Gaspard de la nuit

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Gaspard de la nuit: Trois poèmes pour piano d'après Aloysius Bertrand ist ein 1908 entstandenes dreiteiliges Klavierwerk von Maurice Ravel, das von Aloysius Bertrands gleichnamiger Kurzprosa-Dichtung aus dem Jahre 1842 inspiriert wurde.[1]

Gaspard de la nuit gilt als Ravels bedeutendste Arbeit.[2] Er beschrieb das Werk selbst mit den Worten: „Gaspard de la nuit, Stücke für Klavier nach Aloysius Bertrand, sind drei romantische Gedichte von transzendentaler Virtuosität.“[3]

Das „Klaviertriptychon“ wurde am 9. Januar 1909 durch Ricardo Viñes in Paris uraufgeführt.[4]

Einführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ravels belesener Freund Ricardo Viñes machte den Komponisten mit dem Gedichtband Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand bekannt. Der Wortlaut des Titels ist auch für die Musik von Ravel von Bedeutung. „Gaspard, ein männlicher Vorname, ist persischen Ursprungs, wobei das Wort eigentlich einen Mann meint, der für die königlichen Schätze verantwortlich ist. Gaspard der Nacht oder Schatzmeister der Nacht spielt somit auf jemanden an, der für alles verantwortlich ist, was mit Juwelen zusammenhängt, was dunkel, mysteriös, vielleicht sogar was griesgrämig ist.“[5] „Gaspard de la Nuit“ ist ein alter französischer Ausdruck für den Teufel.

Der Untertitel des Gedichtbands Fantaisies á la manière de Rembrandt et de Callo weist darauf hin, dass sowohl die beruhigenden als auch die gruseligen Aspekte der Nacht, sowohl bei Bertrand als auch bei Ravel, beschworen werden. Rembrandts Faszination für subtile Schatten und Dunkelheit ist bekannt. Die Erwähnung von Callot stellt eine direkte Verbindung zu E. T. A. Hoffmann her, dem deutschen Komponisten und Dichter des Phantastischen, der 1814/1815 die Fantasiestücke in Callot’s Manier, darunter das Märchen Der goldne Topf, veröffentlicht hatte.

In einem Brief vom 17. Juli 1908 an seine Freundin Ida Godebska über seine dreimonatige intensive Arbeit an den drei Gedichten aus Bertrands Sammlung schrieb Ravel, er fühle sich vom Teufel inspiriert: „... kein Wunder, da er (der Teufel) der eigentliche Autor dieser Gedichte ist“.[6]

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausschnitt des dritten Satzes („Scarbo“) an einer Hauswand in Minneapolis

Die Satzbezeichnungen lauten:

  1. Ondine (Die Wassernixe, ca. 6–7 min)
  2. Le gibet (Der Galgen, ca. 6–7 min)
  3. Scarbo (Der listige Kobold, ca. 9–10 min)

Die literarische Vorlage ist ebenfalls dreiteilig. Ondine handelt von einer Meerjungfrau oder Nixe in ihrem Reich, in Le gibet betrachtet man einen Erhängten am Galgen in der Abenddämmerung. Scarbo befasst sich mit einem Dämon oder Kobold, der die Menschen im Schlaf stört. Ravel beabsichtigte mit dem extrem virtuosen Schlusssatz, Mili Balakirews Islamej an technischer Schwierigkeit noch zu übertreffen und damit das schwierigste Solostück für Klavier überhaupt zu schaffen.

Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Komposition ist zeitlich und im Groben auch stilistisch in die Epoche des Impressionismus einzuordnen. Wie in der impressionistischen Musik typisch, haben die Stücke Gaspard de la nuit zwar keine feste Tonart und keinen Leitton, wirken aber durch die Dominanz von Moll-Akkorden bzw. -Arpeggien sowie dissonanten Intervallen düster und diffus, teils melancholisch.

Ondine beginnt mit einer schnellen Abfolge hoher Töne und entwickelt daraus das Hauptmotiv, welches in der Mitte und am Ende des Stücks in stark abgewandelter Form erneut erscheint. Höhepunkt des Stücks ist eine Abfolge von in der Lautstärke zunehmenden Akkorden, welche in Arpeggios von Moll-Dreiklängen weiter geführt wird.

Ondine. Pianist: Andreij Makarewitsch

Le Gibet ist ein langsames, ruhiges Stück, es enthält insgesamt 153 mal ein b, welches einen Glockenklang darstellt[4] und welche bis zum Ende Wechsel in Tempo und Dynamik ignoriert.

Le Gibet. (MIDI-Aufzeichnung)

Scarbo ist ein durch häufige Umbrüche zerfahren wirkendes Stück und gilt als eines der am schwersten zu lernenden Pianostücke.[7] Oft werden bitonale und polytonale Harmonien verwendet. Ravel sagte später zu Scarbo: "Ich wollte eine Karikatur auf die Romantik machen."[8]

Scarbo. Pianist: Andreij Makarewitsch

Orchesterfassungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eugène Aynsley Goossens orchestrierte Gaspard 1942,[9] Marius Constant orchestrierte das Stück 1988.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Norma Doris Pohl: Gaspard de la Nuit by Maurice Ravel: A Theoretical and Performance Analysis. Washington University, St. Louis 1978. (englisch)
  • Siglind Bruhn: Images and ideas in modern French piano music: The extra-musical subtext in piano works by Ravel, Debussy, and Messiaen. Pendragon Press, Stuyvesant N.Y. 1997, ISBN 0-945193-95-5 (xxxiii, 425, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit: Phantasien in der Manier Rembrandts und Callots. 1. Auflage. Reinecke & Voß, Leipzig 2013, ISBN 978-3-9813470-9-8 (144 S.).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gaspard de la nuit by Aloysius Bertrand Original-Text beim Projekt Gutenberg
  2. Alexander Eccles: Gaspard de la nuit: Horror and Elegance. Stanford University, 2004, abgerufen am 9. November 2015 (englisch).
  3. Matthias Kornemann: Gaspard de la nuit. Rondo, abgerufen am 7. November 2015.
  4. a b Ravel, Maurice: Gaspard de la nuit. Trois poèmes d'après Aloysius Bertrand. SWR2, 21. Juni 2010, abgerufen am 10. April 2014.
  5. Siglind Bruhn: Images and ideas in modern French piano music, S. xxviii
  6. Siglind Bruhn: Images and ideas in modern French piano music, S. xxix
  7. Charles Rosen: The Brilliant Music of Ravel. The New York Review of Books, 10. November 2011, abgerufen am 10. April 2014 (englisch).
  8. Piano & Keyboard: The Bimonthly Piano Quarterly. Vol. 184–189. p. 62. String Letter Press, 1997. "The entire Gaspard de la Nuit was not intended as a 'caricature of romanticism'. That statement of Ravel to Vlado Perlemuter only referred to 'Scarbo'."
  9. Maurice Ravel (Eugene Goossens) - Gaspard de la Nuit. 29. Juni 2011, abgerufen am 11. Mai 2020.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]