Gefährder

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Als Gefährder werden im Zusammenhang mit der öffentlichen Sicherheit und Gefahrenabwehr Personen bezeichnet, bei denen kein konkreter Hinweis vorliegt, dass sie eine Straftat planen, aber bei denen „bestimmte Tatsachen die Annahme der Polizeibehörden rechtfertigen, dass sie Straftaten von erheblicher Bedeutung, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung (StPO), begehen“ werden. Die 2004 von der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamts festgelegte Begriffsbestimmung ist nicht gesetzlich verankert.[1]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde der Begriff durch den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in einem Spiegel-Interview vom 7. Juli 2007,[2] in dem er gesetzliche Grundlagen zur restriktiven Behandlung solcher Gefährder forderte. Gefährder sollen wie Kombattanten nach dem Kriegsvölkerrecht behandelt und interniert werden. Die Rechtsgrundlage entspreche etwa dem Unterbindungsgewahrsam, mit dem Hooligans aus dem Verkehr gezogen würden.[3]

Bundesinnenminister (2011–2013) Hans-Peter Friedrich (CSU) umriss den Begriff folgendermaßen: Gefährder seien „Personen, bei denen Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie erhebliche Straftaten begehen könnten“, was auch einen Anschlag mit einschließe. Laut einer Verlautbarung von Friedrich im September 2011 gibt es in Deutschland annähernd 1000 Personen, die man als mögliche islamistische Terroristen bezeichnen könnte. Von diesen würden wiederum 128 als Gefährder eingestuft. Ungefähr 20 dieser Gefährder seien zudem eindeutig zur Ausbildung in einem Terrorcamp gewesen.[4] Am 10. September 2016 teilte der Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit, die Zahl der in Deutschland lebenden Gefährder sei mit 520 Personen so hoch wie nie zuvor. De Maizière sprach auch von rund 360 Personen, die man als relevante Personen führt. Relevante Personen seien vorwiegend Personen im näheren Umfeld von Gefährdern, die bereit sind bei der Vorbereitung einer politisch motivierten Straftat von erheblicher Bedeutung logistisch zu helfen oder zu unterstützen.[5]

Laut Medienberichten verwenden das BKA und andere Polizeibehörden intern ein achtstufiges Prognose-Modell zur Einschätzung der Gefahr; bei Stufe 1 ist mit dem Eintritt eines gefährdenden Ereignisses zu rechnen, während dieses bei Stufe 8 ausgeschlossen werden kann. Anis Amri, der Attentäter vom Breitschneidplatz, wurde zuvor in diesem Modell in Stufe 5 eingeordnet – der Eintritt eines gefährdenden Ereignisses wurde also als eher unwahrscheinlich angesehen.[6]

Der Journalist Kai Biermann und der Linguist Martin Haase kritisierten den Begriff auf ihrem Blog Neusprech: „Gefährder“ seien im juristischen Sinne nicht einmal Verdächtige, da gegen sie keine konkreten Hinweise vorliegen, sind also letztlich Unschuldige.[7] Der Begriff gerät damit in Konflikt mit der Unschuldsvermutung, wenn „Gefährder“ behandelt würden wie Verdächtige oder Straftäter, wie von manchen Politikern gefordert wird. So forderte Christian Lindner (FDP) nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz in Berlin, „Gefährdern“ Fußfesseln anzulegen.[8][9]

Gefährderansprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Polizei kann bei bekannten Gefährdern eine Gefährderansprache durchführen, um deren weiteres Verhalten zu beeinflussen. Die individuelle Ansprache soll signalisieren, dass „polizeiliches Interesse an seiner Person besteht, die Gefährdungslage bei der Polizei registriert wird und die Lage ernst genommen wird“. Im Bereich Jugendkriminalität soll sie zudem die jugendtypische Normunsicherheit durch Grenzsetzung und Aufzeigen möglicher Konsequenzen beeinflussen. Dem potentiellen Täter soll ein erhöhtes Tatentdeckungsrisiko deutlich gemacht werden. Das Gespräch soll ferner Informationen liefern, die für das weitere polizeiliche Handeln von Bedeutung sind.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 20. November 2006 eingegangenen Antworten der Bundesregierung. Deutscher Bundestag, 24. November 2006, S. 6, abgerufen am 29. März 2013 (PDF; 360 kB, Drucksache 16/3570, Fragen 9 u. 10).
  2. SPIEGEL-Interview: Schäuble fordert Handy- und Internetverbot für Terrorverdächtige. Spiegel Online, 7. Juni 2007, abgerufen am 29. März 2013.
  3. Peter Blechschmidt, Monika Maier-Albang: Schäuble will Gesetz zur Tötung von Terroristen. Süddeutsche, 12. Dezember 2008, abgerufen am 29. März 2013.
  4. Ralf Schuler, Franz Solms-Laubach: Innenminister Friedrich in BILD-Interview: In Deutschland leben 1000 islamistische Terroristen! Bild, 4. September 2011, abgerufen am 29. März 2013.
  5. dpa: 520 islamistische Gefährder in Deutschland. SPIEGEL ONLINE, 10. September 2016, abgerufen am 10. September 2016 (deutsch).
  6. DNN-Online: Anis Amri – Anschlagsrisiko galt als „eher unwahrscheinlich“ – DNN - Dresdner Neueste Nachrichten. In: www.dnn.de. Abgerufen am 14. Januar 2017.
  7. Gefährder. In: neusprech.org. 28. März 2010 (neusprech.org [abgerufen am 23. Dezember 2016]).
  8. Ronen Steinke: Terrorgefahr in Deutschland: Der schwierige Umgang mit dem "Gefährder". In: sueddeutsche.de. ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 23. Dezember 2016]).
  9. tagesschau.de: Gefährder: Der Albtraum des Rechtsstaats. In: tagesschau.de. Abgerufen am 23. Dezember 2016 (de-de).
  10. Birgit Müller: Die Gefährderansprache: Begriff, Möglichkeiten, Grenzen, Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei. Abgerufen am 23. November 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]