Frischzellentherapie

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Die Frischzellentherapie (syn. Zellular-Therapie oder Organo-Therapie) ist ein umstrittenes komplementärmedizinisches Verfahren zur Steigerung der körpereigenen Immunabwehr und teilweise auch im Rahmen von Anti-Aging-Therapien. Es wurde 1931 von dem Genfer Arzt und Sanatoriumsdirektor Paul Niehans (1882–1971) eingeführt. In den letzten Jahren hat diese Methode stark an Bedeutung verloren.

Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei dieser Therapie wird eine Zellaufschwemmung (Suspension) von fetalen (ungeborenen) oder juvenilen (jungen) Kälbern oder Lämmern injiziert, also Substanzen, die aus Tierföten gewonnen werden. Varianten sind Suspensionen von getrockneten oder tiefgefrorenen Extrakten.

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis in die 1980er Jahre war die Therapie in Europa relativ weit verbreitet; in Deutschland ließen sich auch Prominente wie Bundeskanzler Konrad Adenauer, Nationalfußballtrainer Helmut Schön, Fritz Walter oder der Schauspieler Willy Millowitsch behandeln.

Die Methode wurde und wird gegen chronische Erkrankungen aller Art, gegen Altersbeschwerden und gegen Krebs angeboten. Im Jahr 2000 boten in Deutschland rund zehn Sanatorien diese Therapie an. Eine einwöchige Kur kostete damals bis zu 10.000 Mark. Die erhoffte Wirkung: Die jungen Zellen sollen im menschlichen Körper alte Zellen ersetzen und quasi Reparaturarbeiten übernehmen.

Heute hat die Frischzellentherapie nur noch wenig Bedeutung innerhalb der Alternativmedizin.

Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie jedes Fremdgewebe können auch fetale Rinder- oder Schafzellen schwere allergische Reaktionen bis hin zum allergischen Schock mit Kreislaufstillstand verursachen. Ein wissenschaftlicher Nachweis über die Wirksamkeit der Therapie liegt nicht vor. Die evidenzbasierte Medizin lehnt die Zelltherapie deshalb grundsätzlich ab.

Mediziner bezeichnen die verwendeten Präparate als Risikomaterial, bei dem die Gefahr bestehe, dass Krankheiten eines Tieres auf den Menschen übertragen werden, zum Beispiel BSE, Tollwut oder Q-Fieber. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab eine entsprechende Warnung heraus. Weitere Risiken ergeben sich durch das mögliche Auftreten von Autoimmunerkrankungen.[1]

Nutzen-Risiko-Verhältnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einigen Todesfällen, die mit der Frischzellentherapie in Verbindung gebracht wurden, wurden die Herstellung und der Verkauf von Frischzellen in Deutschland 1997 durch den damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer verboten, mit der Begründung, die Wirksamkeit der Präparate sei nicht nachgewiesen, ihre Anwendung sei bedenklich; es handele sich um Arzneimittel. Das Bundesverfassungsgericht hob das Verbot im Jahr 2000 auf mit der Begründung, der Umgang mit Frischzellen, die direkt in den jeweiligen Kliniken hergestellt und dort injiziert würden, stelle kein „Inverkehrbringen“ dar und sei daher nicht durch das Arzneimittelgesetz zu regeln. Es sei nicht der Bund zuständig, sondern als Teil einer Therapie bzw. Kur unterläge die Verabreichung von Frischzellen der Überwachung durch die Länder.[2] Zu möglichen gesundheitlichen Risiken äußerten sich die Richter nicht.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) kommen in zwei Gutachten 2015/2016 zu dem Schluss, dass auch Frischzellen und Organextrakte, die nicht behördlich als Arzneimittel zugelassen sind, ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen und im Sinne des § 5 AMG (Arzneimittelgesetz) als bedenklich einzustufen seien.[3] Das Arzneimittelgesetz verbietet nicht nur das Inverkehrbringen von bedenklichen Arzneimitteln, sondern seit 2009 auch ihre Anwendung bei einem anderen Menschen.

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) ging 2015 gegen Anbieter von unzulässigen Frischzellentherapien vor [4]. Gegen mehrere Kliniken wurden Strafverfahren eingeleitet. Ziel der Intervention sei es, "die illegale Herstellung und Anwendung von Präparaten für die Frischzellen-Therapie in der Schweiz zu verhindern." Die Wirksamkeit der Frischzellen-Therapie sei wissenschaftlich nicht erwiesen und dem fehlenden therapeutischen Nutzen stünden erhebliche Gesundheitsrisiken gegenüber, erklärte das BAG.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Frischzellentherapie / Zellulartherapie , miomedi Chirurgie, abgerufen 8. Juni 2012
  2. Bundesverfassungsgericht: Verbot der Frischzellentherapie unzulässig, Medi-Report 16. Februar 2000.
  3. Kurzfassung der Gutachten des PEI und BfArM zur parenteralen Anwendung von Frischzellen und xenogenen Organextrakten beim Menschen, August 2016.
  4. swissmedic: Bund und Kantone gehen gegen Anbieter von unzulässigen Frischzellen-Therapien vor., 26. März 2015.
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