Frauenzentrum Westberlin

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Das Frauenzentrum Westberlin war das erste Frauenzentrum der deutschsprachigen Welt und ein räumlicher Ausgangspunkt für die Neue Frauenbewegung.

In den frühen 1970er Jahren bildeten autonome, basisdemokratische Frauenzentren die Entwicklungskerne der zweiten autonomen Frauenbewegung in der Bundesrepublik. Zu bisher tabuisierten Themen wie Empfängnisverhütung, Gynäkologie, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt und Psychiatrisierung bildeten Frauen Arbeitsgruppen und organisierten feministische Berufsgruppen. Aus dem Frauenzentrum Westberlin nahmen innerhalb von fünf Jahren zwanzig Frauenprojekte ihren Anfang. Anders als die orthodoxe Linke war die autonome Frauenbewegung eine basisdemokratische Aufklärungsbewegung, die Meinungsvielfalt und Selbstbildung statt Schulung vertrat. Entlang dieser Strukturen entwickelte sich in der Folge die Anti-Atomkraft-Bewegung. Wie die Umweltbewegung veränderte diese autonome Frauenbewegung die westeuropäische Gesellschaft innert weniger Jahre tiefgreifend.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Initiiert durch Frauen der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) kamen im November 1972 in Westberlin aufgrund einer Anzeige im Sponti-Blatt "Hundert Blumen" die ersten achtzig Frauen zur Vorbereitung eines Frauenzentrums in das Sozialistische Zentrum in der Stephanstraße 60.[1] Sie bildeten die ersten Arbeitsgruppen und einen eingetragenen Verein, der im März 1973 das Frauenzentrum in einem Laden in der Hornstraße 2 eröffnete. 1977 zog das Frauenzentrum um in die Stresemannstraße 40, wo es noch einige Jahre bestand.

Die erste Generation im Frauenzentrum rekrutierte sich aus berufstätigen Frauen (Erzieherinnen, Lehrerinnen, Angestellten) und Studentinnen, von denen viele erst nach Berufstätigkeit auf dem zweiten Bildungsweg die Uni erreicht und manche bereits eine Ehe hinter sich hatten. Viele kamen als Lesben oder wurden „Bewegungslesben“; Lesben waren treibende Kraft in allen Frauenprojekten dieser Zeit.

1973 war in Westdeutschland das Gros der Linken orthodox kommunistisch organisiert: 98.000 in der DKP und 12.000 in maoistischen Organisationen. Die Gründerinnen von Frauenzentrum dagegen kamen aus der undogmatischen Linken, einem Grüppchen von (bundesweit) 5.500 Personen.[2]

Zu den Gründerinnen des Frauenzentrums Berlin gehörten u. a.: Gisela Bock (Historikerin), Roswitha Burgard, Anke Wolf-Graf, Barbara Kavemann, Cristina Perincioli, Cäcilia Rentmeister, Renate Richter, Monika Schmid, Dagmar Schultz, Waltraut Siepert, Beatrice Stammer, Christiane Ewert.

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Berliner Frauenzentrum blieb stets autonom, also ohne staatliche Finanzierung, unabhängig von Parteien oder anderen Interessengruppen und basisdemokratisch:

„Jede Woche kommen alle Frauen aus den Untergruppen zum Plenum. Dort werden Gruppenerfahrungen mitgeteilt und Aktionen, die von den Untergruppen vorgeschlagen werden, von allen diskutiert und beschlossen. Dadurch entwickeln wir gemeinsam und kontinuierlich das Selbstverständnis des Frauenzentrums. Wir haben also kein Selbstverständnis auf Papier, sondern lernen gemeinsam. Jeden Donnerstag kommen Delegierte von jeder Arbeitsgruppe zur Ladengruppe, wo das Organisatorische erledigt und anstehende Probleme für das Plenum vordiskutiert werden. Danach um 20 Uhr findet jede Woche ein Informationsabend für die Neuen statt. Wir sympathisieren mit keiner Partei. Aber wir unterstützen die Stadtteilarbeit, die „ Rote Hilfe“ und die schwulen Frauen“.[3]

Die Vereinsform war nötig, um gewerbliche Räume anmieten zu können, der Vorstand hatte keine Weisungsfunktion. Gemeinsame Aktionen wurden im Plenum so lange diskutiert bis Konsens hergestellt war. Das Plenum musste sich regelmäßig gegen Männer wehren, die eine Teilnahme zu erzwingen, und gegen Frauen kommunistischer Gruppen, die die schnell wachsende Frauenbewegung unter ihre Lenkung zu bringen versuchten.

Vor dem Plenum bereitete eine Gruppe Organisatorisches vor und beantwortete die Fragen der Neulinge. Diese bildeten eigene Selbsterfahrungs-Gruppen - auch CR-Gruppe genannt nach der Methode consciousness raising - in denen jede ihre Erfahrungen als Frau vortrug und die anderen das System dahinter zu benennen suchten. Im Laufe dieser Sitzungen erwuchs daraus oft der Wunsch sich einem jener Themen als Gruppe zu widmen oder sich bestehenden Arbeitsgruppen anzuschließen.

Themen der Arbeitsgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1974, ein Jahr nach Gründung zeigt eine Liste diese 24 Arbeitsgruppen:

  • ‚Selbsterfahrung‘, davon gab es 4 Gruppen für die Neuen.
  • ‚Selbsthilfe‘ wurde in 4 Gruppen betrieben.
  • ‚Abtreibungsberatung‘ und Kampagnen zum §218 leisteten 2 AGs.
  • ‚Sexualität' war Thema für 2 Gruppen, Mythos vom vaginalen Orgasmus
  • ‚Theorien zur Frauenbefreiung‘, August Bebel, Friedrich Engels,
  • ‚Lohn für Hausarbeit‘ von Mariarosa Dalla Costa
  • ‚Selbstverteidigungskurs‘ mit 25 Zentrumsfrauen.

Beruflich orientierte Fachgruppen

  • ‚Hochschulgruppe‘: Seminare zur Situation als Studentinnen und Dozentinnen[4]
  • ‚Frauenrockgruppe‘ Flying Lesbians
  • ‚Mediengruppe‘ mit herausragenden Vertreterinnen aller Medien[5]
  • ‚Gesundheitswesen‘
  • ‚Psychotherapie, Psychiatrie‘
  • ‚Kunstgeschichte‘
  • ‚Schule/Erzieherinnen‘
  • ‚BIFF - Frauen-Beratungsstelle‘ für pädagogische, juristische und medizinische Fragen wird von Psychologinnen und Soziologinnen vorbereitet.[6]

Arbeitsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als in dogmatischen Gruppen der 70er Jahre wurde ausdrücklich keine politische Linie vorgegeben.

„Die Frauen verzichteten darauf, den richtigen Weg zur Revolution zu kennen, respektive die Revolution überhaupt anzustreben. Sie wollten nur jeweils das anpacken, was ihnen unter den Nägeln brannte. (...) Alle diese Gruppen leisteten theoretische wie praktische Arbeit und Selbstreflexion. Strategiediskussionen gab es nur anhand selbst erfahrener Erfolge oder Misserfolge und nicht in Anlehnung an Schriften aus dem 19. Jahrhundert, wie es beim Sozialistischen Frauenbund Westberlin (SFB) und den anderen dogmatischen linken Gruppen üblich war.“[7]

Anja Jovic beschrieb 1974 ihre Erfahrung im Frauenzentrum Berlin so:

„Was an diesem ersten Abend für mich deutlich wurde, war, dass die Frauen im Frauenzentrum sich nicht bereits eine feste Theorie erarbeitet hatten und uns diese überstülpen wollten, sondern dass sie uns ‚Neue‘ so, wie wir waren, mit unseren Erfahrungen sofort für voll nahmen.“[8]

Die autonome Frauenbewegung betrieb keine Schulung, sondern Aufklärung durch das Mittel der Selbstentblößung (Selbstbezichtigung, Abtreibung im Fernsehen, das Öffentlichmachen von sexuellem Missbrauch); unhaltbare Zustände werden so ans Licht gezerrt, Tabus gebrochen. Ganz ähnlich wie die Bürgerinitiativen sind sie eine sind Aufklärungsbewegung. Diese „durchbrechen und zerstören durch Denk- Tabus geschützte Ideologien. (...) Sie machen Geheimes offenbar – z. B. die Katastrophenpläne für Atomkraftwerke – und Unzugängliches zugänglich.“[9]

Zwanzig Projekte in fünf Jahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frauen aus Frauenzentrum und Lesbisches Aktionszentrum Westberlin (LAZ) gründeten innerhalb von fünf Jahren zwanzig Projekte, die zum Teil noch im 21. Jahrhundert arbeiten:

1974

  • Frauenbuchvertrieb bis 1987.
  • BIFF – Beratung und Information für Frauen.
  • Frauenselbstverlag, später sub rosa, dann Orlanda-Verlag.
  • Feministisches Frauen Gesundheits Zentrum FFGZ seit 1974.
  • Flying Lesbians – 1. Frauenrockband in Europa 1974–1977.

1975

1976

  • Courage – Monatszeitschrift 1976–1984.
  • Schwarze Botin (Zeitschrift) 1976–1987.
  • Amazonenverlag 1976–1984: erster Verlag in Europa mit hauptsächlich lesbischer

Literatur.

  • Berliner Sommeruniversität für Frauen 1976–1983 mit jeweils bis zu 10.000 Teilnehmerinnen.
  • Selbstverteidigung für Frauen seit 1976.
  • Frauenbuchladen Lilith bis 1998.[10]
  • Gründung des ersten deutschen Frauenhauses in Berlin. Dieses wird staatlich unterstützt.[11]

1977

  • Notruf für vergewaltigte Frauen.

1978

  • FFBZ Frauenforschungs-, bildungs- und Informationszentrum.

Publikationen des Frauenzentrums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die mit einfachen Mitteln hergestellten Broschüren dienten dazu Erkenntnisse von Arbeitsgruppen anderen (auch in Westdeutschland) schnell zugänglich zu machen:

  • Frauenzentrums-Info 1973; Broschüre zum Start des Berliner Frauenzentrums.
  • Frauenzeitung 1973–1976; Redaktion wechselt zwischen den Frauenzentrum Berlin und jenen in der Bundesrepublik.

Von Frauen aus dem Frauenzentrum übersetzt und publiziert:

  • Anne Koedt: Der Mythos vom vaginalen Orgasmus. 1973.
  • „Anfänge einer feministischen Therapie“, Westberlin 1975[12]
  • „Frauen gegen Gewalt“, Arbeitsgruppen aus dem Frauenzentrum dokumentieren Fälle von Gewalt gegen Frauen in Ehe, Psychiatrie, Gynäkologie, Vergewaltigung; Beruf. Dazu die Übersetzung von "The Politics of Rape" von Susan Griffin. Eine Broschüre zur Vorbereitung für das Internationale Tribunal zu Gewalt gegen Frauen in Brüssel 1976 organisiert von Diana E. H. Russel (englisch).[13]

Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass die Aktivistinnen der Zweiten, der „Neuen Frauenbewegung“ kaum Kenntnis über die Erste, die "Alte Frauenbewegung" hatten (außer Clara Zetkin, Helene Lange oder „Suffragette“ als Schimpfwort). Die Texte und Taten der Ersten Frauenbewegung in Deutschland waren im Dritten Reich untergegangen, sie wurden erst in den 1970er Jahren von Feministinnen wieder entdeckt. So war die Neue Frauenbewegung zu Beginn nahezu theorielos (abgesehen von August Bebel und Friedrich Engels) und suchte in allen Richtungen nach Texten, die sie voranbringen könnten. Vom Frauenzentrum neu entdeckt und 1974 als Raubdrucke veröffentlicht wurden diese Bücher:

Beide Texte eröffneten den Blick auf historische sowie einige neuzeitliche matriarchale Gesellschaftsformen. Sie zeigten, dass Patriarchat und weibliche Zweitrangigkeit nicht naturgegeben und universell sind.[14]

Öffentliche Auftritte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie die Projekte so wurden auch alle öffentlichen Auftritte des Frauenzentrums ohne fremde Mittel realisiert.

Kooperationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Kooperationen unter undogmatischen Gruppen – wie Frauenzentrum und Stadtteilgruppen - war einfach, da der sonst übliche Streit um die „richtige Linie“ und Führungsanspruch hier keine Rolle spielte:

Die Gruppe "Brot und Rosen" hatte 1972 das Frauenhandbuch Nr. 1[20] geschrieben und wurde in der Folge überrannt von Frauen, die eine Schwangerschaftsberatung suchten. Die kleine Gruppe konnte nur einen Tag in der Woche beraten, die übrigen Termine übernahmen §218-Gruppen im Frauenzentrum.

Viele Lesben - obwohl nicht selbst betroffen - arbeiteten in den §218-Gruppen mit. Selbst die in der Homosexuellen Aktion Westberlin organisierten Lesben unterstrichen mit einem Flugblatt ihre Unterstützung im Kampf gegen den §218: „Schwule Frauen sind in erster Linie Frauen. Und der §218 betrifft alle Frauen. Er entmündigt alle Frauen.“ Bei einer Demonstration des Frauenzentrums 1973 führten sie das Spruchband „Schwulsein ist besser“ mit. Umgekehrt fühlten sich die heterosexuellen Frauen der Frauenzentren von der Hetze der Springerpresse gegen Lesben ebenso gemeint: „Ich warne alle Frauen vor der lesbischen Liebe“ (Quick), „Wenn Frauen Frauen lieben kommt es oft zu einem Verbrechen“ (BILD 2. Februar 1973) Mit gleichlautenden Parolen feuerte die Springerpresse über Wochen, gerade zu jener Zeit als überall feministische Zentren entstanden. In der Literatur über die Neue Frauenbewegung wird diese Zusammenarbeit zwischen Lesben und heterosexuellen Feministinnen bisweilen als Gefahr gesehen, weil dadurch die Frauenbewegung diskreditiert würde.[21][22]

Der Mordprozess in Itzehoe 1974 mobilisierte der Mordprozess gegen Marion Ihns und Judy Andersen Lesbengruppen und Frauenzentren in ganz Westdeutschland. „Beide Frauen werden für den Auftragsmord am Ehemann von Marion Ihns zu lebenslänglich verurteilt. Die Geschichte der Frauen – die Vergewaltigung beider in der Kindheit, die Misshandlungen von Marion Ihns durch ihren Ehemann – finden bei dem Urteil keine Berücksichtigung.[...] Gegen die reißerische und diffamierende Berichterstattung protestieren die Frauengruppen mitten im Gerichtssaal und auch - erstmals in der deutschen Mediengeschichte - 136 Journalistinnen und 36 Journalisten beim Deutschen Presserat. Der spricht eine Rüge aus.“[23] Diese Unterschriftenaktion hatte die Mediengruppe des Berliner Frauenzentrums initiiert.

In jenem Mordprozess kamen erstmals bisher tabuisierte Gewaltformen gegen Frauen zur Sprache: häusliche Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe, sexueller Missbrauch von Kindern.[24] Dieser Themen nahm sich die autonome, feministische Bewegung nun an und schuf in der Folge das erste Frauenhaus, den ersten Notruf für vergewaltigte Frauen und wenig später die erste Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen: Wildwasser.

Selbstverständnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drei für das autonome Selbstverständnis der Frauenbewegung zentrale Debattenthemen waren:[25]

  • Separatismus und Autonomie?
  • Gleichberechtigung oder Emanzipation?
  • Ist das Patriarchat universell?

Abgrenzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Mitglieder des Frauenzentrums hatten in linken Gruppen eine „Kapital-Schulung“ absolviert, sich in linken Parteiinitiativen und Stadtteilgruppen engagiert, manche auch Betriebsarbeit geleistet.[26][27] bevor sie sich dem Frauenzentrum anschlossen. Wenn sie sich nun vehement gegen den Sozialistischen Frauenbund Westberlin (SFB) oder einer Vereinnahmung durch den Kommunistischen Bund verwahrten, so weil sie deren politische Strategie und Ziele gut kannten.[28]

Sozialistische Frauengruppen grenzten sich ihrerseits ganz entschieden von den autonomen Feministinnen der Frauenzentren ab: Deren Engagement sei „politisch folgenlos“, weil „absolut theorielos“, obwohl sie Frauenzentren gründeten und sich auf „ein wenig action“ und „spektakuläre Gewalt-Foren“ beschränkten.[29] Doormann weiter: „Die Abkehr der radikalfeministischen Gruppen von den politischen Realitäten und ihre nahezu ausschließliche Zuwendung zur privaten, individuellen, persönlichen Sphäre – ausgerechnet in einer Zeit zugespitzter gesellschaftlicher Krise, die nicht zuletzt auf dem Rücken eines Großteils ihrer Geschlechtsgenossinnen ausgetragen wurde – das habe ich diesen Gruppen vorzuwerfen.“[30] Als Errungenschaften der neuen Frauenbewegung nennt Doormann die Zeitschriften Courage und Emma, den Buchverlag Frauenoffensive, den Frauenkalender, Frauenhäuser, Notrufe für vergewaltigte Frauen, Frauengesundheitszentren und feministische Therapiegruppen. Also ausschließlich Projekte jener theorie- und folgenlosen autonomen Feministinnen. Ein Artikel im Spiegel Nr. 16/1979 fasst den Inhalt von Doormanns Buch zusammen.[31]

Analyse der Unterschiede[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Streitgespräch zwischen Cristina Perincioli und Frigga Haug, einer Führungsperson des Sozialistischen Frauenbund Westberlin (SFB), beschrieben beide im Rückblick von 25 Jahren, was Sozialistischer Frauenbund Westberlin (SFB) und das Frauenzentrum unterschied:

Frigga Haug: „Richtig ist, dass wir Frauen für defizitär hielten – und wir dies schnell ändern, gewissermaßen kompensatorisch tätig werden wollten. (...) Wir folgten dem Avantgardekonzept, wie damals in der Studentenbewegung üblich: Wir waren ganz toll und wollten den anderen sagen, wo’s langgeht. (...) Das Schulungsprogramm dauerte etwa ein Jahr.(...) Zehn Seiten Engels aus „Ursprung der Familie.“ Marx: „Lohn, Preis, Profit“ und von Lenin „Was tun?"“[32]

Cristina Perincioli: Man kann sich fragen, wieso müssen Frauen, bevor sie sich um ihre Belange kümmern können, eine politische Ausbildung dieser Art hinter sich bringen? Auch all jene Bürgerinitiativen, die dann folgten, sind jeweils zuerst aktiv geworden und haben dann dabei Politik gelernt.

Frigga Haug: Unser Anspruch war aber viel größer – man kann sagen, wahnsinniger – wir wollten nicht in einem ganz kleinen Punkt etwas verändern, wenn, dann schon gleich die ganze Gesellschaft.

Cristina Perincioli: Bei uns (im Frauenzentrum) fehlte das belehrende Element. Uns ging es in den Projekten darum, Frauen-Räume zu schaffen. Die Frauen kamen ja blau geschlagen ins Frauenzentrum, da konnten wir nicht sagen, wir haben das noch nicht zu Ende durchdacht, kommt später wieder.(...) Wenn ich von meinem Bauch ausgehe, komme ich zu neuen, eigenen Lösungen. Diese überraschenden Lösungen sind zündender, als wenn ich auf Basis von Bebel und Lenin was gegen Arbeitslosigkeit von Frauen sage. Indem man den Menschen erklärt, wie zu denken ist, hemmt man ihre eigene Kreativität.

Frigga Haug: Das würde ich bezweifeln. In Wahrheit versuchten wir aus der Geschichte der Kämpfe zu lernen, um dann eigene Strategien zu entwickeln. (...) Sicher hatten wir kein Gesundheitszentrum, kein psychologisches Beratungszentrum und auch nicht die Idee, das zu machen. Damals vertrat ich ernsthaft, dass es falsch sei, Frauenhäuser einzurichten, weil man damit dem Staat Arbeit abnimmt – und auch noch ohne Geld womöglich! Ich habe sehr spät gelernt, wie viel man in diesen Kämpfen um Reformen über die Struktur einer Gesellschaft erfährt. Wie bei der Forderung, die nächste freiwerdende Stelle an der Uni an eine Frau zu geben, sich das Patriarchat mit einer unglaublichen Hartnäckigkeit wehrt und über Parteigrenzen hinweg reproduziert. Wir fragten immer: Ist das Ziel auch sozialistisch? (...) Man verliert den Weg aus den Augen, wenn man nur auf das Ziel schaut. Es ist wie bei der Quote, sie kann nicht das Ziel sein, sie zu erstreiten aber ein ungeheurer Kampf."[33]

Schließung des Frauenzentrums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende der 1970er Jahre verlor das Frauenzentrum seine Funktion als Brutkasten: Jetzt engagierten sich neue Frauen direkt in Frauenprojekten, die Sommeruniversitäten ersetzten das Plenum, nun diskutierten Frauen zu Tausenden. Für Infos, Kontakte zu den Projekten und neue Erkenntnisse konnte man auf zwei feministische Monatszeitschriften zurückgreifen: Courage und EMMA. Nach der Wende entstanden viele neue "Frauenzentren" - auch in den neuen Bundesländern - als Dienstleister für Frauen und Mädchen (Beratung, Kultur, Sport, Kontakt und Hilfe) diesmal staatlich subventioniert.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vormals Sitz der Kommune I, dann Versammlungsort u. a. von Proletarischer Linke/Parteiinitiative (Pl/PI) und Roter Hilfe
  2. Gruppengrößen aus: Gerd Langguth: Protestbewegung: Entwicklung – Niedergang – Renaissance. Die Neue Linke seit 1968. Köln 1983, ISBN 3-8046-8617-6, S. 57–58.
  3. Selbstdarstellung des Frauenzentrums 1973, zitiert nach Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er-Bewegung blieb. Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-232-6, S. 89, 90.
  4. Siehe Chronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter 23. März 1974: „An der Freien Universität Berlin beginnt das erste ‚Frauenseminar‘. Initiiert hat es die Hochschulgruppe des Frauenzentrums. Titel: ‚Zur Situation von Studentinnen und Dozentinnen in der BRD und West-Berlin‘. Aus dem Frauenseminar geht die erste Frauen-Uni-Zeitung hervor: Nebenwiderspruch. Der selbstironische Titel erklärt sich aus der Tatsache, dass im linken Diskurs die Geschlechterfrage im Kapitalismus stets als zu vernachlässigender ‚Nebenwiderspruch‘ bezeichnet wurde – im Gegensatz zum ‚Hauptwiderspruch‘ zwischen den Klassen. Die Zeitung, die bis 1978 erscheint, dokumentiert Fraueninitiativen im Hochschulbereich.“ frauenmediaturm.de
  5. Die Mitglieder: die Journalistinnen Alice Schwarzer, Lea Rosh (NDR), Sophie Behr (Der Spiegel), Johanna Schickentanz (ZDF), Christel Sudau (Süddeutsche Zeitung), Magdalena Kemper (SFB/rbb) Monika Mengel (Spandauer Volksblatt/WDR), Ricky Matheyka (Der Abend (Deutschland)), Gesine Strempel, die Filmemacherinnen Helke Sander, Cristina Perincioli und Ricky Hachfeld, die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz.
  6. Artikel für die US Soziologin Marcia Keller über den Stand der Frauenbewegung in Ost- und Westberlin Cillie Rentmeister und Cristina Perincioli 1974 zitiert nach Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er-Bewegung blieb. Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-232-6, S. 93.
  7. Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er-Bewegung blieb. Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-232-6, S. 92.
  8. Anja Jovic: Ich war getrennt von mir selbst … In: Lothar Binger: Verkehrsformen. Band 2: Emanzipation in der Gruppe und die „Kosten“ der Solidarität. (= Kursbuch 37). Rowohlt, Berlin 1974, S. 75.
  9. Thomas Kuby, Christian Marzahn: Lernen in Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen. In: Zehn Jahre danach. (= Kursbuch 48). Berlin 1977, S. 161.
  10. Annette Kuhn (Hrsg.): Die Chronik der Frauen. Dortmund 1992, ISBN 3-611-00195-3, S. 590.
  11. Annette Kuhn (Hrsg.): Die Chronik der Frauen. Dortmund 1992, ISBN 3-611-00195-3, S. 588.
  12. Hogie Wyckoff: Problem-solving groups for women. In: Radical Therapy. Vol. I,1/15/1973. Motto: „Therapie ist Veränderung – nicht Anpassung“. Zitat: „Statt unseren gerechten Zorn über die Verletzung unserer Rechte zum Ausdruck zu bringen, bemitleiden wir uns und andere und suchen die Schuld bei uns selbst.“ S. 5 Der Text war Arbeitsbasis der Beratungsgruppe BIFF. Die Gruppe postulierte „Unsere unsichtbare Unterdrückung, die Unterdrückung in uns selbst, ist das Ergebnis der patriarchalisch-kapitalistischen und -sozialistischen Ideologie. (...) Daher ist es für jede Frau notwendig, ihre eigene Identität als Frau zu finden.“
  13. Siehe Chronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter 8.-11. März 1976. frauenmediaturm.de
  14. Sie lieferten damit Argumente u. a. gegen Simone de Beauvoirs Behauptung: „Diese Welt hat immer den Männern gehört…“, zit. nach Cillie Rentmeister: Frauenwelten - fern, vergangen, fremd? Die Matriarchatsdebatte und die Neue Frauenbewegung. In: Ina-Maria Greverus u. a. (Hrsg.): Kulturkontakt, Kulturkonflikt: Zur Erfahrung des Fremden. Band 2, Frankfurt am Main 1988, S. 446. Bekannte feministische Autorinnen wie Marielouise Janssen-Jurreit und Ute Gerhard warnten umgehend vor unterstelltem Matriarchats-Eskapismus, ohne jedoch weiterführenden historischen Forschungen Zeit zu geben oder solche zu zeitgenössischen matrilinearen Gesellschaften zu berücksichtigen, ebda., S. 449.
  15. Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er-Bewegung blieb. Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-232-6, S. 110.
  16. Annette Kuhn (Hrsg.): Die Chronik der Frauen. Dortmund 1992, ISBN 3-611-00195-3, S. 592.
  17. Siehe Chronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter 11. März 1974 Panorama-Beitrag [1]
  18. Siehe Chronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter November 1975. [2]
  19. Siehe Chronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter 1. März 1977[3]
  20. Chronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter August 1972 [4]
  21. Rosemarie Nave-Herz sieht das Ansehen der Frauenbewegung durch „das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität“ gefährdet. Es führe bei denen, welche die neue Frauenbewegung nicht aus eigenem Erleben kannten, zuweilen zu einer Gleichsetzung von Feminismus und Lesbianismus und damit zu einer pauschalen Etikettierung und Ablehnung der Neuen Frauenbewegung. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Opladen 1994, S. 76. (Erstausgabe Hannover 1982)
  22. Barbara Sommerhoff beklagt: So entstand in Teilen der Bevölkerung der falsche Eindruck, als sei Feminismus mit Lesbentum identisch. Mit ihren Vorgängerinnen teilten die Lesben den Spott, den jene schon vor 150 Jahren zu hören bekommen hatten, dass sie aufgrund ihres hässlichen Aussehens keine Männer fänden und deshalb notgedrungen homosexuell seien. In: Barbara Sommerhoff: Frauenbewegung. Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-499-16372-1.
  23. Chronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter 1. Oktober 1974 [5] mit Fotos der Aktion
  24. Sie werden in den Flugblättern zum Prozess genannt; zusammengestellt finden sie sich in Ilse Lenz (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. VS Verlag, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17436-5, S. 245–250.
  25. Cillie Rentmeister: Frauenwelten - fern, vergangen, fremd? Die Matriarchatsdebatte und die Neue Frauenbewegung. In: Ina-Maria Greverus u. a. (Hrsg.): Kulturkontakt, Kulturkonflikt: Zur Erfahrung des Fremden. Band 2, Frankfurt am Main 1988, S. 445.
  26. Sigrid Fronius: AStA-Vorsitzende der Freien Universität Berlin, Mitglied im Argument-Club, Betriebsarbeit bei Robert Bosch GmbH und Siemens, Mitgründerin der Proletarischen Parteiinitiative/Proletarische Linke (PL/PI)
  27. Sibylle Plogstedt war Mitglied des Sozialistischen Deutscher Studentenbundes und später in der trotzkistischen Gruppe Internationale Marxisten (GIM)
  28. Anfang Juni tagte – zum Entsetzen aller „alten“ Frauenzentrumsfrauen – im Plenumsraum des Frauenzentrums in der Stresemannstr. 40 der Sozialistische Frauenbund Westberlin (SFB). Zehn zusammentelefonierte Zentrumsfrauen konnten zunächst klären, dass dies ein einmaliger Besuch war, der durch Unkenntnis der Differenzen möglich wurde. In: Courage. August 1978.
  29. Lottemi Doormann (Hrsg.): Keiner schiebt uns weg. Zwischenbilanz der Frauenbewegung in der Bundesrepublik. Beltz, Weinheim/ Basel 1979, ISBN 3-407-83019-X, S. 53, 56 und 58.
  30. Lottemi Doormann (Hrsg.): Keiner schiebt uns weg. Zwischenbilanz der Frauenbewegung in der Bundesrepublik. Weinheim/ Basel 1979, S. 61.
  31. magazin.spiegel.de
  32. Diese Avantgarde, die die revolutionären Ideen von außen an die Arbeiter herantrug, war nach Lenin deshalb notwendig, weil die Proletarier aus eigener Kraft heraus nur an gewerkschaftlichem Kampf und nicht an Revolution interessiert seien (Lenin: Was tun? In: Werke. Band 5, S. 386). Diese Lehre rechtfertigte die Diktatur der Partei über die Arbeiter.“
  33. Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er-Bewegung blieb. Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-232-6, S. 165–167.