Günter Gaus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Günter Gaus (1982)

Günter Kurt Willi Gaus (* 23. November 1929 in Braunschweig; † 14. Mai 2004 in Hamburg-Altona) war ein deutscher Journalist, Publizist, Diplomat und Politiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Günter Gaus wuchs als Sohn des Kaufmanns Willi Gaus und dessen Ehefrau Hedwig in Braunschweig auf.[1] Seine Eltern betrieben einen Laden für Gemüse und Südfrüchte.[2] Bombennächte in Luftschutzbunkern und der verheerende Bombenangriff vom 15. Oktober 1944 prägten das Kind nachhaltig.[3] Gaus besuchte die nahe dem Elternhaus gelegene Gaußschule, wo er 1949 das Abitur ablegte. Während der letzten Jahre seiner Schulzeit war er ab 1947 Chefredakteur und Mitherausgeber von „Der Punkt“, einer der ersten Schülerzeitungen der Nachkriegszeit in Deutschland.[4] Zu dieser Zeit wollte er bereits Journalist werden und hospitierte bei der Braunschweiger Zeitung.[5] Anschließend studierte er Germanistik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Schon während des Studiums war er journalistisch tätig.

In den 1950er und 1960er Jahren arbeitete Gaus bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen, darunter Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung, wo er 1961 bis 1965 politischer Redakteur war. Bekannt wurde seine Sendereihe Zur Person, die zum ersten Mal am 10. April 1963 im ZDF ausgestrahlt wurde. Hierin stellte Gaus jeweils einen Gast in Form eines Interviews vor. Die so entstandenen Porträts von Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern gelten als Klassiker und werden im Fernsehen wiederholt. Gaus war in den Sendungen meist nur zu hören und führte die Reihe (teilweise unter anderem Titel) auf verschiedenen dritten Programmen über Jahrzehnte fort, zeitweise auch für dctp bei Sat.1.

1965 bis 1968 war er Programmdirektor für Hörfunk und Fernsehen beim Südwestfunk, 1966 auch Leiter des politischen TV-Magazins Report Baden-Baden. Nachdem er Mitte der 1960er Jahre in Büchern zur aktuellen politischen Lage in der Bundesrepublik Stellung genommen hatte, wurde er 1969 Chefredakteur des Spiegel. Das Blatt und Gaus unterstützten die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition.

Günter Gaus als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik 1974 im Gespräch mit Erich Honecker

1973 wechselte Gaus in die Politik und wurde Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Er war als erster Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR vorgesehen und übernahm dieses Amt auch nach Inkrafttreten des Grundlagenvertrags und der Einrichtung der Ständigen Vertretung im Jahr 1974. In dieser Position, die er bis 1981 innehatte, konnte er als „Chefunterhändler“ mit der DDR-Regierung viele humanitäre Erleichterungen für deutsch-deutsche Kontakte aushandeln. Zu seinen Verdiensten zählen unter anderem 17 Abkommen, die beispielsweise den Bau der Autobahn Hamburg-Berlin und Erleichterungen im Transitverkehr ermöglichten.

1976 trat Gaus in die SPD ein. 1981 gab er das Amt des Ständigen Vertreters an Klaus Bölling ab und wurde für kurze Zeit Senator für Wissenschaft und Kunst in Berlin. Nach der Wahlniederlage der SPD bei der Abgeordnetenhauswahl 1981 wandte er sich wieder der journalistischen Tätigkeit zu. In den 1980er Jahren verfasste er mehrere Bücher zur Lage der Bundesrepublik und der deutsch-deutschen Beziehungen sowie zur Sicherheitspolitik. Für sein journalistisches Schaffen erhielt er mehrere Auszeichnungen. Seit 1990 war er Mitherausgeber der linken Wochenzeitung Freitag. Er war auch Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik. Die deutsche Wiedervereinigung begleitete er kritisch, vor allem problematisierte er immer wieder eine mangelnde „innere Einheit“. 2001 trat Gaus wegen der Erklärung von Bundeskanzler Gerhard Schröder zur „uneingeschränkten Solidarität“ mit der US-Regierung aus der SPD aus.

Gaus’ Ehrengrab in Berlin

1955 heiratete er in München Erika Butzengeiger, geboren 1931, Tochter des Bankmanagers Karl Butzengeiger. 1956 kam ihre Tochter Bettina Gaus zur Welt. Sie wurde ebenfalls Journalistin; als politische Korrespondentin arbeitete sie bei der überregionalen tageszeitung in Berlin, später schrieb sie für den Spiegel Kolumnen. Von 1969 bis zu seinem Tod 2004 lebte das Ehepaar, von berufsbedingten Umzügen unterbrochen, in Reinbek bei Hamburg. Im Alter von 74 Jahren erlag Gaus einem langen Krebsleiden.[6] Das Grab von Günter Gaus befindet sich auf dem Dorotheenstädtisch-Friedrichswerderschen Friedhof in Berlin-Mitte, nur wenige Schritte von der ehemaligen „Ständigen Vertretung“ entfernt (Hannoversche Straße 28–30).[7] Seit November 2010 ist es ein Ehrengrab des Landes Berlin. Seine – unvollendeten – Erinnerungen Widersprüche erschienen nach seinem Tod im selben Jahr.[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Günter Gaus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Über Gaus

Interviews

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Günter Gaus: Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen. S. 34 f., eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  2. Karl-Heinz Löffelsend: Die Helmstedter. Die Geschichte einer Straße und ihrer Bewohner. Selbstverlag, Braunschweig 2005, S. 21–23, ISBN 978-3-00-017202-1.
  3. Cornelia Steiner: 1976 Zeitzeugen: „Die Jahre als Ständiger Vertreter in der DDR waren seine schönsten“. Interview mit Bettina Gaus über ihren Vater, den Journalisten, Publizisten und Diplomaten Günter Gaus. In: Braunschweiger Zeitung, 23. Juli 2009, Artikelanfang.
  4. Günter Gaus: Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen, S. 120, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  5. Juliette Maresté: Wer war Günter Gaus? Eine Spurensuche in Braunschweig. In: Braunschweiger Zeitung vom 11. September 2019.
  6. a b Jürgen Leinemann: Sachbücher. Schmerz und Genauigkeit. In: spiegel.de, 28. September 2004.
  7. Günter Gaus: Erster West-Vertreter in der DDR. In: MDR, 2. Mai 2019.
  8. Bekanntgabe von Verleihungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesanzeiger. Jg. 30, Nr. 219, 21. November 1978.