Freiwilligensurvey

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Der Deutsche Freiwilligensurvey (survey englisch für Erhebung), kurz FWS, ist eine repräsentative Befragung, die seit 1999 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt wird. Er ist die umfassendste und detaillierteste quantitative Erhebung zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland. Freiwilliges Engagement und die Bereitschaft zum Engagement von Personen ab 14 Jahren werden in Telefoninterviews detailliert erhoben und können differenziert nach Bevölkerungsgruppen und Landesteilen dargestellt werden. Der FWS stellt die wesentliche Grundlage der Sozialberichterstattung zum freiwilligen Engagement in der Bundesrepublik Deutschland dar.

Aufbau des Surveys[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten drei Wellen des Freiwilligensurveys wurden in den Jahren 1999, 2004 und 2009 erhoben und (im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) von TNS Infratest durchgeführt. Selbiges verfasste auch die Hauptberichte zu den Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009. Viele Bundesländer haben in größerem Umfang eigene Landesauswertungen des Freiwilligensurveys durchführen lassen (z.B. Bremen, Hessen, Berlin, Bayern, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Brandenburg).

Die wissenschaftliche Leitung des Freiwilligensurveys 2014 lag beim Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Der Freiwilligensurvey 2014 wurde von einem wissenschaftlichen und einem fachpolitischen Beirat begleitet. Die Befragungen der vierten Welle im Jahr 2014 wurden vom Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) durchgeführt. Der Fragenkatalog des Freiwilligensurveys ist 2014 erweitert worden, um sich wandelnde und neue Formen, die Kontexte des freiwilligen Engagements sowie die Unterschiede zwischen engagierten und nicht engagierten Personen beschreiben zu können. Zudem wurde das Erhebungskonzept des Freiwilligensurveys in zwei Aspekten ausgebaut: Der Einbezug von Menschen mit Migrationshintergrund wurde durch den Einsatz fremdsprachiger Interviews verbessert und bei der Stichprobenziehung wurden neben Festnetztelefonanschlüssen erstmals auch Mobilfunknummern berücksichtigt.

Der Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2014 „Freiwilliges Engagement in Deutschland - Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014“ wurde vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) erstellt und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht.[1]

Die Daten der Erhebungen sowie ausführliches Dokumentationsmaterial stehen Nutzern für die wissenschaftliche Forschung über das Forschungsdatenzentrum des DZA zur Verfügung.[2]

Ergebnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2014 engagieren sich 43,6 % (1999: 34,0 %, 2004: 35,7 %, 2009: 35,9 %) aller Menschen im Alter ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig in Verbänden, Bürgerinitiativen oder Projekten. Weitere 27 % (1999: 32 %, 2004: 34 %, 2009: 35 %) sind öffentlich aktiv in einem Verein oder einer Gruppe, ohne jedoch dort bestimmte freiwillige Aufgaben zu übernehmen. Somit waren 2014 insgesamt 70 % der Bevölkerung ab 14 Jahren außerhalb von Beruf und Familie öffentlich und gemeinschaftlich aktiv. Mit den Freiwilligensurveys konnte gezeigt werden, dass die öffentliche Einbindung der Bürger und deren freiwilliges Engagement somit erheblich größer sind als bspw. in der Euro-Vol-Studie von 1996 angenommen (Für 1994 wurde die deutsche Engagementquote hier mit 18 % beziffert).[3] Freiwilliges, bürgerschaftliches bzw. ehrenamtliches Engagement hat in Deutschland einen so hohen Stellenwert, dass der Staat ohne diese freiwillige Verantwortungsübernahme nicht auskommen könnte. Die öffentliche Aktivität und das freiwillige Engagement der Bürger sind allerdings auch Ausdruck der Entwicklung der deutschen Zivilgesellschaft und fördern die Akkumulation öffentlichen Sozialkapitals. Das freiwillige Engagement kann dabei nicht nur der Gesellschaft insgesamt, sondern auch den Engagierten selbst zugutekommen, beispielsweise indem es die soziale Teilhabe ermöglicht und Mitsprachemöglichkeiten bietet.

Umfang des Engagements[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

43,6 % aller in Deutschland lebenden Menschen ab 14 Jahren waren 2014 in irgendeiner Form ehrenamtlich oder freiwillig engagiert – sie brachten sich in Vereinen, Initiativen, Projekten, Selbsthilfegruppen oder sozialen Einrichtungen aktiv ein und übernahmen dort freiwillig und unbezahlt oder nur gegen eine geringe Aufwandsentschädigung bestimmte Aufgaben. 1999 waren es noch 34,0 %. In allen Bevölkerungsgruppen ist ein Anstieg des freiwilligen Engagements zu beobachten. Der Anstieg ist jedoch unterschiedlich stark. Frauen haben ihr Engagement zwischen 1999 und 2014 deutlicher ausgeweitet als Männer. Somit nähern sich die Quoten freiwilligen Engagements der Frauen und der Männer etwas an. Das Engagement der jüngeren sowie der älteren Personen hat im Vergleich zum Engagement der mittleren Altersgruppen in den letzten fünfzehn Jahren stärker zugenommen. Die Unterschiede zwischen den Bildungsgruppen haben sich vergrößert, da das Engagement bei Personen mit hoher Bildung zwischen 1999 und 2014 deutlich stärker gestiegen ist als das niedriggebildeter Personen.[4]

Wer engagiert sich?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Beteiligung am Engagement unterscheidet sich zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen deutlich. Frauen engagieren sich im Jahr 2014 mit 41,5 Prozent anteilig etwas seltener freiwillig als Männer mit 45,7 Prozent. In den Altersgruppen der 14- bis 29-Jährigen und der 30- bis 49-Jährigen liegen die Anteile freiwillig Engagierter am höchsten. Den geringsten Anteil weisen Personen im Alter von 65 und mehr Jahren auf. Schüler sowie Menschen mit hohem Schulabschluss engagieren sich zu deutlich höheren Anteilen freiwillig, als Personen mit mittlerer und niedriger Schulbildung.

Das freiwillige Engagement weist in Deutschland insgesamt einen Mittelschichtsbias auf.[5] Personen mit höherer Bildung, guter sozialer Integration und mindestens durchschnittlichen Haushaltseinkommen gehören eher als andere zu den freiwillig oder ehrenamtlich Engagierten.[6]

Zwar ist die personelle Basis der freiwilligen und ehrenamtlichen Arbeit in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern recht unterschiedlich, doch lässt sich feststellen, dass Männer häufiger als Frauen Führungs- und Leitungspositionen im Engagement übernehmen und eher in Tätigkeitsbereichen mit Außenwirkung (bspw. politische Interessenvertretung) engagiert sind. Frauen dagegen sind häufiger in Tätigkeitsfeldern am Menschen (bspw. im Sozial- und Pflegebereich) engagiert als Männer. Dennoch sind sie auch in den Führungs- und Leitungsfunktionen weiblicher Tätigkeitsfelder unterrepräsentiert. An dieser Situation hat sich zwischen 1999 und 2014 nicht viel verändert.

Motivation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Motive der Engagierten sind vielfältig. Am häufigsten geben Engagierte an, ihre Tätigkeit mache ihnen Spaß. Es engagieren sich aber ebenfalls viele, um mit anderen Menschen zusammenzukommen oder um die Gesellschaft mitzugestalten. Seltener ist das Engagement motiviert durch den Wunsch, Qualifikationen zu erwerben. Dieses Motiv ist jedoch besonders für Schüler relevant. Das Motiv, Ansehen und Einfluss zu gewinnen, wird ebenso wie der Wunsch, durch das Engagement beruflich voranzukommen, eher selten genannt. Die vergleichsweise geringste Bedeutung hat für Engagierte das Motiv, durch die freiwillige Tätigkeit etwas dazuzuverdienen.

Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die regelmäßige Durchführung des Freiwilligensurveys kann als ein wichtiger Baustein zur Gestaltung der deutschen Engagementpolitik beitragen. Über die deskriptiven Querschnittsbefunde können mit der Trendanalyse der Datenlage auch Aussagen über Wandlungsprozesse der deutschen Zivilgesellschaft formuliert werden. Zudem werden mit dem Freiwilligensurvey die Leistung freiwillig engagierter Bürger öffentlich anerkannt und relevante Fördermöglichkeiten identifiziert.

In der Vergangenheit wurde teilweise kritisch bemerkt, dass die Definition freiwilligen Engagements stellenweise unscharf sei, da nicht eindeutig genug zwischen Engagement unterschieden würde, das unentgeltlich geleistet wird oder aber mit gewissen Zahlungen verbunden ist. Im Freiwilligensurvey 2014 zeigt sich allerdings, dass Geldzahlungen im freiwilligen Engagement eine untergeordnete Rolle spielen. Nur 9,9 % der Engagierten erhalten Geldzahlungen und die Beträge sind in der Regel niedrig (größtenteils unter 50 Euro pro Monat). Darüber hinaus ist auch der Anteil der Engagierten, die berichten, dass für sie Sachzuwendungen bereitgestellt werden, nicht hoch (14,6 %). Allerdings erhalten Schüler überdurchschnittlich häufig Sachzuwendungen. Im Zeitvergleich ist zudem keine Zunahme von Geldzahlungen im Engagement festzustellen, sodass sich kein Trend zur Monetarisierung belegen lässt.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alle Berichte des Freiwilligensurveys der Jahre 1999, 2004, 2009 und 2014 inklusive der Länderberichte sind auf der Website des Freiwilligensurveys abrufbar.
  • Thomas Gensicke & Sabine Geiss. Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2010. (PDF)
  • Thomas Gensicke, Sibylle Picot & Sabine Geiss. Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2006. (PDF)
  • Julia Simonson, Claudia Vogel & Clemens Tesch-Römer (Hrsg.). Freiwilliges Engagement in Deutschland – Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. (PDF)
  • Christine Hagen & Claudia Vogel. Freiwilliges und generationenübergreifendes Engagement von Frauen und Männern - Analysepotentiale und Weiterentwicklung des Deutschen Freiwilligensurveys. Informationsdienst Altersfragen 39 (2), S. 3-9. Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin 2012. (PDF)
  • Bernhard von Rosenbladt (Hrsg.). Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativbefragung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Stuttgart, Berlin, Köln 2001. (PDF)
  • Hannes Jähnert, Joana Breidenbach & Dennis Buchmann. “Das hat richtig Spaß gemacht”. Freiwilliges Engagement in Deutschland. Eine zusammenfassende Studie des betterplace LAB im Auftrag der ING DiBa, Berlin 2011. (PDF)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Julia Simonson, Claudia Vogel & Clemens Tesch-Römer (Hrsg.). Freiwilliges Engagement in Deutschland – Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. (PDF)
  2. Forschungsdatenzentrum des DZA
  3. Katherine Gaskin & Justin Davis Smith. A New Civil Europe? A Study of the Extent and Role of Volunteering. London 1997.
  4. Julia Simonson, Claudia Vogel & Clemens Tesch-Römer (Hrsg.). Freiwilliges Engagement in Deutschland – Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. (PDF)
  5. Dietmar Dathe (2011: 46). Engagement: Unbegrenzte Ressource für die Zivilgesellschaft? In: Eckhard Priller, Mareike Alscher, Dietmar Dathe & Rudolf Speth (Hrsg.). Zivilengagement - Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Wissenschaft, Berlin 2011
  6. Thomas Gensicke, Sybille Picot & Sabine Geiss (2006: 90). Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2006. (PDF)
  7. Julia Simonson, Claudia Vogel & Clemens Tesch-Römer (Hrsg.). Freiwilliges Engagement in Deutschland – Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. (PDF)