Gütermann

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A&E Gütermann

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Rechtsform GmbH
Gründung 1864
Sitz Gutach im Breisgau, Deutschland
Leitung Jürgen Drescher
Mitarbeiterzahl 10.000 weltweit (2018)
Branche Textilindustrie
Website www.guetermann.de

Die A&E Gütermann (bis 2014 Gütermann GmbH) mit europäischem Hauptsitz im südbadischen Gutach im Breisgau zählt zu den traditionsreichsten und erfahrensten Nähfadenherstellern weltweit. Das Unternehmen segmentiert sich in die Sparten Consumer und Industry. In der Sparte Industry ist A&E Gütermann der Nähfadenspezialist. Gemeinsam mit Kunden werden individuelle Apparel und Non-Apparel Lösungen entwickelt. In der Sparte Consumer richtet sich A&E Gütermann mit seinen Nähfäden und ergänzenden Produkten wie Perlen, Stoffen und diversen Kurzwarenartikeln am Endverbraucher aus.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unternehmensgründer war Max Gütermann, der bis 1864 als Angestellter in einem Seidenhandelshaus in Wien, einem der damals größten Handelszentren für Seidenwaren, arbeitete. Gütermann wurde am 12. Oktober 1828 im oberfränkischen Redwitz an der Rodach geboren und ist am 30. August 1895 in Gutach im Breisgau gestorben. Da Nähseide zu dieser Zeit vor allem in Oberitalien produziert wurde, machte sich Gütermann 1864 selbständig und suchte einen günstigen Standort für eine eigene Produktionsstätte.

Europäischer Stammsitz in Gutach-Breisgau

Er fand diese in Gutach, wo er eine stillgelegte Mühle mit schon ausgebauter kleiner Wasserkraftanlage erwarb. Einen großen Standortvorteil sah er in dem klaren und weichen Wasser der Elz, welches sich besonders gut zum Färben der Nähseide eignete. 1867 wurde der Betrieb mit zunächst 30 Arbeitskräften aufgenommen.

Werbeplakat um 1890

Von Anfang an legte Gütermann nicht nur auf eine wirtschaftlich effiziente Produktion Wert, sondern behielt als früherer Seidenwarenhändler auch immer den Markt genau im Auge. So bot Gütermann beispielsweise seine Nähseide ab 1873 nicht mehr wie bis dahin üblich nach Gewicht an, sondern nach Längeneinheiten. Hierbei erhob er die metrische Bezeichnung für die Fadenstärke zum Standard, die erst 1969 durch das internationale Tex-System abgelöst wurde.[1]

Etikett Ideal-Seide

Diese Umstellung der Verkaufseinheit von Gewicht auf Länge stieß bei der Konkurrenz auf wenig Verständnis, weil die Nähseide bis dahin gerne mit Metallpulver beschwert wurde, um das Garn mit dem höheren Gewicht preiswürdiger erscheinen zu lassen. Die Verbraucher hingegen wussten diese Methodik zu schätzen und sprachen „Gütermann's Nähseide“ immer stärkeres Vertrauen aus. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Umstellung schließlich dadurch, dass Gütermann diese bei der Weltausstellung in Wien öffentlich bekannt machte.

Auch die Art und Weise, wie das Nähgarn auf dem Markt platziert wurde, hat Gütermann wesentlich geprägt. Während bis dahin nur Strängchen, Holzspulen oder bewickelte flache Pappkärtchen auf dem Markt und mit unverständlichen Maßen und Gewichtseinheiten ausgezeichnet waren, so führte Gütermann die revolutionäre Kreuzwicklung auf Papphülsen ein, die schließlich Standard für alle Nähfadenhersteller wurde.

Um die Jahrhundertwende wuchs die Produktion im Unternehmen so stark, dass Gastarbeiter aus Italien angeworben wurden.[2] Gütermann errichtete daraufhin Werkswohnungen für die Arbeiter am damaligen Ortsrand von Gutach.

1923/24 wurde für das Textilwerk nach Plänen des Karlsruher Architekten Hermann Alker das Zweribachwerk, eines der ersten Pumpspeicherkraftwerke Deutschlands, errichtet.

Nähfäden im Einzelhandel

Im Jahre 1935 entwickelte das Unternehmen den zum Patent angemeldeten „Gütermann-SVK“ (Schnellverkaufskasten). Mit diesem wurden die Garnröllchen offen für den Verbraucher angeboten, während die Spulen zuvor noch in Schubladen oder in Schränken aufbewahrt und einzeln ausgelegt werden mussten. Auch diese Form der Warenpräsentation wurde in der Branche von Mitbewerbern übernommen.

Nach 1945 setzte die Entwicklung von Chemiefasern ein und forderte Gütermann heraus, aus den neuen synthetischen Fasern einen hochwertigen Nähfaden zu schaffen. Gütermann entwickelte den langfasergesponnenen Polyester-Nähfaden, der die Nachfolge von Gütermann-Nähseide angetreten hat und dieses Produkt in einigen Qualitätskriterien übertrifft. Diese Verlagerung ermöglichte es dem Unternehmen, sich in der europäischen Bekleidungs- sowie technischen Textilindustrie fest zu etablieren. Rund 10 % des Umsatzes werden derzeit mit technischen Nähfäden, wie z. B. für die Automobilindustrie, erzielt.[3]

Die erstmals 1961 erschienene eigene Zeitschrift „Die Naht“, mit der einem breiten Kundenkreis praktische Informationen zu nähtechnischen Anwendungen sowie Lösungsvorschläge für Probleme im nähtechnischen Bereich an die Hand gegeben wurden, war ebenso eine Innovation des Unternehmens wie die Mitte der 1960er Jahre entwickelte Kunststoffspule mit Fadenverwahrung, die zu größerer Ordnung im Nähkorb des Konsumenten führte. So schaffte es Gütermann sich auch im klassischen Einzelhandel weiter als starke Marke zu positionieren.

1971 nahm das Unternehmen die modernste computergesteuerte Färberei Europas in Betrieb und wurde 1995 als Lieferant für insgesamt 1.300 Kilometer Gütermann-Faden Tera 10 für die Reichstags-Verhüllung durch die beiden Künstler Christo und Jeanne-Claude bekannt.[4]

1999 kaufte das Unternehmen mit dem Bastelbedarfhersteller KnorrPrandell GmbH mit Sitz in Lichtenfels den weltgrößten Großhandel für Bastel- und Dekorationsbedarf sowie die Firma Bastel Service AG in Niederwangen bei Bern und führte die Produktlinie Perlen und Pailletten ein.

Im Jahr 2008 wurde in Indien ein weiterer Produktionsstandort eröffnet, wodurch das Unternehmen zu einem der führenden Nähfadenhersteller Asiens wurde. Die dortige Produktion umfasst das Färben und Wickeln der für den asiatischen Markt bestimmten Fäden.

Nach der Expansion nach Indien und im Zuge der Finanzkrise entwickelte sich das Geschäft jedoch schlechter als erwartet. 2008 mussten am Standort Gutach massiv Stellen abgebaut werden, von circa 500 um etwa 150 bis 200.[5] Zudem veräußerte Gütermann zahlreichen Grundbesitz in der Gemeinde Gutach. Die darauffolgenden Jahre erholte sich das Unternehmen und befindet sich wieder auf Wachstumskurs.

Produktionsstandorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Betriebsareal Gutach-Breisgau

Die A&E Gütermann betreibt neben dem europäischen Hauptsitz in Gutach weltweit mehrere Produktionsstandorte mit insgesamt ca. 1.145 Mitarbeitern (Stand: 2018):

Der Exportanteil am Umsatz beträgt ca. 80 %. Das Unternehmen ist darüber hinaus als international führender Hersteller von Premium-Nähfäden mit 51 Tochtergesellschaften und Repräsentanzen in über 80 Ländern vertreten.

Eigentümer und Geschäftsführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1864 bis 1884 war Max Gütermann Vorsitzender der Geschäftsführung. Ab 1884 waren sowohl die fünf Söhne von Max Gütermann als auch zahlreiche Enkel der dritten Generation in der Unternehmensführung in Gutach sowie in den nach und nach gegründeten Tochtergesellschaften weltweit tätig.

Die vierte Gütermann-Generation trat in den 1950er und 1960er Jahren an die Unternehmensspitze. Diese waren Dietrich Gütermann in der Schweiz und Horst, Alex und Peter Gütermann sowie Bernhard Kraske, die die Gutacher Zentrale über viele Jahre unter dem Vorsitz von Horst, dann Alex und später Peter Gütermann leiteten. Im Jahr 2002 wurden Horst und Alex Gütermann von der Gemeinde Gutach zu Ehrenbürgern ernannt.

Nach der Jahrtausendwende und der Übernahme der Firma Zwicky & Co. GmbH bestand der Vorstand aus Peter Zwicky, Clemens Gütermann sowie Roland Hämmerle. Nach Ausscheiden von Clemens Gütermann und Roland Hämmerle, war Peter Zwicky von 2009 bis 2016 Alleinvorstand von Gütermann. Damit war er der erste Vorstandsvorsitzende in der Geschichte von Gütermann, der nicht aus der Inhaberfamilie Gütermann stammte. Ende März 2016 verabschiedete sich Peter Zwicky in den Ruhestand. Seit April 2016 verantwortet Jürgen Drescher (ehemals Leiter Business Development & Produktion bei Gütermann) als Managing Director von A&E Gütermann Europe die Geschäfte von Gütermann Europe & Oceania.

Bis 2014 befand sich das Unternehmen 150 Jahre vollständig in Familienbesitz. 2004 hielten nach Angaben des Manager Magazins 80 Familienmitglieder Anteile an der Unternehmensgruppe.[6] Das operative Geschäft wird seit dem 1. Januar 2010 als GmbH geführt, Mutterfirma der Firmengruppe war die Gütermann Holding SE.

Am 23. April 2014 unterzeichnete die Gütermann Holding SE einen Vertrag über den Verkauf der Unternehmensgruppe an den größten US-amerikanischen und weltweit zweitgrößten Näh- und Industriegarnhersteller American & Efird Inc. (A&E) mit Sitz in Mount Holly, Bundesstaat North Carolina. Die Aktionärsversammlung stimmte im Juni 2014 dem Verkauf an A&E fast geschlossen zu.[7] A&E selbst war von 2011 bis 2018 im Besitz des New Yorker Investmentfonds KPS Capital Partners.[8] Seit 2018 ist A&E im Besitz des kalifornischen Investmentfonds Platinum Equity.

Familiengeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolumbarium Gütermann Gutach-Breisgau

Im Jahre 1854 heiratete Max Gütermann Sophie Kohn aus Lichtenfels. Gemeinsam brachten sie neun Kinder zur Welt und zogen 1868 mit ihrer Familie ins südbadische Gutach. Max und Sophie hatten 30 Enkel, 54 Urenkel, 118 Ururenkel und weit über 200 Urururenkel.

Die Familie gehörte ihrer Zeit zu den ersten Besitzern eines Benz Victoria – dem ersten vierrädrigen Fahrzeug von Benz & Cie.

1895 wurde Sohn Alexander der wohl erste Strafzettel der Welt vom Bezirksamt Waldkirch ausgestellt.[9]

1924 legten die Gütermanns in Gutach den heute zweitältesten Golfplatz Baden-Württembergs an.[10]

Als Familienmitglied wurde auch Anna Maria (genannt „Anita“) Gütermann (* 2. Oktober 1917 als Anna Maria Gütermann, in erster Ehe Familienname Sauest; † 16. Februar 2015) bekannt, die von 1942 bis 1958 in zweiter Ehe mit dem österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan verheiratet war.[11]

1957 gehörte Enkel Richard C. Gütermann dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank an.[12]

Die Familie pflegte stets über Generationen hinweg weitreichende Kontakte in die Politik und Wirtschaft.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alexandra Gütermann: Die Gütermanns – Eine Familiengeschichte: Max, Sophie und ihre Kinder – Die erste und zweite Generation. 2., überarb. Aufl., Gütermann, Gutach 2011, ISBN 978-3-00-035670-4.
  • Florian Langenscheidt, Bernd Venohr (Hrsg.): Lexikon der deutschen Weltmarktführer. Die Königsklasse deutscher Unternehmen in Wort und Bild. Deutsche Standards Editionen, Köln 2010, ISBN 978-3-86936-221-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gütermann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gütermann. 14. November 2018, abgerufen am 14. Dezember 2018.
  2. Badische Zeitung, 30. Dezember 2010.
  3. Gütermann. 14. November 2018, abgerufen am 14. Dezember 2018.
  4. Gütermann. 14. November 2018, abgerufen am 14. Dezember 2018.
  5. Badische Zeitung, 4. November 2008.
  6. Am seidenen Faden. Abgerufen am 14. Dezember 2018.
  7. Gutach: Garnhersteller Gütermann an US-Konkurrenten verkauft, badische-zeitung.de, 16. Juni 2014.
  8. Garnhersteller: Gutach: US-Unternehmen will Gütermann kaufen, badische-zeitung.de, 25. April 2014.
  9. Antoni: Mercedes-Benz sagt Danke für den ersten Strafzettel der Welt. Abgerufen am 14. Dezember 2018.
  10. MBB: Zweitältester Platz Baden-Württembergs feiert Jubiläum. In: Südbadisches Medienhaus. 24. Juli 2014, abgerufen am 14. Dezember 2018 (deutsch).
  11. PressReader.com – Connecting People Through News. Abgerufen am 8. April 2018.
  12. D. I. E. ZEIT (Archiv): Nun wieder Deutsche Bank. In: Die Zeit. 21. November 2012, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. Januar 2019]).


Koordinaten: 48° 6′ 48,6″ N, 7° 58′ 56,7″ O