennt zunehmend, dass ihre Arbeit mit Typenprojekten an diesem - wie sie sagt - „architektonischen Verbrechen“[8] in jener „Hundetürkei“ rund um Neustadt - auch eine Technische Zeichnerin machen könnte. Die „Studententräume“ der jungen Architektin halten dem Neustädter Alltag, ausgefüllt auch mit „Fenstersturz, Gashahn, Schlaftabletten“[9], nicht stand. Sie gesteht sich ein, versagt zu haben.[10] Aus dem Gesamtkontext des Romans ist jedoch deutlich, dass dies kein persönliches Versagen, sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Konflikt ist, der auf tragische Weise unlösbar bleibt: Die ökonomischen Zwänge, in schnellster Zeit Wohnraum für Tausende zu schaffen, kollidieren mit Franziskas Anspruch, „Häuser zu bauen, die ihren Bewohnern das Gefühl von Freiheit und Würde geben“[11]. Am Ende verweist das Buch über das momentane Scheitern auf eine Utopie hinaus: „Es muss, es muss sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristem Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen, und ich bin ihr auf der Spur, hochmütig und ach, wie oft, zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden.“[12]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich hatte Brigitte Reimann vor, einen Entwicklungsroman zu schreiben, wie es sowohl ihren bisherigen literarischen Arbeiten als auch dem kulturpolitischen Zeitgeist entsprochen hätte. Der Literaturkritiker Günter Ebert, der über die einzelnen Entwicklungsstadien des Romans jeweils Gutachten für das Ministerium für Kultur schrieb, skizzierte die Fabel wie folgt: „Die Entwicklung einer jungen Architektin, die sich lösen muss vom gestrigen Elternhaus, vom autoritären Lehrer, dem Professor Reger, einem berühmten Architekten, sie muss lösen den Bau einer neuen Stadt, Neustadt nämlich, ebenso, wie sie ihre Liebe finden muss. Ein Entwicklungsroman also (...).“[13] Während der zehnjährigen Schreibarbeit entfernte sich die Autorin jedoch immer mehr von diesem Konzept. Der Grund liegt nicht zuletzt in ihrer wachsenden Enttäuschung über den „real existierenden Sozialismus“ in der DDR. Um die Chancen auf eine Veröffentlichung nicht von vornherein zu minimieren, hielten jedoch sowohl der Verlag Neues Leben, in dem das Buch erscheinen sollte, als auch der Gutachter Günter Ebert an der Strategie fest, das Buch als Entwicklungsroman anzukündigen. Schon 1968 schrieb Brigitte Reimann jedoch in einem Brief an den Architekten Hermann Henselmann: „Übrigens ist auch der genehme positive Schluss (...) vielleicht gar nicht der Schluss, den ich später finden werde. Das ist alles noch offen.“[14] Am 28. Oktober 1969 notierte sie in ihr Tagebuch: „Seit ich weiß nicht wievielen Seiten steuert es ja auf einen bitteren Schluss zu...“[15]

Sowohl ihre Krankheit als auch die zunehmende politische Desillusionierung machten es Brigitte Reimann immer schwerer, das Manuskript überhaupt zu vollenden. Sie beschrieb in ihrem Tagebuch eine regelrechte Entfremdung von den Figuren und Konflikten des Romans. Christa Wolf berichtet über einen Besuch im Krankenhaus kurz vor Brigitte Reimanns Tod: „Ihr Buch sei ihr fragwürdig geworden, sagt sie, es fehle noch die Überarbeitung des vorletzten Kapitels und ein kurzes trauriges Kapitel von 15 Seiten an den Schluss. Inwiefern traurig? Na, weil mein Mädchen da ihren Liebsten verloren hat und nun angeschlagen, mit Wunden bedeckt, in ihre Stadt zurückgeht.“[16] In den letzten handschriftlichen Skizzen zum Roman-Ende findet sich noch eine andere Variante für den Schluss: Franziskas Entwurf für einen Architekten-Wettbewerb wird durch ihren Chef Schafheutlin von vornherein benachteiligt. „Sie hatte den Zweikampf verloren, noch ehe sie ihn antrat.“[17] Mit diesem Satz enden ihre Notizen.

Editionsgeschichte der Erstausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1974 im Verlag Neues Leben erschienene Erstausgabe des Romans stand lange im Verdacht, sehr starke, politisch motivierte Kürzungen und Abweichungen vom Original-Typoskript und sogar „ganze Passagen von fremder Hand“[18] zu enthalten, die angeblich unter Einflussnahme der Stasi entstanden.[19] Inzwischen ist die Editionsgeschichte der Erstausgabe hinreichend erforscht und der Umfang der Kürzungen ist bekannt. Es sind ca. 4 % des Original-Typoskripts. [20] Nach Withold Bonners Analyse handelt es sich dabei um unterschiedlich motivierte Kürzungen und Streichungen, jedoch sind keine Texte nach Brigitte Reimanns Tod neu hinzugefügt worden. Zum einen waren die Veränderungen Bestandteil normaler Lektorats- Arbeit, die der Lektor Walter Lewerenz in engem Kontakt mit Brigitte Reimann versah. Hier ging es vor allem um Stilbrüche, Redundanz und die für den damaligen Zeitgeschmack zu explizite Darstellung von Sexualität. Der Hauptgrund für Kürzungen und Abschwächungen ist jedoch zweifellos politischer Natur. Schon Brigitte Reimann beklagt den „unausrottbaren Selbstzensor“[21], der es ihr verbiete, missliebige Themen so offen anzusprechen, wie sie es eigentlich wolle. Auch der Verlag riet der Autorin zu Abschwächungen, um die Veröffentlichung des Buches nicht von vornherein in Frage zu stellen.

Die meisten Veränderungen betrafen das 13. Kapitel, in dem die Biografie des Wolfgang Trojanowicz geschildert wird. Withold Bonner zählt 31 kurze und längere Auslassungen[22], wobei die Motive hier am schwierigsten zu differenzieren sind. Brigitte Reimann hatte dem Lebensweg Trojanowiczs die Schicksale von Erich Loest und Reiner Kunze zugrunde gelegt, was nach Meinung des Lektorats zu einer Überfrachtung der literarischen Figur führte. Auch der Gutachter Günter Ebert argumentiert nicht politisch, sondern mit kritischen Einwänden zu Komposition und Sprache gegen dieses Kapitel.[23] Ob die Stilkritik lediglich eine Verbrämung der Ideologiekritik war, ist aus heutiger Sicht schwer zu entscheiden. Der Vergleich der Buchausgabe mit dem Typoskript verdeutlicht, welche Themen es insbesondere waren, die politischen Sprengstoff enthielten: Dazu gehörten die Aufdeckung der Verbrechen Stalins auf dem XX. Parteitag der KPdSU, der Ungarn-Aufstand und das politische Strafrecht in der DDR. Mitunter geht es auch nur am das Weglassen politisch anstößiger „Reizwörter“ (wie die Nennung des Ortes „Bautzen“ als allgemein bekannter Haftanstalt für politische Gefangene).

Andere Tabu-Themen im Gesamt-Typoskript waren das hohe Alter der Politbüro-Mitglieder, der massenhafte Konsum von West-Fernsehen in der DDR, die Vergewaltigungen und Plünderungen durch die Rote Armee am Kriegsende sowie die Selbstmordrate der DDR. Hier wurden explizite Beschreibungen und Fakten gestrichen, wobei für die Leser der DDR häufig Andeutungen genügten, um die intendierte Kritik zu verstehen. Deshalb kann von den Kürzungen nicht darauf geschlossen werden, dass das Buch seiner Sprengkraft beraubt oder gar in seiner Erzählabsicht verfälscht worden wäre. „Trotz der Kürzungen ist der Roman in den 70er Jahren dort [in der DDR] zu einem Kultbuch für eine ganze Generation geworden. Wer die Verantwortlichen für die vorgenommenen Kürzungen pauschal verurteilt, muss sich fragen, ob Brigitte Reimann mehr damit gedient gewesen wäre, wenn der Roman Jahrzehnte in einer Schublade verblieben oder lediglich im Westen erschienen wäre, wo er für das Lesepublikum nie die Rolle hätte spielen können, die er für seine Leserschaft in der DDR hatte.“, schlussfolgert Withold Bonner.[24]

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brigitte Reimann experimentiert in diesem Roman mit Erzählformen, die zur Zeit der Entstehung des Romans in der DDR-Literatur keineswegs üblich waren. So wechselt der Roman zwischen auktorialer Perspektive und Ich-Erzählung. Mitunter vollzieht sich der Übergang mitten im Satz. Die Perspektive der Franziska-Figur ist auf diese Weise kaum von der Perspektive der Autorin zu trennen, und selbst in den auktorialen Passagen ist der Erzähler keine allwissende Instanz, die die Haltungen und Ansichten der Hauptfigur quasi korrigiert und kontextualisiert. Brigitte Reimann unterstreicht mit diesen formalen Elementen ihr Insistieren auf einer persönlichen Sicht, die sich nicht an der Erfüllung kulturpolitischer Leitlinien orientiert. Eine weitere strukturelle Besonderheit stärkt den Charakter des Subjektiven, fast Intimen: Franziska adressiert ihren Lebensbericht an den „idealen Geliebten“, den sie Ben nennt[A 4]. Diese Wunsch-Projektion verschmilzt später mit der realen Figur des Kipperfahrers Wolfgang Trojanowicz. Da diese Liebe scheitert, kann der Roman auch als Abschiedsbrief an den Geliebten interpretiert werden - den idealen wie den realen.

Brigitte Reimann erzählt nicht im zeitlichen Kontinuum; Vor- und Rückgriffe wechseln mit Passagen, in denen der Zeitfluss stoppt und poetischer Reflexion Raum gegeben wird. Diese Technik des Bewusstseinsstroms führt mitunter zur extremen Verkürzung von Sätzen und sprachlichen Ellipsen: „Am Ostseestrand erholen sich. Zu Gast bei ihm.“[25] Der Roman zeichnet sich durch einen Reichtum an poetischen Metaphern aus, was der Autorin bei manchen Kritikern den Vorwurf einbrachte, zu nahe am Kitsch zu sein.[26]

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Da kommt ein Mädchen, jung, begabt, voller leidenschaftlicher Pläne, in die Baukastenstadt und träumt von Palästen aus Glas und Stahl – und dann muss sie Bauelemente zählen, schnell bauen, billig bauen, sich mit tausend Leuten herumschlagen (o, keine heldenhaften Schlachten, sondern die kleinen, zermürbenden Streitereien, und das Bachirewtum muss man sich abschminken, und die Heldentaten bestehen darin, dass man um ein paar Zentimeter Fensterbreite kämpft, und alles ist so entsetzlich alltäglich, und wo bleiben die großen Entwürfe der Jugend?“ schrieb Brigitte Reimann in einem Brief an Annemarie Auer.[27] In einem Schreiben vom 5. Januar 1970 an dieselbe Adressatin nennt die Verfasserin den Entwicklungsroman[28] ihr „Unglücksbuch“[29]. Nach Heinz Plavius liegt ein Architektur- und Liebesroman vor[30]. Karin Hirdina bescheinigt Brigitte Reimann Ehrlichkeit und Tiefe bei der Wiedergabe eines Ausschnittes der DDR-Wirklichkeit[31].

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Druckgenehmigung eines Werkes erteilte seinerzeit die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur der DDR. In dem ausschlaggebenden diesbezüglichen Außengutachten wird das Buch als Lektüre einer „Selbstverwirklichung“ gelobt.[32]

DDR-Stimmen zur Erstausgabe 1974
  • Nach Annemarie Auer[33] (im ND vom 29. Juli 1974) habe Brigitte Reimann „Stoff von ihrem Stoffe“ eingebracht. In dem Sinne äußert sich auch Günter Ebert am 19. Juli 1974 in Neubrandenburg: Franziska gäbe sich unüblicherweise preis.[34]
  • Rulo Melchert (Junge Welt am 6. September 1974) bemerkt über den ganzen Text hinweg einen „starken optimistischen Zug“.[35] Weder eine „Leidensgeschichte“ (Klaus Jarmatz am 15. September 1974 in der Berliner Zeitung) noch ein „Klagelied“ (Karin Hirdina in „Sinn und Form“, 1975, Heft 2, S. 434) werde zelebriert.[36] Auch der Architekt Hermann Henselmann (Die Weltbühne, 1974, Nr. 35, S. 1108) hält Franziskas Scheitern für nicht weiter schlimm. Hauptsache sei, sie behalte ihre Schöpferkraft.[37] Lediglich Anne Dessau (im Forum, Berlin, Novemberheft 1975) und der Architekt Wolfgang Kil (in „Architektur in der DDR“, Berlin, Novemberheft 1975, S. 702) stören die Harmonie dieses Kanons. Dessau hört „Bitterkeit über... nicht lösbare Probleme“ heraus und Kil erkennt Brigitte Reimanns Mut an. Kil ermahnt seine Kollegen aus der Fraktion DDR-Architektur: „Nachdenken müssen wir alle selber“.[38]
BRD-Stimmen zur Erstausgabe 1974
  • Zwar ist Gabriele Wohmann irritiert und befremdet, doch anerkennt sie die „Lebendigkeit“ und das Nichtvorhandensein des „Denkens“ an „Vergänglichkeit“ im Buch[39]. Im übrigen meint Wohmann, die östliche Herkunft des Buches sei nur am niedrigen Ladenpreis erkennbar[40]. Auch Peter Pawlik (Stuttgarter Zeitung vom 12. Oktober 1974) ist einerseits irritiert. Manches im Roman passe einfach nicht in die bewährten Schubladen Gut und Böse. Doch andererseits sei der Roman eines der Bücher über die selten „wahrheitsgemäße“ Abbildung der „Arbeitswelt“[41]. In dem Sinne lobt auch Hedwig Rohde (Der Tagesspiegel vom 26. Januar 1975), die Autorin habe sich endlich von ihrer früheren Anlehnung an die „Sowjetromane“ gelöst und zu „vielschichtiger“, „subjektiver“ Schreibweise gefunden[42].
  • Heinz Mudrich (Saarbrücker Zeitung vom 14. Juni 1975) und Wolfgang Werth (DLF am 21. Oktober 1974) warfen Brigitte Reimann Kitschpassagen vor[43].
  • Rolf Michaelis (Die Zeit vom 16. Januar 1976) konstatiert die destruktive Wirkung des Sozialismus auf den Menschen[44].
Neuausgabe 1998
  • Mit Neustadt könnte Hoyerswerda gemeint sein.[45]
  • Indem sich Franziska von Wolfgang Exß trenne, wende sie sich von der Arbeiterschaft ab[46].
  • Mit solchen Bildern wie dem der bleichen „Prinzessin, die ein purpurrotes Pferd über den Himmel entführte“[47] eröffne die Autorin in ihrem Text eine poetische Dimension[48].
  • Jede Liebesbeziehung Franziskas zu einem Manne bliebe unerfüllt.[49]
  • Manches habe das „MfS“ in der Erstausgabe gestrichen - zum Beispiel die Stelle, als der junge Arzt auf Franziskas Befragen sich zu den Suizidziffern in den Neustädter Wohnungsneubauten äußert[50]. Angela Drescher habe gegenüber der Erstausgabe zirka vier Prozent gestrichenen Textes retten können. Zum Beispiel Stellen, an denen Fehler der Sowjetmenschen benannt wurden, seien anno 1974 - ebenso wie das genannte Suizidthema - dem Rotstift zum Opfer gefallen.[51] Doch nicht alle damaligen Streichungen hätten politische Ursachen gehabt.[52]
  • Die Inhaftierung des Journalisten Trojanowicz wegen angeblicher konterrevolutionärer Umtriebe sei dem Fall Erich Loest nachempfunden. Franz Dahlem habe Brigitte Reimann zur Einflechtung dieses Parts geraten[51].
  • Dem Anschein nach habe Brigitte Reimann über das Romanende noch keine ausreichende Klarheit gehabt.[53]
  • Im Grunde sei der Roman mit viel zu vielen Nebengeschichten überfrachtet.[54] So lassen sich Barner und Mitarbeiter in ihrer dickleibigen Literaturgeschichte überhaupt nicht auf das ungeheure Fragment ein. Man kapituliert glattweg vor der „Materialfülle“[55].
  • Plötzlich seien alle gesamtdeutschen Kritiker einer Meinung: Der „haltbare“ Text werde vermutlich jedes Exemplar „Nachwendelektüre“ der doch zahllosen Schlauberger-Autoren mühelos überdauern[56].

Mediale Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 21. April 1978: Das gleichnamige Stück wird von Christoph Schroth in Schwerin auf die Bühne gebracht.[57] Angelika Waller spielt die Franziska. Die Bühnenfassung verantworteten die Dramaturgen Bärbel Jaksch und Heiner Maaß. Die Aufführung wird ein großer Erfolg und ist eine der maßstabsetzenden Inszenierungen des DDR-Theaters[58], die sich kritisch mit der Wirklichkeit auseinandersetzen.
  • Januar 1981: Der Film Unser kurzes Leben von Lothar Warneke wird gezeigt.[59] Simone Frost spielt die Franziska, Gottfried Richter den Trojanowicz, Hermann Beyer den Schafheutlin und Christian Steyer den Jazwauk.
  • Mai 2000: Inszenierung Franziska Linkerhand am Staatsschauspiel Dresden. Regie: Irmgard Lange. Winnie Böwe als Franziska[60]
  • 10. Mai 2009: Oper Linkerhand in 33 Bildern von Moritz Eggert, frei nach dem Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann hat Welturaufführung in der Lausitzhalle Hoyerswerda. Libretto - Andrea Heuser, Musikalische Leitung - GMD Eckehard Stier, Inszenierung - Sebastian Ritschel, Ausstattung Karen Hilde Fries, Choreografie - Dan Pelleg, Marko E. Weigert, Franziska I - Sopranistin Yvonne Reich, Franziska II - Schauspielerin Inés Burdow.[61]
  • 16. Mai 2009: Premiere von Linkerhand im Theater Görlitz.
  • 2009 Inszenierung Franziska Linkerhand am Thalia Theater Halle, Regie: Katka Schroth[62]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstausgabe
  • Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand. Roman. Verlag Neues Leben, Berlin 1974
Verwendete Ausgabe
  • Angela Drescher (Hrsg.): Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand. Roman. Nachwort: Withold Bonner. Aufbau-Verlag, Berlin 1998. ISBN 3-351-02852-0

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilfried Barner (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band 12: Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38660-1
  • Barbara Wiesener: Von der bleichen Prinzessin, die ein purpurrotes Pferd über den Himmel entführte - das Utopische im Werk Brigitte Reimanns. Univ. Diss. Dr. phil., Potsdam 2003, 236 Seiten
  • Dieter Schmauß (Hrsg.): Helene und Martin Schmidt: Brigitte Reimann (1933-1973). Begegnungen und Erinnerungen. Veröffentlichungen der Universitätsbibliothek Hagen, anno 2005. Bd. 11, 170 Seiten, ohne ISBN
  • Maria Brosig: „Es ist ein Experiment“. Traditionsbildung in der DDR-Literatur anhand von Brigitte Reimanns Roman „Franziska Linkerhand“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010 (Diss. (PDF; 44 kB) Universität Potsdam: DDR-Literatur in generativer Perspektive: Eine Studie zu literarischen Traditionsbildungsprozessen am Beispiel von Brigitte Reimanns Romanfragment „Franziska Linkerhand“), ISBN 978-3-8260-4379-6
  • Dagmar Fischborn (Dagmar Borrmann): Theatralische Adaptionen epischer Texte als besondere Form der Wechselbeziehung zwischen Theater und Literatur. „Franziska Linkerhand“ und „Das siebte Kreuz“ am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Dissertation A. Deutsche Nationalbibliothek. Signatur Frankfurt: H 85b/6201, Signatur Leipzig: Di 1985 B 4212

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anfang 1965 war ein Verlagsvertrag mit „Neues Leben“, Berlin, zustande gekommen (Wiesener, S. 144, 8. Z.v.o.).
  2. Wiesener (Wiesener, S. 148, 4. Z.v.u.) ist sich ziemlich sicher - Franziskas Geburtsort sei Dresden. Von Dresden fährt man aber keinesfalls drei Stunden D-Zug (Verwendete Ausgabe, S. 122, 13. Z.v.u.) nach Hoyerswerda. Also käme vielleicht noch ein Gemenge aus Dresden und Magdeburg in Frage.
  3. Schafheutlin sagt zum Beispiel zu Franziska: „Sie existieren nicht für sich allein, sondern in einer Gesellschaft.“ (Verwendete Ausgabe, S. 415, 10. Z.v.o.)
  4. Franziska zu Ben alias Wolfgang Trojanowicz: „... ich habe Sie ja erfunden...“ (Verwendete Ausgabe, S. 274, 9. Z.v.u.)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wiesener, S. 144, 2. Z.v.o.
  2. Verwendete Ausgabe, S. 11, 12. Z.v.o.
  3. Verwendete Ausgabe, S. 18, 11. Z.v.u.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 18, 2. Z.v.u.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 229, 3. Z.v.o.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 358, 6. Z.v.u.
  7. Verwendete Ausgabe, S. 551, 10. Z.v.u.
  8. Verwendete Ausgabe, S. 390, 9. Z.v.o.
  9. Verwendete Ausgabe, S. 380, 8. Z.v.o.
  10. Verwendete Ausgabe, S. 540, 13. Z.v.u.
  11. Verwendete Ausgabe, S. 122, 17. Z.v.o.
  12. Verwendete Ausgabe, S. 603-604, 13. Z.v.u.
  13. zitiert nach: Heide Hampel (Hrsg.): Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand? Hrsg. vom Literaturzentrum Neubrandenburg e.V. 1998, ISBN 3-910170-32-3, S. 61
  14. Heide Hampel Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand?, a.a.O., S. 63
  15. Brigitte Reimann: Hunger auf Leben. Eine Auswahl aus den Tagebüchern 1955-1970. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004. ISBN 3-7466-2036-8, S. 290
  16. Brigitte Reimann, Christa Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen und Tagebüchern 1963-1973. Hrsg. von Angela Drescher. Aufbau-Verlag Berlin, 2016. ISBN 978-3-351-03636-2
  17. Heide Hampel Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand?, a.a.O., S. 64
  18. Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?. In: Heide Hampel Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand?, a.a.O., S. 69
  19. Wilhelm Frank: Freundlicher Klaps auf den Hinterkopf und die Folgen. Brigitte Reimanns verdrängte Liaison mit der Stasi. In: Nordkurier vom 6. Juli 1996, Wochenendausgabe, S. 4
  20. Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?, a.a.O., S. 69
  21. Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?, a.a.O. S. 56
  22. Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?, a.a.O. S. 53
  23. Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?, a.a.O. S. 65
  24. Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?, a.a.O. S. 67
  25. Verwendete Ausgabe, S. 453, 7. Z.v.u.
  26. Christoph Dieckmann: Wie‘s war. In DIE ZEIT vom 26. Juli 1996
  27. Brief vom 26. November 1963 In: Was zählt, ist die Wahrheit. Briefe von Schriftstellern aus der DDR, Halle 1975
  28. zitiert bei Bonner im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 623, 16. Z.v.u.
  29. zitiert bei Bonner im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 606, 4. Z.v.o.
  30. Plavius („NDL“, Berlin 1975, Heft 1, S. 141), zitiert bei Brosig, S. 26, 2. Z.v.o.
  31. Hirdina („Sinn und Form“, Berlin 1975, Heft 2, S. 434), zitiert bei Brosig, S. 26, 4. Z.v.u.
  32. Angela Drescher in der Nachbemerkung der verwendeten Ausgabe, S. 636, 10. Z.v.u.
  33. Auer, zitiert bei Brosig, S. 22, 16. Z.v.o.
  34. Ebert, zitiert bei Brosig, S. 22, 16. Z.v.o.
  35. Melchert, zitiert bei Brosig, S. 24, 1. Z.v.o.
  36. Jarmatz und Hirdina, zitiert bei Brosig, S. 24, 4. Z.v.o.
  37. Henselmann, zitiert bei Brosig, S. 24, 11. Z.v.u.
  38. Dessau und Kil, zitiert bei Brosig, S. 25, 3. Z.v.o. bis 12. Z.v.o.
  39. Wohmann, zitiert bei Brosig, S. 27 unten bis S. 28 oben
  40. Brosig, S. 30 unten
  41. Pawlik, zitiert bei Brosig, S. 28, 13. Z.v.u.
  42. Rohde, zitiert bei Brosig, S. 29, 5. Z.v.o.
  43. Brosig, S. 28, 16. Z.v.o.
  44. Michaelis, zitiert bei Brosig, S. 28, 17. Z.v.u.
  45. Wiesener, S. 144, 10. Z.v.o.
  46. Wiesener, S. 150 Mitte mit Verweis auf die verwendete Ausgabe, S. 107
  47. Verwendete Ausgabe, S. 113, 22. Z.v.o.
  48. Wiesener, S. 150,15. Z.v.o.
  49. Wiesener, S. 168, 5. Z.v.u.
  50. Wiesener meint auf S. 154, Fußnote 762 die Passage in der verwendeten Ausgabe S. 588, 11. Z.v.u.
  51. a b Bonner im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 613, 5. Z.v.u.
  52. Bonner im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 628, 7. Z.v.u.
  53. Bonner im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 625, 14. Z.v.u.
  54. Bonner im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 627
  55. Barner, S. 740, 21. Z.v.o.
  56. Michaelis, zitiert bei Brosig, S. 36, 2. Z.v.u.
  57. Brosig, S. 39–58
  58. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1468-0483.2010.01496.x/abstract abgerufen am 1. Oktober 2016
  59. Brosig, S. 58–71
  60. Evelyn Finger: Krieg und Untergang in den Farben der Popkultur
  61. Presse zur Oper Linkerhand
  62. Inszenierung Franziska Linkerhand am Thalia Theater Halle