Günter Netzer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Günter Netzer

Günter Netzer (2005)

Spielerinformationen
Voller Name Günter Theodor Netzer
Geburtstag 14. September 1944
Geburtsort München-GladbachDeutschland
Größe 178 cm
Position Mittelfeldspieler
Vereine in der Jugend
1952–1963 1. FC Mönchengladbach
Vereine als Aktiver
Jahre Verein Spiele (Tore)1
1963–1973
1973–1976
1976–1977
Borussia Mönchengladbach
Real Madrid
Grasshopper Club Zürich
297 (108)
85 00(9)
26 00(3)
Nationalmannschaft
1965–1975 Deutschland 37 00(6)
1 Angegeben sind nur Liga-Spiele.

Günter Theodor Netzer (* 14. September 1944 in München-Gladbach, heute Mönchengladbach) ist ein ehemaliger deutscher Fußballprofi, der hauptsächlich für Borussia Mönchengladbach und danach noch drei Jahre lang für Real Madrid spielte. Mit der deutschen Fußballnationalmannschaft wurde er 1972 Europameister und 1974 bei der Endrunde im eigenen Land Weltmeister. Heute ist Günter Netzer Medienunternehmer, bis nach der WM 2010 war er zudem 13 Jahre lang neben Sportmoderator Gerhard Delling als Experte für die ARD tätig.

Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Alter von neun Jahren schloss sich Netzer dem 1. FC Mönchengladbach an. In den folgenden Jahren spielte er im Verband Niederrhein in mehreren Jugendauswahlteams. 1963 unterschrieb der 19-Jährige beim damaligen Regionalligisten Borussia Mönchengladbach einen Profivertrag.

Karriere im Verein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Regionalligamannschaft erspielte sich Netzer schnell einen Stammplatz und stieg mit ihr 1965 in die Bundesliga auf. Nachdem sich die Gladbacher in der höchsten deutschen Spielklasse etabliert hatten, dominierten sie unter Trainer Hennes Weisweiler in den folgenden Jahren neben dem FC Bayern München die Bundesliga. In dieser „Fohlenelf“ mit Berti Vogts, Herbert Laumen, Jupp Heynckes und Wolfgang Kleff war Netzer als Mittelfeldstratege die zentrale Figur im Offensivspiel, der mit langen Pässen dem Spiel oft entscheidende Impulse gab. Zu weiteren Stärken des „klassischen Spielmachers“ zählten angeschnittene Freistöße und Eckbälle. Jedoch gehörte Netzer nicht zu den bedingungslosen Kämpfern und laufstarken Spielern, er fand aber in Herbert Wimmer einen Mannschaftskameraden, der diese Aufgaben für ihn übernahm. Als Kopf und Kapitän der Mannschaft, sowie verlängerter Arm von Weisweiler auf dem Platz führte er die Borussia 1970 zur ersten Meisterschaft. 1971 gelang Borussia Mönchengladbach als erstem Verein in der Geschichte der Bundesliga die Titelverteidigung.

In der folgenden Saison reichte es nicht mehr zum Titel, der jeweils an die Bayern ging, Netzer spielte aber eine überragende Runde und wurde zu Deutschlands Fußballer des Jahres 1972 gewählt. Mit seinen langen Haaren und seiner Vorliebe für schnelle Autos und schöne Frauen hob er sich schon früh von den anderen Spielern seiner Zeit ab. Auch mit seinen Aussagen zum Profifußball erregte er Aufsehen: „Am Samstag stehen elf Geschäftsleute auf dem Platz, von denen jeder seine eigenen Interessen vertritt. Sie suchen zusammen den Erfolg.“ Ende der Saison 1972/73 gab er seinen Wechsel zum spanischen Topclub Real Madrid bekannt. Sein letztes Spiel für die Gladbacher war das DFB-Pokalfinale 1973 gegen den Lokalrivalen 1. FC Köln. Trainer Weisweiler verzichtete zunächst auf seinen Spielmacher. Als es beim Stand von 1:1 in die Verlängerung ging, wechselte sich Netzer selbst ein und erzielte mit einem Distanzschuss nach wenigen Minuten das 2:1-Siegtor. Netzer hatte Gladbach zum Abschied einen Titel beschert und wurde als erster Spieler zum zweiten Mal in Folge Fußballer des Jahres.[1]

Der Wechsel zu Real Madrid war einer der spektakulärsten der Fußballgeschichte. Der Vertrag wurde am 12. Juni 1973 von Borussias Manager Helmut Grashoff und Madrids Vizepräsidenten Raimundo Saporta geschlossen. Dieser sah eine Ablösesumme von 720.000 DM vor und die Deckung eines Kredits von 80.000 DM, den Netzer bei Borussia aufgenommen hatte. In Madrid erhielt Netzer ein für die damalige Zeit sehr hohes Jahresgehalt von 295.000 DM.[2]

Bei Real Madrid war Netzer der erste deutsche Spieler überhaupt.[3] Dort setzte er sich erst nach Anlaufschwierigkeiten durch, gewann mit Real 1974 den Pokal, 1975 das „Double“ aus Meisterschaft und Pokal sowie 1976 die Meisterschaft. Er erzielte in 85 Ligaspielen für die Königlichen neun Treffer. Danach wechselte er in die Schweiz zum Grasshopper Club Zürich, bei dem er seine aktive Karriere beendete.[4]

Karriere im Nationalteam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem halben Jahr Bundesliga wurde Netzer erstmals für die Nationalmannschaft nominiert. Er absolvierte sein erstes Länderspiel am 9. Oktober 1965 gegen Österreich; doch konnte er sich nicht für einen Stammplatz empfehlen und wurde für die Weltmeisterschaft 1966 nicht berücksichtigt. Und für die EM-Endrunde 1968 konnte sich die DFB-Auswahl nicht qualifizieren. 1970 stand Netzer im Aufgebot für die WM-Endrunde in Mexiko, verletzte sich jedoch kurz vor der Abreise;[5] für ihn rückte Hennes Löhr in den Kader. Bundestrainer Helmut Schön setzte meist auf den Kölner Wolfgang Overath als Spielgestalter - insbesondere nach dem als Schmach von Tirana in die deutsche Fußballgeschichte eingegangenen Versuch, mit beiden Regisseuren anzutreten. Die Rivalität zwischen Netzer und Overath bestimmte die frühen 1970er Jahre. Den Höhepunkt seiner Karriere im DFB-Dress erlebte Netzer bei der Europameisterschaft 1972, als die deutsche Elf im Viertelfinale auf England traf. Ihr gelang der erste Sieg einer deutschen Nationalmannschaft im Wembley-Stadion (3:1). Die Presse feierte die Geburtsstunde einer neuen Mannschaft (Wembley-Elf (1972)) mit Regisseur Netzer als Bindeglied zwischen Gerd Müller im Angriff und Libero Franz Beckenbauer in der Abwehr. Im Endspiel wurde die Sowjetunion mit 3:0 geschlagen, (West-)Deutschland wurde 1972 erstmals Europameister.

Bei der WM 1974 im eigenen Land gab Bundestrainer Schön wieder Overath den Vorzug. Netzer bestritt nur ein Spiel, das sein einziges bei einer Weltmeisterschaft bleiben sollte. Bei der 0:1-Niederlage gegen die DDR kam er nach 70 Minuten für seinen Kölner Konkurrenten, konnte dem Spiel aber keine entscheidende Wendung mehr geben. Deutschland wurde am Ende Weltmeister, jedoch erklärte Netzer später, dass er sich nicht als Weltmeister fühlte, da er nur zu einem Einsatz gekommen war. Beim 1:1 gegen Griechenland am 11. Oktober 1975 bestritt Netzer das letzte seiner lediglich 37 Länderspiele (6 Tore). Er zählt immerhin zu den 41 Spielern, die über mehr als zehn Jahre in der Nationalmannschaft zum Einsatz kamen.[6]

Spielweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Netzer war die Verkörperung des klassischen Spielmachers und gilt bis heute als einer der besten Mittelfeldspieler in der Geschichte der Bundesliga. Mit weiten Pässen und Vorstößen "aus der Tiefe des Raumes" sorgte er auf dem Spielfeld für Aufsehen.[7][8] Neben einer überragenden Spieltechnik besaß er eine natürliche Autorität[9] und war die unangefochtene Führungsfigur der Mannschaft. In seiner aktiven Zeit bei Borussia Mönchengladbach wurden ihm von der Vereinsführung und von Trainer Weisweiler auch außerhalb des Spielfeldes große Freiheiten gewährt. Anfang der 1970er Jahre war Netzer einer der größten Stars der Liga und der erste Spieler, der auch mit einem extravaganten Lebensstil[10][11] von sich reden machte.

Erfolge als Spieler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

International

  • Weltmeister: 1974
  • Europameister: 1972

Deutschland

  • Deutscher Meister: 1970, 1971
  • Deutscher Pokalsieger: 1973
  • Deutschlands Fußballer des Jahres: 1972, 1973
  • Tor des Jahres: 1972, 1973

Spanien

  • Spanischer Meister: 1975, 1976
  • Spanischer Pokalsieger: 1974, 1975

Tätigkeit als Manager beim Hamburger Sportverein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1977 beendete er seine aktive Laufbahn und bot dem Hamburger SV an, dessen Stadionzeitschrift zu verlegen. Präsident Paul Benthien stimmte unter der Bedingung zu, dass er auch Manager werde. Netzer war von 1978 bis 1986 in dieser Funktion tätig. In dieser Zeit veränderte Netzer die Mannschaft des HSV auf vielen Positionen und holte als Trainer Branko Zebec und Ernst Happel in die Hansestadt. Der HSV wurde in dieser Zeit dreimal Deutscher Meister (1979, 1982, 1983) und gewann 1983 in Athen nach einem 1:0 gegen Juventus Turin den Europapokal der Landesmeister. Die Jahre mit Günter Netzer als Manager waren die erfolgreichsten des Hamburger Sportvereins.

Medienunternehmer und Fußballkommentator[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Netzer gründete in Zürich eine Werbeagentur, handelte Fernsehrechte und ist heute Executive Director der Schweizer Sportrechte-Agentur Infront Sports & Media AG. Firmenchef ist Phillipe Blatter, Neffe von Sepp Blatter.

Daneben betätigt er sich als Berichterstatter und Fernsehkommentator. Für seine Arbeit als Fußballkommentator im Ersten der ARD erhielt er im Jahr 2000 zusammen mit Gerhard Delling den Grimme-Preis. Zudem wurden die beiden im Mai 2008 in Wiesbaden für ihr „hohes sprachliches Niveau“ mit dem Medienpreis für Sprachkultur ausgezeichnet.

Netzer und Delling sind befreundet, obwohl dies bei einigen gemeinsamen Moderationen anders zu sein schien und die beiden sich noch heute siezen.[12][13] Netzer war z. B. Trauzeuge bei Dellings zweiter Hochzeit.[14]

Das Duo Delling/Netzer, das die deutsche Nationalelf für ihre Leistung bei einem 0:0 in Island stark kritisiert hatte, war der Auslöser für den bekannt gewordenen Wutausbruch des damaligen DFB-Teamchefs Rudi Völler direkt nach dem Länderspiel am 6. September 2003. Völler bezeichnete dabei vor laufender Kamera Netzer unter anderem als „Standfußballer“.

Mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2010, die er noch mit Delling moderierte, endete die gemeinsame Fernsehtätigkeit.[13]

Aktuell schreibt Netzer eine eigene Kolumne in der Bild-Zeitung, die regelmäßig erscheint.

Von März 2012 bis Mai 2013 war Netzer auch als Experte beim privaten Fußball-Radio 90elf tätig und kommentierte gemeinsam mit Wilfried Mohren ausgewählte Spiele.

Gesellschaftliches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sein Markenzeichen war und ist bis heute seine Frisur. Im Dezember 2012 trat er für die Reihe Stars oben ohne! in der Fernsehwerbung für Otelo[16] als Glatzkopf auf; natürlich handelte es sich um eine Kunstglatze.
  • In seiner aktiven Zeit gab Netzer 1965 bei Borussia Mönchengladbach die heute noch existierende Stadionzeitung Fohlenecho heraus.
  • Die Fans von Borussia Mönchengladbach haben 1965 zum Aufstieg des Vereins in die Fußball-Bundesliga ihr Maskottchen – Fohlen „Jünter“ – nach Günter Netzer benannt.
  • Er betrieb von 1971 bis 1973 die Diskothek „Lovers' Lane“ in Mönchengladbach.
  • Vom 1. August 1991 bis zum 27. April 1992 war Netzer Manager des FC Schalke 04. Da er von seinem schweizerischen Wohnort Zürich aus arbeitete, wurde er „Telefonmanager“ genannt.
  • 2004 veröffentlichte er seine Autobiographie Aus der Tiefe des Raumes. Ein gleichnamiger Kinofilm verulkte ihn im selben Jahr in einer skurrilen Phantasiegeschichte als ehemalige Tipp-Kick-Figur.
  • Seit Januar 1987 ist Netzer mit dem Fotomodell Elvira Lang verheiratet. Das Paar hat eine Tochter.
  • Günter Netzer engagierte sich für das Team der Augsburger Benefiz-Fußballelf Datschiburger Kickers, die sich dem Fundraising für wohltätige Zwecke verschrieben hat.
  • Die Oberhausener Punkband Emscherkurve 77 sowie die Oi-Band Eastside Boys widmeten Günter Netzer je ein Lied mit dem gleichnamigen Titel.
  • Gewinner des SPORT-BILD-Awards 2015 in der Kategorie „Lebenswerk“; die Laudatio hielt Wolfgang Niersbach, zu diesem Zeitpunkt noch DFB-Präsident.[17]
  • Im Juli 2016 wurde Netzer in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Böttiger: Günter Netzer. Manager und Rebell. Heyne, München 1998, ISBN 3-453-15403-7.
  • Günter Netzer mit Helmut Schümann: Aus der Tiefe des Raumes. Mein Leben. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-498-04683-7.
  • Sven Simon, Peter Bizer: Günter Netzer: Rebell am Ball. Limpert, Frankfurt 1971.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Günter Netzer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. José Luis Pierrend: (West) Germany – Footballer of the Year. Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation. 6. September 2012. Abgerufen am 24. September 2012.
  2. Historischer Vertrag: 720.000 Mark für Günter Netzer. Rheinische Post vom 20. Juni 2015
  3. http://www.spanien-bilder.com/fussball-in-spanien/lexikon/deutsche-spieler-bei-real-madrid.htm
  4. Matthias Arnhold: Günter Theodor Netzer – Matches and Goals in Bundesliga. Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation. 31. August 2012. Abgerufen am 24. September 2012.
  5. "Mexiko Fußball '70", Südwest-Verlag, München (1970) S. 69 ff., Hrsg. Harry Valérien
  6. Matthias Arnhold: Günter Netzer – International Appearances. Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation. 13. April 2004. Abgerufen am 24. September 2012.
  7. Thorsten Jungholt und Knud-Philip Roettger: „Netzer, der ewige Spielmacher“, WamS, 13. Oktober 2002
  8. Calle Kops: „Günter Netzer – Der ‚Rebell am Ball‘ wird 65“, Deutsche Welle, 14. September 2009
  9. „Günter Netzer feierte seinen 65. Geburtstag“, Der Westen, 17. September 2009
  10. „Jogi Löw – Fußball-WM: „Fußball, das ist Leben extrem“ “, Gala, 11. Juni 2010
  11. „Günter Netzer“, Deutsche Fußball Route NRW (DFR), 2008
  12. „Ich war doch am liebsten faul“, Rund. Das Fußballmagazin, Interview mit Günter Netzer, 17. Dezember 2006
  13. a b Das Duo Delling/Netzer hört auf. „Ein ‚Du‘ für Delling wäre albern“ (Memento vom 11. Juli 2010 im Internet Archive), sportschau.de, Zugriff am 11. Juli 2010.
  14. „ Delling heiratet, Netzer ist Trauzeuge“, Hamburger Abendblatt, 30. Mai 2003
  15. Broschüre der Bundesliga-Stiftung; S. 48 (Memento vom 18. Mai 2013 im Internet Archive) (PDF; 6,8 MB)
  16. Fernsehwerbung als Video
  17. SPORT BILD-Award 2015: Alle Preisträger, alle Stars!. Sport Bild. 17. August 2015. Abgerufen am 19. August 2015.
  18. Meldung 24 05 2016. In: www.hall-of-fame-sport.de. Abgerufen am 17. Juli 2016.