Friedrich Cerha

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Friedrich Cerha (* 17. Februar 1926 in Wien) ist ein österreichischer Komponist und Dirigent.

Friedrich Cerha bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag 2006

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cerha erhielt seine Ausbildung an der Wiener Musikakademie (Violine, Komposition, Musikerziehung) und an der Universität Wien (Musikwissenschaften, Germanistik, Philosophie). 1958 gründete er gemeinsam mit Kurt Schwertsik das Ensemble die reihe, mit dem er ein wichtiges Instrument zur Verbreitung zeitgenössischer Musik in Österreich schuf. Neben seinen Kompositionen festigte Cerha seinen Ruf als Interpret Alban Bergs, Arnold Schönbergs und Anton Weberns; die Affinität zu den Werken der Zweiten Wiener Schule gipfelte in der Fertigstellung von Alban Bergs Oper Lulu, für die Cerha die Instrumentation des 3. Akts vollendete und die Lücken ergänzte (Uraufführung unter Pierre Boulez, Paris 1979).

Ab 1959 war Cerha Lehrer an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und von 1976 bis 1988 dort Professor für „Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik“. Zu seinen Schülern zählen unter anderem Georg Friedrich Haas, Dirk D’Ase und Karlheinz Essl.

Friedrich Cerha trat auch als Opernkomponist hervor, besonders erwähnenswert sind

Baal nach Bertolt Brecht, UA 1981 bei den Salzburger Festspielen unter Christoph von Dohnányi,
Der Rattenfänger nach Carl Zuckmayer, UA 1987 beim Steirischen Herbst in Graz unter eigener Leitung,
Der Riese vom Steinfeld, Text von Peter Turrini, UA 2002 an der Wiener Staatsoper unter Michael Boder.

Weitere Erstaufführungen seiner Werke fanden im Jänner 2006 (Impulse für großes Orchester, ein Auftragswerk der Wiener Philharmoniker zum 150-jährigen Jubiläum ihres Bestehens) sowie im März 2006 (das Konzert für Sopransaxophon und Orchester aus dem Jahre 2004) statt. Cerha gilt inzwischen auch aus internationaler Sicht als der bedeutendste zeitgenössische Komponist Österreichs, was sich 2006 in der Verleihung des „Goldenen Löwen“ auf der Musik-Biennale Venedig ausdrückte.

Der auch im hohen Alter weiterhin kompositorisch tätige Cerha tritt vor allem als Komponist orchestraler Werke hervor, so z. B. ein Konzert für Schlagwerk und Orchester für Martin Grubinger (UA 2009)

Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende hat sich Cerha zunächst mit dem im Konzertleben und Unterrichtsbetrieb vorherrschenden Neoklassizismus auseinandergesetzt (das 1947/1948 geschriebene, 1954 überarbeitete Divertimento ist eine Hommage an Strawinsky). Später wurden die Werke Anton Weberns und ab 1956 die seriellen Techniken der Avantgarde zu Ausgangspunkten für weitere selbständige kompositorische Entwicklungen (Relazioni fragili, Espressioni fondamentali, Intersecazioni).

Mit Mouvements, Fasce und seinem Spiegel-Zyklus (1960/1961) hat er sich eine von traditionellen Formulierungen gänzlich freie Klangsprache geschaffen. Sie unterscheidet sich von scheinbar Ähnlichem in gleichzeitig und unabhängig davon entstandenen Werken von Ligeti oder Penderecki vor allem dadurch, dass fassbare Entwicklungsvorgänge eine entscheidende Rolle spielen und im Verein mit nicht-linearen Prozessen großformale Zusammenhänge stiften, die das Gesamtwerk zu einem kohärenten System, zu einer Art Kosmos werden lassen. Im bisher nicht realisierten „Welttheater“-Konzept zu den Spiegeln entsprechen quasi aus raum-zeitlicher Distanz betrachtete Verhaltensweisen der Masse „Mensch“ den musikalischen Vorgängen in Massenstrukturen.

Im Bühnenstück Netzwerk, auf der Basis der bewusst heterogenes Material einbegreifenden Exercises (1962–1967) entstanden, wechseln die Perspektiven zwischen Massenreaktionen und wie unter dem Mikroskop herangezogenen Individualbereichen. Stilistisch und strukturell regressive Elemente brechen in eine puristische Klangwelt ein und schaffen komplexe Verhältnisse von Störung und Ordnung in einem Organismus, der dem Bild einer „Welt als vernetztes System“ entspricht.

Nach einer Reihe von Instrumentalwerken, die im Interesse einer Erweiterung des ihm verfügbaren Materials direkten Bezug auf historische Idiome nehmen (Curriculum, Sinfonie), sind in der Oper Baal (1974–1980) alle bisher erreichten Strukturformen nahtlos ineinander verwoben. Der einzelne tritt nun provokant ins Zentrum des Interesses, aber die Palette reicht von spiegelähnlichen Klangfeldern, die für Urgrundhaftes stehen, bis zu eindeutig artikulierten melodisch-harmonischen Gestalten, in denen sich das differenzierte Beteiligtsein des Individuums äußert. In der Oper Der Rattenfänger (1984–1986) werden zusätzlich vor allem polyrhythmische Bildungen mit leitmotivischer Bedeutung für Aufruhr und Unruhe integriert. Eine Wiederaufnahme von Auseinandersetzungen mit verschiedenen Formen von Folklore, schon im Frühwerk feststellbar, bezieht sich in kleineren Arbeiten wie den Keintaten (1982–1984, nach Ernst Kein) und Chansons (u. a. nach Texten der Wiener Gruppe) auf eine Stilisierung und Verfremdung des Wiener Idioms. In den zum Teil mikrotonalen Streichquartetten verstärken hingegen Einflüsse aus außereuropäischer Musik die Tendenzen zu polyrhythmischen und -metrischen Bildungen. Die letzten Werke (Langegger Nachtmusik III, Drittes Streichquartett) bestätigen erneut, dass es Cerhas – schon 1962 einsetzendes – Interesse bleibt, eine Vielfalt von heute Erfahrbarem in komplexen musikalischen Organismen zu bewältigen.[1]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Turandotstoff in der deutschen Literatur. Wien 1950. Dissertation
  • Schriften – Ein Netzwerk. Textsammlung und Werkeinführungen. Wien 2001

Kompositionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Spiegel I–VII, 1960–72
  • Sinfonie, 1975
  • Requiem für Hollensteiner, 1982/83
  • Baal-Gesänge, 1983
  • Keintaten, 1983 ff.
  • Momentum für Karl Prantl, 1988
  • Fünf Stücke für Klarinette in A, Violoncello und Klavier, 1999–2000
  • Konzert für Sopransaxophon und Orchester, 2003–2004
  • Konzert für Violine und Orchester, 2004
  • Quintett für Oboe und Streichquartett, 2007[2]
  • Konzert für Schlagzeug und Orchester, 2007–2008
  • Like a Tragicomedy für Orchester, 2008–2009
  • Bruchstück, geträumt für Ensemble, 2009
  • Paraphrase über den Anfang der 9. Symphonie von Beethoven, 2010
  • Zebra-Trio, für Streichtrio, 2011
  • Tagebuch für Orchester, 2012

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lothar Knessl: Friedrich Cerha. Schriften – Ein Netzwerk. In: Komponisten unserer Zeit. Band 28. Verlag Lafite, Wien 2001, ISBN 978-3-85151-065-2, S. 312.
  • Harald Kaufmann: Notizen über Friedrich Cerha. Anlässlich der Uraufführung von „Spiegel III“ in Stockholm. In: Werner Grünzweig, Gottfried Krieger (Hrsg.): Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik. Wolke, Hofheim 1993, S. 100–103.
  • Nikolaus Urbanek: Spiegel des Neuen. Musikästhetische Untersuchungen zum Werk Friedrich Cerhas. In: Varia Musicologica. Band 4. Peter Lang, Bern / Berlin / Bruxelles / Frankfurt am Main / New York / Oxford / Wien 2005, ISBN 978-3-03910-445-1.
  • Lukas Haselböck (Hrsg.): Friedrich Cerha. Analysen – Essays – Reflexionen. Rombach Verlag KG, Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2006.
  • Matthias Henke, Gerhard Gensch (Hrsg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein musikdramatisches Werk. Studienverlag, Innsbruck 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Grünzweig: Friedrich Cerha. In: Komponisten der Gegenwart (KDG)
  2. Zwischen Schlaf und Wachen. In: FAZ, 28. Dezember 2011, S. 37