Fraxinetum

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Fraxinetum (arab. Farahsanit, heute La Garde-Freinet) war von 888/889 bis ca. 972 ein Brückenkopf der „Sarazenen“ im Königreich Burgund nahe Fréjus. Die Bedeutung des Ortsnamens wird mit „mit Eschen bestandenes Areal“ wiedergegeben. Mit Fraxinetum war in den Quellen eine nur ungefähre Bezeichnung des Gebietes zwischen La Garde-Freinet und dem Golf von St.-Tropez gemeint. Hinter dem Begriff ‚Sarazenen‘ dürften sich Berber aus al-Andalus verbergen, das zu dieser Zeit zu erheblichen Teilen der Kontrolle durch das Emirat von Córdoba entglitten war.

Der 888/889 im Zuge der sarazenischen Razzien besetzte Stützpunkt, der in den Quellen als Fraxinetum Saracenorum erscheint, diente der Beschaffung von Holz und dem Sklavenhandel. Er wird in arabischen Quellen nur fünf Mal erwähnt, wobei er dort als Insel von etwa 60 km² Ausdehnung und einem unbesteigbaren Berg erscheint. Womöglich ist dieser Berg mit dem Massif des Maures zu identifizieren, das sich zwischen Hyères und Fréjus erstreckt. Begünstigt wurde die Anlage von Piratenstützpunkten durch den Tod des letzten Karolingers in der Provence im Jahr 879. Aber auch in Italien, wie etwa am Monte Garigliano, im „Emirat von Bari“ oder in zahlreichen Plünderzügen – der bekannteste dürfte die Plünderung Roms im Jahr 846 gewesen sein – schlug sich die iberisch-nordafrikanische Piratenaktivität und eine Politik der Destabilisierung nieder.

Von Fraxinetum stießen die Mauren 930 nach Grenoble, bis Vienne, Asti und sogar 939 bis St. Gallen vor, besetzten die Alpenpässe (960 Großer St. Bernhard) und beherrschten Teile der Provence. Angebliche Vorstöße ins Engadin gelten als unhistorisch. Die Plünderungen der Sarazenen führten zu einer weitgehenden Entstädterung des Küstensaumes von Ligurien und Septimanien.

Zunächst als „privates“ Unternehmen von maurischen Piraten begonnen, ist ab 940 ein größerer Einfluss des Kalifats von Córdoba feststellbar. Mit dem Wiedererstarken des Emirats, bzw. des Kalifats von Córdoba gelangte Fraxinetum unter dessen Kontrolle. Wohl im Zusammenhang mit Verhandlungen mit Otto I. und Barcelona erhielt 940 der örtliche Machthaber Anweisung, die Christen in der Provence zu verschonen. Allerdings kam aus Cordoba keine Unterstützung, als 972 ein burgundisch-provenzalisches Heer mit Hilfe einer byzantinischen Flottenblockadde die arabischen Stützpunkte eroberte.

Die Sarazenen, die den Sklavenhandel betrieben, konnten auf entsprechende Strukturen christlicher Sklavenhändler zurückgreifen, die selbst (partiell gegen päpstlichen Widerstand) am Menschenhandel partizipierten.[1] Auch waren die Sarazenen keineswegs isoliert, denn Ekkehard von Aura berichtet von Ehen lokal ansässiger Frauen mit den Berbern von Fraxinetum.[2] Zudem waren lokale Kooperationen gängig. Es war wohl weniger die Differenz der Religionen als vielmehr die Belastung des alpinen Handels durch Überfälle, die zu Konflikten führte, nicht unähnlich denjenigen mit den Normannen und Ungarn. Christian Vogel ist dabei der Auffassung, die christlich-klösterliche Überlieferung habe das Trennende übermäßig stark betont, denn diese kannten die Sarazenen nur als Plünderer, auf die sie keinen Einfluss hatten, und Bündnisse schlossen die Berber nur mit Laien. Auch nahmen die Berber Flüchtlinge auf.[3]

Die Berber schlossen die besagten Vereinbarungen mit den burgundischen Königen. König Hugo von Niederburgund und Italien († 947), der zunächst die Sarazenen vertreiben wollte, fand in ihnen Verbündete gegen einen Konkurrenten. An König Konrad von Hochburgund (937–993) entrichteten sie Tribute, auch schlossen sie sich mit ihm zu gemeinsamen Kämpfen zusammen. Dass sich darin Versuche widerspiegeln, Gegner gegeneinander auszuspielen zeigte sich gegen 954, als Konrad sich mit den Sarazenen gegen die Ungarn verbündete, gleichzeitig ein Bündnis mit den Ungarn abschloss, um dann, während der Schlacht, gegen beide vorzugehen. Während die Sarazenen in den Quellen üblicherweise als unzuverlässig und hinterlistig geschildert werden, wurde dieses Vorgehen als Kriegslist gepriesen. Die Vita Bobonis nennt einen Anführer der Sarazenen einen König. Fraxinetum war Verhandlungsgegenstand bei den Gesandtschaftskontakten zwischen dem Hof Ottos I. und Córdoba, so dass die Abhängigkeit von Córdoba als gesichert gelten kann, doch hatte sich diese Verbindung in den letzten Jahrzehnten vor der Rückeroberung abgeschwächt.

Die Vertreibung wird im Chronicon Novaliciense beschrieben. Sie gelang nur mit der Hilfe eines lokalen Verbündeten, des Grafen Haimo. Haimo galt als „einer von ihnen“ (quidam eorum fuit nomine Aimo), doch als es zum Streit um Beute, nämlich um eine Frau kam, verbündete sich Haimo mit dem Grafen Robald. Die Sarazenen wurden vertrieben, die Familie Haimos blieb. Auslöser für die Vertreibung – dabei muss diese keineswegs Ziel der Militäraktion gewesen sein – war die Entführung des Abtes Maiolus von Cluny in den Jahren zwischen 972 und 983. Doch wurde auch erwogen, ob die cluniazensische Geschichtsschreibung diesen Zusammenhang nicht konstruiert habe. Auch wurden die Sarazenen nicht physisch vernichtet, wenn auch viele der Besiegten getötet und versklavt wurden. Die Konvertiten durften bleiben. Noch lange wurden in verschiedenen Tälern keine Schweine gehalten; auch hielt sich die Art der Schlachtung noch lange.

Inwiefern die Zerstörung der lokalen monastischen Kultur und der Feudalstrukturen zum Aufstieg des Altprovenzalischen zur Literatursprache und der Entstehung einer Schicht wohlhabender Bürger führte, wird diskutiert.

Ein sarazenisches Wrack im Seegebiet vor Cannes ist eines der wenigen Relikte der berberischen Seeräuberei.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Rudolf Singer: Fraxinetum. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 4, Artemis & Winkler, München/Zürich 1989, ISBN 3-7608-8904-2, Sp. 882.
  • Christian Vogel: Produkt unorganisierter Expansion? Die Berber-Enklave Fraxinetum, in: Netzwerk Transkulturelle Verflechtung, Mediävistische Perspektiven, Göttingen 2016, S. 197–202. (online)
  • Monique Zerner: La capture de Maïeul et la guerre de libération en Provence: le départ des Sarrasins vu à travers les cartulaires provençaux, in: Société scientifique et littéraire des Alpes de Haute-Provence (Hrsg.): Millénaire de la mort de Saint Mayeul, 4e abbé de Cluny, 994–1994. Actes du Congrès International Saint Mayeul et son temps, Dignes-les-bains 1997, S. 199–210.
  • Kees Versteegh: The Arab Presence in France and Switzerland in the 10th Century, in: Arabica 37 (1990) 359–388.
  • Philippe Sénac: Contribution à l'étude des incursions musulmanes dans l'Occident chrétien. La localisation du Gabal al-Qilâl, in: Revue de l'Occident musulman et de la Méditerranée 31 (1981) 7–14.
  • Scott G. Bruce: Cluny and the Muslims of La Garde-Freinet. Hagiography and the Problem of Islam in Medieval Europe, Cornell University Press, Ithaca 2015 (Traditionsbildung Clunys um die Entführung des Abtes Maiolus und Islampolemik des Petrus Venerabilis).[4]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael McCormick: New Light on the "Dark Ages": How the Slave Trade Fueled the Carolingian Economy, in: Past & Present 177,1 (2002) 17–54.
  2. Ekkehard IV., Casus S. Galli. St Galler Klostergeschichten, hrsg. und übersetzt von Hans F. Haefele (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 10), Darmstadt 1980, casus 65, S. 138–141.
  3. Christian Vogel: Produkt unorganisierter Expansion? Die Berber-Enklave Fraxinetum, in: Netzwerk Transkulturelle Verflechtung, Mediävistische Perspektiven, Göttingen 2016, S. 197–202: „anders als zu den Provenzalen hatten die Klöster keinen Zugang zu den Sarazenen, die ihnen nur als Plünderer gegenübertraten. Bündnisse schlossen die Sarazenen mit Laien, und der Einfluss, den kirchliche Autoritäten auf die christliche Bevölkerung ausüben konnten, versagte gegenüber Nichtchristen. Das trennende Element des anderen Glaubens wurde zudem von geistlichen Autoren überbetont, deren Sichtweise nur eingeschränkt als repräsentativ für die zeitgenössische Gesellschaft angesehen werden kann.“ (S. 198).
  4. Rezension v. Daniel König.