Friesenhof (Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe)

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Friesenhof bezeichnet ein Unternehmen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.

Offiziell firmiert das Unternehmen unter Barbara Janssen GmbH (Amtsgericht Pinneberg, HRB 8117 PI) mit Sitz in Büsum; zuvor war es im Handelsregister als Johanna Janssen SO.R.GE GmbH und als Kinder und Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof Barbara Janssen GmbH & Co. KG eingetragen. Inhaberin ist Barbara Janssen.[1]

Standorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einrichtung Adresse Betriebserlaubnis vom Lage
Verwaltungssitz Werftstraße 8, 25761 Büsum -- 54° 7′ 41″ N, 8° 51′ 58″ O
Charlottenhof Koog Chaussee 11, 25761 Hedwigenkoog 28.04.2008 54° 10′ 37″ N, 8° 50′ 30″ O
Nanna Oesterstr.5, 25779 Wrohm 16.08.2010 54° 12′ 45″ N, 9° 23′ 19″ O
Campina Dammstr. 18, 25764 Wesselburenerkoog 24.08.2011 54° 14′ 37″ N, 8° 52′ 0″ O

Das Unternehmen betrieb von 1999 bis 2015 drei Standorte zur Unterbringung von Mädchen und jungen Frauen in Wesselburenerkoog („Campina“), Wrohm („Mädchencamp Nanna“) und Hedwigenkoog („Charlottenhof“) im Kreis Dithmarschen.[2] Die Einrichtungen wurden 2015 wegen Kindeswohlgefährdung geschlossen.

Vorwürfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publik wurden die Vorwürfe durch die Fraktion der Linken in der Hamburger Bürgerschaft Ende Mai 2015.[3] Sie publizierte ein ihr vorliegendes Schreiben des Landesjugendamtes.

Zu den Vorwürfen zählten:

  • Es seien Kollektivstrafen verhängt worden.
  • Es seien Briefe geöffnet und zurückgehalten sowie ungestörte Telefonate mit Erziehungsberechtigten verweigert worden.
  • An den Fenstern seien die Griffe abmontiert worden.
  • Die jungen Bewohnerinnen mussten sich angeblich „vor dem fast ausschließlich männlichen Personal nackt ausziehen, ihre persönliche Bekleidung abgeben, wurden teilweise gegen ihren Willen fotografiert oder gefilmt“.

Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks (NDR) sprachen mit 20 ehemaligen Heimbewohnerinnen. Sie berichten von Schlägen, tagelanger Isolation, Schlafentzug und nächtlichen Sportstunden als Strafen. Beschwerdebriefe seien zerrissen worden. Der Kontakt zur Außenwelt sei verhindert worden. Die Unternehmensleitung sprach von einer „falschen Wahrnehmung“ der Insassen.[4]

Zu den weiteren genannten Vorwürfen gehörten:[5]

  • „Aussitzen“, bei dem eine Gruppe von Mädchen stundenlang zusammensitzen mussten, bis es ein Fehlverhalten eingestanden hatte[6]
  • Anschreien
  • Beschimpfungen
  • Wecken zur Nachtzeit
  • Sprechverbot
  • Essensentzug
  • Zwang zur Essensaufnahme
  • Zwang zum Tragen bestimmter Kleidung
  • „keines der Mädchen [durfte] alleine zur Toilette oder zum Duschen gehen, stets müsse eine ,Patin‘ dabei sein, um Fehlverhalten oder Entweichen zu verhindern“[7]

Am 8. Juni 2015 wurde bekannt, dass ein Betreuer ein sexuelles Verhältnis mit einem minderjährigen Mädchen gehabt haben soll, dessen genaues Alter aus Datenschutzgründen nicht genannt wurde.[8]

Ehemalige Mitarbeiter hatten sich über die Erziehungsmethoden beim zuständigen Jugendamt beschwert, wie das Landesjugendamt von Schleswig-Holstein berichtet. Es kritisierte die Zustände am 30. Januar 2015.[9] Dem Kreis Dithmarschen waren Probleme seit Jahren bekannt.[10] Das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein soll bereits Mitte Januar 2015 von der angeblichen sexuellen Beziehung eines Betreuers gewusst haben.[11] Zuständige Bereichsleiterin des Ministeriums für die Heimaufsicht war zuletzt Sabine Toffolo.[8]

Erste Auffälligkeiten habe es schon 2007, 2009 und 2011 gegeben, die dem Landesjugendamt vorgelegen hätten.[12]

Die Inhaberin des Unternehmens, Barbara Jannsen bestreitet die Vorwürfe; die Verfügung des Landesjugendamts habe sie „in jedem einzelnen Punkt widerlegen können“, insbesondere mussten sich die Mädchen „niemals nackt ausziehen! Niemals!“[13]

Schließung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einrichtungen wurden vom Ministerium am 3. Juni 2015 geschlossen.[14]

Die Betreiberin Barbara Janssen meldete am 5. Juni die Insolvenz des Unternehmens an.[15] Der Insolvenzverwalter ist laut Mitteilung des Amtsgerichtes Meldorf vom 5. Juni 2015 der Hamburger Rechtsanwalt Christian Heim.[11] Insgesamt waren im Unternehmen zum Zeitpunkt der Insolvenz 52 Mitarbeiter beschäftigt.[8] Das jüngste untergebrachte Mädchen war zwölf Jahre alt.[8] Bei der Auflösung versuchten einige Mädchen verzweifelt zu fliehen, um nicht in andere Einrichtungen gebracht zu werden.[16]

Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In sieben Jahren waren in den Einrichtungen unter anderem rund 80 Mädchen und junge Frauen aus Hamburg untergebracht.[3] Michael Lindenberg, Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, Hamburg, warnte davor, den Betroffenen nicht zu glauben.[4]

Die Betreiberin Barbara Janssen berichtete über ihre eigene Qualifikation, leider habe sie nur eine Ausbildung zur Erzieherin, dazu noch eine jugendpsychiatrische Weiterbildung absolviert: „Ich habe nicht die Möglichkeit gehabt zu studieren. Aber es reichte, um die Voraussetzungen für die Trägerschaft einer Einrichtung zu erfüllen.“[17]

Wegen des Vorwurfs eines sexuellen Verhältnisses zwischen einem Pfleger und einer minderjährigen Insassin ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Januar 2015.[14]

Am 9. Juni 2015 und am 11. Juni 2015 fanden Sondersitzungen des Sozialausschusses des Landtages von Schleswig-Holstein statt.[8][18] Insbesondere steht die Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) in der Kritik. Alheit hält demgegenüber vor, dass für die Kontrolle von 1800 Einrichtungen nur sechs Mitarbeiter zur Verfügung stünden.[19] Darüber hinaus sei sie über die Missstände nicht rechtzeitig informiert worden.[20]

Wolfgang Dudda, Mitglied der Piratenpartei Schleswig-Holstein im Landtag, kritisierte: „Wer eine Würstchenbude aufmacht, muss mit unvermuteten Kontrollen rechnen; wer eine Jugendhilfeeinrichtung betreibt, darf sich über unvermutete Kontrollen beschweren.“[21]

Die CDU kritisiert zudem auch Staatssekretärin Anette Langner.[22]

Anfang Juli 2015 erschienen Meldungen, dass interne Dokumenten belegen sollen, dass einige Mitarbeiter des Ministeriums seit Ende Januar oder früher von den Missständen gewusst haben müssen, zudem gab es erste Medienberichte über Missstände bereits 2014. Wegen verschwundener Aktenvermerke erstattete Ministerin Alheit Strafanzeige gegen Unbekannt.[23]

Im Juli 2015 wurde vom Landtag die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) beschlossen.[24] Der PUA Friesenhof konstituierte sich am 29. September 2015, den Vorsitz übernahm Barbara Ostmeier (CDU).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Informationen aus dem Handelsregister
  2. Kleine Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Sabine Boeddinghaus und Mehmet Yildiz (Die Linke) in der Bürgerschaft Hamburg vom 18. Mai 2015 (online)
  3. a b SHZ: Kinderheime in Dithmarschen: „Sie mussten sich nackt ausziehen“, 29. Mai 2015.
  4. a b NDR: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_1800/Schleswig-Holstein-1800,sendung380610.html (Memento vom 12. Oktober 2015 im Internet Archive), 9. Juni 2015.
  5. Pressemitteilung von Die Linke Hamburg: Friesenhof: „Das erinnert an ein Straflager“, 1. Juni 2015
  6. NDR: Neue Vorwürfe im „Friesenhof“-Skandal, 9. Juni 2015
  7. Die Tageszeitung: „System der Bespitzelung“, 31. Mai 2015.
  8. a b c d e Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag: Friesenhof-Skandal: Alheit schon wieder im Sozialausschuss, 14. Juni 2015
  9. Schreiben des Sozialministeriums Schleswig-Holstein vom 30. Januar 2015 (online)
  10. SHZ: Offizieller Grund für Jugendheim-Schließung: Kein qualifiziertes Personal, 3. Juni 2015.
  11. a b SHZ: Heim-Skandal: Betreuer hatte sexuelles Verhältnis mit Minderjähriger, 8. Juni 2015.
  12. Hamburger Abendblatt: Ministerin Alheit wegen Friesenhof-Heim unter Druck, 10. Juni 2015
  13. Die Zeit: „Die Mädchen mussten sich niemals nackt ausziehen!“, 12. Juni 2015
  14. a b Lübecker Nachrichten: „Friesenhof“: Alheit gesteht Fehler ein, 17. Juni 2015
  15. Norddeutscher Rundfunk: Insolvenzantrag für „Friesenhof“-Jugendheime, 8. Juni 2015.
  16. Norddeutscher Rundfunk: „Friesenhof“-Schließung: Flucht und Verletzte, 4. Juni 2015.
  17. Die Zeit: „Die Mädchen mussten sich niemals nackt ausziehen!“, 12. Juni 2015
  18. NDR: Fall „Friesenhof“: Alheit muss Akten herausgeben, 11. Juni 2015.
  19. Lübecker Nachrichten: Ministerin: Sechs Mitarbeiter kontrollieren 1800 Einrichtungen, 9. Juni 2015.
  20. Lübecker Nachrichten: Alheit: Mitarbeiter haben mich nicht informiert, 11. Juni 2015.
  21. SHZ: Schläge, Isolation, Schlafentzug – Amt reagierte nicht, 10. Juni 2015.
  22. Die Welt: CDU kritisiert „überforderte“ Sozialministerin, 17. Juni 2015
  23. „Wir brechen euren Willen“Skandal in Heimen für schwer Erziehbare: Mädchen mussten sich zur Strafe nackt ausziehen auf focus.de abgerufen am 3. Juli 2015
  24. Fall "Friesenhof": Weg für Ausschuss ist frei. NDR, 7. Juli 2015