Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße

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Eingang der Gedenkstätte Andreasstraße

Die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt befindet sich in einem ehemaligen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Sie ist den ehemaligen politischen Häftlingen gewidmet sowie den Menschen, die hier 1989 erstmals eine „Stasi“-Bezirksverwaltung besetzten. Mit der Dauerausstellung „Haft – Diktatur – Revolution. Thüringen 1949–1989“ sowie kulturellen Veranstaltungen bietet sie vertiefende historische Einblicke.

Vorgeschichte des Ortes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Andreasstraße in Erfurt stand während der DDR-Zeit als Sitz der Bezirksverwaltung des MfS und einer Haftanstalt synonym für die „Stasi“. Zuvor hatte sich jedoch über Jahrhunderte auf dem Gelände am Fuße des Petersberges ein Handwerker- und Händlerviertel befunden. An der Frontseite zum Domplatz, die bis auf die Höhe der Domstufen heranreichte, standen prächtige Bürgerhäuser. Dieses Viertel wurde bei der Beschießung Erfurts am 6. November 1813 während der Befreiungskriege zerstört. Seither besitzt der Domplatz seine ungewöhnlich große Ausdehnung. Nördlich davon entstand 1823 die Grünanlage „Louisental“. Sie verschwand mit dem Bau des preußischen Landgerichtes und der dazugehörigen Haftanstalt 1874/1879.

Untersuchungshaftanstalt des MfS[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über fünf politische Systeme hinweg – Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, SBZ/DDR und Bundesrepublik – fungierte das Gebäude der heutigen Gedenkstätte als Untersuchungshaftanstalt. Mit der Auflösung der Länder in der DDR 1952 wurden aus dem bisherigen Land Thüringen die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl. Dementsprechend widmete man das Gerichtsgebäude nunmehr zum Bezirksgericht Erfurt um. Gleichzeitig bezog das MfS in dem heutigen Polizeigebäude in der Andreasstraße seine neue Bezirksverwaltung. Bis 1989 teilten sich Ministerium des Innern bzw. Volkspolizei und MfS die dazwischen liegende Untersuchungshaftanstalt. Keller und Erdgeschoss waren der Polizei zugeordnet, 1. und 2. Obergeschoss dem MfS. Mehr als 5000 Menschen wurden hier bis zum Ende der DDR aus politischen Gründen inhaftiert.

Gedenk- und Bildungsstätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der endgültigen Schließung der Haftanstalt 2002 folgte die am 4. Dezember 2012 eröffnete Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße als Einrichtung der Stiftung Ettersberg. Die Gedenkstätte befasst sich nicht nur mit dem Thema Stasi-Untersuchungshaft. Sie erinnert an Unterdrückung und Widerstand in Thüringen während der DDR-Zeit. Als Mischung aus Gedenkstätte und zeitgeschichtlichem Museum will sie mit der 2013 eröffneten Dauerausstellung „Haft – Diktatur – Revolution. Thüringen 1949–1989“ sowie mit weiteren Angeboten und Veranstaltungen einen breiteren historischen Rahmen abstecken. Dabei greift sie den Umstand auf, dass am 4. Dezember 1989 in Erfurt erstmals während der friedlichen Revolution eine Stasi-Zentrale besetzt und damit die letzte „Bastion“ der SED-Herrschaft gestürmt wurde.

Der Rundgang durch die Dauerausstellung beginnt in der behutsam restaurierten Haftetage im 2. Obergeschoss, zeigt anhand ausgewählter Themen die Lebensbedingungen in der DDR und deren Überwachungssystem, aber auch Beispiele für Unbeugsamkeit und Opposition und endet mit der Überwindung der Diktatur im Erdgeschoss. In der Dauerausstellung finden sich neben zahlreichen Zeitzeugen-Videoclips auch auf realen Erlebnissen beruhende Geschichten im Stil von Graphic Novels. 2014 erhielt die Gedenkstätte den Preis der Britischen Reisejournalisten als "Outstanding new tourism project".[1] Leiter der Gedenk- und Bildungsstätte ist seit 2012 der Historiker Jochen Voit.

Kooperationspartner sind Zeitzeugen-Vereine („Freiheit“, „VOS“, „Gesellschaft für Zeitgeschichte“) sowie verschiedene Aufarbeitungsinitiativen und Geschichtsvermittler (u. a. Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“, Unsere Geschichte – Das Gedächtnis der Nation e. V.). Die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße ist Mitglied im Museumsverband Thüringen.

Kubus der Friedlichen Revolution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ehemalige MfS-U-Haft spiegelt sich in den Bildern der Friedlichen Revolution auf dem Kubus der Gedenk- und Bildungsstätte in Erfurt.

Wahrzeichen der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße ist der Anbau aus Beton und Glas mit seiner verspiegelten Comic-Fassade. Den vom Architekturbüro Stadermann projektierten Kubus widmete die Stiftung Ettersberg der Friedlichen Revolution in Thüringen. Das knapp 40 Meter lange Fassadenbild gestalteten die Agentur freybeuter und der Zeichner Simon Schwartz auf Grundlage zahlreicher Originalfotos vom Herbst 1989. Im Innern des Kubus befindet sich der Veranstaltungsraum der Gedenkstätte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frank Palmowski: Die Belagerung von Erfurt. Ihre Spuren 1813 bis 2013. Erfurt 2013.
  • Horst Stecher, Christel Perlik: Das Louisental – Eine parkähnliche Gartenanlage inmitten der Stadt. In: Erfurter Beiträge, 3 (1999). S. 129–176.
  • Ulman Weiß: Geteilte Geschichte – Über das Gefängnis in der Andreasstraße. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt, 48 (2011). S. 26 f.
  • Andrea Herz: Untersuchungshaft und Strafverfolgung beim Staatssicherheitsdienst Erfurt/Thüringen. Die MfS-Haftanstalt Andreasstraße 37 (1952/54–1989). Erfurt 2000.
  • Steffen Raßloff: Friedliche Revolution und Landesgründung in Thüringen 1989/90. Erfurt 2009. (6. Auflage 2016).
  • Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten. Essen 2013. S. 220 f.
  • Peter Maser: Der lange Weg in die Andreasstraße. Anmerkungen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen. In: Hans-Joachim Veen (Hg.): Zwischenbilanzen. Thüringen und seine Nachbarn nach 20 Jahren. Köln/Weimar/Wien 2012. S. 53–76.
  • Peter Maser, Hans-Joachim Veen, Jochen Voit: Haft – Diktatur – Revolution – Thüringen 1949–1989. Das Buch zur Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße Erfurt. Erfurt 2015.
  • Jochen Voit: Ein neuer Erinnerungsort in Erfurt. Eröffnung der Dauerausstellung in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße am 4. Dezember 2013 – ein Werkstattbericht. In: Gerbergasse 18, Ausgabe 3/2013, S. 38–41.
  • Jochen Voit: Gedenkstätte Andreasstraße. Haft, Diktatur und Revolution in Erfurt. Berlin 2016.
  • Gesellschaft für Zeitgeschichte (Hrsg.): Die Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt, Teil I und Teil II. Erfurt 2004 und 2010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gedenkstätte Andreasstraße – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.stiftung-ettersberg.de/andreasstrasse/aktuelles/2014/

Koordinaten: 50° 58′ 43″ N, 11° 1′ 24,1″ O