Future Combat Air System

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Modell des FCAS NGF Le Bourget (2019)

Future Combat Air System, kurz FCAS, dt. etwa: Zukünftiges Luftkampfsystem, frz. Système de combat aérien du futur (SCAF), ist ein deutsch-französisch-spanisches[1] Programm zur Entwicklung eines Systems aus einem bemannten Mehrzweckkampfflugzeug der sechsten Generation (New Generation Fighter), unbemannten Begleitflugzeugen (Remote Carrier) sowie neuen Waffen- und Kommunikationssystemen.

Stand 2021 soll der Demonstrator im Jahr 2027 fliegen.[2] Bei der deutschen Luftwaffe soll es ab etwa 2040 den Eurofighter Typhoon (und ggf. später auch den Tornado-Nachfolger) ersetzen, bei den französischen Luftstreitkräften die Rafale. Die beteiligten Unternehmen sind Dassault Aviation, Airbus Defence and Space und Indra Sistemas.

Am 23. Juni 2021 hat der Haushaltsausschuss teilweise die nächste Finanzierungsrunde für das Projekt freigegeben.[3][4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Modell der Tarnkappen-Kampfdrohne Dassault Neuron (2015), eines Technologieträgers, im Rahmen der ebenfalls als Future Combat Air System bezeichneten französisch-britischen Studie

Das Konzept des FCAS entstand im Rahmen des ETAP European Technology Acquisition Programme, das 2001 als Kooperation von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Schweden und Spanien gestartet wurde. Das neue an diesem Konzept war die Idee, in einem System-of-Systems-Ansatz (SoS) bemannte und unbemannte Systeme, also Kampfflugzeuge und Drohnen, zu kombinieren, um im Verbund schlagkräftiger als mit den einzelnen Systemen zu sein.

Im Jahr 2014 startete unter der Bezeichnung Future Combat Air System eine auf zwei Jahre angelegte französisch-britische Machbarkeitsstudie.[5] Spätestens mit der Vorstellung des Projekts Tempest durch die Royal Air Force zur Eröffnung der Farnborough Air Show am 16. Juli 2018 hatten sich entsprechende Bestrebungen jedoch erübrigt.

Am 13. Juli 2017 gaben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Emmanuel Macron bei einem Treffen des deutsch-französischen Ministerrats in Paris die Absicht bekannt, einen deutsch-französischen Kampfjet zu entwickeln.[6] Während der ILA 2018 in Berlin verkündeten am 25. April Dassault Aviation und Airbus Defence and Space eine Übereinkunft zur Zusammenarbeit bei dem Projekt.[7] Am 26. April 2018 unterzeichneten Generalleutnant Erhard Bühler und Général d’armée aérienne André Lanata auf der ILA in Berlin-Schönefeld das High Level Common Operational Requirements Document (Fähigkeitsforderung), das die Kernaufgaben des Flugzeugs festlegt. Frankreich soll federführend bei der Entwicklung sein.[8] Am 19. Juni 2018 unterzeichneten die beiden Fachministerinnen aus Deutschland und Frankreich eine weitere Absichtserklärung.

Belgien will sich mit 369 Millionen Euro am Programm beteiligen.[9]

Im Beisein der deutschen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und der französischen Amtskollegin Florence Parly wurde am 6. Februar 2019 in Gennevilliers der mit 65 Mio. Euro dotierte Auftrag an Dassault Aviation und Airbus für eine zweijährige Konzeptstudie bekanntgegeben.[10][11] Daneben wurde eine Absichtserklärung zwischen dem französischen Technologiekonzern Safran Aircraft Engines (bis 2015: Snecma) und dem deutschen Triebwerkshersteller MTU Aero Engines zur Entwicklung von neuen Strahltriebwerken für das neue Kampfflugzeug unterzeichnet.[12]

Am 14. Februar 2019 trat Spanien dem Programm bei.[13] Im Rahmen der Pariser Luftfahrtschau unterzeichneten die Verteidigungsministerinnen der drei beteiligten Länder am 17. Juni 2019 ein Rahmenabkommen zur gemeinsamen Entwicklung des FCAS.[14]

Aufgrund von Unstimmigkeiten über Arbeitsteilung, Ungewissheit über seine Rolle als Generalunternehmer des Next Generation Fighter (Jagdflugzeug) und geistiges Eigentum erwähnte der Geschäftsführer von Dassault Aviation öffentlich vor dem französischen Senat die Möglichkeit eines Plan B mit einer Entwicklung ähnlich dem nEUROn-Projekt.[15][16]

Im Mai 2021 geschah die wechselseitige Zusage der beteiligten Nationen, das Projekt FCAS fortzuführen.[17] Mehrere Quellen aus der Rüstungsindustrie wurden von der französischen Wirtschaftszeitung Challenges kontaktiert und dementierten, dass eine Einigung erzielt worden sei. Eine Quelle bezeichnete den Bericht über eine Einigung als „eine Kommunikationshaltung“ und „irreführende Aussage“ der drei Staaten.[18] Der Geschäftsführer von Dassault sagte dass „es weder eine Einigung über das Budget, noch über das geistige Eigentum gibt“.[19]

Zielsetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgesehen ist ein integriertes System, das Drohnen, Kampfflugzeuge, Satelliten sowie Kommando- und Kontrollflugzeuge verbindet.[20] Die benötigte Technologie soll, nach Aussage von Dirk Hoke (CEO von Airbus Defence and Space), mehrheitlich in Europa entwickelt werden. Zusätzlich wird laut Hoke eine hohe Autarkie von den USA angestrebt. Vor allem regulierte Güter nach US-Richtlinie ITAR (International Traffic in Arms Regulations) sollen gemieden werden.

Als Kampfflugzeug der sechsten Generation wird es mit Tarnkappentechnik, einem adaptiven Vielseitigkeitstriebwerk (ADVENT), Netzwerkfähigkeit, möglicherweise auch mit Cyberkriegfähigkeiten und auch mit Energiewaffen ausgerüstet sein.

Kontroversen & Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 2021 wurde berichtet, dass erhebliche Unstimmigkeiten zwischen den Projektpartnern die Zukunft des FCAS gefährdeten: So sei es bei der Frage des geistigen Eigentums und eines möglichen Technologietransfers von Frankreich nach Deutschland zum Streit zwischen Airbus und Dassault gekommen. Auf französischer Seite wurde befürchtet, die wirtschaftliche und technologische Vorreiterrolle als führendes Luftrüstungsunternehmen der EU zu verlieren, wenn deutsche und spanische Unternehmen gemeinsam zwei Drittel der Entwicklung und Produktion übernehmen sollten. In französischen Militärkreisen gäbe es „erhebliche Ressentiments gegen Deutschland“.[21]

Im Juni 2021 berichtete der Spiegel, dass die Bundeswehr (BW) dem Projekt ein „miserables Zeugnis“ ausstellt. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) bewertete dem Bericht zufolge, dass innovative Technologieansätze in dem Projekt kaum erkennbar seien. Nach Beurteilung des BAAINBw berücksichtigt der Vertrag über das FCAS hauptsächlich Interessen der französischen Industrie, während der deutsche Industriepartner Airbus sein Know-how bei dem Projekt »nicht im möglichen und nötigen Umfang« ausbauen könne, um »noch eine tragende Rolle spielen zu können«. Der geheime Sachstandsbericht des Verteidigungsministeriums kam Ende Mai 2021 zu dem Schluss, dass „im Rahmen der Verhandlungen erhebliche Risiken und Probleme/Schwachstellen akzeptiert“ worden seien, um das Projekt fortzuführen. Die »starke französische Positionierung« werde dazu führen, »dass das Ziel, ein Kampfflugzeug der 6. Generation zu entwickeln, verfehlt wird« und das Projekt stattdessen zu einem »›Rafale‹-Plus Ansatz mit deutschen und spanischen Haushaltsmitteln wird«.[22]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Airbus begrüßt die gemeinsame Entscheidung Frankreichs und Deutschlands, Spanien als Partner in das Future Combat Air System Programm aufzunehmen. In: Airbus. 17. Juni 2019, abgerufen am 18. Juni 2019.
  2. France Germany and Spain agree on Future Combat Air System prototype flight in 2027 (englisch)
  3. Investitionen in die Luftwaffe der Zukunft. Bundesministerium der Verteidigung. 24. Juni 2021. Abgerufen am 11. Juli 2021.
  4. Kein Blankoscheck für Kramp-Karrenbauer.
  5. BAE, Dassault Begin Work On Two-Year Future Combat Air System Study. In: Aviation Week. 6. November 2014, abgerufen am 10. Februar 2019 (englisch).
  6. Gemeinsame Kampfflieger mit Frankreich geplant. In: Frankfurter Rundschau. AFP, 13. Juli 2017, abgerufen am 27. April 2018.
  7. Airbus, Dassault to team up for new fighter jet project. Reuters, 25. April 2018, abgerufen am 25. April 2018 (englisch).
  8. Factsheet Future Combat Air System - Anteil Next Generation Weapon System – NGWS. In: bmvg.de. 26. April 2018, abgerufen am 27. April 2018.
  9. 369 miljoen voor gevechtsvliegtuig volgende generatie. In: De Tijd. 25. Oktober 2018, abgerufen am 25. Oktober 2018.
  10. Airbus, Dassault tapped to pin down Franco-German fighter plans. In: DefenseNews. Abgerufen am 10. Februar 2019 (englisch).
  11. France, Germany announce first deals for future warplanes. Reuters, abgerufen am 10. Februar 2019 (englisch).
  12. Safran und MTU Aero Engines arbeiten beim Triebwerk für Europas Kampfflugzeug der nächsten Generation zusammen. In: mtu.de. 6. Februar 2019, abgerufen am 6. Februar 2019.
  13. David Donald: Spain Joins FCAS/SCAF Program. In: AINonline. 14. Februar 2019, abgerufen am 17. Februar 2019 (englisch).
  14. Europäischer Kampfjet als Bewährungsprobe. ORF, 17. Juni 2019, abgerufen am selben Tage.
  15. Désaccords sur le SCAF : Le Pdg de Dassault Aviation donne des détails sur son « plan B » (französisch) 11. März 2021.
  16. Audition de M. Eric Trappier, Président-Directeur général de Dassault Aviation (französisch) Sénat français. 10. März 2021.
  17. Nico Fried, Paul-Anton Krüger: Bruchlandung abgewendet: Frankreich und Deutschland bauen Kampfjet. Abgerufen am 22. Mai 2021.
  18. Avion de combat SCAF: le vrai-faux accord franco-germano-espagnol [FCAS-Kampfflugzeuge: das wahr-falsche deutsch-französisch-spanische Abkommen] (französisch)
  19. Futur avion de combat: accord politique entre États [Künftige Kampfflugzeuge: politische Einigung zwischen Staaten] (französisch)
  20. Airbus arbeitet an neuem Kampfjet. faz.net, 11. Juni 2017, abgerufen am 13. Juni 2017.
  21. Europas grösstes Rüstungsprojekt steckt in der Krise Neue Zürcher Zeitung, 3. März 2021, abgerufen am 10. März 2021
  22. Konstantin von Hammerstein: Bundeswehr: Deutschlands neues Kampfflugzeug FCAS ist veraltet, bevor es abhebt. In: Der Spiegel. Abgerufen am 4. Juni 2021.