Gämsheide

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Gämsheide
Gämsheide (Loiseleuria procumbens)

Gämsheide (Loiseleuria procumbens)

Systematik
Ordnung: Heidekrautartige (Ericales)
Familie: Heidekrautgewächse (Ericaceae)
Unterfamilie: Ericoideae
Tribus: Phyllodoceae
Gattung: Loiseleuria
Art: Gämsheide
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Loiseleuria
Desv.
Wissenschaftlicher Name der Art
Loiseleuria procumbens
(L.) Desv.

Die Gams-, Gems- oder Gämsheide (Loiseleuria procumbens, Syn.: Kalmia procumbens), auch Alpenazalee, Alpenheide, Hirschheiderich oder Felsenröschen genannt, ist die einzige Art der Pflanzengattung Loiseleuria eine art innerhalb der Familie der Heidekrautgewächse. Sie wurde nach dem französischen Botaniker Jean Louis Auguste Loiseleur-Deslongchamps (1774–1849) benannt ist. Die Art ist vermutlich schon im Tertiär entstanden.

Weiterer für die Pflanzenart belegter deutschsprachiger Trivialname ist für die Regionen Tirol und Kärnten die Bezeichnung Gamshadach und für Bayern und Tirol Gamssennach.[1]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration aus Atlas der Alpenflora
Zweig mit Laubblättern und Blüten
Früchte entstehen aus den Blüten des Vorjahres

Vegetative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gämsheide bildet einen immergrünen, niedrigen, teppichartigen, verzweigten Spalierstrauch mit dicht beblätterten Zweigen. Die Gämsheide kann sehr alt werden, ein 56-jähriges Stämmchen mit einem Durchmesser von nur 7,6 Millimeter weist eine Jahresringbreite von nur 0,07 Millimeter auf. Auch bildet sie selbst Humusauflagen, die 35 cm bis 1 m mächtig werden können. Sie kann Wuchshöhen von etwa 40 Zentimeter erreichen, meist bleibt sie aber niedriger. Die wechselständigen Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Der Blattstiel ist 1 bis 2,5 Millimeter lang. Die einfache, ledrige Blattspreite ist 4 bis 8 Millimeter lang und 1 bis 2,5 Millimeter breit. Durch ihre Nadelähnlichkeit sind die Blätter gut angepasst. Der Blattrand ist nach unten umgerollt und zeigt einen deutlichen Mittelnerv.

Generative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kurz gestielten Blüten stehen einzeln oder in wenigblütigen, schirmtraubigen Blütenständen an den Zweigenden. Die zwittrigen Blüten sind radiärsymmetrisch und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die relativ kleinen Blüten weisen einen Durchmesser von etwa 6 Millimeter auf. Die fünf 2 bis 2,5 mm langen Kelchblätter sind nur an ihrer Basis verwachsen. Die rosafarbigen bis dunkelroten, 6 bis 9 Millimeter langen Kronblätter sind verwachsen. Es ist nur ein Kreis mit fünf fertilen Staubblättern vorhanden; darin unterscheidet sie sich von den anderen Arten der Familie. Die Staubbeutel sind anfangs rötlich und werden später gelb. Drei bis fünf Fruchtblätter sind zu einem oberständigen Fruchtknoten verwachsen.

Die Blüten werden im Vorjahr angelegt. Die Blütezeit reicht von Mai bis Juli. Die Früchte reifen erst im Jahr nach der Blüte aus.

Die 3,5 bis 4 Millimeter lange und 2,5 bis 3 Millimeter breite, schwarze oder braune Kapselfrucht öffnet sich oben fünfzähnig. Die braunen oder gelben Samen sind 0,4 bis 0,6 Millimeter lang mit einer glatten Oberfläche.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 2.[2]

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gämsheide ist extrem widerstandsfähig gegen Winddürre und Frost. Sie erträgt Windstärken von 40 m/s und Temperaturen von –30 °C bis +50 °C ohne Schaden davonzutragen. Verstärkter Sonneneinstrahlung (etwa auf im Winter schneefrei geblasenen Wuchsorten) entgegnet die Pflanze mit verstärkter Produktion von Anthocyanen als Sonnenschutz, wodurch die Blätter rostrot werden.

Die Wasseraufnahme ist auch durch die Blätter möglich. An deren Unterseite befindet sich jeweils längs der Mittelrippe eine flache Rinne, in der sich neben den Spaltöffnungen (Stomata) auch eine Vielzahl von Haaren befindet, welche in eine Kapillarspitze auslaufen. Eine derartige Wasseraufnahme ist etwa im Sommer aus dem Tauniederschlag, im Winter auch beim zeitweiligen Auftauen des Schnees bzw. der obersten Bodenschichten, wichtig.

Eine reichliche Fettspeicherung (11 % der Trockensubstanz) dient als Ausgleich der Atmungsverluste (Energiereserve). Die Blätter dienen im Winter als energiereiche Nahrung für Gämse, Alpensteinbock, Schneehuhn und Schneehase.

Die Gämsheide bildet eine Wurzelsymbiose mit Stickstoff sammelnden Pilzen.

Die Gämsheide ist giftig.

Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie ist die namengebende Charakterart einer Gruppe von alpinen Pflanzengesellschaften, den Loiseleurieten (Windheiden). Je nach Höhenlage werden verschiedene Loiseleuria-Gesellschaften beschrieben. Etwa das Loiseleurio-Cetrarietum, in dem viele Flechten wie etwa das Isländische Moos (Cetraria islandica) oder die Windbartflechte (Alectoria ochroleuca) vertreten sind. Im Allgäu ist die Gämsheide eine Charakterart des Arctostaphylo alpinae-Loiseleurietum, in den Zentralalpen des Cetrario-Loiseleurietum; beides Assoziationen aus dem Verband Loiseleurio-Vaccinion.[2]

Neben der Gämsheide selbst sind folgende Arten in Windheide-Gesellschaften typisch: Rauschbeere (Vaccinium gaultherioides), Krähenbeere (Empetrum hermaphroditum), Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea), Dreispaltige Binse (Juncus trifidus).

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von den Alpen, den Gebirgen Mitteleuropas über das arktische Eurasien bis nach Amerika, also auf der Nordhalbkugel circumpolar.

Fossilien belegen, dass diese Art vermutlich erst in der letzten Eiszeit von Amerika über Grönland und Schottland in die Alpen und von der Arktis nach Ostasien gewandert ist.

Die Gämsheide wächst an Berghängen weit oberhalb der Baumgrenze (ab etwa 1.600 m) in so genannten Zwergstrauch-Heiden bis in 3000 m ü. NN. Häufig breitet sie sich dort, insbesondere auf Standorten mit sauren Böden, großflächig aus. Als Standorte werden exponierte Stellen wie Grate und Windecken bevorzugt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herbert Reisigl, Richard Keller: Alpenpflanzen im Lebensraum, 1994, ISBN 3-437-20516-1.
  • Xaver Finkenzeller: Alpenblumen, ISBN 3-576-11482-3.
  • Manfred A. Fischer, Wolfgang Adler, Karl Oswald: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 2., verbesserte und erweiterte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2005, ISBN 3-85474-140-5.
  • S. G. Aiken, M. J. Dallwitz, L. L. Consaul, C. L. McJannet, L. J. Gillespie, R. L. Boles, G. W. Argus, J. M. Gillett, P. J. Scott, R. Elven, M.C. LeBlanc, A. K. Brysting, H. Solstad: Flora of the Canadian Arctic Archipelago: Loiseleuria procumbens (L.) Desv. - online bei DELTA.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 54, online.
  2. a b Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. Unter Mitarbeit von Angelika Schwabe, Theo Müller. 8., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2001, ISBN 3-8001-3131-5, S. 731.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gämsheide (Loiseleuria procumbens) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien