Gear Acquisition Syndrome

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Synthesizer-Module

Als Gear Acquisition Syndrome (Akronym: G.A.S.; „Geräte-Anschaffungs-Syndrom“, gesprochen wie englisch ,gas‘/,Gas‘, ,Blähungen‘) wird seit den 1990er Jahren insbesondere in Internetforen und in der Fachpresse für Kreativberufe zumeist scherzhaft die Akkumulation von Musikinstrumenten und Equipment aus den Bereichen Musikproduktion, Audiotechnik und Fotografie bezeichnet. Es wird als Mittel Selbstironie verwendet, um den Kauf von Geräten zu kommentieren, für die kein unmittelbarer Bedarf besteht.[1][2]

Geschichte des Akronyms[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff geht auf eine satirische Kolumne des Steely-Dan-Mitbegründers Walter Becker im amerikanischen Magazin Guitar Player 1994 zurück. Unter der Überschrift „The Dreaded G.A.S.“ („Das gefürchtete G.A.S.“) bezeichnete er das massenhafte Kaufen und Modifizieren von Gitarren als „Guitar Acquisition Syndrome“ sowie als „Guitar Modification Syndrome“.[3] Becker beschreibt zunächst das Wohnzimmer eines befreundeten Session-Gitarristen aus Los Angeles und formuliert anschließend seine scherzhafte Diagnose:

The gent in question is a devoted husband and a doting father, but right now there is no family in the family room; there’s no room for the family in the family room. All horizontal surfaces are covered by guitars – acoustics, electrics, lap steels, old ones, new ones, weird little ukulelelike things with no proper names […] It's called G.A.S. – Guitar Acquisition Syndrome. You undoubtedly know someone who has it. Reading this rag, you probably have it yourself. Or will have it someday soon or would like to have it. You may think it's cool. But it's not cool. Not anymore. How many Strats do you need to be happy? How many Strat copies, each extensively modified to be able to produce the variations in tone that once would have required maybe four different guitars? How many knobs and switches does that Strat need?[4]

Das Akronym G.A.S. spielt auf die umgangssprachliche Formulierung für ,Blähungen haben‘ (,to have gas‘) an. Beckers Kolumne argumentiert, dass es beim „Gitarren-Anschaffungs-Syndrom“ nicht um das Spielen, sondern lediglich um das Konsumieren von Instrumenten gehe, und weist darauf hin, dass das von Werbeanzeigen finanzierte Musiker-Magazin, in dem der Artikel gedruckt ist, von der Erscheinung abhängig sei.

Der Begriff wurde anschließend in Newsgroups und Diskussionsforen rezipiert[5] und die Abkürzung von „guitar“ auf „gear“ („Ausrüstung“) ausgeweitet.[6] Das Wort kommt bei Benutzern akustischer und elektrischer Musikinstrumente sowie von Analogsynthesizer-Modulen und Kameras zum Einsatz.

Forschung zum Phänomen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

G.A.S. ist als Phänomen des Netzjargons bzw. als Pseudosyndrom nicht mit der psychischen Störung des Kaufzwangs zu verwechseln. Es wurde vereinzelt von Studien aus den Bereichen Musikwissenschaft, Musiksoziologie und Sound Studies untersucht. Eine Studie aus dem Jahr 2017 wertete 418 Fragebögen von E-Gitarristen (davon 97 % männlich) aus. Sie sieht die Motive für G.A.S. vor allem darin, dass Musiker sich durch den Kauf einer Vielzahl von Instrumenten, Verstärkern und Effektgeräten eine Erweiterung ihrer stilistischen Vielfalt versprächen.[7] Eine Studie über Medien und Onlineforen für Musikproduktion aus dem Jahr 2012 bezeichnet das seit 2002 bestehende englischsprachige Audio- und Studiotechnik-Forum „Gearslutz“ („Geräteschlampen“)[8] als wichtigstes Beispiel für das Phänomen des „gear porn“, des quasi-pornografischen Umgangs mit Bildern von Equipment im Internet. Im Forum finden sich beliebte Threads mit dem Titeln „Gear porn thread – pics of your slutty setups“ und „A little x rated audio porn“. Die Studie erklärt das Phänomen unter anderem mit Karl Marx’ Begriff des Warenfetisch.[9] Eine Dissertation über hegemoniale Männlichkeit in der Audiotechnologie-Community aus dem Jahr 2015 verwendet Marx’ Konzept in Bezug auf den „gear fetish“ („Geräte-Fetisch“), der sich im Begriff G.A.S. äußere, ebenfalls.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alex Annetts: Masculinity and gear fetishism in audio technology community discourse. Doktorarbeit, Anglia Ruskin University, 2015.
  • Samantha Bennett: Revisiting the ‘double production industry’: advertising, consumption and ‘technoporn’ surrounding the music technology press, in: Kärjä, A.V., Marshall, L. and Brusila, J. (Hg.) Music, business and law: essays on contemporary trends in the music industry, Helsinki IASPM, Norden & Turku: International Institute for Popular Culture, 2012, S. 117–145.
  • Jan-Peter Herbst: „,Gear Acquisition Syndrome‘: A Survey of Electric Guitar Players“, in: Julia Merill (Hg.): Popular Music Studies Today. Proceedings of the International Association for the Study of Popular Music 2017, Wiesbaden: Springer 2017, S. 139–148.
  • Paul Théberge: Any Sound You Can Imagine: Making Music / Consuming Technology, Hanover: Wesleyan University Press, 1997.
  • Simon Zagorski-Thomas/Andrew Bourbon (Hg.): The Bloomsbury Handbook of Music Production. Bloomsbury Publishing USA, 2020.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. The Science of G.A.S. Abgerufen am 14. Juli 2020.
  2. Are Modular Synth Abbreviations and Acronyms Getting The Better of You? @LearningModular. Abgerufen am 14. Juli 2020 (englisch).
  3. Walter Becker: „The Dreaded G.A.S.“, in: Guitar Player, April 1994, S. 15.
  4. G.A.S. Attack. Abgerufen am 13. Juli 2020.
  5. Google Groups. Abgerufen am 14. Juli 2020.
  6. GAS - Gear Acquisition Syndrome, Equipmentsucht. In: AMAZONA.de. 1. Juni 2018, abgerufen am 13. Juli 2020 (deutsch).
  7. Jan-Peter Herbst: „,Gear Acquisition Syndrome‘: A Survey of Electric Guitar Players“, in: Julia Merill (Hg.): Popular Music Studies Today. Proceedings of the International Association for the Study of Popular Music 2017, Wiesbaden: Springer 2017, S. 139–148.
  8. gearslutz • A brief history??? - Gearslutz. Abgerufen am 15. Juli 2020 (englisch).
  9. Samantha Bennett: Revisiting the ‘double production industry’: advertising, consumption and ‘technoporn’ surrounding the music technology press, in: Kärjä, A.V., Marshall, L. and Brusila, J. (Hg.) Music, business and law: essays on contemporary trends in the music industry Helsinki IASPM Norden & Turku: International Institute for Popular Culture, 2012, S. 125 f.
  10. Alex Annetts: Masculinity and gear fetishism in audio technology community discourse. Doktorarbeit, Anglia Ruskin University, 2015, S. 5.