Frauenbewegung in Deutschland

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Die Frauenbewegung in Deutschland konstituierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Folge von Revolutions- und Bürgerrechtsbewegungen. Sie ist von damals bis heute gekennzeichnet von vielfältigen politischen Interessen, was zur Folge hat, dass es keine konsistente Frauenbewegung gibt, sondern viele verschiedene Schauplätze politischer Aktivität, die zum Teil gar nichts oder wenig voneinander wussten.

Erste Deutsche Frauenbewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1848, nachdem in Frankreich und Großbritannien infolge der Erklärung der Bürger- und Freiheitsrechte durch die Französische Revolution bereits Frauenrechte[1] proklamiert worden waren, entstanden nun auch revolutionäre Bewegungen in Deutschland. „Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen“,[2] schreibt Louise Otto-Peters (1819–1895) in der ersten deutschen Frauen-Zeitung, die sie 1849 gegründet hatte. Hier wird bereits das Wahlrecht als eine Hauptforderung diskutiert. Damit gilt Louise Otto-Peters als die Gründerin der deutschen Frauenbewegung. Das wichtigste Ziel dieser ersten Generation der Frauenbewegung, zu der auch Auguste Schmidt (1833–1902) und Henriette Goldschmid (1825–1920) gehörten, war das Recht der Frauen auf Arbeit und Bildung. Dabei sollte die Bildung und die Arbeit der Frauen nicht alleine den Frauen selbst dienen, sondern der ganzen Gesellschaft. Außerdem sollte die Bildung und Arbeit den Frauen ein finanziell von den Männern unabhängiges Leben ermöglichen. Für bürgerliche Frauen gab es bis dahin kaum Möglichkeiten zur Berufstätigkeit.[3]

Allgemeiner Deutscher Frauenverein (ADF)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gartenlaube (1894) b 257

1865 fand in Deutschland zum ersten mal eine Frauenkonferenz statt, bei der der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegründet wurde. Ziel dieses ADF war „die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen Hindernissen“.[4] Erste Vorsitzende wurde Louise Otto-Peters, zweite Auguste Schmidt. Offiziell ist dies die Markierung für die erste deutsche Frauenbewegung, die auch als bürgerliche Frauenbewegung bezeichnet wird. Die Forderung nach dem Frauenwahlrecht wird hier zunächst nicht mehr erhoben.

Hedwig Dohm, 1831 in Berlin geboren, zeit ihres Lebens als Frauenrechtlerin, Pazifistin, Essayistin und Autorin in vielen politischen Diskussionsbereichen unterwegs, hat diese erste deutsche Frauenbewegung, in der die vorrangigen Ziele das Recht auf Bildung und auf Arbeit waren, maßgeblich mit geprägt: „Es gibt keine Freiheit der Männer, wenn es nicht eine Freiheit der Frauen gibt.“[5] Widerstand gegen diese Frauenbewegung kam sowohl aus den Reihen der Männer als auch von den Frauen selbst. Ein Problem der Frauenbewegung stellte das Verbot in Preußen für Frauen dar, sich politisch zu betätigen. Während Frauen sich in anderen deutschen Teilstaaten politisch betätigen konnten, war preußischen Frauen bis 1908 verboten, sich politisch zu organisieren oder politische Versammlungen besuchen - auch wenn sie das vielfach unterliefen.[6] Das Hauptziel des ADF blieb die Bildung der Frauen und das Recht auf Erwerbstätigkeit.[7]

Stimmberechtigte Mitglieder im Verein konnten nur Frauen werden, Männer waren nur als Berater zugelassen, was ihnen den Vorwurf der Männerfeindlichkeit einbrachte. Überall in Deutschland wurden Ortsvereine gegründet, sodass 1870 die Zahl der Mitglieder bei 10.000 lag.[8]

Immer mehr Vereine wurden gegründet, die sich das Recht der Frauen auf Bildung und Erwerbstätigkeit auf ihre Fahne geschrieben hatten. So wurde 1866 der Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts in Berlin gegründet. Er wurde Lette-Verein nach seinem Gründer Dr. Adolf Lette genannt, der sich zwar für die Erwerbstätigkeit der Frauen stark machte, aber sich noch vehement gegen die politische Gleichberechtigung der Frauen aussprach.[9] 1887 richtete Helene Lange eine Petition an den Preußischen Unterrichtsminister und das Preußische Abgeordnetenhaus. Darin forderte sie die wissenschaftliche Ausbildung der Lehrerinnen für höhere Mädchenschulen und die zunehmende Besetzung der Lehrerstellen mit Frauen. Diese Gelbe Broschüre erregte Aufsehen, obwohl sie noch ganz dem traditionellen Frauenbild verhaftet war. Die jungen Mädchen sollten auf ihre Rolle als Mütter vorbereitet werden, entweder als Mütter eigener Kinder oder als Lehrerinnen an Mädchenschulen, wo sie ihre „geistige Mutterschaft“ einbringen könnten. 1889 gründete Helene Lange den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein in Berlin. Ziel dieses Vereins war die Zulassung der Frauen zum Abitur und zum Studium. Die politische Beteiligung der Frauen wurde nur als Fernziel diskutiert.[10]

Bund Deutscher Frauenvereine (BDF)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1894 schlossen sich viele der Frauenvereine zum „Bund Deutscher Frauenvereine“ zusammen. Die erste Vorsitzende wurde die Leiterin des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ Auguste Schmidt. Es sollten Frauenvereine der unterschiedlichsten Parteien und Weltanschauungen aufgenommen werden. Dafür wurden die Ziele sehr allgemein gehalten. Dennoch wurden die Vereine der proletarischen Frauenbewegung ausgeschlossen mit dem Argument, dass diese sozialistischen Arbeiterinnenvereine politisch seien.[11]

Proletarische Frauenbewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bürgerliche Frauenbewegung hatte sich nur vereinzelt für die Interessen der Arbeiterinnen eingesetzt. Die proletarische Frauenbewegung war eingebettet in die sozialistische Arbeiterbewegung, die davon ausging, dass die Befreiung der Frau nur möglich war durch eine Veränderung der bestehenden Gesellschaftsform. Wichtige Vertreterinnen der proletarischen Frauenbewegung waren Clara Zetkin und Emma Ihrer. Das 1879 erschienene Buch von August Bebel Die Frau und der Sozialismus markierte einen Meilenstein in der proletarischen Frauenbewegung. Nach und nach wurden innerhalb der Arbeiterorganisationen Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, nach Arbeiterinnenschutz, aber auch nach einem Frauenwahlrecht, gleichen Bildungschancen für die Frauen laut. Seit 1891 erschien die von Clara Zetkin herausgegebene Frauenzeitschrift Die Gleichheit.

Zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung gab es kaum Berührungspunkte, lediglich bei der Diskussion um eine Neufassung des Bürgerlichen Gesetzbuchs argumentierten beide Strömungen gegen die die Frauen benachteiligenden Bestimmungen.[12]

Frauenwahlrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um die Jahrhundertwende wurden sehr viele neue bürgerliche Frauenvereine gegründet, die sich dem Bund Deutscher Frauenvereine anschlossen. 1914 waren 250.000 Frauen über einen der zahlreichen Frauenvereine Mitglied im BDF. Zu den neu gegründeten Vereinen zählte der Deutsch-evangelische Frauenbund (1899), der Katholische Frauenbund Deutschlands (1903) und der Jüdische Frauenbund (1904). Außerdem wurden in dieser Zeit erste Frauenberufsverbände gegründet. Als seit 1908 die Frauen auch Mitglied in politischen Organisationen werden konnten, entstanden Frauengruppen innerhalb der Parteien.[13] Seit den 1870er Jahren sprachen sich die Feministinnen für ein Frauenwahlrecht aus, so Hedwig Dohm im Jahr 1876 oder Helene Lange 1896 in ihrer programmatischen Schrift "Frauenwahlrecht", die sie in der renommierten Zeitschrift Cosmopolis veröffentlichen konnte.[14] 1902 gründeten Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Minna Cauer und Helene Stöcker den Deutschen Verband für Frauenstimmrecht. Die proletarische Frauenbewegung innerhalb der linken Parteien und der Gewerkschaften setzte sich ebenfalls seit den 1890er Jahren für ein Frauenstimmrecht ein. Wie in zahlreichen anderen Staaten erhielten die Frauen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Wahlrecht.[15]

Frauen für den Frieden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1892 gründete Bertha Suttner, überzeugte Pazifistin und Autorin des Antikriegsromans Die Waffen nieder die Österreichische und die Deutsche Friedensgesellschaft. 1914, in der Überzeugung, dass ein Blitzkrieg die Macht der Nation erhalten könne, ließ sich der Bund der deutschen Frauenvereine vor den Karren des Vaterlandskriegs spannen: während der Kriegszeit sollten die Kämpfe um die Frauenrechte eingestellt werden. Einige jedoch blieben bei ihrer Überzeugung und riefen zu einem Frauenfriedenskongress auf. Lida Gustava Heymann (1868–1943) und Anita Augspurg (1857–1943), Initiatorinnen des Verbands für Frauenstimmrecht 1902, gelten als Initiatorinnen des 1915 in Den Haag stattfindenden Frauenkongresses zum Frieden. Unterstützt wurden sie von den überzeugten Pazifistinnen Minna Cauer (1841–1922), Herausgeberin der Zeitschrift Frauenbewegung, Hedwig Dohm (1831–1919), Helene Stöcker (1869–1943), Rosa Mayreder (1858–1938) und Clara Zetkin (1857–1933). Beim Frauenkongress wurden die Frauen Europas aufgerufen, gegen den Krieg zu protestieren, Gewalt gegen Frauen während des Kriegs anzuprangern, sich für politische Gleichberechtigung einzusetzen, für internationale Konferenzen mit Frauenbeteiligung, für Abrüstung und vieles mehr. Es wurde die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit gegründet (Women’s International League for Peace and Freedom), der 20-Punkte Katalog des Frauenkongresses soll auf die Formulierung von Präsident Woodrow Wilsons Friedensplans mit eingewirkt haben.

Frauenorganisationen zur Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bund Deutscher Frauenvereine löste sich 1933 auf, um einer Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Dies bedeutete das Ende einer eigenständigen Frauenbewegung in Deutschland. Einige Frauenvereine wie der "Deutsch-evangelische Frauenbund", die "Haus- und Landfrauenvereine" und der "Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft" traten dem nationalsozialistischen "Deutschen Frauenwerk" bei. Dies bildete zusammen mit der NS-Frauenschaft die gleichgeschaltete Organisation der Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus. Ihnen ging es weniger um die Erkämpfung von Frauenrechten als vielmehr um die Einbindung der Frauen in die Ziele des Nationalsozialismus. Die Frauen verloren 1933 das passive Wahlrecht, sie wurden aus den Parlamenten ausgeschlossen. Ihre Rolle als Mutter- und Hausfrau wurde betont. Kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs wurde allerdings wieder die Bedeutung der Frauenerwerbsarbeit erkannt. Die Frauen mussten die Arbeitsplätze der im Krieg stehenden Männer besetzen.[16]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1949 trat in Westdeutschland das Grundgesetz in Kraft. In Artikel 3 wird die Gleichberechtigung von Mann und Frau garantiert. Für diesen Artikel hatten die Mütter des Grundgesetzes Elisabeth Selbert, Helene Wessel, Helene Weber und Friederike Nadig gekämpft.

1949 wurde der Deutsche Frauenrat als Dachverband der verschiedensten westdeutschen Frauenverbände gegründet, der aber als ein Verband von eher konservativen Frauenorganisationen galt.

Bundesarchiv Bild 183-78024-0007, Berlin, VII. DFD-Bundeskongress

Neue Deutsche Frauenbewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1968, wieder unter dem Eindruck politisch revolutionärer Umwälzungsprozesse, entstand die „Neue Deutsche Frauenbewegung.“ Kennzeichnend ist zunächst eine große Unwissenheit, nicht nur bezüglich der Forderungen und Ziele der ersten deutschen Frauenbewegung, sondern auch in Hinblick auf all die Aktivitäten, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von verschiedenen Fraueninitiativen gestartet worden waren (z. B. 1950 der Demokratische Frauenbund Deutschlands, der für die Sicherung des Friedens und die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands eintrat, außerdem für die Gleichberechtigung der Frau; die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung, die Frauenkonferenzen des Deutschen Gewerkschaftsbundes ab 1952, der Deutsche Juristinnenbund, etc.). Es fehlte noch 1968 jegliches historisches Bewusstsein zur Kontinuität der Themen und der Aktivitäten der frauenbewegten Gruppen. Schulen und Medien waren nicht der Ort, diese Informationen weiterzugeben, Frauengeschichte war kein Bestandteil geschichtlichen Wissens, somit wurden diese Wissensbestände über lange Zeit unterschlagen.

Aus der Studentenbewegung heraus entstanden der Sozialistische Deutsche Studentenbund und die Außerparlamentarische Opposition. Als Abgrenzungsbewegung von Seiten der Frauen bildete sich, zur Verfolgung eigener politischer Ziele, zunächst die Kinderladenbewegung mit dem Ziel, mehr Energie für politische Arbeit freisetzen zu können, wenn Kinderbetreuung gemeinschaftlich organisiert wird. Schnell schlossen sich pädagogische und gesellschaftspolitische Diskussionen an. Helke Sander, Mitbegründerin des Aktionsrats zur Befreiung der Frau, stellte in ihrer Rede zur 23. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1968 in Frankfurt eine Forderung auf: „Wir wollen versuchen, schon innerhalb der bestehenden Gesellschaft Modelle einer utopischen Gesellschaft zu entwickeln. In dieser Gegengesellschaft müssen aber unsere eigenen Bedürfnisse endlich einen Platz finden.“[17] Die Nichtreaktion auf diese Rede führte zum „Tomatenwurf“, der den Beginn der „Neuen Deutschen Frauenbewegung“ markiert. Von hier aus nahmen erneut politische Diskussionen ihren Ausgang: der Abtreibungsparagraph, die Kinderbetreuungsfrage, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Familienrecht, Gewalt gegen Frauen, Frauen und Frieden und utopische Lebensentwürfe, die überkommene Setzungen und institutionalisierte Strukturen analysierten und in Frage stellten.

Die Herausgeberin Alice Schwarzer[18] urteilt:

„Doch gerade die Frauenbewegung entstand bekanntermaßen Anfang der 1970er Jahre im Westen nicht zuletzt aus Protest gegen die Linke.“

Alice Schwarzer, 2010

Wichtige rechtliche, soziale und kulturelle Stationen der Emanzipation in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wesentliche Schritte der Gleichberechtigung der Frau sind auch in Deutschland erst im 20. Jahrhundert erfolgt.

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 4. Jahrhundert und vorher: In Deutschland erhalten jüdische Kinder ihren Unterricht gemäß den religiösen Vorschriften zuhause: Jungen zunächst durch den Vater, später durch den Rabbi. Mädchen werden von der Mutter unterrichtet.
  • 1524 fordert der Reformator Martin Luther in seiner Schrift An die Rad(s)herrn aller stedte deutsches lands: das sie Christliche schulen auffrichten und hallten sollen die Einrichtung städtischer Schulen für Jungen und Mädchen. Luthers Anspruch nach sollten die Kinder „nicht alleine die Sprachen und Historien hören, sondern auch singen und die Musica mit der ganzen Mathematica lernen.“ Damit die Kinder ihren Eltern weiterhin im Haushalt oder bei deren Gewerbe assistieren könnten, sollte sich der Schulbesuch auf täglich zwei Stunden für die Knaben, bei den Mädchen aber auf eine Stunde täglich beschränken.
  • 1529 errichtet Magdalena von Staupitz in Grimma eine der ersten Elementarschulen für Mädchen. Zum Unterrichtsstoff gehören Handarbeiten, Musizieren, Mathematik, Geschichte und Religion. Von Staupitz war 1523 mit Martin Luthers späterer Gattin Katharina von Bora aus dem Kloster geflohen. Die ehemalige Nonne, später verheiratete Geuder, führte die Schule bis zu ihrem Tod 1548. Das Institut selbst bestand bis ins 19. Jahrhundert hinein.
  • 16. / 17. Jahrhundert: Neue katholische Frauenorden, wie die Ursulinen (1535 in Italien / 1639 in Deutschland), die Katharinerinnen (1571) und die Englischen Fräulein (1609 in England / 1620 vorübergehend, seit 1627 dauerhaft in Deutschland), verpflichten sich der Mädchenbildung. Neben dem Lesen und Schreiben erlernen sie Handarbeiten und weitere Fertigkeiten für den Haushalt.
  • 1592 Das lutherisch-reformierte Herzogtum Pfalz-Zweibrücken führt als erstes Land der Erde die allgemeine Schulpflicht für Mädchen und Knaben ein.
  • 1754 Dorothea Erxleben wird aufgrund einer Ausnahmegenehmigung des preußischen Königs Friedrichs des Großen an der Universität Halle als erste Frau – in Medizin – promoviert.
  • 1802 In Hannover wird die erste „städtische höheren Töchterschule“ gegründet. Weitere, teils privat, teils unter städtischer Regie geführte Einrichtungen folgen in ganz Deutschland. Die Höheren Töchterschulen unterrichten Mädchen anfangs bis zum 14., später auch bis zum 16. Lebensjahr. Der maximal erreichbare Bildungsabschluss entspricht bis um das Jahr 1890 etwa der Mittleren Reife.
  • 1893 Eröffnung des ersten deutschen Mädchengymnasium durch den Verein „Frauenbildungs-Reform“ in Karlsruhe.
  • 1896 legen am Luisengymnasium Berlin - und damit erstmals in Preußen - sechs junge Frauen das Abitur ab.
  • 1896 Erstmalige Zulassung von Frauen als Gasthörerinnen an preußischen Universitäten (in Vorbereitung auf die Oberlehrerinnenprüfung). Gasthörern stehen nicht alle Vorlesungen offen, auch können sie weder Prüfungen ablegen noch Abschlüsse erwerben.
  • 1899 wird an preußischen Universitäten Frauen das Medizin- oder pharmazeutische Studium erlaubt.
  • 1900 Uneingeschränktes Frauenstudium im Großherzogtum Baden – als erstem deutschen Land.
  • 1908 Endgültige Gleichstellung der Mädchen- der Knabenausbildung in Preußen. Die sogenannte Mädchenschulreform integriert die Höheren Mädchenschulen in das System der Höheren Lehranstalten. Damit ist ein gleichwertiger Unterricht sowie die Zulassung zu Abitur und Studium gewährleistet. Das bisherige „Mädchenabitur“ hatte nicht automatisch zum Universitätsbesuch berechtigt.
  • Ab den späten 1950ern wird schrittweise die Koedukation eingeführt (seit 1945 in der Deutschen Demokratischen Republik).
  • 1986 Erster Lehrstuhl für Historische Frauenforschung, in Bonn.

Politik und öffentliche Meinungsbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1791 Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin durch die Französin Olympe de Gouges. Die zeitgenössische Breitenwirkung des Textes ist historisch umstritten; er wurde 1972 von Hannelore Schröder wiederentdeckt und 1977 vermutlich erstmals auf Deutsch veröffentlicht.
  • 1849 Gründung der (zwischen 1850 und 1853 schrittweise verbotenen) Frauen-Zeitung, in Großenhain (Königreich Sachsen).
  • 1850 In Sachsen verbietet das Lex Otto, mit Blick auf die Frauen-Zeitung, Frauen die Herausgabe von Zeitungen und sogar die redaktionelle Mitarbeit.
  • 1853 untersagt auch Preußen Frauen die Herausgabe von Zeitungen (siehe Frauen-Zeitung).
  • 1865 Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF; ab 1928 Deutscher Staatsbürgerinnenverband). Ziel ist anfangs, (unverheirateten) Frauen aus bürgerlichen Schichten ein erweitertes Spektrum an Erwerbsarbeit zu öffnen; nach Ansicht der Vereinsgründerin Louise Otto-Peters waren „Proletarierinnen“ aus Armut ohnehin zur Erwerbsarbeit gezwungen. Neu ist, dass ein Frauenverein erstmals ohne Männer organisiert und allein von Frauen geführt wird. Die Zeitschrift Neue Bahnen (Louise Otto-Peters, Auguste Schmidt) etabliert sich als Sprachrohr des ADF; sie wird 1920 durch der Monatszeitschrift Die Frau in der Gemeinde ersetzt.[19]
  • 1866 In Berlin gründet Wilhelm Adolf Lette den Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts (kurz: Lette-Verein). Die berufspolitischen Ziele ähneln jenen des ADF, ohne aber auf eine politisch-soziale Frauenemanzipation hinwirken zu wollen: Die Erwerbsarbeit soll den „natürlichen Berufs als Mutter und Hausfrau“ nicht beeinträchtigen (siehe auch Abschnitt „Beruf“).
  • 1894 Formierung des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) in Berlin, als politisch „gemäßigter“ Dachverband der Frauenvereine.
  • 1918 Allgemeines Frauenwahlrecht (die erste Reichstagswahl mit Frauenwahlrecht findet 1919 statt).
  • 1918 Erste deutsche Ministerin wird Minna Faßhauer in der Sozialistischen Republik Braunschweig, als Volkskommissarin für Volksbildung.
  • 1949 Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz verankert.
  • 1953 In der DDR übernimmt Hilde Benjamin als Ministerin das Justizressort.
  • 1961 In der Bundesrepublik Deutschland wird mit Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) zum ersten Mal eine Frau Bundesministerin (Ressort: Gesundheitswesen).
  • 1972 Erste Präsidentin des Deutschen Bundestages wird Annemarie Renger (SPD).
  • 1993 Heide Simonis (SPD) wird erste Ministerpräsidentin eines Bundeslandes (Schleswig-Holstein).
  • 2005 Mit Angela Merkel (CDU) übernimmt erstmals eine Frau das Amt des deutschen Bundeskanzlers.

Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1865/66 Gründung des ADF und des Lette-Vereins. 1872 beginnt an den Schulen des Lette-Vereins der Unterricht. Neben „klassischen“ Frauenberufen, wie Handarbeitsstickerin, werden technisch orientierte Berufsfelder angeboten, u.a. Telegraphistin, Buchbinderin und Sekretärin (der Sekretärsberuf war damals noch eine Männerdomäne) (siehe auch Abschnitt „Politik“).
  • 1903 Mit dem Eintritt in den Polizeidienst gelingt Henriette Arendt der Einbruch in einen klassischen „Männerberuf“. Arendt wird in Stuttgart die erste uniformierte deutsche Polizistin (Polizeiassistentin bzw. Polizeifürsorgerin). Ihr Aufgabenbereich ist auf den Umgang mit weiblichen Prostituierten und die Kinderhilfe beschränkt. In den 1920er Jahren gründen Baden und Sachsen jeweils eine uniformierte weibliche Schutzpolizei (WP). Eine Weibliche Kriminalpolizei (WKP) organisieren Hamburg (Leitung: Josephine Erkens) und Preußen (Leitung: Friedrike Wieking). Die uniformierten, aber unbewaffneten WP-Einheiten werden in der NS-Zeit aufgelöst, die WKP dagegen 1937 reichsweit eingeführt und reorganisiert.
  • 1912 Die Technische Universität Berlin diplomiert mit Elisa Leonida Zamfirescu die erste Chemie-Ingenieurin Europas.
  • 1946 In Schleswig-Holstein organisiert die britische Besatzungsmacht eine weibliche uniformierte Schutzpolizei, die trotz Erfolgs 1952 aufgelöst wird. Die Polizistinnen sind meist mit Verkehrs-, Sexual- oder Familienangelegenheiten betraut und tragen weiterhin keine Schusswaffe. Erst in den späten 1960er Jahren erfolgt die Zulassung von Frauen für den allgemeinen Kriminaldienst und die gehobenen Laufbahn (Kommissar/in). Sie erhalten erstmals Schießunterricht und werden entsprechend bewaffnet. Die erneute Aufstellung weiblicher, jetzt bewaffneter Schutzpolizisten geschieht 1980 in West-Berlin (Ausbildungsbeginn 1978), die westdeutschen Bundesländer folgen bis Ende des Jahrzehnts.
  • 1952 Das Mutterschutzgesetz verbessert die Rechtsstellung von Schwangeren und Müttern am Arbeitsplatz. Für Beamtinnen werden später besondere Regelungen erlassen.
  • 1954 Das Beschäftigungsverbot für verheiratete Frauen im öffentlichen Dienst wird annulliert.
  • 1958 Aufhebung des Lehrerinnenzölibats.
  • 1958 Das Gleichberechtigungsgesetz annulliert das Recht des Ehemanns, das Arbeitsverhältnis seiner Frau jederzeit fristlos ohne Angabe von Gründen zu kündigen; die Frau benötigt aber weiterhin die Erlaubnis ihres Gatten zur Aufnahme einer Erwerbsarbeit (bis 1977).
  • 1975 treten die ersten Frauen in die Bundeswehr ein und erobern mit dem Militär eine weitere „Männerdomäne“. Zunächst werden nur bereits approbierte Ärztinnen, Zahnärztinnen, Tierärztinnen und Apothekerinnen als Sanitätsoffiziere übernommen. Erst 1989 erfolgt die Einstellung von weiblichen Sanitätsoffizieranwärtern, 1991 von weiblichen Mannschaften und Unteroffizieren im Sanitäts- und Musikdienst. Seit 2001 sind alle Laufbahnen uneingeschränkt für Frauen geöffnet, d.h. auch in Kampfeinheiten. In der DDR konnten Frauen von Anfang an freiwillig in allen NVA-Waffengattungen dienen, seit 1984 auch als Offiziere.
  • 1994 Jutta Limbach wird erste Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.
  • 2004 Die Niederländerin Karin Dorrepaal rückt als erste Frau in den Vorstand eines DAX-Unternehmens auf.

Ehe und Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1958 Das Gleichberechtigungsgesetz (siehe oben) hebt das alleinige Bestimmungsrecht des Ehemanns über Frau und Kinder auf. Das in die Ehe eingebrachte Vermögen dürfen Frauen nun selbst verwalten (sie können aber bis 1962 ohne Erlaubnis des Vaters oder Gatten kein eigenes Bankkonto führen). Die Zugewinngemeinschaft wird gesetzlicher Güterstand, was eine vermögensrechtliche Besserstellung der meist einkommenslosen Haus- und Ehefrauen bedeutet. Frauen dürfen nun den Führerschein ohne Erlaubnis des Vaters oder Ehemanns erwerben.
  • 1958 wird nach einem Bundesverfassungsgerichtsurteil das Ehegattensplitting anstelle der steuerlichen Gesamtveranlagung eingeführt.
  • 1959 Das Bundesverfassungsgericht erklärt jene ins Gleichberechtigungsgesetz übernommene Regelungen des Gehorsamsparagraphen (1958 entfallen, vorher: § 1354 BGB) für nichtig, die dem Vater die letzte Entscheidung (Stichentscheid) in Erziehungsangelegenheiten des Kindes einräumten und dem Vater die gesetzliche Alleinvertretung des Kindes überließen.
  • 1962 Ehefrauen dürfen ohne Zustimmung ihres Mannes ein Bankkonto eröffnen und verwalten. Vorher war ihnen, vor allem seit Wegfall der Bargeld-Entlohnung („Lohntüte“), die vom Ehemann oder Vater unabhängige Verwaltung des eigenen Lohns erheblich erschwert.
  • 1969 Verheiratete Frauen gelten als geschäftsfähig.
  • 1976 Gleichberechtigung bei finanziellen Angelegenheiten in der Ehe jenseits der Schlüsselgewalt.
  • 1976 Frauen dürfen nach der Heirat ihren Nachnamen behalten. Männer können den Nachnamen ihrer Ehefrau annehmen, womit dieser Familienname wird.
  • 1977 Bei Ehescheidungen tritt das Zerrüttungsprinzip an die Stelle des Schuldprinzips. Damit ändert sich auch das Unterhaltsrecht; bis dahin hatte der „schuldig“ geschiedene Ehepartner keinen Anspruch auf Unterhalt durch den Ex-Partner.
  • 1977 Abschaffung der "Hausfrauenehe": Frauen müssen nicht mehr den Haushalt führen. Gleichzeitig dürfen Frauen ohne Erlaubnis des Mannes eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Bis 1958 konnte der Ehemann das Arbeitsverhältnis seiner Frau jederzeit fristlos ohne Angabe von Gründen kündigen (siehe Abschnitt „Beruf“).
  • 1991 verwirft das Bundesverfassungsgericht den Grundsatz, dass der Nachname des Mannes Ehename wird, wenn das Paar sich nicht auf einen Nachnamen einigt.
  • 1992 Das Bundesverfassungsgericht hebt das Verbot der Nachtarbeit für Frauen auf.

Sexuelle Selbstbestimmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1961 Die Zulassung der Antibabypille in der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht Frauen eine von der Mitwirkung des Mannes unabhängige Schwangerschaftsverhütung. Anfangs erhalten sie nur verheiratete Mütter auf ärztliches Rezept. 1965 folgt die DDR mit der Wunschkindpille.
  • 1969 Reform des Kuppelparagraphen (§ 180 StGB), der die „Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht“ als Kuppelei generell unter Strafe stellte. Das bisher galt auch dann, wenn die sexuellen Handlungen von unverheirateten oder nicht miteinander verheirateten Erwachsenen vorgenommen wurden. Der mit Freiheitsstrafe (ein Monat bis fünf Jahre) zu ahndende Tatbestand der Kuppelei betraf bis dahin u.a. die Vermietung von Wohnungen oder Hotelzimmern an nicht miteinander verheiratete Erwachsene, aber auch Eltern, die den/die erwachsene(n) Freund/Freundin ihres erwachsenen Kindes die (gemeinsame) Übernachtung in der elterlichen Wohnung erlaubten. Die Reform des Kuppelparagraphen (der abgewandelt weiterhin bei Minderjährigen gilt) bedeutet einen wichtigen Schritt hin zur sexuellen Selbstbestimmung von Mann und Frau. Dennoch können noch bis in die 1970er Jahre hinein Mietverträge mit nicht wenigstens verlobten Paaren („Wilde Ehe“), wegen Verstoßes gegen die guten Sitten (§ 138 BGB), vermieterseits jederzeit für nichtig erklärt werden.
  • 1974 bis 1976 wird durch Novellierung des Paragraph 218 die Abtreibung erleichtert. Die zunächst beschlossene Fristenlösung (Abtreibung während der ersten drei Monate straffrei) wird vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt und deshalb durch das Indikationenmodell ersetzt (Abtreibung nur bei Vergewaltigung, Gefährdung des Lebens der Mutter, drohender Behinderung des Kindes sowie soziale Notlage zulässig).
  • 1992 wird beim Schwangerschaftsabbruch erneut eine Fristenlösung eingeführt, dieses Mal aber mit Beratungspflicht. Dieses Modell wird vom Bundesverfassungsgericht gebilligt.
  • 1993 Wegfall des § 1300 BGB, der bei Verlobten Entschädigungszahlungen des Mannes („Kranzgeld“) im Fall der Nichtheirat nach erfolgtem Beischlaf vorsah. Unverheiratete Frauen, die infolge einvernehmlichen Beischlafs ihre Jungfräulichkeit verloren haben, gelten damit gesetzlich nicht mehr als „beschädigt“.
  • Ab 1997 ist die Vergewaltigung auch in der Ehe strafbar, wird allerdings nur auf Antrag verfolgt. 2004 wird daraus ein Offizialdelikt, das von Amts wegen verfolgt wird.
  • 2001 Das Bundesgleichstellungsgesetz tritt in Kraft.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Olympe de Gouges hatte 1791 in Paris die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ veröffentlicht.
  2. Hervé, Florence (Hrsg.): Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Pahl-Rugenstein, Köln 1988
  3. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.15.
  4. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.17
  5. Dohm, Hedwig: Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau. Wedekind und Schwieger, Berlin 1874
  6. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.20.
  7. Gisela Bock zeigt in ihrem Aufsatz, dass die Erzählung vom deutschen Sonderweg mit der besondere Rückständigkeit der Frauenbewegung sich nicht aufrecht erhalten lässt, Bock: Das politische Denken des Suffragismus: Deutschland um 1900 im internationalen Vergleich, in: dies.: Geschlechtergeschichten der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis. Göttingen 2014, 168-203.
  8. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.22.
  9. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.22.
  10. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 24.
  11. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 30.
  12. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.30ff.
  13. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 38f.
  14. Gisela Bock: Das politische Denken des Suffragismus: Deutschland um 1900 im internationalen Vergleich, in: dies.: Geschlechtergeschichten der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis. Göttingen 2014, 168-203, hier 177-180.
  15. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.44f.
  16. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S.52ff.
  17. Elefanten Press Verlag: Heiss und Kalt - Die Jahre 1945-69. Elefanten Press, Berlin 1993
  18. Herausgeberin Emma, auf ihrer Website, 8. März 2010: Schafft den 8. März ab!
  19. Landesarchiv Berlin, Vorwort des Findbuchs zu Allgemeiner Deutscher Frauenverein