Frau Jenny Treibel

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Verlagseinband der ersten Buchausgabe

Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“ ist ein Roman Theodor Fontanes. Von Januar bis April 1892 in der Deutschen Rundschau vorabgedruckt, Ende 1892 (mit der Jahreszahl 1893) als Buch ausgeliefert, gewann der Roman sehr schnell die Gunst von Publikum und Kritik, die er bis heute ohne erkennbare Einschränkung bewahrt hat. Halb ironisch wird dem Leser eine Geschichte nach dem Muster einer Komödie vorgeplaudert. Es geht um Besitz und das mit ihm verbundene gesellschaftliche Ansehen, um Bildung versus Besitz, um Poesie, echte und falsche Gefühle.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Szene aus Frau Jenny Treibel mit Friedel Nowack als Jenny Treibel und Winfried Wagner als ihr Sohn Leopold; 1964 im Maxim-Gorki-Theater

Im Zentrum des Romans stehen zwei Berliner Familien: Zum einen die großbürgerlichen Treibels – der Berliner Blau-Fabrikant und Kommerzienrat Treibel, seine Frau Jenny (geb. Bürstenbinder) sowie die Söhne Otto und Leopold, zum anderen Gymnasialprofessor Wilibald Schmidt und seine Tochter Corinna, die das Bildungsbürgertum repräsentieren. Die Verbindung zwischen den Familien entstand in Wilibalds und Jennys Jugend. Damals wohnten beide in der Berliner Adlerstraße, Wilibald bei seinen Eltern im ersten Stock eines „ansehnlichen, im Uebrigen aber altmodischen Hause[s]“ (Kap. 1), Jenny Bürstenbinder im Haus gegenüber, in dem ihr Vater einen Laden für „Material- und Colonialwaaren“ betrieb (Kap. 8). Als Student war Wilibald in Jenny verliebt und schrieb ihr Liebesgedichte, darunter auch das Lied mit der „berühmte[n] Stelle ‚Wo sich Herzen finden‘“ (Kap. 7), dessen Schlusszeile der Roman seinen Untertitel verdankt. Das Lied war Anlass ihrer heimlichen Verlobung, und Wilibald beeilte sich, sein Studium abzuschließen, um die Verlobung offiziell vollziehen zu können. Als es aber soweit war, hielt Jenny ihn hin, und als der reiche Treibel um sie warb, gab sie Wilibald kurzerhand den Laufpass. Sein Liebeslied aber bringt sie immer noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Vortrag, tief bewegt von dem ‚Höheren‘ und ‚Idealen‘, das sie darin zum Ausdruck gebracht sieht. Auch sonst redet sie viel und gern über dieses ‚Höhere‘ und gibt allenthalben zu verstehen, dass sie „Besitz, Vermögen, Gold“ verachte und ganz dem „Ideal“ lebe (Kap. 3).

Den diametralen Widerspruch zwischen ihren Bekenntnissen zum „Höheren“ und ihrem Handeln, den der Roman im weiteren aufdeckt, bemerkt sie selbst nicht. „Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen will“, stellt Wilibald Schmidt in einem Gespräch mit seinem Neffen Marcell Wedderkopp fest: „Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher, als sie's selbst nicht recht weiß, und sich aufrichtig einbildet, ein gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz für das ‚Höhere‘ zu haben. Aber sie hat nur ein Herz für das Ponderable, für Alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt“ (Kap. 7). Diese Charakteristik bewahrheitet sich in der weiteren Handlung, in Jennys entschlossenem Widerstand gegen eine Verbindung ihres Sohnes Leopold mit Wilibald Schmidts Tochter Corinna.

Wilibald sähe es am liebsten, wenn seine Tochter ihren Cousin Marcell heiraten würde, einen vielversprechenden angehenden Archäologen, der sie liebt und, sobald er das nötige Einkommen hat, heiraten möchte. Aber die intelligente und unabhängige Corinna hat andere Pläne. Sie möchte ausbrechen aus der eher bescheidenen Welt eines Gymnasialprofessorenhaushaltes und hat es sich in den Kopf gesetzt, Leopold Treibel zu heiraten, einen schwächlichen, unselbständigen und ganz von seiner Mutter beherrschten jungen Mann, der Corinna schon lange heimlich bewundert. Gesellschaftliches Ansehen und materieller Wohlstand erscheinen ihr als ausreichende Garantien für eine glückliche Zukunft. Sie wirft all ihren Charme und Esprit in die Waagschale, um Leopold vollends den Kopf zu verdrehen, und eine Abendgesellschaft und eine Landpartie später kommt es zur heimlichen Verlobung beider.

Corinna hat ihre Rechnung aber ohne Jenny Treibel gemacht. Die ist außer sich, weil sie für ihren Sohn eine „standesgemäße“, d.h. reiche Partie wünscht. Sie lehnt Corinna nicht deshalb ab, weil sie aus Berechnung, nicht aus Liebe handelt, sondern weil sie außer einer „Bettlade“ (mit Aussteuerwäsche) nichts in die Ehe bringen würde (Kap. 12). Sofort ergreift sie die Initiative, erscheint beim Professor und stellt Corinna in seinem Beisein zur Rede und lädt Hildegard Munk – die Schwester von Ottos Ehefrau – nach Berlin ein, um diese mit Leopold zusammenzubringen.

Leopold erweist sich in dieser Situation erneut als zu schwach, um sich gegen seine Mutter zu behaupten: Er beschränkt sich darauf, Corinna täglich kleine Briefchen zu schreiben, in denen er sogar von einer Flucht nach Gretna Green redet, lässt seinen Worten aber keine Taten folgen. Die beiden Väter verhalten sich in dieser angespannten Situation abwartend – der Kommerzienrat, weil er damit beschäftigt ist, seinen Wahlkampf zu organisieren, und der Professor, weil er darauf vertraut, dass Corinnas Vernunft und Ehrgefühl sich durchsetzen werden. Das geschieht auch: Mit der Hilfe von Schmidts Haushälterin Rosalie Schmolke wird Corinna sich schließlich der entwürdigenden Situation bewusst, löst die Verlobung und bittet ihren Cousin Marcell um Verzeihung. Marcell, der soeben eine Stelle als Gymnasial-Oberlehrer bekommen hat, macht ihr einen Antrag, und die Hochzeit beider sieht die Schmidts und die Treibels wieder versöhnt, denn außer Leopold folgen alle Treibels der Einladung zum Hochzeitsfest.

Figurenübersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Figurenübersicht Frau Jenny Treibel

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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„Frau Jenny Treibel“ nimmt eine besondere Stellung unter den Romanen Fontanes ein – ist es doch einer seiner wenigen Romane (wie auch L’Adultera und das unvollendete Werk Mathilde Möhring), in denen das Bürgertum die zentrale Rolle einnimmt. Fontane verarbeitet hier seine Erfahrungen mit einem Bürgertum, bei dem Ideale und Handeln, moralische Grundsätze und praktisches Entscheiden diametral entgegengesetzt sind. Die Entstehung des Buches war geprägt durch die Querelen um den Vorabdruck von Irrungen, Wirrungen, einem Roman, der von vielen Zeitgenossen wegen der Darstellung einer Liebesbeziehung zwischen einer Plätterin und einem Adligen als anstößig empfunden wurde. Fontane musste erfahren, wie die zeitgenössische Bourgeoisie mit zweierlei Maß urteilte. Außer- und nebeneheliche Liebesverhältnisse wurden durchaus toleriert – in einem Roman wollte man davon allerdings nichts lesen. Kunst sollte abstrakten, „höheren“ Idealen und Zielen dienen und nicht die eigene Lebenswelt mit ihren gesellschaftlichen Unstimmigkeiten und Verwerfungen in Frage stellen.

Jenny ist geradezu ein Musterbeispiel für diese Bourgeoisie. Wie kaum eine andere Gestalt bei Fontane wird sie als lächerlich dargestellt. Jenny spricht beständig vom ‚Höheren’ und davon, dass es besser sei, seinen Gefühlen zu folgen und in kleinen Verhältnissen zu leben, und doch entscheidet sie sich selbst für den materiellen Wohlstand und drängt ihren Sohn zu einer Heirat mit einer langweiligen, aber reichen Frau. Ihr Handeln steht im beständigen Widerspruch zu ihren Worten, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst wird. Der Professorentochter Corinna verweigert sie die Heirat mit ihrem Sohn und vergisst dabei, dass sie selbst erst durch eine solche Heirat aus dem Kellerladen ihres Vaters in eine noble Berliner Vorstadtvilla aufgestiegen ist. Und so wie Jenny im familiären Bereich ihre nicht eingestandenen materiell geprägten Wertvorstellungen umsetzt, verfolgt ihr Gatte mit seinem politischen Engagement seinen eigenen gesellschaftlichen Aufstiegstraum. Ein Sitz im Reichstag soll für einen Titel jenseits des „Kommerzienrates“ und eine höhere gesellschaftliche Stellung sorgen. Aber auch Treibels Wahlpläne tragen den Stempel des Lächerlichen. Nicht nur, dass er seine politische Position an der Produktpalette seiner Chemiefabriken (Berliner Blau, die traditionelle Farbe preußischer Uniformen), ausrichtet, auch in der Auswahl seines Wahlkampfhelfers – eines Reserveleutnants mit abstrusen Ansichten und einem unerschöpflichen Potenzial an unfreiwilliger Komik – erweist er sich als äußerst ungeschickt. Und so endet seine Politikerkarriere, bevor sie richtig begonnen hat.

Fontane zeigt im Roman das gesellschaftliche Leben der Bourgeoisie – einer gesellschaftlichen Schicht, die sich im Berlin der 1880er Jahre bemüht, den Adel zu imitieren, und nebenbei ein paar Vertreter aus Kunst und Wissenschaft als Dekoration für ihre gesellschaftlichen Ereignisse einlädt. Besonders Jenny betont immer wieder ihr starkes Interesse für „das Künstlerische“. Außer einem unkritischen Wagner-Kult und dem regelmäßigen Absingen von Wilibalds „unseligem“ Gedicht in Klavierbegleitung des reich verheirateten ehemaligen Operntenors Adolar Krola [1] trägt diese Kunstbegeisterung jedoch kaum Früchte. Von einer wirklichen Verinnerlichung der in der Kunst propagierten Werte kann natürlich keine Rede sein, und so steht der Untertitel des Romans und gleichzeitig die Schlusszeile von Wilibalds Gedicht („Wo sich Herz zum Herzen find’t“) im offensichtlichen Widerspruch zur Handlung des Romans. Selbst bei Corinna und Marcell finden sich wohl eher die Intellekte, bei Leopold und Hildegard wahrscheinlich bestenfalls die Firmenanteile. Aber genau darum geht es Fontane – den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Wertekanon der großbürgerlichen Gesellschaft zu zeigen, die lieber dem Feudaladel nachstrebt, als eigene politische und gesellschaftliche Konzepte zu entwickeln. Fontane selbst schrieb dazu an seinen Sohn Theodor (Brief vom 9. Mai 1888), dass es ihm darum gehe „… das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisstandpunktes zu zeigen, der von Schiller spricht und Gerson [Besitzer eines Berliner Modesalons, Anm. d. Autors] meint.“

Ergänzung der vorstehenden Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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„Frau Jenny Treibel“ kann man wohl als das „Hohelied des Bildungsbürgertums“ bezeichnen. Fontane stellt beständig Besitzbürgertum („Bourgeoisie“ – verkörpert durch die Treibels und Munks) und Bildungsbürgertum (verkörpert durch die Schmidts, Marcell und die übrigen Gymnasiallehrer) einander gegenüber.

Natürlich kommt das Besitzbürgertum letztlich nicht sonderlich gut weg; dennoch ist bei Fontanes Beschreibung – und Verurteilung – der betreffenden Charaktere meist viel Wohlwollen und liebevolle Nachsicht zu spüren. Das gilt in erster Linie für Treibel selbst, der gutmütig, großzügig und durchaus selbstkritisch ist („Wer sind am Ende die Treibels?“). Seine „Wahlagitation“ wird zwar verspottet, als Mensch gibt Fontane ihn jedoch nicht preis. Treibel analysiert durchaus klarsichtig seine eigenen Beweggründe, ebenso wie die anderer. Fontane deutet auch an, dass Treibel – auch wenn am Ende unter dem Einfluss seiner Frau Jenny der Bourgeois in ihm siegt – eine Heirat Corinnas mit Leopold mit heiterer Resignation akzeptiert hätte. Auch Otto und Leopold Treibel sind gutmütige und recht liebenswerte Menschen, was sie letztlich dafür prädestiniert, „unter den Pantoffel“ starker Frauen zu geraten: Otto unter den seiner extrem dünkelhaften Hamburger Frau Helene und Leopold vor allem unter den seiner Mutter Jenny, dann unter Corinnas und schließlich unter den von Helenes Schwester Hildegard. Die Bourgeois-Frauen kommen dagegen nicht mit so viel Wohlwollen davon wie die Herren. Die unsympathischste Figur des Buches – mehr noch als Jenny selbst – ist wahrscheinlich Helene Treibel, geborene Munk, die eiskalt kommerzielle, „dynastische“ („Die Thompsons sind eine Syndikatsfamilie!“) und – an ihrem Töchterchen Lissy – erzieherische Ziele verfolgt. Dabei hält sie es – anders als Jenny – nicht für nötig, ihre Interessen mit künstlerischen und sentimentalen Vorwänden zu verbrämen. Für sie ist vielmehr die glatte und korrekte Fassade das Wichtigste.

Fontanes Zustimmung gilt dem Bildungsbürgertum von Preußen, dessen Ideale er als hochstehend und erstrebenswert darstellt. Natürlich kommen dabei die Eitelkeiten und „Schrullen“ namentlich der Gymnasialprofessoren nicht ungeschoren davon. Unbestrittener Protagonist ist selbstverständlich Wilibald Schmidt, dem nicht nur das Geistige, sondern vor allem das Humane über allem steht. Er ist liberal („Wenn ich nicht Professor wäre, so würde ich am Ende Sozialdemokrat!“), durchschaut die Menschen und hat, trotz eines Hanges, die Schwächen seiner Bekannten mit Witz und Schärfe bloßzustellen, ein tiefes und wohlwollendes Verständnis für seine Mitmenschen. Das hat er mit Marcell und Distelkamp gemeinsam: die drei Figuren (Schmidt, Marcell und Distelkamp) stehen für das Ideal des Bildungsbürgers, den Fontane nur dann hochachtet, wenn er nicht nur Wissen und Kultur, sondern auch das Humane verkörpert. Den Kontrast dazu bilden die Professoren Kuh, Rindfleisch und Immanuel Schulze, die zwar auch im Lager von Geist und Wissen stehen, dabei aber menschlich angreifbarer, eitler und kälter sind als ihre Kollegen von den „Sieben Waisen Griechenlands“.

Corinna ist „Grenzgängerin“ zwischen den beiden Sphären. Eigentlich gehört sie ins Bildungsbürgertum, hat die Gaben ihres Vaters geerbt („und fast noch gescheiter als der Alte“), ist intelligent, gebildet, vielseitig interessiert. Aber sie hat den „Hang zum Äußerlichen“. Sie fühlt sich zur Bourgeoisie hingezogen und liebäugelt damit. Das ist aber nur jugendliche Selbsttäuschung. Sie sieht am Ende sehr klar, dass sie „freilich auch wohl nicht sehr glücklich“ geworden wäre, hätte sie Leopold geheiratet. Sie ist kein Mensch der großen Leidenschaften, sie ist begabt, heiter und unternehmungslustig und hätte sich nie gelangweilt, selbst nicht mit Leopold, auf den sie als die Stärkere ohnehin einen nicht unbeträchtlichen Einfluss gehabt hätte. Aber sie gehört nicht in dieses Leben. Sie verkörpert, auch wenn sie es eine Weile vergessen hat, ebenfalls die Ideale des Bildungsbürgertums. Sie achtet diese Ideale und lebt sie von Jugend an. Deshalb ist es nicht nur der Intellekt, der sie mit Marcell verbindet; es ist vielmehr eine von klein auf bestehende Grundsympathie zwischen den beiden, ein Gleichklang, ein wirkliches Zueinanderpassen, die Achtung vor denselben Idealen. Denn auch in Corinna ist, dem „Hang zum Äußerlichen“ ungeachtet, eine große Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit eigen, eine Achtung vor dem Humanen, die sie von ihrem Vater hat und mit Marcell teilt – und die sie namentlich von Jenny Treibel trennt.

Neben diesen Vertretern der Hauptgruppen des Romans, der Bourgeoisie und des Bildungsbürgertums, findet sich eine Reihe von Nebenpersonen, die dem Ganzen das rechte Kolorit geben.

In erster Linie ist da Frau Schmolke, Professor Schmidts Wirtschafterin und Corinnas Ersatzmutter, echte Berliner Kleinbürgerin und Schutzmannswitwe („Schmolke sachte och immer …“). Sie unterstreicht die Schmidtschen Ideale, soweit diese nicht mit Wissen und Kultur zusammenhängen: Sie verkörpert das Rein-Menschliche, Güte, Herzenswärme, Mütterlichkeit. Natürlich karikiert Fontane ihre Volkstümlichkeit. Im Grunde ist sie aber Schmidts Alter Ego und unterstreicht durch ihre Anwesenheit und Bedeutung im Schmidtschen Haushalt das Humane.

Fontanes gesellschaftskritischer Realismus zeigt sich vor allem in dem Bild, das er von den beiden Gouvernanten, Fräulein Honig und Fräulein Wulsten, zeichnet. Es ist ein trost- und freudloses Bild, das uns zeigt, dass Corinnas Angst vor den „kleinen Verhältnissen“ durchaus nicht unbegründet ist. Die Gouvernanten sind gebildete Frauen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die es nicht geschafft haben, sich in den wirtschaftlichen Hafen einer Ehe zu „retten“, und gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt als Erzieherinnen oder Gesellschaftsdamen in der Welt der Bourgeoisie zu verdienen. Dabei müssen sie ihr eigenes Leben gänzlich zurückstellen und völlige Unterordnung und nicht selten auch Demütigungen hinnehmen. Dabei werden sie selbst verbittert und neidisch.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Titel: ‚Frau Kommerzienrätin‘ oder ’Wo sich Herz zum Herzen find’t’.(entlehnt von Schillers Gedicht “Das Lied von der Glocke„: original: “Drüm prüfe, was sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet„) Das ist die Schlusszeile eines sentimentalen Lieblingsliedes, das die 50jährige Kommerzienrätin im engeren Zirkel beständig singt (Schmidt schrieb dieses Lied in jüngeren Jahren für Jenny, als er sie noch umwarb) und durch das sie sich Anspruch auf das ‚Höhere‘ erwirbt, während ihr in Wahrheit nur das ‚Kommerzienrätliche‘, will sagen viel Geld, das ‚Höhere‘ bedeutet. Zweck der Geschichte: das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeois-Standpunktes zu zeigen, der von Schiller spricht und Gerson meint.“[2]
  • „Was soll ein Roman? Er soll uns, unter Vermeidung alles Übertriebenen und Hässlichen, eine Geschichte erzählen, an die wir glauben. Er soll zu unserer Phantasie und unserem Herzen sprechen, Anregung geben, ohne aufzuregen; er soll uns eine Welt der Fiktion auf Augenblicke als eine Welt der Wirklichkeit erscheinen, soll uns weinen und lachen, hoffen und fürchten, am Schluss aber empfinden lassen, teils unter lieben und angenehmen, teils unter charaktervollen und interessanten Menschen gelebt zu haben, deren Umgang uns schöne Stunden bereitete, uns förderte, klärte und belehrte. Das etwa soll ein Roman. […]
    Was soll der moderne Roman? […] Der Roman soll ein Bild der Zeit sein, der wir selbst angehören, mindestens die Widerspiegelung eines Lebens, an dessen Grenze wir selbst noch standen oder von dem uns unsere Eltern noch erzählten.“[3]

Ausgaben (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“. Erstausgabe. F. Fontane & Co., Berlin 1893.
  • Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“. Roman. Aufbau, Berlin 2005, ISBN 978-3-351-03126-8 (= Große Brandenburger Ausgabe, Das erzählerische Werk. Band 14. Hrsg. von Tobias Witt).
  • Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel Roman, Ausgabe bei gutenberg.org
  • Edgar Groß (Hrsg.): Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Band 7. München : Nymphenburger, 1959
Audio

Sekundärliteratur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Simone Richter: Fontanes Bildungsbegriff in „Frau Jenny Treibel“ und „Mathilde Möhring“. Fehlende Herzensbildung als Grund für das Scheitern des Bürgertums. VDM, Saarbrücken 2007, ISBN 978-3-8364-5010-2.
  • Humbert Settler: Fontanes Hintergründigkeiten : Aufsätze und Vorträge. Flensburg : Baltica, 2006 ISBN 3-934097-26-X
  • Christine Renz: Geglückte Rede : zu Erzählstrukturen in Theodor Fontanes Effi Briest, Frau Jenny Treibel und Der Stechlin. München : Fink, 1999 ISBN 3-7705-3383-6, S. 47-91
  • Walter Müller-Seidel: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. Metzlersche, Stuttgart 1975, ISBN 3-476-00307-8.

Interpretationshilfen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Lowsky: Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find’t. 4. Auflage, Bange, Hollfeld 2014, ISBN 978-3-8044-1906-3 (= Königs Erläuterungen: Textanalyse und Interpretation. Band 360)
  • Fritz L. Hofmann: Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel : Unterrichtsvorschläge und Kopiervorlagen. Berlin : Cornelsen, 2011 ISBN 978-3-464-61646-8
  • Stefan Volk: Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel. Paderborn : Schöningh, 2009 ISBN 978-3-14-022442-0
  • Bertold Heizmann: Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel. Freising : Stark, 2009 ISBN 978-3-86668-030-2
  • Walter Wagner (Hrsg.): Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel. Stuttgart : Reclam, 2004 ISBN 3-15-008132-7
  • Rudolf Schäfer: Theodor Fontane, Unterm Birnbaum, Frau Jenny Treibel : Interpretationen. München : Oldenbourg, 1974 ISBN 3-486-01161-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. gemeint ist der Tenor Anton Woworsky (1834–1910) (Edgar Groß, 1959, S. 443)
  2. Zitat in: Theodor Fontane: Sämtliche Werke, hrsg. von Walter Keitel. Carl Hanser Verlag, München 1963, Band 4, S. 717. Ausschnitt.
  3. Zitat in: Theodor Fontane: Gustav Freytag: Die Ahnen. Band I–III. Buchbesprechung in der „Vossischen Zeitung“ vom 14. und 21. Februar 1875. Zitiert nach: Theodor Fontane: Mathilde Möhring. Aufsätze zur Literatur. Causerien über das Theater. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1969, S. 177. Ausschnitt.