Gegenseitige Verständlichkeit

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Gegenseitige Verständlichkeit oder Englisch mutual intelligibility ist in der Allgemeinen Linguistik eine Eigenschaft, die an einer Reihe von Sprachpaaren festgestellt werden kann. Gegenseitige Verständlichkeit ist gegeben, wenn Sprecher unterschiedlicher Sprachen einander ohne besondere Vorkenntnisse verstehen können. Zuweilen wird die gegenseitige Verständlichkeit als ein Kriterium verwendet, wenn es um die Abgrenzung von Sprachen und Dialekten geht. Allerdings gibt es auch soziolinguistische Faktoren, die sich auf die gegenseitige Verständlichkeit auswirken.

Konzept[Bearbeiten]

Der Begriff wurde 1926 vom US-amerikanischen Linguisten Leonard Bloomfield in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht, um ein rein auf mechanistische Sprachanalyse basierendes Konzept zu erstellen, unabhängig von historisch, politisch, religiös oder nationalistisch geprägten Einteilungen.[1] Im Unterschied zu klassischen Kategorisierungen kann es dabei vorkommen, dass ein gemeinhin als Dialekt einer Sprache angesehenes Idiom weniger gegenseitig verständlich ist, als eine verwandtes, aber als unabhängige Schriftsprache anerkannte Sprachform.[2] So sind etwa Niederländisch und Plattdeutsch teilweise mutually intelligible, was für das Sprachpaar Plattdeutsch und Standarddeutsch so nicht zutrifft.[3][4][5] Trotzdem gilt Plattdeutsch als deutscher Dialekt und nicht als niederländischer. Ein ähnlicher rein auf synchrone Analysen basierender Ansatz ist das von Heinz Kloss formulierte Konzept vom linguistischen Abstand.

Unterschieden wird jedoch zwischen mündlicher und schriftlicher gegenseitiger Verständlichkeit. Die gegenseitige Verständlichkeit der Sprachen kann aber auch asymmetrisch sein, sodass ein Sprecher mehr von dem versteht, was sein Gegenüber spricht als jener vom anderen versteht. Unter symmetrischer Verständlichkeit versteht man daher gleichwertige gegenseitige Verständlichkeit. Oft gibt es bei verwandten oder geografisch nahen Sprachen unterschiedliche Grade an gegenseitiger Verständlichkeit, häufig im Zusammenhang eines Dialektkontinuums.

Beispiele[Bearbeiten]

Schriftliche und mündliche Formen[Bearbeiten]

Einige nah verwandte Sprachen, die auch ein ähnliches Verschriftlichungsmodell verwenden, sind sowohl mündlich als auch schriftlich "mutually intelligible". Das trifft unter anderem auf folgende Beispiele zu:

Mündliche Formen[Bearbeiten]

Manche Sprachen sind hingegen in ihrer gesprochenen Form mehr oder weniger gegenseitig verständlich, während sie schriftlich verschiedene Kodifizierungsmodelle verwenden. So ist etwa Englisch für Deutschsprechende, die nie diese Sprache gelernt haben, in seiner gesprochenen Form leichter verständlich als schriftlich. Andere Beispiele sind unter anderem:

Schriftliche Formen[Bearbeiten]

Dem gegenüber stehen Sprachen, die in ihrer geschriebenen Form leichter gegenseitig verständlich sind, während die Verständigung in ihrer gesprochenen Form größere Probleme aufweist. Dies gilt unter anderem für:

Asymmetrische Formen[Bearbeiten]

  • Portugiesischsprecher verstehen Spanisch meist besser als umgekehrt, da sie ein dem Spanischen ähnliches Verschriftlichungsmodell verwenden, hingegen die portugiesische Aussprache desselben für Spanischsprecher Probleme bereitet.[6]
  • Schweizer und Österreicher verstehen Deutsche meist besser als umgekehrt, da sie neben ihrem Dialekt auch Standarddeutsch lernen und durch den Konsum deutscher Medien auch passive Sprachkompetenz in anderen deutschen Dialekten haben.
  • Litauer verstehen Letten besser als umgekehrt, da die litauische Sprache archaischer und formenreicher ist als die lettische.

Weblinks[Bearbeiten]

EU-Projekte:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. KomInform.at - Sprache als politisches Phänomen
  2. University of Pennsylvania: Linguists' Definition: mutual intelligibility
  3. Alexandra N. Lenz, Charlotte Gooskens and Siemon Reker On the Low Saxon dialect continuum - terminology and research (PDF; 2,1 MB). In: Alexandra N. Lenz, Charlotte Gooskens and Siemon Reker (eds.). Low Saxon dialects across borders - Niedersächsische Dialecte über Grenzen hinweg, Zeitschrift fur Dialektologie und Linguistik, Beihefte 138, 9-27.
  4. Sebstaian Kürschner (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), Charlotte Gooskens (Rijksuniversiteit Groningen): Dialektverstehen über Staatsgrenzen hinweg (PDF; 1,4 MB).
  5. Charlotte Gooskens, Sebastian Kürschner: Cross border intelligibility - on the intelligibility of Low German among speakers of Danish and Dutch (PDF; 323 kB). In: Alexandra N. Lenz, Charlotte Gooskens and Siemon Reker (eds.). Low Saxon dialects across borders - Niedersächsische Dialecte über Grenzen hinweg, Zeitschrift fur Dialektologie und Linguistik, Beihefte 138, 273-297.
  6. John B. Jensen: On the Mutual Intelligibility of Spanish and Portuguese, Hispania, 72; 1989 (PDF; 2,6 MB)