Freiwilligensurvey

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Deutsche Freiwilligensurvey (survey englisch für Erhebung), kurz FWS, wird seit 1999 im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt. Es ist die umfassendste und detaillierteste quantitative Erhebung zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland. Freiwilliges Engagement und die Bereitschaft zum Engagement von Personen ab 14 Jahren werden detailliert erhoben und können differenziert nach Bevölkerungsgruppen und Landesteilen dargestellt werden. Der FWS stellt die wesentliche Grundlage der Sozialberichterstattung zum freiwilligen Engagement in der Bundesrepublik Deutschland dar. Die Ergebnisse des jüngsten Freiwilligensurveys, der im Auftrag des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von TNS Infratest erstellt wurde, wurden im Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009: Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 - 2004 - 2009 veröffentlicht.

Nach der ersten Welle im Jahr 1999 wurde die repräsentative Erhebung 2004 und 2009 bereits zwei Mal neu aufgelegt. Seit 2006 liegen die Ergebnisse der zweiten Welle des Freiwilligensurveys (von 2004) vollständig vor (siehe Weblinks). Viele Bundesländer haben in größerem Umfang eigene Landesauswertungen des Freiwilligensurveys durchführen lassen (z.B. Bremen, Hessen, Berlin, Bayern, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Brandenburg).

Zurzeit wird die Durchführung einer vierten Welle des Freiwilligensurveys im Jahr 2014 vorbereitet. Die wissenschaftliche Leitung des Freiwilligensurveys 2014 liegt seit Dezember 2011 beim Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Das Projekt wird von einem wissenschaftlichen und einem fachpolitischen Beirat begleitet.

Ergebnisse[Bearbeiten]

2009: 36 % (1999: 34 % / 2004: 36 %) aller Bürger im Alter ab 14 Jahren engagieren sich in Deutschland freiwillig in Verbänden, Initiativen oder Projekten. Weitere 35 % (1999: 32 % / 2004: 34 %) sind öffentlich aktiv in einem Verein oder einer Gruppe tätig, ohne jedoch dort bestimmte freiwillige Aufgaben zu übernehmen. Somit waren 2009 insgesamt 71 % der Bevölkerung ab 14 Jahren in gesellschaftliche Gruppierungen eingebunden und aktiv beteiligt. Mit den Freiwilligensurveys konnte gezeigt werden, dass die öffentliche Einbindung der Bürgerinnen und Bürger und deren freiwilliges Engagement somit erheblich größer sind als bspw. in der Euro-Vol-Studie von 1996 angenommen (Für 1994 wurde die deutsche Engagementquote hier mit 18 % beziffert). Freiwilliges, bürgerschaftliches bzw. ehrenamtliches Engagement hat in Deutschland einen so hohen Stellenwert, dass der Staat ohne diese freiwillige Verantwortungsübernahme nicht auskommen könnte. Die öffentliche Aktivität und das freiwillige Engagement der Bürger sind allerdings auch Ausdruck der Entwicklung der deutschen Zivilgesellschaft und fördern die Akkumulation öffentlichen Sozialkapitals.

Umfang des Engagements[Bearbeiten]

36 % aller Bundesbürger ab 14 Jahren waren 2009 in irgendeiner Form ehrenamtlich oder freiwillig engagiert – sie brachten sich in Vereinen, Initiativen, Projekten, Selbsthilfegruppen oder sozialen Einrichtungen aktiv ein und übernahmen dort freiwillig und unbezahlt oder nur gegen eine geringe Aufwandsentschädigung bestimmte Aufgaben. 1999 waren es noch 34 %. Besondere Wachstumsgruppen waren zwischen 1999 und 2009 erwerbstätige Frauen, ältere Menschen ab 60 Jahren (besonders im Alter zwischen 60 und 69 Jahren), Ostdeutsche, Arbeitslose und Migranten. Jugendliche sind häufig freiwillig engagiert (Teenager zwischen 14 und 19 Jahren 36 % / Twens zwischen 20 und 29 Jahren 34 %) und als nicht Engagierte überdurchschnittlich oft bereit, sich zu engagieren (Teenager 48 % / Twens 48 bis 50 %). Insgesamt waren 2009 zusätzlich zu den 36 % Freiwilligen weitere 37 % (1999: 26 % / 2004: 32 %) bereit, sich "bestimmt" oder mindestens "eventuell" freiwillig zu engagieren.

Wer engagiert sich?[Bearbeiten]

Das freiwillige Engagement weist in Deutschland einen ausgeprägten Mittelschichtsbias auf.[1] Personen mit höherer Bildung, guter sozialer Integration und mind. durchschnittlichen Haushaltseinkommen gehören eher als andere zu den freiwillig oder ehrenamtlich Engagierten. Die Bedeutung der Bildung hat sich für das freiwillige Engagement seit 1999 erhöht, wird in der Regressionsanalyse von Religiosität und Kirchennähe allerdings übertroffen.[2] Insgesamt sind soziokulturelle Faktoren wie Wertorientierung, Kirchennähe und soziale Integration bedeutender als die strukturellen Rahmenbedingungen wie Haushaltseinkommen oder formelle Bildungsabschlüsse (obgleich letztere als hybride Form aus Kultur- und Strukturvariable verstanden werden sollte).

Zwar ist die personelle Basis der freiwilligen und ehrenamtlichen Arbeit in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern recht unterschiedlich, doch lässt sich feststellen, dass sich Männer insgesamt häufiger engagieren als Frauen. Männer übernehmen häufiger als Frauen Führungs- und Leitungspositionen und sind eher in Tätigkeitsbereichen mit Außenwirkung (bspw. politische Interessenvertretung) engagiert. Frauen dagegen sind häufiger in Tätigkeitsfeldern am Menschen (bspw. im Sozial- und Pflegebereich) engagiert als Männer. Dennoch sind sie in den Führungs- und Leitungsfunktionen weiblicher Tätigkeitsfelder unterrepräsentiert. An dieser Situation hat sich zwischen 1999 und 2009 nicht viel verändert.

Motivation[Bearbeiten]

Hauptmotiv des freiwilligen Engagements ist das Bedürfnis zur gesellschaftlichen Mitgestaltung (wenigstens oder gerade im Kleinen). Dazu kommt das Bedürfnis nach sozialen Kontakten und sozialer Einbindung. Die Freude an einer Tätigkeit, bei der man mit Menschen in Kontakt kommt, steht im Vordergrund der im Freiwilligensurvey abgefragten Erwartungen an die freiwillige Tätigkeit. Die Erwartungen an ein freiwilliges Engagement sind in den letzten zehn Jahren konkreter geworden. So steht bspw. bei jungen Menschen der Qualifikationserwerb, bei älteren der (intergenerationale) Austausch und Kontakt im Vordergrund. Wichtige Antriebe im freiwilligen Engagement sind überdies die wirkungsmächtige Teilhabe (Macht) und die Einbindung in eine Gemeinschaft sowie die Ausdehnung des eigenen Kontaktnetzwerkes. Allgemein haben in den letzten Jahren Eigeninteressenorientierung sowie Nützlichkeitserwägungen (bspw. für den eigenen beruflichen Werdegang) an Bedeutung gewonnen.

Bewertung[Bearbeiten]

Die regelmäßige Durchführung des Freiwilligensurveys ist ein wichtiger Baustein der deutschen Engagementpolitik. Über die deskriptiven Querschnittsbefunde können seit der dritten Welle des Freiwilligensurveys (von 2009) mit der Längsschnittanalyse der Datenlage nun auch Aussagen über Trends und Wandlungsprozesse der deutschen Zivilgesellschaft formuliert werden. Zudem werden mit dem Freiwilligensurvey die Leistung freiwillig engagierter Bürger öffentlich anerkannt und relevante Fördermöglichkeiten identifiziert.

Kritisch zu bemerken ist, dass die Definition freiwilligen Engagements stellenweise unscharf ist. So wird nicht eindeutig genug zwischen Engagement unterschieden, das unentgeltlich geleistet wird oder aber mit gewissen Zahlungen verbunden ist. Nicht anders lässt sich erklären, dass bei den Problemnennungen für das Engagement das Thema Geld/Bezahlung eine so große Bedeutung hat. Wenn hier nur ehrenamtliches Engagement (freiwillig und unentgeltlich bei Erstattung real auftretender Kosten) gemeint wäre, dürfte dies kein Problem darstellen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Gensicke, Sabine Geiss: Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009: Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999 - 2004 - 2009. TNS Infratest Sozialforschung, München 2010. (Freiwilligensurvey 2009)
  • Thomas Gensicke, Sibylle Picot, Sabine Geiss: Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Repräsentative Erhebung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. TNS Infratest Sozialforschung München 2006. Berichte über Internet-PDF erhältlich (Freiwilligensurvey 2004).
  • Christine Hagen, Claudia Vogel: Freiwilliges und generationenübergreifendes Engagement von Frauen und Männern - Analysepotentiale und Weiterentwicklung des Deutschen Freiwilligensurveys." Informationsdienst Altersfragen 39 (2), S. 3-9. Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin 2012. (PDF)
  • Bernhard von Rosenbladt: Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement. Überblick über die Ergebnisse. Repräsentative Erhebung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. TNS Infratest Sozialforschung München 1999.
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Bremen: PDF
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Sachsen-Anhalt: PDF
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Baden-Württemberg: PDF
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Bayern: PDF
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Berlin: PDF
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Nordrhein-Westfalen: PDF
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Rheinland-Pfalz (PDF)
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Hessen (PDF)
  • Sonderauswertung des Freiwilligensurvey - Niedersachsen [1]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dathe, Dietmar (2011: 46). Einleitung zum Band "Zivilengagement. Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Wissenschaft"
  2. Gensicke, Thomas (2011: 171). Notwendigkeit einer integrierten Theorie für die Beschreibung der Zivilgesellschaft. Im Band "Zivilengagement. Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Wissenschaft"