Friedrich Cerha

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Friedrich Cerha (* 17. Februar 1926 in Wien) ist ein österreichischer Komponist und Dirigent.

Friedrich Cerha bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag 2006

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit 17 Jahren wurde Friedrich Cerha im Jahr 1943 als Luftwaffenhelfer verpflichtet und musste seinen Dienst in Achau, südlich von Wien, verrichten. Schon dort beteiligte er sich an Widerstandshandlungen. Nach einem Semester an der Universität wurde er im November 1944 in eine Offiziersschule in Dänemark beordert. Dort nahm er einen Stoß blanko unterschriebener Marschbefehle an sich und desertierte. Nach einiger Zeit, in der er es schaffte, sich innerhalb des deutschen Gebiets mit Hilfe seiner Marschpapiere unentdeckt aufzuhalten, wurde er bei einem russischen Vorstoß in der Nähe in Pommern in eine Einheit eingegliedert. Später desertierte er ein zweites Mal und schlug sich bis ins westliche Österreich durch. Dort lebte er mehrere Monate in den Bergen, um als Soldat der Wehrmacht der Gefangenschaft durch die Alliierten zu entgehen.[1]

Cerha erhielt seine Ausbildung an der Wiener Musikakademie (Violine, Komposition, Musikerziehung) und an der Universität Wien (Musikwissenschaften, Germanistik, Philosophie). 1958 gründete er gemeinsam mit Kurt Schwertsik das Ensemble die reihe, das vor allem zeitgenössische Musik in Österreich aufführte. Neben seiner Kompositionstätigkeit trat er als Interpret von Werken Alban Bergs, Arnold Schönbergs und Anton Weberns auf. Für Alban Bergs Oper Lulu, die Berg selbst nicht vollenden konnte, instrumentierte Cerha nach Notizen Bergs unausgeführt gebliebene Abschnitte des 3. Akts. Die Uraufführung der Oper fand 1979 unter Pierre Boulez in Paris statt.

Ab 1959 war Cerha Lehrer an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und von 1976 bis 1988 dort Professor für „Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik“. Zu seinen Schülern zählen unter anderem Georg Friedrich Haas, Dirk D’Ase und Karlheinz Essl.

Friedrich Cerha trat auch als Opernkomponist hervor, darunter

Baal nach Bertolt Brecht, UA 1981 bei den Salzburger Festspielen unter Christoph von Dohnányi,
Der Rattenfänger nach Carl Zuckmayer, UA 1987 beim Steirischen Herbst in Graz unter eigener Leitung,
Der Riese vom Steinfeld, Text von Peter Turrini, UA 2002 an der Wiener Staatsoper unter Michael Boder.

Weitere Erstaufführungen seiner Werke fanden im Jänner 2006 (Impulse für großes Orchester, ein Auftragswerk der Wiener Philharmoniker zum 150-jährigen Jubiläum ihres Bestehens) sowie im März 2006 (Konzert für Sopransaxophon und Orchester aus dem Jahre 2004) statt.

Der auch im hohen Alter weiterhin kompositorisch tätige Cerha tritt vor allem als Komponist orchestraler Werke hervor, so z. B. ein Konzert für Schlagwerk und Orchester für Martin Grubinger (UA 2009).

Stil und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Musikwissenschaftler Werner Grünzweig charakterisiert das Frühwerk Cerhas im Loseblatt-Lexikon Komponisten der Gegenwart wie folgt: „Nach Kriegsende setzte sich Cerha zunächst mit dem im Konzertleben und Unterrichtsbetrieb vorherrschenden Neoklassizismus auseinander. Das 1947/1948 geschriebene, 1954 überarbeitete Divertimento ist eine Hommage an Strawinsky. Später wurden die Werke Anton Weberns und ab 1956 die seriellen Techniken der Avantgarde zu Ausgangspunkten für weitere selbständige kompositorische Entwicklungen (Relazioni fragili, Espressioni fondamentali, Intersecazioni). Mit Mouvements, Fasce und seinem Spiegel-Zyklus (1960/1961) hat er sich eine von traditionellen Formulierungen gänzlich freie Klangsprache geschaffen.“[2]

Die Musik- und Theaterwissenschaftlerin Sigrid Wiesmann beschreibt diese Phase im Metzler Komponisten Lexikon ähnlich: „C., von Jugend auf kompositorisch interessiert, hat alle Strömungen der Musik unserer Zeit erfahren und sich in seinen Klangkombinationen doch nie diesen Strömungen untergeordnet. Wenige Anklänge an Stravinsky sind sehr früh überwunden, die Musik der Wiener Schule wird nur als gedankliche Basis erarbeitet. Selbst seriell konzipierte Stücke wie Relazioni fragili für Cembalo und Orchester (1956–57/1975) sind anders seriell, als man es gelernt hat. Klangkompositionen wie Trois mouvements für Orchester (1960) werden nicht zu Wolkenbildern, sondern zu Zuständen, innerhalb derer sich Klangliches konsequent in kleinsten Schritten verändert. Vielleicht ist dies C.s ‚Ausbrechen‘: daß er in allen seinen kompositorischen Entwicklungsphasen schon außerhalb einer Strömung denkt und schreibt, ehe sie noch als solche deklariert wurde.“[3]

In den Spiegeln von 1960/61 bahne sich, schreibt Wiesmann, „zum ersten Mal ein theatralischer Aspekt an, da C. die musikalischen Vorgänge mit bildhaften Vorstellungen verknüpft hat.“ [3]

Lothar Knessl, Musikjournalist mit Schwerpunkt auf der Neuen Musik, findet die Kompositionen Cerhas „unangepasst“. Dies bedeute „einerseits, dass Cerhas Kompositionen für die Bühne – und nicht nur diese – zwar von den Klangbildern ihrer Entstehungszeit durchdrungen sind, vielleicht auch subkutan den Zeitgeist reflektieren.“ Er führt weiter aus: „Vorrangig aber sind sie abseits von einer meist flüchtigen Modeströmung formuliert, gefestigt durch eine wandlungsfähige Tonsprache, die sich summarisch als Personalstil agnoszieren lässt: unverkennbar Cerha, abseits von jeglichem polystilistischen Mischmasch und schon dadurch unangepasst. Andererseits bezieht sich ‚unangepasst‘ existenziell auf die Hauptprotagonisten seiner Bühnenwerke. Wie diesen, außerhalb von Gesellschaftsnormen stehenden, Individuen zu begegnen ist, liegt im Ermessen des Rezipienten, Sympathie nicht ausgeschlossen.“[4]

Die Opern Baal (1974–1980), Der Rattenfänger (1984–1986) und Der Riese vom Steinfeld (1997–1999), die alle unter der Kurzformel (oder „Label[5]) „Mechansismen der Macht“ zusammengefasst werden können,[6] sind die meistbeachtesten Werke von Cerha. Das Ausmaß der medialen Aufmerksamkeit, die deren Uraufführungen entgegengebracht wurde, „übertrifft deutlich, was Uraufführungen anderer zeitgenössischer Opern im zeitlichen Umfeld zuteil wurde“.[7] Dabei polarisierte insbesondere Baal: „Zwischen überschwänglicher Bewunderung und Zustimmung […] bis zu stark kritischen Positionen […] reicht die Spannbreite der medialen Berichterstattung, für die Tageszeitungen in ihren Kulturteilen großzügig Platz einräumen.“[8]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Turandotstoff in der deutschen Literatur (Dissertation: Universität Wien 1950)
  • Schriften: ein Netzwerk (Verlag Lafitte: Wien 2001) - Textsammlung und Werkeinführungen

Kompositionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Spiegel I–VII, 1960–72
  • Sinfonie, 1975
  • Requiem für Hollensteiner, 1982/83
  • Baal-Gesänge, 1983
  • Keintaten, 1983 ff.
  • Momentum für Karl Prantl, 1988
  • Fünf Stücke für Klarinette in A, Violoncello und Klavier, 1999–2000
  • Konzert für Sopransaxophon und Orchester, 2003–2004
  • Konzert für Violine und Orchester, 2004
  • Quintett für Oboe und Streichquartett, 2007[10]
  • Konzert für Schlagzeug und Orchester, 2007–2008
  • Like a Tragicomedy für Orchester, 2008–2009
  • Bruchstück, geträumt für Ensemble, 2009
  • Paraphrase über den Anfang der 9. Symphonie von Beethoven, 2010
  • Zebra-Trio, für Streichtrio, 2011
  • Tagebuch für Orchester, 2012
  • Drei Sätze für Orchester, 2015

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lothar Knessl: Friedrich Cerha. Schriften – Ein Netzwerk. In: Komponisten unserer Zeit. Band 28. Verlag Lafite, Wien 2001, ISBN 978-3-85151-065-2, S. 312.
  • Sabine Töfferl: Friedrich Cerha - Doyen der österreichischen Musik der Gegenwart. Eine Biografie. New Academic Press, Wien 2017. ISBN 978-3-7003-1981-8, 296 Seiten.
  • Harald Kaufmann: Notizen über Friedrich Cerha. Anlässlich der Uraufführung von „Spiegel III“ in Stockholm. In: Werner Grünzweig, Gottfried Krieger (Hrsg.): Von innen und außen. Schriften über Musik, Musikleben und Ästhetik. Wolke, Hofheim 1993, S. 100–103.
  • Nikolaus Urbanek: Spiegel des Neuen. Musikästhetische Untersuchungen zum Werk Friedrich Cerhas. In: Varia Musicologica. Band 4. Peter Lang, Bern / Berlin / Bruxelles / Frankfurt am Main / New York / Oxford / Wien 2005, ISBN 978-3-03910-445-1.
  • Lukas Haselböck (Hrsg.): Friedrich Cerha. Analysen – Essays – Reflexionen. Rombach Verlag KG, Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2006.
  • Matthias Henke, Gerhard Gensch (Hrsg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein musikdramatisches Werk. Studienverlag, Innsbruck 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. "Wörtlich – Friedrich Cerha", Radio Orange 94.0, 16. u. 23. Jänner 2017
  2. Werner Grünzweig: Friedrich Cerha. In: Hanns-Werner Heister, Walter-Wolfgang Sparrer (Hrsg.): Komponisten der Gegenwart. 2. Nachlieferung. edition text+kritik, München 1992 (Loseblattwerk, daher keine Seitenangabe).
  3. a b Sigrid Wiesmann: Cerha, Friedrich. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponisten Lexikon. 340 werkgeschichtliche Porträts. Mit 313 Abbildungen. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, ISBN 3-476-00847-9, S. 150 f.
  4. Lothar Knessl: Unangepasst. Zum Bühnenschaffen von Friedrich Cerha. In: Matthias Henke, Gerhard Gensch (Hrsg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein musikdramatisches Werk (= Archiv der Zeitgenossen – Sammlung künstlerischer Vor- und Nachlässe, Krems. Schriften). 1. Auflage. Band 1. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2016, ISBN 978-3-7065-5196-0, S. 15–26, hier S. 15.
  5. Matthias Henke: Vorwort. In: Matthias Henke, Gerhard Gensch (Hrsg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein musikdramatisches Werk (= Archiv der Zeitgenossen – Sammlung künstlerischer Vor- und Nachlässe, Krems. Schriften). 1. Auflage. Band 1. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2015, ISBN 978-3-7065-5196-0, S. 9–11, hier S. 10.
  6. Gerhard Gensch: Mechanismen der Medienmacht. Zur Rezeption des musikalischen Schaffens von Friedrich Cerha in deutschsprachigen Printmedien. In: Matthias Henke, Gerhard Gensch (Hrsg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein musikdramatisches Werk (= Archiv der Zeitgenossen – Sammlung künstlerischer Vor- und Nachlässe, Krems. Schriften). 1. Auflage. Band 1. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2016, ISBN 978-3-7065-5196-0, S. 219–230, hier S. 226.
  7. Gerhard Gensch: Mechanismen der Medienmacht. Zur Rezeption des musikalischen Schaffens von Friedrich Cerha in deutschsprachigen Printmedien. In: Matthias Henke, Gerhard Gensch (Hrsg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein musikdramatisches Werk (= Archiv der Zeitgenossen – Sammlung künstlerischer Vor- und Nachlässe, Krems. Schriften). 1. Auflage. Band 1. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2016, ISBN 978-3-7065-5196-0, S. 219–230, hier S. 220.
  8. Gerhard Gensch: Mechanismen der Medienmacht. Zur Rezeption des musikalischen Schaffens von Friedrich Cerha in deutschsprachigen Printmedien. In: Matthias Henke, Gerhard Gensch (Hrsg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein musikdramatisches Werk (= Archiv der Zeitgenossen – Sammlung künstlerischer Vor- und Nachlässe, Krems. Schriften). 1. Auflage. Band 1. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2016, ISBN 978-3-7065-5196-0, S. 219–230, hier S. 223 f.
  9. Ehrendoktorwürde für Friedrich Cerha | Universität Siegen. Abgerufen am 18. Mai 2017 (deutsch).
  10. Zwischen Schlaf und Wachen. In: FAZ, 28. Dezember 2011, S. 37