Fritz Tobias

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Fritz Tobias (* 3. Oktober 1912 in Charlottenburg; † 1. Januar 2011 in Hannover) war ein deutscher Autor und Ministerialbeamter. Er war unter anderem Ministerialrat im Niedersächsischen Innenministerium, wobei er dem Verfassungsschutz Niedersachsen in dessen Verfassungsschutz-Abteilung angehörte. In den 1960er Jahren wurde er durch seine Aussagen zum Reichstagsbrand bekannt.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tobias wuchs in Berlin als Sohn eines sozialdemokratischen Porzellanmalers auf. In den 1920er Jahren absolvierte er eine Buchhändlerlehre. 1933 verlor er nach eigenen Angaben seine Stellung als Gehilfe bei einer sozialdemokratischen Volksbuchhandlung und arbeitete dann von 1934 bis 1940 als Kanzleivorsteher bei Rechtsanwälten in Hannover. Ab 1940 nahm er bis Kriegsende als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil, in dem er nach eigenen Angaben mehrere Verwundungen erlitt. Von verschiedener Seite – so von Harry Schulze-Wilde – wurde später der Vorwurf laut, Tobias habe während des Krieges der Geheimen Feldpolizei angehört,[2] was Tobias als „frei erfunden“ von sich wies.[3] Von ihm angekündigte gerichtliche Klagen wegen „ehrabschneidender Anwürfe“ machte Tobias ebenso wenig wahr wie die von ihm in Aussicht gestellte Veröffentlichung seiner Militärakte bei der Deutschen Dienststelle.

1946 trat Tobias in den öffentlichen Dienst ein. In den ersten Nachkriegsjahren war er unter anderem an der Entnazifizierung in Niedersachsen beteiligt. Im Minderheitenbericht des 4. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses vom 7. Dezember 1954 heißt es, er sei 1946/1947 stellvertretender Vorsitzender eines Hauptausschusses für Entnazifizierung gewesen und 1947 als Referent in das Niedersächsische Ministerium für die Entnazifizierung gekommen.

1951 wurde Tobias als Referent (TO. A III) in das Niedersächsische Ministerium des Innern übernommen. 1952 wurde er zum Regierungsrat unter Berufung in das Beamtenverhältnis vorgeschlagen. Diese Ernennung wurde jedoch aus beamtenrechtlichen Bedenken der Staatskanzlei zunächst zurückgestellt, da seine Vorbildung nicht geeignet erschien, ihm eine leitende Stellung in einem Ministerium zu übertragen. Spätestens 1954 war er Leiter eines wichtigen Polizeireferates im Ministerium. Hersch Fischler zufolge war Tobias als Referent mit dem Aufbau der Nachrichtenpolizei Niedersachsen betraut.[4] Nach Tätigkeit in verschiedenen Abteilungen kam er „1959 zum Verfassungsschutz Niedersachsen“,[5] der in Niedersachsen zeitweise als Landesamt für Verfassungsschutz und länger als Abteilung des Innenministeriums organisiert war. Im Verwaltungsdienst wurde er schließlich bis zum Ministerialrat befördert. Dem Publizisten und früheren Redakteur des Spiegel Peter-Ferdinand Koch zufolge hatte der britische Secret Intelligence Service (SIS) schon Ende 1945 Tobias in das niedersächsische Innenministerium empfohlen, da dieser im Auftrag der Engländer hohe SS-Offiziere verhört habe. Ziel dieser Verhöre sei es gewesen, dem SIS kompetente NS-Nachrichtendienstler zu nennen, wie dies Tobias beispielsweise bei Horst Kopkow getan habe.[6]

Öffentlich bekannt wurde Tobias als Autor der elfteiligen Serie „Stehen Sie auf, van der Lubbe!“, die 1959/60 im Spiegel erschien.[7] Darin und in seinem 1962 erschienenen Buch zum Reichstagsbrand vertrat Tobias die bis heute umstrittene These, der niederländische Anarchokommunist Marinus van der Lubbe sei beim Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 Alleintäter gewesen. Dabei stützte sich Tobias u. a. auf die Aussagen des damals ermittelnden Kriminalkommissars und späteren SS-Sturmbannführers Walter Zirpins sowie eigene Untersuchungen.[8] Tobias’ Spiegel-Serie zum Reichstagsbrand wurde von dem ehemaligen Pressechef im NS-Außenministerium Paul Karl Schmidt redigiert.[9] Peter-Ferdinand Koch behauptet, Tobias habe die Kontakte von Paul Karl Schmidt zum Spiegel hergestellt.[10]

Tobias wurde zu seinem 95. Geburtstag am 3. Oktober 2007 unter anderem mit einem großen Artikel der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gewürdigt, der hervorhob, dass Tobias mit seiner Alleintäterthese „die deutsche Historikerschaft in zwei Lager teilt“.[11] Am Neujahrstag 2011 verstarb Tobias im Alter von 98 Jahren in Hannover. „Zeitlebens schimpfte er auf seine Widersacher“, schrieb Der Tagesspiegel in seinem Nachruf.[12]

In jüngerer Zeit äußerte der Journalist Anton Maegerle Kritik an Tobias, dieser habe „Kontakte zu rechtsextremen Kreisen“ gepflegt, beispielsweise mit dem Holocaust-Leugner David Irving in Verbindung gestanden. 1998 war er Beiträger für die Festschrift „Wagnis Wahrheit. Historiker in Handschellen?“ zu Ehren Irvings und stellte sich 2007 dem rechtsextremen österreichischen Magazin Die Aula für ein Interview zur Verfügung.[8]

Im Juli 2013 wurde bekannt, dass der Nachlass von Fritz Tobias dem Bundesarchiv übergeben wird, das ihn so bald und weitgehend als möglich der Forschung zugänglich machen will.[13]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alexander Bahar/Wilfried Kugel: „Wer ist Fritz Tobias?“, in: Dies.: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird, edition q, Berlin 2001, S. 778–785.
  • Leonhard Schlüter: Die Große Hetze. Der niedersächsische Ministersturz. Ein Tatsachenbericht zum Fall Schlüter, 1958, S. 143.
  • Klaus Wallbaum: „Der alte Mann und das große Feuer. Am Mittwoch wird Fritz Tobias 95 Jahre alt – einer, der die Historikerschaft in zwei Lager teilt“, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2. Oktober 2007.
  • Heinrich Zankl: Politisches Feuer. Historikerstreit um Reichstagsbrand, in: Heinrich Zankl: Kampfhähne der Wissenschaft. Kontroversen und Feindschaften. Wiley-VCH-Verlag, Weinheim 2012, ISBN 978-3-527-32865-9,S. 257–265.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ein Feuer im Reichstag und ein Täter aus Holland. In: FAZ, 7. Januar 2011, S. 34.
  2. Der Monat, Juli 1962, Heft 166, S. 90.
  3. Der Monat, Oktober 1962, Heft 169, S. 90.
  4. Hersch Fischler: Neues zur Reichstagsbrandkontroverse, in: Dieter Deiseroth (Hrsg.): Der Reichstagsbrand und der Prozess vor dem Reichsgericht. Tischler, Berlin 2006, S. 115.
  5. Christian Bartels: Suche nach Wahrheit. Der Störenfried. In: Der Tagesspiegel, 31. Juli 2010.
  6. Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt - Doppelagenten. Namen, Fakten, Beweise. Ecowin-Verlag. Salzburg 2011. ISBN 978-3-7110-0008-8, S. 219.
  7. Erste Folge: „Stehen Sie auf, van der Lubbe!“ Der Reichstagsbrand 1933 – Geschichte einer Legende. In: Der Spiegel 43, 21. Oktober 1959, S. 45–60.
  8. a b Anton Maegerle: Vom Obersalzberg bis zum NSU. Die extreme Rechte und die politische Kultur der Bundesrepublik 1988–2013. NS‐Verherrlichung, rassistische Morde an Migranten, Antisemitismus und Holocaustleugnung. Edition Critic, Berlin 2013, ISBN 978-3-981-45486-4, S. 304ff.
  9. Christian Plöger: Von Ribbentrop zu Springer. Zu Leben und Wirken von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell. Marburg 2009, ISBN 978-3-82882-136-1 (zugleich Diss. phil. Universität Münster 2009), S. 322–336; Wigbert Benz: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Berlin 2005. ISBN 3-86573068-X, S. 69–75.
  10. Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt – Doppelagenten. Namen, Fakten, Beweise. Salzburg 2011, S. 219.
  11. Klaus Wallbaum: Der alte Mann und das große Feuer. Am Mittwoch wird Fritz Tobias 95 Jahre alt – einer, der die Historikerschaft in zwei Lager teilt. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2. Oktober 2007.
  12. Der streitbare Reichstagsbrand-Forscher. Zum Tod von Fritz Tobias. In: Der Tagesspiegel Online, 8. Januar 2011 (Nachruf).
  13. Uwe Soukup: Reichstagsbrand. Parlament in Flammen. Das Bundesarchiv erhält den Nachlass des Reichstagsbrandforschers Fritz Tobias. Könnte das die Klärung des Falls voranbringen? In: Tagesspiegel, 8. Juli 2013.