Gütermann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Gütermann (Begriffsklärung) aufgeführt.
Gütermann GmbH
Logo
Rechtsform GmbH
Gründung 1864
Sitz Gutach im Breisgau, Deutschland
Leitung Jürgen Drescher
Mitarbeiter 1.000 (2012, weltweit)[1]
Umsatz 93 Mio. EUR (2012)
Branche Textilindustrie
Website www.guetermann.de

Die Gütermann GmbH ist ein weltweit aktiver Hersteller von Nähfäden, Nähgarnen und Zwirnen, sowie Stoffen und Bastelzubehör. Das Unternehmen segmentiert sich in die drei Sparten Consumer, Industry und TechTex.

Der Hauptsitz der Unternehmensgruppe liegt im südbadischen Gutach im Breisgau.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unternehmensgründer war Max Gütermann, der bis 1864 als Angestellter in einem Seidenhandelshaus in Wien, einem der damals größten Handelszentren für Seidenwaren, arbeitete. Gütermann wurde am 12. Oktober 1828 in Redwitz an der Rodach geboren und ist am 30. August 1895 in Gutach im Breisgau gestorben. Da Nähseide zu dieser Zeit vor allem in Oberitalien produziert wurde, machte sich Gütermann 1864 selbständig und suchte einen günstigen Standort für eine größere Produktionsstätte.

Stammwerk in Gutach

Er fand diese in Gutach, wo er eine stillgelegte Mühle mit schon ausgebauter kleiner Wasserkraftanlage erwarb. Einen großen Standortvorteil sah er in dem klaren und weichen Wasser der Elz, welches sich besonders gut zum Färben der Nähseide eignet. 1867 wurde der Betrieb mit zunächst 30 Arbeitskräften aufgenommen.

Von Anfang an legte Gütermann nicht nur auf eine wirtschaftlich effiziente Produktion Wert, sondern behielt als früherer Seidenwarenhändler auch immer den Markt genau im Auge. So bot Gütermann beispielsweise seine Nähseide ab 1873 nicht mehr wie bis dahin üblich nach Gewicht an, sondern nach Längeneinheiten. Hierbei erhob er die metrische Bezeichnung für die Fadenstärke zum Standard, die erst 1969 durch das internationale Tex-System abgelöst wurde.[2]

Werbeplakat um 1890

Diese Umstellung der Verkaufseinheit von Gewicht auf Länge stieß bei der Konkurrenz auf wenig Verständnis, weil die Nähseide bis dahin gerne mit Metallpulver beschwert wurde, um das Garn mit dem größeren Gewicht preiswürdiger erscheinen zu lassen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Umstellung schließlich dadurch, dass Gütermann diese bei der Weltausstellung in Wien bekannt machte. Auch die Art und Weise, wie das Garn auf dem Markt platziert wurde, hat Gütermann wesentlich geprägt. Während bis dahin nur Strängchen, Holzspulen oder bewickelte flache Pappkärtchen auf dem Markt und mit unverständlichen Maßen und Gewichtseinheiten ausgezeichnet waren, so führte Gütermann die revolutionäre Kreuzwicklung auf Papphülsen ein, die schließlich Standard für alle Nähfadenhersteller wurde.

Etikett Ideal-Seide

Um die Jahrhundertwende wuchs die Produktion im Unternehmen so stark, dass Gastarbeiter aus Italien angeworben wurden.[3] Gütermann errichtete daraufhin Werkswohnungen für die Arbeiter am damaligen Ortsrand von Gutach.

1923/24 wurde für das Textilwerk nach Plänen des Karlsruher Architekten Hermann Alker das Zweribachwerk, eines der ersten Pumpspeicherkraftwerke Deutschlands, errichtet.

Im Jahre 1935 entwickelte das Unternehmen ein modernes Verkaufsgerät, den zum Patent angemeldeten „Gütermann-SVK“ (Schnellverkaufskasten). Mit diesem wurden die Garnröllchen offen für den Verbraucher angeboten, während die Spulen zuvor noch in Schubladen oder in Schränken aufbewahrt und einzeln ausgelegt werden mussten. Auch diese Form der Warenpräsentation wurde in der Branche von Mitbewerbern übernommen.

Nach 1945 setzte die Entwicklung von Chemiefasern ein. Gütermann entwickelte den langfasergesponnenen Polyester-Nähfaden, der die Nachfolge von Gütermann-Nähseide angetreten hat und dieses Produkt in einigen Qualitätskriterien übertrifft. Rund 10 % des Umsatzes wird derzeit mit technischen Nähfäden, z. B. für die Automobilindustrie, erzielt.

Die erstmals 1961 erschienene eigene Zeitschrift „Die Naht“, mit der einem breiten Kundenkreis praktische Informationen zu nähtechnischen Anwendungen sowie Lösungsvorschläge für Probleme im nähtechnischen Bereich an die Hand gegeben wurden, war ebenso eine Innovation des Unternehmens wie die Mitte der 1960er Jahre entwickelte Kunststoffspule mit Fadenverwahrung, die zu größerer Ordnung im Nähkorb des Konsumenten führte.1971 nahm das Unternehmen die modernste computergesteuerte Färberei Europas in Betrieb und wurde 1995 als Lieferant für insgesamt 1.300 Kilometer Gütermann-Faden Tera 10 für die Reichstags-Verhüllung durch die beiden Künstler Christo und Jeanne-Claude bekannt.

1999 kaufte das Unternehmen mit dem Bastelbedarfhersteller KnorrPrandell GmbH mit Sitz in Lichtenfels den weltgrößten Großhandel für Bastel- und Dekorationsbedarf sowie die Firma Bastel Service AG (Niederwangen bei Bern/CH) und führte die Produktlinie Perlen und Pailletten ein.

Im Jahr 2008 wurde in Indien ein weiterer Produktionsstandort eröffnet, wodurch das Unternehmen zu einem der führenden Nähfadenhersteller Asiens wurde. Die dortige Produktion umfasst das Färben und Wickeln der für den asiatischen Markt bestimmten Fäden.

Nach der Expansion nach Indien und im Zuge der Finanzkrise entwickelte sich das Geschäft jedoch schlechter als erwartet. 2008 mussten am Standort Gutach massiv Stellen abgebaut werden, von circa 500 um etwa 150 bis 200.[4] Zudem veräußerte Gütermann zahlreichen Grundbesitz in der Gemeinde Gutach und zog sich aus der Finanzierung vieler Freizeiteinrichtungen des Ortes zurück. Die darauffolgenden Jahre erholte sich das Unternehmen wieder.

Produktionsstandorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Betriebsareal

Das Unternehmen, mit einem Umsatz von 136,6 Millionen Euro im Jahre 2006, betreibt neben dem Stammwerk in Gutach weltweit mehrere Produktionsstandorte mit insgesamt ca. 1.300 Mitarbeitern (Stand: 2011).[1]

Der Exportanteil vom Umsatz beträgt ca. 80 %. Das Unternehmen ist als international führender Hersteller von Nähfäden und Nähgarnen darüber hinaus mit Tochtergesellschaften in über 80 Ländern vertreten. Neben den Produktionsstandorten zusätzlich in den USA, Australien, China, Russland, Türkei, Italien und Schweiz.[5]

  • Mitarbeiter 2008: 1.258, davon 475 in Gutach; Umsatz: 116,257 Mio.
  • Mitarbeiter 2009: 1.128, davon 387 in Gutach; Umsatz: 104,7 Mio.
  • Mitarbeiter 2010: 879, davon 324 in Gutach; Umsatz: 94,2 Mio.
  • Mitarbeiter 2011: 896, davon 341 in Gutach; Umsatz: 93,4 Mio.
  • Mitarbeiter 2012: 910, davon 350 in Gutach; Umsatz: 93,2 Mio.
  • Mitarbeiter 2013: 923, davon 382 in Gutach; Umsatz: 92,4 Mio.

Eigentümer und Geschäftsführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1966 bis 1987 war Horst Gütermann (* 19. Juni 1922; † 3. August 2012) Vorsitzender der Geschäftsführung.[6] Während er die Bereiche Vertrieb und Marketing verantwortete, war sein Cousin Alex P. Gütermann (* 2. Oktober 1928; † 5. November 2015),[7] Mitgesellschafter und jahrelang bis 1993 Mitglied der Geschäftsleitung, ab 1983 Vorsitzender, für das Personalwesen und soziale Engagement des Unternehmens, die Technik und die Nebenbetriebe zuständig. Beide wurden im Jahr 2002 von der Gemeinde Gutach zu Ehrenbürgern ernannt.[8]

Vorstandsvorsitzender ist seit 2002 Peter Zwicky (seit 2008 Alleinvorstand); die Nähfadensparte seiner früheren Pirmasenser Firma Zwicky & Co. GmbH ist im Jahr 2000 von der Gütermann AG übernommen worden. Er ist der erste nicht aus der Inhaberfamilie Gütermann stammende Vorstand.

Das Unternehmen war bis 2014 vollständig in Familienbesitz; das operative Geschäft wird seit dem 1. Januar 2010 als GmbH geführt, Mutterfirma der Firmengruppe ist die Gütermann Holding SE.

Am 23. April 2014 unterzeichnete die Gütermann Holding SE, vorbehaltlich der Zustimmung der Aktionäre, einen Vertrag über den Verkauf der Unternehmensgruppe an den größten US-amerikanischen und weltweit zweitgrößten Näh- und Industriegarnhersteller American & Efird Inc. (A&E) mit Sitz in Mount Holly, Bundesstaat North Carolina. A&E selbst ist seit 2011 im Besitz des New Yorker Investmentfonds KPS Capital Partners.[9][10] Die Aktionärsversammlung stimmte im Juni 2014 fast geschlossen dem Verkauf an A&E zu.[11]

Kolumbarium Gütermann Gutach

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Familienmitglied wurde auch Anna Maria (genannt „Anita“) Gütermann (* 1917 als Anna Maria Gütermann, in erster Ehe Familienname Sauest) bekannt, die von 1942 bis 1958 in zweiter Ehe mit dem Dirigenten Herbert von Karajan verheiratet war.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alexandra Gütermann: Die Gütermanns – Eine Familiengeschichte: Max, Sophie und ihre Kinder – Die erste und zweite Generation. 2., überarb. Aufl., Gütermann, Gutach 2011, ISBN 978-3-00-035670-4.
  • Florian Langenscheidt, Bernd Venohr (Hrsg.): Lexikon der deutschen Weltmarktführer. Die Königsklasse deutscher Unternehmen in Wort und Bild. Deutsche Standards Editionen, Köln 2010, ISBN 978-3-86936-221-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gütermann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Anwenderbericht: Gütermann International, (PDF; 470 kB), abgerufen am 27. Februar 2011
  2. Gütermann: „Die Naht“ Nr. 88, achtseitiges PDF-Dokument über Garnnummerierung
  3. Badische Zeitung, 30. Dezember 2010
  4. Badische Zeitung, 4. November 2008
  5. Florian Langenscheidt, Bernd Venohr (Hrsg.): Lexikon der deutschen Weltmarktführer. Die Königsklasse deutscher Unternehmen in Wort und Bild. Deutsche Standards Editionen, Köln 2010, ISBN 978-3-86936-221-2.
  6. Ein Unternehmer mit sozialem Gewissen (Badische Zeitung, 19. Juni 2012); Trauer um Gutacher Nähfaden-Fabrikant Horst Gütermann, Badische Zeitung online, 5. August 2012
  7. Traueranzeige, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. November 2015
  8. Nachruf: Trauer um Fabrikant und Ehrenbürger Alex Gütermann, Badische Zeitung, Online-Ausgabe, 12. November 2015
  9. Garnhersteller: Gutach: US-Unternehmen will Gütermann kaufen, badische-zeitung.de, 25. April 2014
  10. A&E agrees to acquire Gütermann, 25. April 2014
  11. Gutach: Garnhersteller Gütermann an US-Konkurrenten verkauft, badische-zeitung.de, 16. Juni 2014

Koordinaten: 48° 6′ 49″ N, 7° 58′ 57″ O