Gehirn im Tank

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Im Gehirn vorgestellte Realität und tatsächliche Realität stimmen in diesem Gedankenexperiment nicht überein.

Das Gehirn im Tank (englisch brain in a vat) ist ein Gedankenexperiment aus der Philosophie des Geistes, bei dem es darum geht, die Beziehung zwischen Erkenntnissubjekt und Welt zu hinterfragen.

Vorgestellt wird dabei ein in einem Tank künstlich am Leben gehaltenes Gehirn, das von einem Computer mit elektrischen Impulsen stimuliert wird, so wie es die Nervenleitungen eines realen Körpers tun würden, sodass sich aus der Perspektive des Gehirns eine (simulierte) Realität ergibt. Es stellt sich dann die Frage, ob das Gehirn feststellen kann, ob es in einer realen Umgebung, also einem realen Körper, oder in einer simulierten Realität steckt, und ob dies ethisch und erkenntnistheoretisch relevant ist.

Eine Überprüfung dieses Vorstellungsszenarions auf paradoxe Konsequenzen oder Widersprüche kann auch dazu verwendet werden, spezifische Theorien mentaler Vorgänge (etwa den Leib-Seele-Dualismus, oder den Funktionalismus (Philosophie)) in Frage zu stellen

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gehirn-im-Tank-Szenario wird als Argument für Skeptizismus und Solipsismus verwendet. Eine einfache Version der Argumentation ist diese: Da das Gehirn im Tank exakt die gleichen Impulse sendet und empfängt, als wenn es sich in einem Kopf befände, und da diese seine einzige Verbindung zur Außenwelt sind, ist es aus der Perspektive des Gehirns unmöglich zu sagen, ob es sich in einem Kopf oder in einem Tank befindet. Im ersten Fall können die meisten der Vorstellungen der Person wahr sein, zum Beispiel, wenn die Person denkt, dass sie die Straße entlanggeht oder Eis isst. Im zweiten Fall aber sind die Vorstellungen falsch. Da man nun aber nicht feststellen kann, ob man ein Gehirn im Tank ist, kann man auch nicht wissen, ob nicht die meisten Dinge, die man glaubt, völlig falsch sind. Da man prinzipiell nicht ausschließen kann, dass man ein Gehirn im Tank ist, kann es auch keinen guten Grund geben, irgendetwas von dem zu glauben, was man glaubt, und wissen kann man auf jeden Fall nichts davon.

Diese Argumentation ist die heutige Version der Erwägungen, die Descartes in Meditationes de prima philosophia anstellt. Nachdem er festgestellt hat, dass er allein nicht bezweifeln kann, dass es ihn als Erkenntnissubjekt gibt, hält er fest, dass er seinen Wahrnehmungen nicht trauen könne, weil denkbar ist, dass ein böser Geist möglicherweise alle seine Erfahrungen steuert. Er verwirft diese Möglichkeit auf der Basis der Vorstellbarkeit eines vollkommenen Wesens (Gott), diese könne ihre Ursache nicht in einem per Definition unvollkommenen Betrüger-Gott haben. Entfernt verwandt ist sie auch zu Descartes’ Argument, er könne seinen Wahrnehmungen nicht trauen, weil er sie möglicherweise nur träume – wobei die Sorge entfällt, dass er aktiv irregeführt würde.

Philosophische Überlegungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den letzten Jahrzehnten haben sich vor allem Vertreter der Analytischen Philosophie auf vielfältige Weise mit Fragestellungen dieser Art auseinandergesetzt. Ausgangspunkt war Gilbert Ryles Metapher zur Beziehung zwischen Körper und Geist in der Philosophie Descartes', die er als "Ghost in the Machine" (Gespenst im Apparat) beschrieb. Davon ausgehend wurden mehrere Gedankenexperimente entwickelt, so das Chinesische Zimmer von John Searle und das Gehirn im Tank von Hilary Putnam, um in die Debatte zur Philosophie des Geistes zwischen Behaviorismus, Theorien, traditionellem Dualismus und Funktionalismus Stellung zu beziehen. Einige, wie Barry Stroud, sagen, dass hier ein unabweisbarer Einwand gegen jeglichen Wissensanspruch bestünde. Andere weisen dies zurück, am bekanntesten hiervon Hilary Putnam. Im ersten Kapitel seines Buches Vernunft, Wahrheit und Geschichte (Reason, Truth, and History; 1981) behauptet Putnam, das Gedankenexperiment sei widersprüchlich, da ein Gehirn in einem Tank gar nicht die Art von Geschichte und Wechselwirkung mit der Welt hätte, die es ihm erlauben würden, über den Tank, in dem es ist, etwas zu denken oder zu sagen. Putnam gebraucht das Gedankenexperiment als Argument für seinen (umstrittenen) internen Realismus.

Das Gehirn-im-Tank-Motiv in der Populärkultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vielen Science-Fiction-Geschichten kommt die Idee vor, dass ein verrückter Wissenschaftler einem Menschen das Gehirn herausoperiert und in einem Tank in Nährlösung aufbewahrt und seine Neuronen durch Drähte mit einem Computer verbindet, der es mit genau den gleichen elektrischen Impulsen versorgt, wie ein Gehirn sie normalerweise empfängt. In derartigen Geschichten simuliert der Computer eine Virtuelle Realität, einschließlich passender Antworten auf den Output des Gehirns, und die Person mit dem körperlosen Gehirn hat weiterhin völlig normale Erlebnisse in ihrem Bewusstsein, ohne dass diese mit Gegenständen oder Ereignissen in der realen Welt zu tun hätten.

Viele Filme greifen ähnliche Ideen auf, etwa Vanilla Sky und Matrix und dessen Fortsetzungen. Die Idee, dass das Gehirn – oder abstrakter: sein Bewusstsein – aus dem Körper herausgenommen wird, taucht in einigen der Romane von Stanisław Lem auf, ebenso die verwandte Idee, dass ein künstliches Bewusstsein von einem verrückten Wissenschaftler, der es geschaffen hat, mit künstlichen Reizen gefüttert wird. Im Roman Ubik von Philip K. Dick leben kürzlich Verstorbene in einer telepathischen Simulation weiter, während ihre Gehirne in einer Nährlösung ruhen. Benjamin Stein führt in seinem Roman Replay (2012) das Modell einer Gehirn-Computer-Schnittstelle durch, das auch die Manipulation von als real erlebten Erinnerungen enthält, ein Motiv, das bereits in dem Film Strange Days (1995) angelegt ist.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Kamp, Gehirn im Tank, in: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.), Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 2. Aufl., Bd. 3. Metzler, Stuttgart, Weimar 2008 (mit ausführlichen Literaturangaben)
  • Olaf L. Müller, Wirklichkeit ohne Illusion I: Hilary Putnam und der Abschied vom Skeptizismus oder Warum die Welt keine Computersimulation sein kann, Bd. 1, mentis, Paderborn: 2003.
  • Olaf L. Müller, Wirklichkeit ohne Illusion II: Metaphysik und semantische Stabilität oder Was es heißt, nach höheren Wirklichkeiten zu fragen, Bd. 2, mentis, Paderborn: 2003.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Brain in a vat – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien