Frauen und Kinder zuerst!

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Soldaten verbleiben auf der sinkenden HMS Birkenhead, während Frauen und Kinder ein Rettungsboot besteigen (Gemälde von Thomas Hemy um 1892).

Frauen und Kinder zuerst!“ oder der Birkenhead Drill[1][2] ist ein historischer Verhaltenskodex, laut dem Frauen und Kinder in lebensgefährlichen Situationen zuerst gerettet werden sollten, zum Beispiel beim Sinken eines Schiffes mit einer beschränkten Anzahl von Rettungsbooten.

Geschichte[Bearbeiten]

William Douglas O’Connor, der die Phrase „Frauen und Kinder zuerst“ als erster veröffentlicht hat.

Während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatten Schiffe oft nicht genügend Rettungsboote, um im Notfall alle Passagiere und die Besatzung aufzunehmen.

Frühe Berichte[Bearbeiten]

Einer der ersten dokumentierten Berichte der Handlungsmaxime women and children first stammt von einem Passagier des Transportschiffes Poland vom 25. Mai 1840.[3] Die Poland hatte 24 Passagiere und insgesamt waren 63 Personen an Bord, darunter sieben Frauen und vier Kinder, als am 16. Mai 1840 ein Feuer ausbrach.[4] Ein Passagier, ein französischer Händler, bestand – unter allgemeiner Zustimmung – darauf, Frauen und Kinder zuerst in das Rettungsboot zu bringen.[5] Die gesamte Besatzung und alle Passagiere der Poland konnten am dritten Tag auf See gerettet und sicher nach New York zurückgebracht werden.

Bei einem weiteren Schiffsunglück, dem Untergang der Abercrombie Robinson in der Tafelbucht am 27. Mai 1842, wurde dieselbe Maxime befolgt und die etwa 70 Frauen und Kinder zuerst in die Rettungsboote gebracht. Durch die Autorität zweier Truppenkapitäne und die daraus resultierende Disziplin konnten alle Passagiere gerettet werden.[6] Der schottische Exzentriker und Dichter William Topaz McGonagall (im englischsprachigen Raum als „schlechtester Dichter aller Zeiten“ angesehen) setzte diesem dramatischen Vorfall mit glücklichem Ende ein Denkmal mit seinem eigenwilligen Werk The Wreck of the Abercrombie Robinson. [7]

Birkenhead Drill[Bearbeiten]

Die Anwendung, die zur Namensgebung Birkenhead Drill führte, ereignete sich 1852 bei der Evakuierung des Truppentransportschiffs HMS Birkenhead. In der Literatur taucht der Ausspruch dann zum ersten Mal in dem 1860 von William Douglas O’Connor veröffentlichten Roman Harrington: A Story of True Love auf.[8][9] In Deutschland betrachtete die Monatsrundschau in ihrer Ausgabe von 1865 diese in Amerika übliche Vorgehensweise noch als „übergroße Rücksicht gegen das schöne Geschlecht“.[10]

RMS Titanic[Bearbeiten]

Schiffbrüchige der Titanic in einem Rettungsboot

Die Regel ist vor allem durch den Untergang der Titanic 1912 bekannt geworden. Der Zweite Offizier schlug Kapitän Smith vor: „Sollten wir nicht die Frauen und Kinder in die Boote bringen, Sir?“ worauf der Kapitän antwortete: „Frauen und Kinder in die Boote und diese ablassen!“[11] Die Offiziere interpretierten diesen Befehl unterschiedlich: Die einen meinten zuerst Frauen und Kinder, die anderen nur Frauen und Kinder. Daher ließ ein Offizier Rettungsboote mit leeren Sitzen zu Wasser, wenn keine Frauen und Kinder in der Nähe waren, um diese zu besteigen, während andere einer beschränkten Anzahl von Männern erlaubten, die Rettungsboote zu besteigen, nachdem alle in der Nähe wartenden Frauen in die Boote gestiegen waren. Daher wurden 74 % der Frauen und 52 % der Kinder gerettet, aber nur 20 % der Männer.[12]

Bemerkungen zum Seerecht[Bearbeiten]

Die Regel hat im Seerecht kein Äquivalent und laut dem Evakuierungsexperten Ed Galea von der University of Greenwich wird heute den hilfsbedürftigsten Menschen zuerst geholfen, also nicht unbedingt den Frauen, sondern Verletzten, Alten und kleinen Kindern.[13] Darüber hinaus zeigt eine Studie der Universität Uppsala, dass die Anwendung der Regel in der Praxis eher eine Ausnahme ist.[14]

In vielen Ländern gelten aber das „vorzeitige Verlassen des Schiffs durch die Schiffsführung“ und das „Zurücklassen Hilfsbedürftiger“ als strafbare Handlungen (z. B. Codice della Navigazione §§ 303, 1097[15][16][17]), d. h. der Kapitän geht als Letzter von Bord.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rudyard Kipling: Collected Verse of Rudyard Kipling (= Kessinger Publishing's Rare Reprints.). Neuauflage, Kessinger Publishing, La Vergne 2005, ISBN 1-4179-0750-9, (auf google-books).
  2. Robert Anson Heinlein: Double Star. Gregg Press, Boston 1978, ISBN 0-8398-2446-7, (auf Ggoogle-books).
  3. Southworth Allen Howland: Steamboat Disasters and Railroad Accidents in the United States: To which is Appended Accounts of Recent Shipwrecks, Fires at Sea, Thrilling Incidents, Etc. Dorr, Howland & Company, 1840, S. 306.
  4. The Sydney Gazette and New South Wales Advertiser, Destruction of the Ship Poland by Fire, 3. Dezember 1840
  5. “Let us take care of the women and children first.”
  6. Joachim Hayward Stocqueler: A Familiar History of the British Army, from the Earliest Restoration in 1660 to the the Present Time: Including a Description of the Volunteer Movement, and the Progress of the Volunteer Organisation. E. Stanford, 1871, S. 251.
  7. William Topaz McGonagall: The Wreck of the Abercrombie Robinson (englisch).
  8. William Douglas O’Connor: Harrington: A Story of True Love. Thayer & Eldridge, Boston 1860, S. 188 (online auf archive.org)
  9. The Phrase Finder: Women and Children First. Auf: phrases.org.uk abgerufen am 16. April 2010.
  10. Chronik der Gegenwart, Monatsrundschau, München 1865, S.33
  11. Walter Lord: A Night to Remember. Bantam, New York, NY 1997, ISBN 978-0-553-27827-9.
  12. Chuck Anesi: Titanic Casualty Figures. Abgerufen am 8. Dezember 2013.
  13. Tom de Castella: Costa Concordia: The Rules of Evacuating a Ship, BBC News. 16. Januar 2012. 
  14. Mikael Elinder, Oscar Erixson Every man for himself: Gender, Norms and Survival in Maritime Disasters. Uppsala Universitet, 2012.
  15. Codice della navigazione: 'Abbandono della nave in pericolo', abgerufen am 26. Februar 2013
  16. Codice della navigazione: 'Abbandono di nave o di aeromobile in pericolo da parte del comandante', abgerufen am 26. Februar 2013
  17. Christoph Drösser: Stimmt's? Muss ein Kapitän als Letzter das sinkende Schiff verlassen? ...fragt Johannes Meißner aus Berlin. Auf. Zeit-online. Abgerufen am 8. Dezember 2013.
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