Honoré Gabriel de Riqueti, comte de Mirabeau

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gabriel de Riqueti Graf von Mirabeau, Porträt von Joseph Boze, 1789

Honoré Gabriel Victor de Riqueti, Marquis de Mirabeau (* 9. März 1749 in Le Bignon bei Nemours, Département Loiret; † 2. April 1791 in Paris) war ein französischer Politiker, Physiokrat, Schriftsteller und Publizist in der Zeit der Aufklärung. Er beteiligte sich an der Französischen Revolution.

Leben[Bearbeiten]

Mirabeaus Vater war der französische Volkswirt (Physiokrat) und Schriftsteller Victor Riquetti, Marquis de Mirabeau.

Mit drei Jahren erlitt Mirabeau einen heftigen Pockenanfall, der sein Gesicht entstellte. Von seinem Vater erhielt er weder Zuwendung noch finanzielle Unterstützung und ging als junger Mann zum Militär. Er wohnte seit 1771 in Paris, wo er 1772 Marie Emilie de Marignane heiratete. Auf Anzeige seines Vaters wurde er von Ludwig XV. von seinen Besitzungen verbannt und 1775 verhaftet.

Das Fort de Joux wo er inhaftiert war.

In der Haftzeit – während der er das Gefängnis Château de Joux verlassen durfte – lernte er Marie Thérèse de Monniers kennen. Beide verliebten sich ineinander und flüchteten in die Schweiz. Er wurde wegen Ehebruchs in Abwesenheit zum Tode verurteilt und 1777 wiederum verhaftet. Es gelang ihm, sein Todesurteil annullieren zu lassen. Er musste aber bald wieder ins Exil gehen, nachdem er sich in einen Prozess zwischen seinen Eltern eingeschaltet hatte. Vom Januar 1786 bis zum Januar 1787 hielt er sich zweimal für mehrere Monate in Potsdam und Berlin auf.[1] In Braunschweig soll er Mitglied des Illuminatenorden mit dem Ordensnamen Adramelech/Leonidas geworden sein, was aber nicht sicher belegt ist. Danach hielt er sich in Holland auf, wo er in Amsterdam Freimaurer wurde. Später zog er nach London.

Während der Anfangszeit der Französischen Revolution war Mirabeau Abgeordneter und Wortführer des Dritten Standes in den Generalständen. 1790 wurde er Präsident des Jakobinerclubs und hielt 1791 den präsidialen Vorsitz der Nationalversammlung.

Mirabeau starb am 2. April 1791 plötzlich, sodass man einen Giftmord vermutet. Er wurde in einem Staatsbegräbnis im Panthéon beigesetzt. Nachdem weitere Beweise seiner Verbindungen zum Königshof gefunden worden waren, wurde sein Leichnam im November 1793 aus dem Panthéon entfernt. Sein Bruder André Boniface Louis Riquetti de Mirabeau ist auf dem Alten Friedhof in Freiburg im Breisgau begraben.

Das politische und literarische Werk[Bearbeiten]

Wie andere Aufklärer, stellte Mirabeau die britische konstitutionelle Monarchie mit den Bill of Rights als Vorbild für ein anzustrebendes Gesellschaftsmodell dar. Zu seinen Vorstellungen einer zivilisierten Gesellschaft gehörte auch die jüdische Emanzipation. Das zeigte sich speziell in seinem 1786 erschienenen Essay „Über Moses Mendelssohn und die bürgerliche Besserstellung der Juden“. Darin verwendet sich der Atheist Mirabeau für den gläubigen Juden und deutschen Aufklärer Mendelssohn, um ihn in Frankreich bekannt zu machen. Er behandelt dessen Werdegang und Verdienste, geht ein auf die Judenverfolgung in Europa und geißelt den Rassenhass als eine Perversion des Geistes. In der Quintessenz seines menschenrechtliches Plädoyers heißt es:

„Gibt es keine natürlichen Rechte, die älter und heiliger sind als alle gesellschaftlichen Konventionen? Es könnte dem Menschengeschlecht nur zum Heil gereichen, wenn man den Unterschied zwischen Bürgern und Fremden endlich vergäße und in allen zuerst und vor allem den Menschen sähe.[2]

Bei den Wahlen zu den Generalständen im Mai 1789 wurde Mirabeau Abgeordneter des Dritten Standes. Aus der neuen Perspektive nach seinem Aufenthalt in England sah er den Adel und die Kirche als Haupthindernisse der Freiheit. Er war maßgeblich an der Abschaffung der Privilegien des Adels und an der Einziehung der Kirchengüter beteiligt. Einen an die Verfassung gebundenen König sah er aber weiterhin als notwendigen Bestandteil des politischen Systems an. Am 29. Januar 1791 wählten die Abgeordneten ihn zum Präsidenten der Nationalversammlung. Mirabeaus Popularität erlitt einen Rückschlag, als seine engen Beziehungen zum König posthum bekannt wurden, den er insgeheim beraten hatte und von dem er seinen Lebensstil mit beträchtlichen Summen hatte finanzieren lassen.

Parallel zu seinen politischen Aktivitäten fertigte der schriftstellerisch begabte Mirabeau im Verborgenen einige erotische Werke an, die bis heute einen großen Anklang finden. Als „Le Rideau levé, ou l'Education de Laure“ (Der gelüftete Vorhang oder Lauras Erziehung) 1786 anonym erschien, hatte Mirabeau bereits ein abenteuerliches Leben hinter sich, das ihn mehrmals entweder hinter Gittern sah oder als gefeierten Redner im Gerichtssaal, wenn es galt, den eigenen, angeblich unschicklichen Lebenswandel zu verteidigen. Er konnte sich folglich keinen Ärger mehr leisten und entschied sich, seine erotischen Bücher nicht unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. Lauras Erziehung führt den Leser in die noch heile Welt der besseren Stände am Vorabend der Französischen Revolution. Das Buch schildert die Erziehung und das Leben eines jungen Mädchens von der ersten erotischen Begegnung bis zu Orgien, bei denen nichts ausgelassen wird. Sein Roman ist eins der freizügigsten erotischen Bücher der Aufklärung, mit dem Mirabeau für sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung der Geschlechter plädiert sowie für die Notwendigkeit einer Verbindung zwischen geistiger mit körperlicher Liebe. Nur dadurch entsteht seiner Meinung nach das vollkommene Glück. Dieses Weltbild passt in das philosophische Selbstverständnis der Aufklärung, welches die größtmögliche Glückseligkeit der Menschen als Ideal sah. Lauras Erziehung wurde in mehrere Sprachen übersetzt und wird bis heute - auch in Deutschland - neu verlegt. Zu einem weiteren Klassiker der erotischen Literatur der Aufklärung wurde auch „Hic-et-Haec“ (1798).

Mirabeaus „Donnerkeil“[Bearbeiten]

Mirabeau ist unter anderem durch seinen Donnerkeil bekannt geworden, mit dem er am 23. Juni 1789 dem königlichen Zeremonienmeister eine Abfuhr erteilte, als dieser die Versammlung der Generalstände auflösen wollte.

Heinrich von Kleist schildert Mirabeaus Donnerkeil in seinem Essay Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden sehr anschaulich:

(…) Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23ten Juni, in welcher dieser den Ständen auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau, „wir haben des Königs Befehl vernommen“ - ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte er, „wir haben ihn vernommen“ - man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. „Doch was berechtigt Sie“ - fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf - „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ - Das war es, was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine“ - um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich ihnen ganz deutlich erkläre“ - und erst jetzo findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: „So sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsere Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ - Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte.(…)

Berühmt ist Mirabeau auch für seine Bonmots, etwa: „Preußen ist kein Staat mit einer Armee, vielmehr eine Armee, die einen Staat besitzt“. Bekannt ist außerdem der Spruch, dass Preußen in einer Kanonenkugel geboren wurde.

Das Haus in Paris, in dem Mirabeau starb.

Schriften[Bearbeiten]

  • Essai sur le despotisme (1776)
  • Histoire sécrète de la cour de Berlin, (1786–1787)
  • De la monarchie prussienne sous Frédéric le Grand, Bd. 1–7, (1788). Digitalisate: Bd. 1/1 (PDF, 15,3 MB), Bd. 1/2 (PDF, 7,2 MB). Alle Bände 1–7 sind online bei der Bayerischen Staatsbibliothek.
  • Lettres de cachet
  • Le rideau levé (dt.:Der gelüftete Vorhang oder Lauras Erziehung), (1786)
  • Histoire secrète de la cour de Berlin, (1787)
  • Dénonciation de l'agiotage, (1787)
  • Lettres de Sophie (1792)
  • Hic-et-Haec, (1798)

Literatur[Bearbeiten]

  • Ursula M. Disch: Der Redner Mirabeau. Eine publizistische Studie, Hamburg/Berlin (Diss.) 1965.
  • Ursula M. Disch: Der Redner Mirabeau, in: Publizistik 11 (1966), S. 57-98.
  • Horst Heintze: Beredsamkeit und Rhetorik in der französischen Revolution. In: Horst Heintze / Erwin Silzer (Hgg.): Im Dienste der Sprache. Festschrift für Victor Klemperer zum 75. Geburtstag am 9. Oktober 1956, Halle (Saale) 1958, S. 276–297.
  • Aurelio Principato: Mirabeau orator comme exemple privilégié dans la formation de l’idée romantique d’éloquence. In: Rhetorik 12 (1993), S. 40–49.
  • Karl von Schumacher: Mirabeau, Aristokrat und Volkstribun, Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart 1954.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Honoré Mirabeau – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reinhard Markner: Imakoromazypziloniakus. Mirabeau und der Niedergang der Berliner Rosenkreuzerei (2003; PDF; 283 kB)
  2. Zitiert nach: Josef Rattner / Gerhard Danzer / Irmgard Fuchs: Glanz und Größe der französischen Kultur im 18. Jahrhundert. Würzburg 2001, S. 239.


Vorgänger Amt Nachfolger
Henri Grégoire Präsidenten der Nationalversammlung
29. Januar 1791-14. Februar 1791
Adrien Duport