Friedrich Schlotterbeck

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Friedrich Schlotterbeck ca. 1930

Albert Friedrich (genannt Frieder) Schlotterbeck (* 6. Januar 1909 in Reutlingen; † 7. April 1979 in Berlin-Buch) war ein deutscher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frieder war der Sohn des Metallarbeiters Gotthilf Schlotterbeck und dessen Frau Maria; er lernte Tischler und wurde nach der Ausbildung arbeitslos. Seit 1923 war er Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands (KJVD) als Instrukteur in Ostsachsen. Am 1. Dezember 1933 wurde er festgenommen und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und ab Mai 1937 in „Schutzhaft“ genommen.

Mit seiner am 28. August 1943 erfolgten Entlassung aus dem KZ Welzheim verband die Gestapo das Ziel, ihn als Lockspitzel zur Aufspürung staatsfeindlicher Aktivitäten zu verwenden. Schlotterbeck gelang es nach Aussage des ihn „betreuenden“ Kommissars Junginger, die Gestapo an der Nase herumzuführen.[1] Nach dem überraschenden Auftauchen des Fallschirmagenten Eugen Nesper arbeitete Schlotterbeck mit seiner ganzen Familie und seiner Braut Else Himmelheber im Stadtteil Luginsland in Stuttgart-Untertürkheim aktiv gegen das Nazi-Regime. Im Mai 1944 wollten Else Himmelheber und Friedrich Schlotterbeck heiraten, eine Woche vor dem geplanten Termin kam heraus, dass Nesper die Gruppe an die Gestapo verraten hatte. Auf getrennten Wegen versuchten die Mitglieder der Gruppe in die Schweiz zu entkommen. Schlotterbeck gelang als einzigem die Flucht.

Am 10. Juni 1944 wurden die Eltern Maria und Gotthilf Schlotterbeck mit ihrer Tochter Gertrud Lutz verhaftet. Weitere Festnahmen gab es an den folgenden Tagen. In der Stuttgarter Gestapozentrale wurden sie monatelang verhört und vermutlich auch gefoltert, ohne dass sie Angaben über ihre Verbindungen und ihre Untergrundtätigkeit machten. Am 27. November 1944 wurden seine Verlobte Else Himmelheber, seine Schwester Gertrud Lutz sowie seine Eltern von Stuttgart nach Dachau transportiert und dort ohne Gerichtsverhandlung am 30. November 1944 erschossen. Sein Bruder Hermann Schlotterbeck wurde, nachdem er wochenlang untergetaucht war, ebenfalls verhaftet. Nach monatelanger Haft und Folter im KZ (Gestapogefängnis) Welzheim wurde er am 19. April 1945 in einem Wald bei Riedlingen durch den SS- und Gestapo-Mann Albert Rentschler erschossen.[2][3]

Frieder Schlotterbeck hatte nach seiner geglückten Flucht in der Schweiz seine frühere Jugendfreundin Anna Leibbrand, geborene Wiedmann (1902–1972), getroffen. Diese hatte 1924 den KPD-Politiker Robert Leibbrand geheiratet, von dem sie einen Sohn hatte, und lebte in zweiter Ehe mit dem Schweizer Arzt Hans von Fischer. Fischer gründete 1937 den CSS Centrale Sanitaire Suisse eine Hilfsorganisation. Im Juni 1945 kehrte Schlotterbeck nach Stuttgart zurück und erfuhr erst dort vom Schicksal seiner Familie und seiner Freunde. Er veröffentlichte darüber 1945 eine kurze Schilderung in der Broschüre ...wegen Vorbereitung zum Hochverrat hingerichtet. Seine eigenen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus fasste er ebenfalls 1945 in seinem Buch Je dunkler die Nacht, desto heller leuchten die Sterne zusammen.

Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Württemberg, engagierte sich als Präsident („Leiter“) des Deutschen Roten Kreuzes im damaligen Land Württemberg-Baden und war gleichzeitig Mitglied der KPD-Landesleitung. Schlotterbeck initiierte Erholungsheime für ehemalige KZ-Insassen u. a. im Harpprecht Haus bei Schopfloch (Lenningen), dabei wurde er vom CSS unterstützt, denn kurz nach der Befreiung vom Faschismus gründete die Centrale Sanitaire Suisse (CSS) in Stuttgart die Süddeutsche Ärzte- und Sanitätshilfe (SÄS).

Schlotterbeck nahm Wilfriede Lutz zu sich auf, die Tochter seiner Schwester Gertrud, die im Alter von zwei Jahren der Mutter bei der Verhaftung weggenommen wurde.

Gemeinsam mit Anna von Fischer übersiedelte er auf Initiative von Helmut Holtzhauer im April 1948 in die Sowjetische Besatzungszone, nachdem ihm in Stuttgart zunehmend Schwierigkeiten aufgrund seiner kommunistischen Gesinnung gemacht wurden. Friedrich Schlotterbeck wurde Stadtrat für Kultur in Dresden. So kam er in Kontakt mit Künstlern wie Martin Hellberg, der seine geradlinige Art schätzte, woraus eine langjährige Freundschaft zwischen beiden entstand. Seine direkte Art wurde ihm in der DDR zum Verhängnis, er verlor Anfang 1951 sein Amt als Stadtrat und ging Mitte April 1951 als Bergarbeiter der SDAG Wismut ins Erzgebirge. Als Mitglieder der SED geriet das Paar bei der Überprüfung von Westemigranten in das Visier der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) und des gerade gegründeten Ministeriums für Staatssicherheit. Am 15. Februar 1951 wurde Schlotterbeck wegen „Spionageverdachts“ aus der SED ausgeschlossen. Schlotterbeck wurde bezichtigt, ein V-Mann der Gestapo gewesen zu sein, zudem wurden ihm seine Kontakte zu Noel Field und Herta Jurr-Tempi in der Schweiz vorgeworfen. Die ZPKK ordnete die Einstampfung seines Buches Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne an.

Grab von Anna und Friedrich Schlotterbeck

Am 15. Februar 1953 wurden er und seine Frau – sie hatten 1951 geheiratet – verhaftet und am 27. April 1954 vom 1. Strafsenat des Bezirksgericht Rostock wegen „Verbrechens gemäß Artikel 6 der DDR in Verbindung mit einem Vergehen gegen die Kontrollratsdirektive 38“ und wegen „verbrecherischen Beziehungen zu dem amerikanischen Agenten Noel H. Field“ zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Strafe wurde 1954 auf drei Jahre Haft reduziert.

Beide wurden am 15. Februar 1956 nach genau drei Jahren Haft freigelassen. Es folgte dann bei einer nichtöffentlichen „Rehabilitierung“ (Strafregistertilgung) die Wiederaufnahme in die SED.

Friedrich und Anna Schlotterbeck lebten dann in Groß Glienicke (Bezirk Potsdam) und arbeiteten als Schriftsteller und Hörspielautoren. Gemeinsam schrieben sie u. a. Die Memoiren der Frau Viktoria (1962). Sie waren eng befreundet mit der Schriftstellerin Christa Wolf und deren Mann Gerhard. Zu den bekanntesten Werken Schlotterbecks gehören Im Rosengarten von Sanscoussi (1968), eine polemische Abrechnung mit der preußischen Geschichte. Friedrich Schlotterbeck starb am 7. April 1979 im Klinikum Berlin-Buch. Trauerfeier und Beisetzung erfolgten in Groß Glienicke, Christa Wolf hielt die Grabrede.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Schlotterbeck: ...wegen Vorbereitung zum Hochverrat hingerichtet. Europa, Stuttgart-Degerloch 1945. PDF.
  • Friedrich Schlotterbeck: Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne. Europa, Zürich 1945; Walter, Stuttgart 1986, ISBN 3-925440-10-0.
  • Anna Josephine Fischer: Hinter den sieben Bergen. Büchergilde Gutenberg, Zürich 1945.
  • Anna Schlotterbeck: Die verbotene Hoffnung. Aus dem Leben einer Kommunistin. Facta Oblita, Hamburg 1990, ISBN 3-926827-31-9 (verfasst 1968).
  • Julius Schätzle: Stationen zur Hölle. Konzentrationslager in Baden und Württemberg 1933–1945. Röderberg, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-87682-035-9.
  • Günter Randecker, Michael Horlacher (Hrsg.): „Mein Gott, Grabenstetten ist mir doch wie ein kleines Paradies in Erinnerung“ - „100 Jahre Gertrud Lutz, geb. Schlotterbeck.“ Briefe, Dokumente, Bilder. Stuttgart 2010.
  • Martin Hellberg: Im Wirbel der Wahrheit. Lebenserinnerungen eines Theatermannes (1933–1951). Henschel, Berlin 1978.
  • Martin Hellberg: Mit scharfer Optik. Erinnerungen eines Filmmenschen (1951–1981). Henschel, Berlin 1982
  • Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960–2000. Luchterhand, München 2003; Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-46007-8
  • Schlotterbeck, Friedrich. In: Hermann Weber, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2., überarbeitete und stark erweiterte Auflage. Dietz, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6.
  • Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hrsg.): Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-138-9.

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1958: Mit Anna Schlotterbeck: S.M.S. Prinzregent Luitpold – Regie: Theodor Popp (Rundfunk der DDR)
  • 1959: Mit Anna Schlotterbeck: Stürmische Tage – Regie: Helmut Hellstorff (Rundfunk der DDR)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Spruchkammer I, Stuttgart, Einstellungs-Beschluß gegen Friedrich Schlotterbeck, in: BStU, MfS, AU 309/54, Bd. 8, Bl. 91f.
  2. Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hrsg.): Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-138-9, S. 409f.
  3. LG Ravensburg, 21. Mai 1948. In: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Bd. II, bearbeitet von Adelheid L. Rüter-Ehlermann, C. F. Rüter. Amsterdam : University Press, 1969, Nr. 59, S. 519–535 Erschiessung von 3 Gestapohäftlingen auf Befehl des Reichssicherheitshauptamts wegen 'landesverräterischen Verhaltens'