Fundamentalanalyse

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Fundamentalanalyse (englisch fundamental analysis) ist eine Finanzanalyse, die aus Unternehmensdaten betriebswirtschaftliche Kennzahlen ableitet und untersucht, um den angemessenen Börsenkurs von Wertpapieren (innerer Wert) zu ermitteln. Komplementärbegriff ist die Chartanalyse.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fundamentalanalyse wertet Unternehmensdaten, betriebswirtschaftliche Kennzahlen und Marktanalysen aus, die als Fundamentaldaten bezeichnet werden. Die Fundamentalanalyse unterstellt, dass die Entwicklung der Ertragskraft eines Unternehmens letztlich die Marktentwicklung der Aktienkurse bestimmt.[1] Sie orientiert sich allgemein am Ertragswert. Das ist temporär jedoch nicht immer der Fall. Gerüchte, Stimmungen und Herdenverhalten gehören zum Noise, der durch Noise Trading ausgenutzt wird. Die dieser Handelsstrategie folgenden Marktteilnehmer (Arbitrageure, Spekulanten, Trader, Noise Trader) agieren nicht aufgrund des Rationalprinzips und ignorieren Fundamentaldaten, so dass es kurzfristig auch Börsentrends gibt, die nicht ausschließlich auf dem inneren Wert der Handelsobjekte beruhen.

Wirtschaftliche Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fundamentalanalysen sind insbesondere auf dem Aktienmarkt anzutreffen. Aus dem inneren Wert (englisch intrinsic value) lässt sich für eine bestimmte Aktie ein Aktienkurs ableiten, der „angemessener Börsenkurs“ genannt wird. Übertrifft dieser angemessene Börsenkurs den aktuellen Börsenkurs, so ist die Aktie „billig“ oder „fundamental unterbewertet“ (englisch underperformer) und sollte gekauft werden.[2] Liegt umgekehrt der angemessene Börsenkurs unterhalb des aktuellen Börsenkurses, so ist die Aktie „teuer“ und „fundamental überbewertet“ (englisch overperformer) und sollte verkauft werden. Weichen also beide Kurse voneinander ab, ist der aktuelle Aktienkurs auch von Noise beeinflusst.

Das Verfahren der Fundamentalanalyse basiert auf Methoden der Bilanzanalyse sowie auf einer Reihe von aktienkursbezogenen Kenngrößen, wie beispielsweise der Dividendenrendite oder dem Kurs-Gewinn-Verhältnis. Als Ergebnis erhält man aus der Fundamentalanalyse zum Beispiel ein Kursziel, das Hinweise auf unter- und überbewertete Aktien bzw. Unternehmen gibt und damit Impulse für eine als Value Investing bezeichnete Handlungsstrategie am Aktienmarkt.

Ein Beispiel der Fundamentalanalyse

Die Wirksamkeit der Fundamentalanalyse steht, ebenso wie die der Chartanalyse, im Widerspruch zur Markteffizienzhypothese. Ihr zufolge ist es mit keinem der beiden Verfahren möglich, systematisch höhere Erträge zu erzielen, als der jeweilige Markt.

Wichtige Kennzahlen der Fundamentalanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fundamentalanalyse beginnt zunächst mit der Analyse der Gesamtwirtschaft, um danach eine Marktanalyse durchzuführen.[3] Erst dann folgt die Unternehmensanalyse. Damit die Unternehmensdaten und Kennzahlen verschiedener Unternehmen desselben Wirtschaftszweigs vergleichbar sind, müssen die Jahresabschlüsse der Unternehmen nach einheitlichen Rechnungslegungsstandards aufgestellt sein. Die Fundamentalanalyse bedient sich insbesondere folgender Kennzahlen.[2]

Kurs-Gewinn-Verhältnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) (engl.: Price-Earnings-Ratio (PER)) ist die bekannteste Kennzahl der Fundamentalanalyse. Man erhält das KGV, indem man den derzeitigen Kurs durch den erwarteten Unternehmensgewinn je Aktie dividiert. Eine Aktie, die mit einem KGV unterhalb des langjährigen branchenspezifischen Mittelwertes liegt, gilt demnach als günstig. Ein KGV von 10 bedeutet, dass das Unternehmen einen Gewinn von 10 % im Bezug auf den Wert des Unternehmens (der Wert aller Aktien zusammen) macht, ein KGV von 20, dass der Gewinn nur bei 5 % liegt.

Kurs-Buchwert-Verhältnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) erhält man, indem man den aktuellen Kurswert einer Aktie durch den Buchwert je Aktie teilt. Die traditionelle Theorie des Value Investing besagt, dass eine Aktie umso preiswerter ist, je niedriger ihr KBV ist, und dass ihr fairer Wert in etwa dem Buchwert entspricht (siehe auch: Marktwert-Buchwert-Verhältnis).

Kurs-Umsatz-Verhältnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) wird ermittelt, indem man die aktuelle Marktkapitalisierung eines Unternehmens ins Verhältnis zu dessen (Jahres)-Umsatz setzt. Das KUV berücksichtigt die Profitabilität eines Unternehmens nicht. Das KUV wird zur Beurteilung von Aktiengesellschaften eingesetzt, die Verluste schreiben sowie für Zyklische Aktien. Das KGV ist für diese Unternehmen nicht ansetzbar, weil es ja noch keine Gewinne gibt. Tendenziell gilt ein Unternehmen mit einem im Branchenvergleich niedrigen Kurs-Umsatz-Verhältnis als günstig.

Kurs-Cashflow-Verhältnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kurs-Cash-Flow-Verhältnis (KCV) erhält man, wenn man den aktuellen Kurs einer Aktie durch den Cashflow je Aktie dividiert. In der Gewinn- und Verlustrechnung eines Unternehmens sind viele verschiedene Faktoren wie Rückstellungen oder Abschreibungen enthalten, welche das Ergebnis des realen Geldflusses verfälschen. Der Cashflow eines Unternehmens bildet die wirklichen Zahlungsflüsse in einer bestimmten Zeitperiode ab. Gegenüber dem KGV ist das KCV weniger anfällig für die Maßnahmen, die von Firmen unternommen werden, um ihre Bilanzen zu schönigen. Es macht eine Aussage darüber, wie der Kurs einer Firma in Relation zu ihrer Liquidität steht. Mit dem Kurs-Cashflow-Verhältnis kann man sozusagen die Entwicklung der Ertragskraft einer Aktiengesellschaft bewerten. Als Maßstab für das KCV gilt sieben als Richtwert für eine faire Bewertung, da das KCV unter dem KGV liegt. Im Jahresbericht des betrachteten Unternehmens wird als Cashflow 700 Millionen € angegeben. Teilt man diesen Wert durch die Anzahl der Aktien (201 Millionen) erhält man den Cashflow je Aktie: 3,48 €. Folglich haben wir bei unserem Beispiel ein KCV von 7,18 wenn man einen Aktienkurs von 24,99 € ansetzt.

Gesamtkapitalrendite[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gesamtkapitalrendite (GKR) ist eine Kennzahl, welche dem Analysten hilft, die Profitabilität einer Firma einzuschätzen. Sie gibt an, wie ein Unternehmen sein vorhandenes Kapital nutzt, um Gewinn zu erzielen. Man addiert hierzu den Gewinn und den Zinsaufwand, um den wirklich erwirtschafteten Gewinn zu erhalten. Nun teilt man das Ergebnis durch das Gesamtkapital und multipliziert den Quotienten mit Hundert und erhält für die Gesamtkapitalrendite eine Prozentzahl, die die Effizienz des Unternehmens in der Berechnungsperiode zeigt. Für den Analysten sagt diese Kennzahl sehr viel über das Management der untersuchten Aktiengesellschaft aus. Auch bei der Gesamtkapitalrendite ist es schwer, einen Maßstab festzulegen, da diese stark branchenabhängig ist und somit von Branche zu Branche enorme Unterschiede aufweisen kann. Um aber alles etwas konkreter zu machen, legen wir einen universalen Maßstab fest: Eine GKR größer als 12 % gilt als gut. Liegt die GKR darunter, wird die Bewertung negativer. Das Beispielunternehmen weist einen Zinsaufwand von 1.000 Millionen € und ein Gesamtkapital von 12.000 Millionen € auf. Mit den bekannten Werten (Gewinn: 603 Millionen €) errechnet sich eine GKR von 13,36 %.

Eigenkapitalquote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Eigenkapitalquote (EKQ) zeigt das Eigenkapital eines Unternehmens im Verhältnis zu seinem Gesamtkapital in Prozent. Dazu teilt man das Eigenkapital durch das Gesamtkapital und multipliziert das Ergebnis mit 100. Mit dieser Kennzahl will man die finanzielle Stabilität und Fremdkapitalabhängigkeit des Unternehmens untersuchen. Je höher die EKQ, desto höher ist die Stabilität und die Unabhängigkeit von Fremdmitteln. Zudem verbessert sich die Kreditwürdigkeit der Aktiengesellschaft mit einer höheren EKQ und damit erhöht sich auch die Möglichkeit, mehr Fremdkapital aufzunehmen. Ein geringerer Fremdmittelanteil vermindert zudem die den Gewinn schmälernde/Verlust erhöhende Zinslast (sog. "finance leverage"). Dies ist besonders in Zeiten der Subprime-Krise, in der die Banken bei der Kreditvergabe vorsichtiger werden, wichtig, da Unternehmen mit einer hohen EKQ nicht so leicht Probleme mit steigenden Zinssätzen oder fehlendem Investitionskapital bekommen. Viele Investoren betrachten eine EKQ von 40 % als gut. Dieser Wert spricht für die Unabhängigkeit und Stabilität des analysierten Unternehmens. Für die Berechnung der EKQ sind alle Daten von dem Beispiel schon vorhanden (Eigenkapital oder Buchwert: 5.500 Millionen €; Gesamtkapital: 12.000 Millionen €). Die berechnete EKQ ist also 45,83 %.

Market-to-revenue[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kennzahl des Market-to-revenue gibt an, wie oft die Umsatzerlöse einer Aktiengesellschaft in ihrer Marktkapitalisierung enthalten sind.[4] Je niedriger diese Kennzahl ist, umso günstiger ist diese Aktie bewertet.

Auswertung der Kennzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liegen die einzelnen Kennzahlen vor, muss eine Gewichtung jeder Kennzahl vorgenommen werden, weil nicht alle Kennzahlen dieselbe Bedeutung im Hinblick auf das Analyseziel besitzen. Analyseziel ist die Ermittlung eines angemessenen Börsenkurses in der Zukunft (Kursziel). Dabei gibt es keine generellen Vorgaben, wie stark die einzelnen Kennzahlen zu gewichten sind oder wie stark sie jeweils in die Gesamtbewertung der Aktie einfließen. Vorrang bei der Gewichtung genießen betriebswirtschaftliche Kennzahlen über die Performance des Unternehmens, wobei dessen Erfolgsfaktoren die Ertragskraft ausmachen. Steht der auf dem inneren Wert beruhende angemessene Börsenkurs fest, können die Marktteilnehmer durch Vergleich mit dem aktuellen Börsenkurs Kauf-, Verkaufs- oder Halte-Entscheidungen treffen oder die Wertpapierdienstleistungsunternehmen entsprechende Anlageberatungen vornehmen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Gerke, Gerke Börsen Lexikon, 2002, S. 335 ff.
  2. a b Marc Oliver Opresnik/Carsten Rennhak, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre: Grundlagen unternehmerischer Funktionen, 2015, S. 149
  3. Thomas Schuster/Margarita Uskova, Finanzierung: Anleihen, Aktien, Optionen, 2015, S. 45 ff.
  4. Hans E. Büschgen, Das kleine Börsen-Lexikon, 2012, S. 677