Franzoseneinfall (Schweiz)

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Verlauf des Franzoseneinfalls und der Helvetischen Revolution 1798

Der Franzoseneinfall (oder auf französischer Seite auch Campagne d’Helvétie genannt) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Französischen Republik und der Alten Eidgenossenschaft zwischen dem 28. Januar 1798 und dem 28. Mai 1799. Der französische Sieg brachte die militärische Besetzung eines grossen Teils der heutigen Schweiz durch Frankreich und die Gründung der Helvetischen Republik als Tochterrepublik mit sich. Der Franzoseneinfall beendet in der schweizerischen Geschichtsschreibung traditionell die Ära des Ancien Régime bzw. der Alten Eidgenossenschaft und leitet die Helvetik ein.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Bis zum Sturz der französischen Monarchie war die Alte Eidgenossenschaft als lockeres Bündnisgefüge souveräner Kantone und ihrer Verbündeten stark auf Frankreich ausgerichtet. Es bestanden seit dem Mittelalter Soldallianzen und Handelsverträge, die aus der Eidgenossenschaft faktisch ein französisches Protektorat machten. Nur in den östlichen und innerschweizerischen Kantonen konnte sich ein begrenzter Einfluss Österreichs halten. Durch die Französische Revolution und die nach dem Tuileriensturm erfolgte Kündigung der Soldverträge kam es zu einer Entfremdung gegenüber Frankreich, die politisch noch durch die Agitation der reaktionär gesinnten französischen Emigranten in der Eidgenossenschaft bzw. der revolutionär gesinnten eidgenössischen Emigranten in Frankreich geschürt wurde. Trotzdem verhielt sich die Eidgenossenschaft gegenüber Frankreich während des 1. Koalitionskrieges militärisch neutral und tolerierte sogar die Besetzung und Annexion der Untertanenlande der Drei Bünde sowie des nördlichen Teils des Fürstbistums Basel durch Frankreich 1792. Nach dem Ende des Ersten Koalitionskriegs überliess Österreich die Schweiz, mit Ausnahme Graubündens, der Einflusssphäre Frankreichs. Die Schweiz stand nun alleine da und die seit 1792 angewandte Neutralitätspolitik schien Frankreich nicht zu genügen. Frankreich hatte an der Schweiz verschiedene Interessen:

  • Alpenpässe: Durch die Besetzung der Schweizer Alpenpässe wäre Norditalien für französische Truppen schneller erreichbar.
  • finanzielle Mittel: Einige Kantone verfügten über beträchtliche finanzielle Mittel, die den Franzosen für ihre weiteren Kriegspläne sehr hilfreich gewesen wären.
  • Die Schweizer Bevölkerung wäre eine neue Rekrutierungsbasis für Soldaten.

Aufgrund der Verträge (militärische Kapitulationen) mit Frankreich hatte die Tagsatzung das Recht, die Schweizer Regimenter (Reisläufer) für die Verteidigung zurückzurufen, wenn die Eidgenossenschaft in Gefahr war. Die Einführung der Wehrpflicht in Frankreich hatte die eidgenössischen Berufssoldaten überflüssig gemacht und die Schweizer Regimenter wurden aufgelöst. Als die Franzosen 1798 den Vertrag zum Ewigen Frieden von 1516 brachen und in die Schweiz einfielen, gab es keine intakten Regimenter aus Berufssoldaten mehr, die zur Verteidigung hätten eingesetzt werden können.[1]

Erneuter Einfall im Fürstbistum Basel[Bearbeiten]

Errichtung des Freiheitsbaumes auf dem Basler Münsterplatz am 20. Januar 1798

Nachdem der nördliche Teil des Fürstbistums Basel bereits 1792 annektiert worden war, wurde Ende 1797 auch der südliche Teil von den Franzosen besetzt. Am 17. Januar 1798 brach die Helvetische Revolution aus.

Einfall in Bern, Solothurn und Freiburg[Bearbeiten]

Zeitgenössische Darstellung der Schlacht bei Neuenegg
Denkmal bei St. Niklaus
Grauholzdenkmal

Am 24. Januar wurde die Lemanische Republik ausgerufen, die sofort ein Hilfegesuch an Frankreich richtete. Am 28. Januar fielen die Franzosen unter General Ménard mit etwa 12'000 Mann in die damals zu Bern gehörende Waadt ein. Ein Teil der französischen Invasionstruppen überquerte den Genfersee per Schiff und landete in Nyon und Lausanne. Die Berner Truppen sahen sich angesichts der französischen Übermacht gezwungen, den Rückzug anzutreten und sammelten sich erneut in der Gegend von Murten und Freiburg im Üechtland.

In der Zwischenzeit rückte General von Schauenburg mit einer zweiten Armee aus dem ehemaligen Fürstbistums Basel von Norden her Richtung Bern vor. Die Franzosen forderten die Berner Regierung auf, der Reform- oder Friedenspartei die Regierungsgewalt zu übergeben. Die Berner weigerten sich jedoch und die Franzosen benutzten dies nun als Kriegsgrund.

Am 2. Februar 1798 gründete der Berner Kriegsrat die Légion fidèle, die aus berntreuen Freiwilligen aus der Waadt bestand.

Die französischen Truppen begannen Anfang März in einer Zangenbewegung aus Richtung Waadt und Berner Jura auf Freiburg, Solothurn und Bern vorzurücken. Am 1. März 1798 begannen bereits die ersten Gefechte. Am 2. März kam es zu Gefechten bei Lengnau, Grenchen und im Ruhsel (Wald zwischen Alfermée und Twann). Gleichentags wurde Freiburg von den Franzosen erobert. Am 3. März 1798 kapitulierten die solothurnischen Truppen. Gleichentags kam es zwischen Berner und französischen Truppen zum Gefecht beim Col de la Croix. General Karl Ludwig von Erlach musste seine Stellung bei Murten räumen.

Die Berner Regierung war in zwei Lager gespalten. Schultheiss Niklaus Friedrich von Steiger vertrat eine harte Haltung gegenüber Frankreich und wollte den Krieg fortsetzen. Der Deutschseckelmeister von Frisching trat für Verhandlungen mit den Franzosen ein. Diese Uneinigkeit verursachte eine Verunsicherung der Berner Truppen und Bevölkerung. General von Erlach und fünfzig hohe Offiziere bedrängten den Grossen Rat um die Bewilligung die Kampfhandlungen aufzunehmen.

Nachdem der Grosse Rat von Erlach den Befehl gab die Franzosen zu bekämpfen, stellte sich dieser den französischen Truppen bei Büren an der Aare. Während des Gefechtes traf jedoch der Befehl ein, dass sich die bernischen Truppen zurückziehen sollten, um die Stadt Bern schützen. Der französische General Brune stellte am 3. März 1798 der Berner Regierung ein Ultimatum und forderte die Kapitulation Berns. Daraufhin dankte die Regierung unter Schultheiss von Steiger am 4. März ab, verweigerte aber die militärische Kapitulation. Trotz des Rücktritts der Regierung versuchten die Berner Truppen den französischen Angriff weiter abzuwehren.

Am 5. März 1798 kam es zum Gefecht von St. Niklaus, den Schlachten von Fraubrunnen und Neuenegg sowie zur entscheidenden Schlacht am Grauholz. Gleichentags erhielt der französische General Schauenburg die Kapitulation Berns und der Schultheiss der Stadt Bern, Niklaus Friedrich von Steiger ging ins Exil.

Am 6. März stiessen die französischen Truppen von Süden her vor und eroberten Murten und Freiburg. Während der gesamten Zeit griffen die eidgenössischen Hilfstruppen mit etwa 4000 Mann nicht in die Kämpfe ein. Die Franzosen boten etwa 35'000 Mann auf, denen gegenüber nur etwa 20'000 Berner standen. Auf Berner Seite fielen etwa 700 Menschen. Die Verluste der Franzosen sind nicht bekannt.

Die Franzosen beschlagnahmten die Berner Staatskasse und brachten die Bären des Bärengrabens als Beute nach Paris. Dem Berner Gottlieb von Jenner gelang es nach dem Krieg, Teile der Berner Staatskasse durch Bestechung nach Bern zurückzuholen.

Widerstand in Schwyz, Nidwalden, Uri, Zug und Glarus[Bearbeiten]

Die Kantone Schwyz, Nidwalden, Uri, Glarus und Zug lehnten im April 1798 die Verfassung der helvetischen Republik ab und begannen unter dem Kommando von Alois von Reding, ein Heer mit etwa 10'000 Mann aufzustellen. Am 21. April löste von Reding die Offensive aus. In drei Achsen sollte das strategische Ziel Aarau, der Sitz der Helvetischen Regierung erreicht werden. Am 22. April stiess der linke Flügel nach Obwalden vor, besetzte den Brünigpass und erreichte das Berner Oberland in Meiringen. Die Truppen des rechten Flügels unter dem Glarner Obersten Paravincini eroberten zwar Rapperswil, blieben jedoch abwartend in Stellung. Die Zuger Truppen unter Hauptmann Andermatt stiessen ins Freiamt vor. Nach einem Gefecht mit einer französischen Vorhut (Gefecht bei Hägglingen) mussten sie sich bereits am 26. April nach Muri zurückziehen. Von Reding selber stiess mit einer Truppe von etwa 4000 Soldaten gegen Luzern vor und eroberte die Stadt am 29. April 1798.

Die erhoffte Erhebung der eroberten Gebiete blieb weitgehend aus. Obwalden lehnte nun gezwungenermassen die Helvetische Verfassung ebenfalls ab. Zu einer Massenerhebung der ländlichen Bevölkerung des Berner Oberlandes oder der Luzerner Landschaft kam es jedoch nicht. Nach wenigen Tagen war die Offensive ins Stocken geraten. Als am Abend des 29. Aprils die kampflose Kapitulation Zugs bekannt wurde, zogen die Truppen Redings von Luzern ab und kehrten in das Gebiet von Schwyz zurück, um wenigstens die Stammlande zu verteidigen. Aus der Offensive war eine Defensive geworden.

Der französische General Schauenburg löste mit etwa 12'000 Mann den Gegenangriff aus. In zwei Flügeln versuchte er nach Schwyz, mit dem strategischen Ziel Einsiedeln vorzudringen. Der linke Flügel unter General Nouvion stiess auf beiden Seiten des Zürichsees vor. Bei Richterswil wurde der französische Angriff zweimal gestoppt. Rapperswil wurde jedoch schon bald von Oberst Paravicini preisgegeben und er kehrte mit seinen Truppen nach Glarus zurück. Die Schwyzer Truppen zogen sich ungeschlagen nach Schindellegi und dem Etzel zurück. Der rechte Flügel unter General Jordi rückte, ohne auf Widerstand zu stossen, nach Zug und Luzern vor. Der Vorstoss nach Küssnacht misslang vorerst. Eine kleine Truppe von etwa 400 Mann konnte bei Immensee die französische Armee aufhalten.

Nachdem die Franzosen Rapperswil erobert hatten, kam es am 30. April 1798 zur Schlacht bei Wollerau. Nach der verlorenen Schlacht kapitulierte Glarus. Am 1. Mai 1798 fiel den Franzosen Küssnacht in die Hände und die Schwyzer standen nun alleine gegen die von Norden und Westen angreifenden Franzosen. Am 2. Mai 1798 kam es zur Schlacht bei Schindellegi und gleichentags zur Schlacht bei Rothenthurm und dem Gefecht bei Morgarten. Am 4. Mai kapitulierte die Schwyzer Landsgemeinde. Die Franzosen gewährten den Innerschweizern jedoch auf Grund ihres Widerstandswillens milde Kapitulationsbedingungen und verzichteten auf die Entwaffnung der Bevölkerung.

Wallis[Bearbeiten]

Anfang Mai 1798 erhoben sich die Oberwalliser gegen die Franzosen und wurden am 17. Mai 1798 in der 1. Pfynschlacht geschlagen. Anfang Mai 1799 erhoben sich die Oberwalliser unter dem Kommando des Visper Grafen Ferdinand Venetz erneut und wurden in der 2. Pfynschlacht erneut von den Franzosen besiegt. Nach der Schlacht plünderten die Franzosen Visp und brannten das Städtchen nieder.

Nidwalden[Bearbeiten]

Am 29. August 1798 erhoben sich die Nidwaldner erneut und es kam zwischen dem 7. und 9. September zu den Schreckenstagen von Nidwalden.

Graubünden[Bearbeiten]

Im Frühjahr 1799 erhob sich die Bevölkerung des Freistaats der Drei Bünde gegen die französische Besatzung. Während der Gefechte zwischen Chur, Ems und Bonaduz kamen weit über 600 Landstürmer und eine grosse Zahl französischer Soldaten ums Leben. Im November 2007 wurde durch Zufall auf dem Gelände der Ems-Chemie ein Massengrab in einem vergessenen Kalkbrennofen aus dieser Zeit wiederentdeckt. [2]

Folgen[Bearbeiten]

Karikatur von 1848: Während die Zürcher die Revolution feiern, schaffen die Franzosen den Staatsschatz fort

Am 19. August 1798 unterzeichnete die Helvetische Republik eine Defensiv- und Offensivallianz mit Frankreich und somit war die vollkommene Niederlage und der Untergang der alten Eidgenossenschaft besiegelt. Der Franzoseneinfall brachte über ganze Landstriche Verwüstungen und Plünderungen, beispielsweise wurde das Kloster Einsiedeln geplündert. Die Franzosen zwangen Gemeinde und Private ihre Truppen einzuquartieren und zu verpflegen. Dies führte zu starken antifranzösischen und antirepublikanischen Reflexen in der Bevölkerung.

Die Franzosen zwangen die Schweiz, Zwangsanleihen aufzunehmen und Kontributionen zu leisten. Zusammen mit den geraubten Staatsschätzen der Städte Bern und Zürich kamen gegen 30 Millionen Livres zusammen, die gemäss französischen Historikern Napoleon dazu dienten, den Ägyptenfeldzug zu finanzieren.[3]

Gedenken[Bearbeiten]

In Bern und der Innerschweiz ist das Gedenken an den Widerstand gegen die Franzosen bis heute erhalten:

  • 1805 Beisetzung des Berner Altschultheissen Niklaus Friedrich von Steiger
  • 1821 wird im Berner Münster eine Namenstafel der Gefallenen enthüllt
  • 1872 malt August Weckesser das Bild Redings Abschied
  • 1886 wird das Grauholzdenkmal eingeweiht
  • Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden jedes Jahr Prozessionen auf das Gelände eines Massengrabs in Ems statt. Nach der Wiederentdeckung im Jahre 2007 erinnert eine Gedenktafel an die Gefallenen.
  • Literarisch haben Franz Niklaus König und Jeremias Gotthelf dem Berner Landsturm und den kämpferischen Frauen (Elsi, die seltsame Magd) ein Denkmal gesetzt
  • In der Volkserinnerung verblieb vor allem die Vorstellung von der Berner Obrigkeit verraten worden zu sein (beispielsweise Fraubrunnenlied)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jürg Stüssi-Lauterburg: Vivat das Bernerbiet bis an d′r Welt ihr End. Berns Krieg im Jahre 1798 gegen die Franzosen. Merker, Baden 2000. ISBN 3856480897
  • Derck Engelberts, Lukas Vogel, Christian Moser: Widerstand gegen die Helvetik 1798. Dokumentation. Au/ZH 1998.
  • Wochen Chronik der Zürcher Zeitung vom 27. Wintermonat 1797 bis 16. April 1798. Zur Erinnerung an den Untergang der alten Eidgenossenschaft. Unter Mitwirkung von Historikern und Geschichtsfreunden bearbeitet von Paul Rütsche. Zürich 1898.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Albert A. Stahel (Hrsg.): Von den Fremdendiensten zur Milizarmee. In: Armee 95 – Chance für die Milizarmee? Strategische Studien Band 7, Vdf Verlag, Zürich
  2. Massengrab auf dem Gelände der Ems-Chemie, NZZ (vom 15. November 2007)
  3. Paul de Vallière: Treue und Ehre. Geschichte der Schweizer in Fremden Diensten. Deutsch von Walter Sandoz. Lausanne o. J. [1940], S. 644.

Weblinks[Bearbeiten]