Gabriel Anton

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Gabriel Anton

Gabriel Anton (* 28. August 1858 in Saaz in Böhmen; † 3. Januar 1933 in Halle (Saale)) war ein österreichischer Neurologe und Psychiater.

Lebenslauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Schulbesuch in Saaz und Prag studierte der Sohn eines Baumeisters in Prag und Wien und wurde 1882 in Graz zum Dr. med. promoviert. Er arbeitete zunächst als Assistenzarzt unter der Leitung von Arnold Pick an der Irrenanstalt Dobrzan und an der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik der Deutschen Universität Prag, bevor er 1887 als Assistent an die Psychiatrische Klinik in Wien wechselte, um bei Theodor Hermann Meynert zu lernen. 1889 habilitierte er sich für Psychiatrie und Neurologie, wurde 1891 als Extraordinarius für Psychiatrie an die Universität Innsbruck berufen und Direktor der dortigen Universitätsklinik. In Innsbruck wurde er Mitglied der schlagenden Studentenverbindung Akademischer Gesangsverein.[1] 1894 wechselte Anton als Ordinarius nach Graz. 1905 übernahm der den Lehrstuhl Carl Wernickes in Halle (Saale) und leitete als Direktor die dortige Universitäts- und Nervenklinik. 1926 wurde er emeritiert.

1906 wurde Anton zum Geheimrat ernannt und erhielt für seine Tätigkeit während des Ersten Weltkrieges als Chef des hallischen Lazarettes für Nervenkranke und beratender Arzt des IV. Armeekorps, das Eiserne Kreuz am weißen Bande und die Rote Kreuz-Medaille (Preußen) III. Klasse. 1909 war er Gründungsmitglied der Internationalen Liga gegen Epilepsie[2] und 1911 wurde er zum Mitglied der Gelehrtenakademie Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt.

Antons Tochter Lisette (1907–1977) war mit dem Psychiater Franz Günther von Stockert verheiratet.

Wissenschaftliche Leistung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1893 hatte sich Anton intensiv mit der Rolle der Basalganglien bei choreatischen Bewegungsstörungen befasst. Er beschrieb den Fall des 9-jährigen Cassian H. mit Choreoathetose und vermutete als Ursache eine isolierte Veränderung im Striatum. Unter Berücksichtigung der klinischen Symptomatik und des neuropathologischen Befundes nahm er an, dass das komplexe Zusammenwirken der Basalganglien gestört sein musste. Er schlussfolgerte, dass durch den Wegfall der Bewegungshemmung die notwendige Voraussetzung für einen geordneten Bewegungsablauf fehlte und – aufgrund des Vorliegens einer intakten Pyramidenbahn – das Vorhandensein extrapyramidaler Faserbahnen.

In seinen Arbeiten verband Anton Gehirnpathologie mit Psychologie und inspirierte u. a. seinen Assistenten in Graz, Otto Gross, zu mehreren Arbeiten auf diesem Gebiet. In Halle befasste er sich in den Jahren von 1909 bis 1912 zusammen mit seinem Assistenten Paul Schilder (1886–1940) intensiv mit choreatischen (Chorea = regellose, asymmetrische, plötzlich einschießende, kurzdauernde, distal betonte, unwillkürliche Bewegungen der Extremitäten bezeichnet, im Gesicht können zusätzlich Grimassieren und Schmatzen auftreten) und athetoiden (Athetose = unwillkürliche wurmförmige, langsame Bewegungen, vorwiegend distal an den Extremitäten) Bewegungsstörungen.

Nach Anton wurde das Anton-Syndrom (syn. visuelle Anosognosie: das Nichtwahrnehmen der eigenen Blindheit nach komplettem Ausfall der Sehrinde), sowie das Anton-Babinski-Syndrom (syn. Hemineglect: die halbseitige Störung der Aufmerksamkeit des eigenen Körpers und seiner Ausfälle bei Scheitel- u. Schläfenhirnläsion der rechten Gehirnhälfte) benannt. Schließlich entwickelte er eine Operationsmethode zur Behandlung des Hydrozephalus (sog. „Anton-von-Bramann-Balkenstich“).

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Über angeborene Erkrankungen des Centralnervensystems. Hölder, Wien 1890.
  • Über die Selbstwahrnehmung der Herderkrankungen durch den Kranken bei Rindenblindheit und Rindentaubheit. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Bd. 32. 1899, S. 86.
  • Über den Ausdruck der Gemütsbewegung beim gesunden und kranken Menschen. In: Psychiatrische Wochenschrift. Bd. 2. 1900, S. 165–169.
  • Über geistige Ermüdung der Kinder im gesunden und kranken Zustande. Marhold, Halle 1900.
  • mit Hermann Zingerle: Bau, Leistung und Erkrankung des menschlichen Stirnhirnes. I. Theil. Festschrift der Grazer Universität für 1901. Leuschner & Lubensky, Graz 1902.
  • Ärztliches über Sprechen und Denken. Marhold, Halle 1907.
  • Vier Vorträge über Entwicklungsstörungen beim Kinde. Berlin 1908.
  • Über krankhafte moralische Abartung im Kindesalter und über den Heilwert der Affekte. Marhold, Halle 1910.
  • Behandlung der angeborenen und erworbenen Gehirnkrankheiten mit Hilfe des Balkenstiches. Karger, Berlin 1913.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Hartmann: Gabriel Anton zum 70. Geburtstage. Münchener medizinische Wochenschrift 75 (1928), S. 1505–1507.
  • E. Kumbier, K. Haack: The case of Cassian H in 1893 and his importance to the history of the extrapyramidal movement disorders. Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry 76 (2005), S. 1564, ISSN 0022-3050. doi:10.1136/jnnp.2005.064543. PMID 16227552. PMC 1739402 (freier Volltext).
  • E. Kumbier, K. Haack, S. Herpertz: [Considerations on the work of the neuropsychiatrist Gabriel Anton (1858-1933)]. Der Nervenarzt 76 (2005), S. 1132–1136, 1138, ISSN 0028-2804. doi:10.1007/s00115-005-1964-z. PMID 16028080.
  • E. Kumbier, K. Haack: Historical note. Gabriel Anton’s (1858-1933) contribution to the history of neurosurgery. Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry 76 (2005), S. 441, ISSN 0022-3050. doi:10.1136/jnnp.2004.048058. PMID 15716546. PMC 1739541 (freier Volltext).
  • Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft – Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Erster Band, Deutscher Wirtschaftsverlag, Berlin 1930, S. 29/30, ISBN 3-598-30664-4

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Chronik des AGV Innsbruck 1863–1906. S. 31.
  2. Anonym (die Secretäre).: Errichtung einer Internationalen Liga gegen Epilepsie. In: Epilepsia. Band 1, 1909, S. 232–234.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]