Frontbegradigung

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Frontbegradigung ist sowohl ein militärischer bzw. militärhistorischer Begriff als auch ein Beispiel für einen Euphemismus in der Propagandasprache des Dritten Reiches. Im wörtlichen Sinne bedeutet Frontbegradigung (oder synonym auch Frontverkürzung) die Beseitigung von Ausbuchtungen und Zickzackverläufen der Kriegsfront zwischen zwei im Kriegszustand befindlichen Staaten.

Derartige militärische Maßnahmen wurden vor allem im Ersten Weltkrieg, der durch Stellungskrieg, oft über längere Zeit erstarrte Fronten und im gegnerischen Verteidigungssystem steckengebliebene Offensiven geprägt war, häufig durchgeführt. Eine Frontbegradigung konnte sowohl durch eine erneute Offensive erreicht werden, die den Anschluss der zurückhängenden Nachbarstellungen an den vorgeschobenen Frontabschnitt herstellte, als auch durch einen taktischen Rückzug. Eine Frontbegradigung verkürzte die Länge der Front und machte somit Truppen für andere Aufgaben frei. Die umfangreichste Frontbegradigung im Rahmen des Ersten Weltkrieges fand 1917 auf Weisung der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL) an der Westfront statt. Die deutschen Truppen zogen sich einige Monate nach der alliierten Offensive an der Somme, die einen zickzackartigen und unübersichtlichen Frontverlauf hinterlassen hatte – ohne gegnerischen Druck – auf die sogenannte Siegfriedstellung zurück. Diese ausgebaute Frontlinie war wesentlich kürzer und konnte besser verteidigt werden. Diese Frontbegradigung hatte nicht nur taktische, sondern strategische Bedeutung. Die eingesparten Truppen wurden von der OHL für Offensiven in Russland und Italien verwendet.

Im Zweiten Weltkrieg bekam „Frontbegradigung“ eine etwas andere Bedeutung. Der Begriff wurde – vor allem in der zweiten Hälfte des Krieges – zum Euphemismus für einen vom Gegner erzwungenen Rückzug der deutschen Truppen. Vonseiten der Wehrmachtsführung, der Nazi-Propaganda, der Deutschen Wochenschau und den sonstigen Medien wurde die katastrophale Lage der deutschen Wehrmacht und der damit verbundene Rückzug bzw. Zusammenbruch an allen Fronten mit Begriffen wie „geplante Absetzbewegung“, „Frontverkürzung“ oder eben „Frontbegradigung“ verharmlost bzw. verschleiert. Da mit zunehmender Dauer des Krieges der Bevölkerung die tatsächliche Situation nicht verheimlicht werden konnte, wurde der Begriff „Frontbegradigung“ vom Volksmund meist in spöttischer bzw. ironischer Weise gebraucht und die offizielle Propaganda damit bloßgestellt.