Funkhaus Grünau

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Funkhaus Grünau
Funkhaus Grünau im Februar 2010

Funkhaus Grünau im Februar 2010

Daten
Ort Berlin
Architekt Otto Zbrzezny
Bauherr Michelhausgesellschaft,
Danatbank
Baustil Backsteinexpressionismus
Baujahr 1929–1930
Koordinaten 52° 24′ 38″ N, 13° 35′ 58″ OKoordinaten: 52° 24′ 38″ N, 13° 35′ 58″ O

Das Funkhaus Grünau ist ein denkmalgeschützter Gebäudekomplex im Berliner Ortsteil Grünau des Bezirks Treptow-Köpenick. Von 1947 bis 1956 wurde das Objekt vom staatlichen Rundfunk der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR als Funkhaus genutzt.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebäude im Stil des Backsteinexpressionismus war in den Jahren 1929/30 als Sporthaus der Danatbank in der damaligen Neuen Regattastraße 13–15 errichtet worden. Architekt des viergeschossigen, siebenachsigen Backsteinbaus mit Flachdach war Otto Zbrzezny. Bauherren waren die Michelhausgesellschaft und die Danatbank.[1] Nach Straßenumbenennung und Neunummerierung hat das Grundstück die Adresse Regattastraße 277.

Die mit einer strukturierten Klinkerfassade ausgestattete Villa ist im obersten Stockwerk mit Holz verkleidet und von einer umlaufenden Galerie umgeben. Im Erdgeschoss befand sich ursprünglich die Bootshalle, der erste Stock beherbergte einen Saal und im dritten Obergeschoss war eine Turnhalle untergebracht.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon 1934 wechselte das Gebäude erstmals seinen Besitzer. Eigentümer wurde die Dresdner Bank, die die Immobilie als Sport- und Erholungsheim nutzte.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude 1940 von der Wehrmacht konfisziert und als Reserve-Lazarett genutzt. Gegen Ende des Krieges wurde es durch Kriegseinwirkung beschädigt.

1946 bis 1956[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) wurden die Bootshäuser der Dresdner Bank (Regattastraße 277) und der Allianz (Nachbargrundstück Regattastraße 267) 1946 von der Zentralverwaltung für Post- und Fernmeldewesen der Sowjetischen Besatzungszone beschlagnahmt. Errichtet werden sollte hier eine Drahtfunk-Sendeanlage. Im September 1946 gründete die SMAD eine Redaktion des Berliner Rundfunks der SMAD, um den Berliner Rundfunk, der noch aus dem Haus des Rundfunks in der Masurenallee sendete, mit Beiträgen von Grünau aus zu versorgen. Der Umbau der beiden Bootshäuser für die Verwendung als Rundfunkstudio in Ost-Berlin war am 1. Mai 1947 abgeschlossen. Neben Beiträgen für den Berliner Rundfunk wurden nun hier auch Beiträge für die Sender Leipzig, Dresden, Schwerin, Magdeburg und Weimar produziert, die selbst noch keine ausreichenden Möglichkeiten dafür besaßen.

Der aus der Masurenallee in West-Berlin sendende sowjetisch kontrollierte Berliner Rundfunk wurde schon bald von den Westalliierten stark behindert und später blockiert. In dieser zugespitzten Situation wurde das Rundfunkstudio Grünau am 17. Mai 1948 von der SMAD an die Deutsche Verwaltung für Volksbildung übergeben. Die ihr formal unterstehende Generalintendanz des Demokratischen Rundfunks übernahm das Areal und nannte es fortan Funkhaus Grünau.

Das Funkhaus Grünau nahm nun eine wichtige Funktion als Ausweichfunkhaus ein, um den sich häufenden Störungen des Betriebes in der Masurenallee begegnen zu können. Bis zur Fertigstellung der Sendestudios im neuen Funkhaus Nalepastraße im Jahr 1952 und dem damit verbundenen vollständigen Umzug aus der Masurenallee nach Ost-Berlin wurde das Funkhaus Grünau als vorübergehende Sendezentrale für besondere politische und kulturelle Ereignisse genutzt. Nach 1952 verblieben nur einige Redaktionen in Grünau. Deren Umzug in die Nalepastraße erfolgte nach Fertigstellung des Musik- und Hörspielkomplexes im Jahr 1956.

Deutscher Freiheitssender 904[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine besondere Rolle spielte das Funkhaus Grünau im Zusammenhang mit dem Deutschen Freiheitssender 904. Der zeitgleich mit dem Verbot der KPD im August 1956 auf Veranlassung der SED-Führung gebildete konspirative Sender begann seine Tätigkeit zunächst in einem abgeschirmten Bereich des Funkhauses Nalepastraße. Um die Geheimhaltung des Senders weiter gewährleisten zu können, musste jedoch bald ein Standort weitab vom Hauptsitz des DDR-Rundfunks gefunden werden. Deshalb zog der DFS 904 im September 1956 zunächst in das Funkhaus Grünau, blieb hier bis 1959 und bezog danach ein Gebäude in Friedrichshagen. Von dort zog der Sender schließlich in sein bis 1971 bestehendes Domizil in Bestensee bei Königs Wusterhausen.[2][3]

Deutscher Soldatensender 935[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende der 1950er Jahre zog in das Nachbargrundstück Regattastraße 267, das bis dahin als Verwaltungsgebäude und Kantine genutzt wurde, die Sektion Rudern des Armeesportklubs ASK ein. Dies war eine hervorragende Tarnung für einen weiteren „Geheimsender“, den Deutschen Soldatensender 935, der hier auf Beschluss des ZK der SED am 1. Oktober 1960 seinen Betrieb aufnahm. Der Sender diente der ideologischen Beeinflussung der Bundeswehrsoldaten und sendete im Wechsel mit dem DFS 904 auf Mittelwelle über den Sender Burg bei Magdeburg. Verwaltungstechnisch war der Sender eine Selbstständige Abteilung der Politischen Hauptverwaltung des Ministeriums für Nationale Verteidigung (PHV). Die Geschichte des Senders endete am 30. Juni 1972.[2]

Bildungseinrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Anfang der 1990er Jahre machte sich das Funkhaus Grünau auch einen Namen als Bildungsstätte. 1950 wurde eine Rundfunkschule für angehende journalistische Mitarbeiter gegründet, die bis 1963 bestand. Im September 1959 entstand hier die Zentrale Ausbildungsstätte der Studiotechnik Rundfunk, eine Gliederung der Deutschen Post. Jährlich wurden mehr als 20 Lehrlinge zu technischen Mitarbeitern, sogenannten Studioassistenten bzw. später Facharbeitern für Nachrichtentechnik, für den Sende- und Produktionsbetrieb des Hörfunks ausgebildet. Erwachsenenqualifizierungen und Weiterbildungen rundeten das Profil dieser Rundfunkschule ab. Einer der Lehrmeister war der ehemalige Radsportler Detlef Zabel, Vater von Erik Zabel. Spezielle Kurse dramaturgischen Unterrichts für die Praxis im Hörspiel- und Wortaufnahmestudio wurden lange Jahre von dem Hörspieldramaturgen Wolfgang Beck gegeben. Die Ausbildungsstätte bestand bis Ende 1991.

Unterhaltungsredaktion und Fernsehballett[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte der 1960er Jahre zog die Unterhaltungsredaktion des Deutschen Fernsehfunks um Hans-Georg Ponesky und Heinz Quermann in die oberen Etagen des Funkhauses Grünau ein. Der ehemalige Sendesaal im Obergeschoss diente dem Deutschen Fernsehballett als Probenraum. Diese Nutzung ging ebenfalls mit der Auflösung des Deutschen Fernsehfunks 1991 zu Ende.

Eigentümerwechsel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schlagzeilen machte das Funkhaus Grünau erstmals wieder 2008.[4] Nachdem der letzte Besitzer, das Neuköllner Bildungswerk, im September 2007 Insolvenz angemeldet hatte, verfiel das auf dem attraktiven Wassergrundstück stehende geschichtsträchtige Gebäude zusehends. Nun sollte im März 2008 das gesamte Areal unter den Hammer kommen.

Am 28. März 2008 wurde das Funkhaus Grünau einschließlich der rund 7.500 m² Anwesen an der Dahme bei einer Auktion der Deutschen Grundstücksauktionen AG im Rathaus Schöneberg für 655.000 Euro von einer Hamburger Vermögensverwaltungsgesellschaft erworben.[5]

Seit dem Frühjahr 2012 wurde das Gelände von jungen Leuten genutzt, um Künstlern und kreativen Gruppen Raum für Ideenverwirklichung und Projekte zu geben, wobei die Projekte und Aktionen hauptsächlich im Kontext des Re- und Upcyclings, also der Wiederverwertung und Aufwertung von Weggeworfenem, standen. Im Jahr 2014 wurde das Gemeinschaftsprojekt beendet.[6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfhard Besser: Vom Bootshaus zum Funkhaus. In: Kunstfabrik Köpenick GmbH (Hrsg.): Treptow-Köpenick, Ein Jahr- und Lesebuch. Band 2007. Eigenverlag, Berlin-Köpenick 31. Juli 2006, S. 133–137.
  • Otto Riedrich: Das Sporthaus der Danatbank in Grünau. In: Deutsche Bauzeitung. Band 64, Nr. 52. Deutsche Bauzeitung, Berlin 1930, S. 401–408.
  • Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, Teil 7, Band C, Verlag Ernst & Sohn, Berlin 1997, S. 210, ISBN 3433022046

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Funkhaus Grünau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bootshaus der Danathbank. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin, 25. März 2008, abgerufen am 26. Februar 2010.
  2. a b Jürgen Wilke: Radio im Geheimauftrag. In: Christoph Classen (Hrsg.): Zwischen Pop und Propaganda: Radio in der DDR. 1. Auflage. Christoph Links Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-86153-343-X, S. 250–253 (Funkhaus Grünau, Regattastraße 277 [abgerufen am 2. März 2010]).
  3. Christian Senne: Der Deutsche Freiheitssender 904. Mai 2003, abgerufen am 26. Februar 2010 (PDF; 679 kB).
  4. Karin Schmidl: Geschichte unterm Hammer. In: Berliner Zeitung, 27. März 2008
  5. Karin Schmidl: Mauerteile bei Auktion ersteigert. In: Berliner Zeitung, 29. März 2008
  6. Webseite des Funkhaus Grünau, 17. Mai 2013