Fugu-Plan

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Als Fugu-Plan (jap. 河豚計画, Fugu keikaku, engl.: Fugu Plot – ‚Fugu-Komplott‘) wird die Idee des Japanischen Kaiserreichs bezeichnet, jüdische Flüchtlinge in größerem Stil während der 1930er Jahre aus dem Deutschen Reich nach Japan immigrieren zu lassen.

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung Fugu-Plan leitet sich von einer japanischen Spezialität ab, die aus dem Muskelfleisch eines Kugelfisches Fugu besteht, der aber hochgiftige Bestandteile enthält, die vor dem Kochen entfernt werden müssen, weil der Genuss sonst tödlich enden kann. Die Bezeichnung wird in dem 1979 erschienenen Roman von Marvin Tokayer The Fugu-Plan – The untold story of the Japanese and the Jews during World War II (engl.: Der Fugu-Plan – die ungeschriebene Geschichte der Japaner und Juden im Zweiten Weltkrieg) erstmals verwendet.[1] Sie wird im Roman als historischer Ausspruch dem japanischen Marinekapitän Koreshige Inuzuka (犬 塚 惟 重, 1890 – 1965, Leiter des Shanghaier „Bureau for Jewish Affairs“ (engl.: Büro für jüdische Angelegenheiten) von März 1939 bis April 1942) in den Mund gelegt. Die Metapher „blowfish“ (Kugelfisch) steht in lnuzukas Rede explizit fur die Juden, die in den Augen eines japanischen Imperialisten sehr nützlich, aber auch gefährlich sind. Die Vorgänge sind in einigen streng vertraulichen Kriegsdokumenten des japanischen Außenministeriums archiviert, welche nach dem Krieg von den Alliierten beschlagnahmt und in die Library of Congress in Washington verlegt worden sind. In diesen sogenannten Kogan Papers ist jedoch nur von „settlement plans“ (engl.: Siedlungsplänen) und der Gründung eines „jüdischen autonomen Staats“ die Rede. Der Analyse von Wei Zhuang zu Folge, handele es sich bei der metaphorischen Bezeichnung des „Fugu-Plans“ höchstwahrscheinlich um eine literarische Erfindung Tokayers.[2]

Zielsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Plan sollte das Potential der jüdischen Intellektuellen für den ökonomischen, technologischen und wissenschaftlichen Aufschwung des japanischen Imperiums genutzt sowie möglicherweise Kontakte zu wohlhabenden jüdischen Geschäftsleuten in der westlichen Welt geschaffen werden. Der Plan wurde jedoch nach der Unterzeichnung des Dreimächtepakts 1940 verworfen, da man Deutschland nicht provozieren und die Allianz nicht gefährden wollte.[3]

Initiatoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Initiatoren dieses Plans waren die Offiziere Inuzuka Koreshige und Yasue Norihiro. Sie hatten während ihrer Teilnahme im Russischen Bürgerkrieg von den so genannten Protokollen von Zion gehört und waren fasziniert von der angeblichen Macht der jüdischen Kreise. Diese Offiziere lasen zusammen mit anderen Kollegen und Geschäftsleuten viele weitere antisemitische Publikationen und galten später in Japan ironischerweise als Spezialisten für das Judentum. Es reifte der Gedanke, Juden auf japanischem Boden anzusiedeln. Anfang der dreißiger Jahre wurde der Fugu-Plan zum ersten Mal ernsthaft von der japanischen Regierung in Erwägung gezogen, als man die Invasion der Mandschurei durchführte. Dort gab es schon eine nennenswerte jüdische Population, und die Japaner fragten sich, inwiefern man vielleicht neue jüdische Siedler anlocken könnte, um das neu eroberte Gebiet aufzubauen. Diese Erwägungen wurden aber fallengelassen, als Repressionen der Kaiserlich Japanischen Armee gegen die jüdischen Bewohner in Harbin bekannt wurden. Eine Kooperation dieser Menschen mit den Japanern war für die nächsten Jahre somit ausgeschlossen.

Fünf-Minister-Rat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1938 fand eine Konferenz des Fünf-Minister-Rats statt, der sich aus dem Ministerpräsidenten Konoe Fumimaro, dem Heeresminister Itagaki Seishirō, dem Marineminister Yonai Mitsumasa, dem Außenminister Arita Hachirō und dem Finanzminister Shigeaki Ikeda zusammensetzte.[4][5] Angesichts der Novemberpogrome sah man die Zeit gekommen, etwas zu unternehmen, allerdings wollte man auch nicht die wachsenden Beziehungen zu Deutschland in Gefahr bringen. Die Konferenz endete mit dem Beschluss, dass Juden nicht aus Japan ausgewiesen werden. Ferner sollten sämtliche in Japan ankommenden jüdischen Flüchtlinge in Kōbe angesiedelt werden. Diese Flüchtlinge wurden später nach dem Überfall auf Pearl Harbor nach Shanghai übergesiedelt und auf Drängen der mit Japan verbündeten Deutschen in das Shanghaier Ghetto verbracht.

Flucht nach Japan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt brachte neue Schwierigkeiten für den Transit von Juden nach Japan. In dem seit Sommer 1940 von der Sowjetunion besetzt gehaltenen Litauen stellte der japanische Konsul Chiune Sugihara ohne offizielle Erlaubnis der japanischen Regierung Transit-Visa an jüdische Flüchtlinge aus. Diese Leute konnten anschließend nach Wladiwostok reisen und sich nach Tsuruga einschiffen, sofern sie ein Ausreisevisum von der Sowjetunion erhalten hatten. Offiziell hätten diese Flüchtlinge von Japan aus weiterreisen müssen, aber Tausende Juden konnten sich in Kōbe niederlassen. Als Deutschland 1941 den Überfall auf die Sowjetunion startete, gab es keinen Schiffsverkehr zwischen Japan und der Sowjetunion mehr, so dass der Flüchtlingsstrom vom sibirischen Festland zum Erliegen kam. Dies war auch der letzte inoffizielle Höhepunkt des Fugu-Planes. Ab 1942 wurden per Regierungsbeschluss jegliche Bemühungen in dieser Richtung untersagt, um die Allianz mit den anderen Achsenmächten nicht zu gefährden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vincas Bartusevičius, Joachim Tauber u. Wolfram Wette, Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941, Wien, Böhlau Verlag, 2003.
  • Martin Kaneko, Die Judenpolitik der japanischen Kriegsregierung, Berlin, Metropol-Verlag, 2008. ISBN 978-3-938690-91-8.
  • Miriam Bistrović, Antisemitismus und Philosemitismus in Japan, Essen, Klartext Verlagsges., 2011. ISBN 978-3-8375-0499-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marvin Tokayer, Mary Swartz: The Fugu Plan: The Untold Story of the Japanese and the Jews During World War II.. Paddington Press, 1979, ISBN 0-448-23036-4.
  2. Wei Zhuang: Die Erinnerungskulturen des jüdischen Exils in Shanghai (1933-1950).. LIT Verlag Münster, 2015, ISBN 978-3-643-12910-9, S. 61–63.
  3. Marvin Tokayer, Mary Swartz: Fugu Plan: The Untold Story of the Japanese and the Jews During World War Two. Diane Pub Co, 1979, ISBN 0-7567-5101-2.
  4. Question 戦前の日本における対ユダヤ人政策の基本をなしたと言われる「ユダヤ人対策要綱」に関する史料はありますか。また、同要綱に関する説明文はありますか.. Ministry of Foreign Affairs of Japan.
  5. 猶太人対策要綱. In: Five ministers council. Japan Center for Asian Historical Record. 6. Dezember 1938.