Gehirnwäsche

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Dieser Artikel behandelt die psychologische Gehirnwäsche. Siehe auch Tatort: Gehirnwäsche bzw. Gehirnwäsche (Album).

Gehirnwäsche ist ein Konzept zu sogenannter psychologischer Manipulation. Dabei wird mit Taktiken der mentalen Umprogrammierung das Selbstvertrauen und die eigene Urteilskraft der Zielperson angegriffen, um deren Grundeinstellungen und Realitätswahrnehmungen zu destabilisieren und anschließend durch neue Einstellungen zu ersetzen. Ältere Gehirnwäsche-Methoden versuchten den psychischen Widerstand mit körperlicher Gewalt zu brechen. Theorien der Gehirnwäsche entstanden zunächst im Zusammenhang mit totalitären Staaten. Später wurden sie vereinzelt auch in religiösen Gruppen (Sekten) angewandt.

1975 hat die UNO in ihrer Erklärung über den Schutz aller Personen vor Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (Nr. 3452, 9. Dezember 1975) auch die Methode der Gehirnwäsche mittels manipulativer Psychotechniken eingeschlossen.

Wortentstehung und Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Gehirnwäsche wird auf den englischen Begriff brainwashing zurückgeführt. Dieser wurde zu Propagandazwecken während des Koreakriegs im Jahre 1950 entwickelt[1] und ist selbst eine Übersetzung aus dem chinesischen. 洗脑/洗腦 (xǐ năo); 洗 xǐ wird mit waschen übersetzt. Das Wort 脑/腦 năo bedeutet Gehirn, also ein Waschen des Gehirns. Der wissenschaftliche Name ist Mentizid. Es gibt auch einen Teil-Mentizid. Dieser Begriff bedeutet den ganzen oder Teilverlust der Persönlichkeit.

Andere Quellen führen den Begriff Gehirnwäsche auf den Schriftsteller George Orwell zurück, der 1948 seinen dystopischen Roman 1984 über den perfekten totalitären Präventions- und Überwachungsstaat veröffentlichte. Der Begriff habe sich jedoch ausschließlich im Volksmund durchsetzen können. Der Psychologe Hans-Eberhard Zahn hält die Bezeichnung für unseriös, denn „es wird ja gar nichts aus dem Gehirn gewaschen oder getilgt, sondern im Gegenteil: Es wird einiges hineingesetzt.“ Zahn präferiert deshalb die Begriffe Zersetzung oder der Umprogrammierung, da ein Gehirn nicht wie ein Computerspeicher gelöscht werden könne; vielmehr werde die „Software“ verändert.[2]

In den 1970ern wurde der Begriff im Prozess um Patty Hearst verstärkt verwendet, die von der Symbionese Liberation Army entführt wurde und sich einige Zeit später der Gruppe anschloss. Seitdem wird mit dem Ausdruck „Gehirnwäsche“ im juristischen Bereich jede als negativ erachtete Einflussnahme bezeichnet, wie beispielsweise die Teilnahme an einer Neuen Religiösen Bewegung.[1] Umgangssprachlich werden auch massive psychische Beeinflussungen als Gehirnwäsche bezeichnet.[3]

Forscher verwenden auch die Ausdrücke Coercive Persuasion, Mind Control, Brainwashing, Thought Reform, Mental Programming.[4]

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gehirnwäsche bzw. mentale Umprogrammierung wird nuanciert, mit sorgfältig aufeinander abgestimmten Programmen, schleichend und subtil durchgeführt, damit die Betroffenen nicht bemerken, wie sie schrittweise gefügig gemacht werden und bei ihnen bestimmte Verhaltensweisen fremdgesteuert ausgelöst werden. Die Betroffenen sollen nicht erkennen, wie ihr Verhalten in die beabsichtigte Richtung gelenkt wird, indem soziale und psychologische Faktoren durch direkte oder unterschwellige Beeinflussung geschickt manipuliert werden. Gewaltanwendung ist dabei nicht zwingend erforderlich, wie man bereits in den 1950er Jahren bei Gehirnwäscheversuchen in China herausgefunden hat. Heutige Psychogruppen und „Sekten“ greifen zur Manipulation ihrer Adressaten auf jahrzehntelang erforschte und entwickelte Psychotechniken zurück, um ihre Manipulationsprogramme zu perfektionieren. Methoden zur Verhaltensänderung durch mentale Umprogrammierung unterdrücken jede Form der Kritik. Sie sind durch die Diffamierung von Kritikern gekennzeichnet. In Ermangelung sachlicher Argumente behaupten die Protagonisten diverser Psychogruppen, dass Kritiker grundsätzlich nie recht haben. Dabei arbeiten sie oft mit Unterstellungen: Indem sie ihren Kritikern persönliche Rachemotive oder menschliche Schwäche andichten, wird versucht sie unglaubwürdig zu machen. Die Argumentationsmuster rechtsextremer Kreise, die der Verbreitung ihrer „Wahrheit“ dienen, sind durch latente Verbalattacken und Aggressivität geprägt, bei militanten Gruppen findet sich auch offene Gewaltbereitschaft.[5]

Historische Versuche von Gehirnwäsche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste moderne Versuche, Gehirnwäschemethoden zu entwickeln und einzusetzen, waren die Schauprozesse während der Säuberungen unter Stalin in der Sowjetunion in den Jahren 1936 bis 1938. Dazu wurden Methoden der mittelalterlichen Inquisition studiert.[6]

Während der ersten Jahre des Aufbaus des Machtbereiches wurden unter Mao Zedong mit ähnlichen Methoden Umerziehungsprogramme durchgeführt, die vom chinesischen Volk als Gehirnwäsche bezeichnet wurden. Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 wurden Zehntausende von Professoren und Studenten zur Umerziehung aufs Land geschickt.[7][8]

Nach Lewin benötigt eine neue Struktur zu mentaler Etablierung drei Phasen.

Der emigrierte deutsche Psychologe Kurt Lewin untersuchte während des Zweiten Weltkrieges in den USA die Frage, wie sich der Nationalsozialismus in Deutschland entwickeln konnte und wie die vom Nationalsozialismus indoktrinierte Bevölkerung Deutschlands nach dem Krieg aus dieser Indoktrinierung befreit werden könnte. Es ging ihm also nicht um Gehirnwäsche, sondern im Gegenteil darum, wie die Ergebnisse einer solchen Gehirnwäsche wieder rückgängig gemacht werden könnten. Er kam zum Schluss, dass es nicht genügte, diese Entwicklung zu erklären, sondern dass die menschlichen Systeme verändert werden müssten, um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken oder ihre Wirkungen wieder aufzuheben. Sein später entwickeltes 3-Phasen-Modell, das sich in allgemeiner Form mit Gesetzmäßigkeiten planmäßigen Wandels beschäftigt, baut auch auf diesen früheren Überlegungen zur Überwindung der nationalsozialistischen Gehirnwäsche im Nachkriegsdeutschland durch Re-Education auf.[9]

Edgar H. Schein und Robert J. Lifton untersuchten Mitte der 1950er Jahre im Auftrag der US-Regierung amerikanische Soldaten, die während des Koreakrieges in Gefangenschaft geraten waren. Man wollte herausfinden, was die Chinesen Neuartiges mit den amerikanischen Kriegsgefangenen gemacht hatten, dass diese in unerwartetem Maße mit den Chinesen zusammenarbeiteten und weitere unerklärliche Verhaltensänderungen zeigten; unter anderem brach das Vertrauen unter den Gefangenen völlig zusammen.[10][11] Die CIA betrieb von 1953 bis in die 1970er Jahre ein als MKULTRA bezeichnetes geheimes Forschungsprogramm über Möglichkeiten der Bewusstseinskontrolle, das tausende von Menschenversuchen an unwissenden Versuchspersonen beinhaltete.

Erklärungsversuche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die amerikanische Psychologieprofessorin Margaret Singer beschreibt Gehirnwäsche als eine sich in sechs Schritten vollziehende nicht sichtbare soziale Anpassung:[12]

„1. Lass die Person in Unkenntnis darüber, was vor sich geht und wie sie sich Schritt für Schritt ändert.
2. Kontrolliere Umgebung und Umwelt der Person, vor allem kontrolliere ihre Zeit.
3. Erzeuge in der Person gezielt ein Gefühl der Ohnmacht.
4. Stelle ein System von Belohnung und Strafe auf und steuere die Erfahrungen so, dass das Verhalten der Person, das ihre frühere Identität widerspiegelt, unterdrückt wird.
5. Stelle ein System von Belohnung und Strafe auf und steuere die Erfahrungen so, dass die Person das neue Glaubenssystem und die Verhaltensnormen der Gruppe verinnerlicht.
6. Entwickle ein in sich geschlossenes logisches System und eine autoritäre Machtstruktur, die kein Feedback zulässt und ohne Zustimmung oder Anordnung der Führung nicht geändert werden kann.“

Gerichtsurteil gegen Scientology[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ehemalige Scientologe Lawrence Wollersheim erstritt in einem Schadenersatzprozess gegen Scientology eine große Entschädigungszahlung, weil er sich nach seinem Ausstieg einer psychiatrischen Behandlung unterziehen musste. Der Supreme Court der USA kam zu dem Ergebnis, dass die von Scientology eingesetzten Methoden der „Gehirnwäsche“ maßgeblich die seelische Krankheit von Wollersheim verursacht haben. Laut Supreme Court ist Gehirnwäsche wesentlich wirksamer als die Zufügung von Schmerzen, Folter, Drogen oder der Einsatz von körperlicher Gewalt und Drohungen. Gewalt ist das alte Modell der Gehirnwäsche. Die gewaltfreie Gehirnwäsche wird als wesentlich wirksamer eingeschätzt, weil sich damit die Einstellungen von Menschen ohne deren Wissen und ohne deren Zustimmung verändern lassen und sie so dem Manipulator hörig gemacht werden können. Dabei gehe es stets darum, das persönliche Selbstkonzept, die Realitätswahrnehmung und die zwischenmenschlichen Beziehungen einer Person grundlegend zu verändern, um ihre autarke Entscheidungsfähigkeit zu manipulieren. So werde die Person unbewusst und ungewollt zu willfährigen Handlangern der Organisation. Die Gehirnwäsche-Programme seien wirksam, weil die manipulierten Personen einem sehr starken emotionalen Stress unterworfen werden, den sie nur abbauen können, indem sie sich in das System einfügen und das geforderte erzwungene Verhalten fügsam annehmen. Diese Vorgehensweisen seien unethisch und unfair und mit religiösen Praktiken unvereinbar, so der Supreme Court, da es sich eindeutig um eine Kontrolltechnologie handele.[13]

Rezeption in der Populärkultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verschwörungsthriller Der Manchurian Kandidat aus dem Jahr 2004 (ein Remake des Frank Sinatra-Filmes Botschafter der Angst aus dem Jahr 1962) handelt hauptsächlich von Gehirnwäsche während des Golfkrieges.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Behnke, Jürgen Fuchs (Hrsg.): Zersetzung der Seele. Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Stasi, Rotbuch 1015, Hamburg 1995, ISBN 3-88022-365-3; 2. Auflage: EVA Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2010, ISBN 978-3-434-46160-9.
  • Kurt Lewin; Gertrud Weiss Lewin (Hrsg.): Die Lösung sozialer Konflikte, Ausgewählte Abhandlungen über Gruppendynamik (Originaltitel: Resolving Social Conflicts, übersetzt von H. A. Frenzel), Christian, Bad Nauheim 1953 (Mit einem Vorwort von Max Horkheimer und einer Einleitung von Gordon W. Allport).
  • Robert J. Lifton, Thought Reform and the Psychology of Totalism (1961), ISBN 0-8078-4253-2.
  • Edgar H. Schein: Coercive persuasion, A socio-psychological analysis of the „brainwashing“ of American civilian prisoners by the Chinese Communists (1961)
  • Edgar H. Schein: From Brainwashing to Organizational Therapy: A Conceptual Journey, Cape Cod Institute, 2005
  • Benjamin Zablocki: Towards a Demystified and Disinterested Theory of Brainwashing, p 159-214 in Benjamin Zablocki und Thomas Robbins (eds): Misunderstanding Cults, 2001, ISBN 0-8020-8188-6.
  • Dick Anthony: Tactical Ambiguity and Brainwashing Formulations: Science or Pseudo Science, p 215-317 in Benjamin Zablocki und Thomas Robbins (eds): Misunderstanding Cults
  • David Bromley: A Tale of Two Theories: Brainwashing and Conversion as Competing Political Narratives, p 318-348 in Benjamin Zablocki und Thomas Robbins (eds): Misunderstanding Cults
  • Stephen A. Kent: Brainwashing Programs in the Family/Children of God and Scientology, p 349-378 in Benjamin Zablocki und Thomas Robbins (eds): Misunderstanding Cults

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b JT Richardson: 'Brainwashing' as Forensic Evidence. In: SJ Morewitz, ML Goldstein (Hrsg.): Handbook of Forensic Sociology and Psychology. Springer, New York 2014, ISBN 978-1-4614-7177-6, S. 77–85. doi:10.1007/978-1-4614-7178-3_5.
  2. Kristal Davidson: Gehirnwäsche. Von Geheimdiensten, Wissenschaftlern und Agenten. Das Erste 14. November 2014 .
  3. OVG Münster, Beschluss vom 31. Mai 1996, Az: 5 B 993/95, abgedruckt in NVwZ 1997, Seite 302.
  4. Bärbel Schwertfeger: Der Griff nach der Psyche – welche Folgen umstrittene Trainings und Therapieangebote haben können. PDF-Download.
  5. Hubert Michael Mader: Studien und Berichte. Politische Esoterik – eine rechtsextreme Herausforderung. Wien: Landesverteidigungsakademie 1999. S. 107 und S. 130f.
  6. Richardson, James T.: Brainwashing Claims and Minority Religions Outside the United States: Cultural Diffusion of a Questionable Concept in the Legal Arena. In: Brigham Young University Law Review. Nr. 4, 1996.
  7. Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
  8. China, Interview mit Zhao Ming: Befreit von der Folter in Chinas Arbeitslagern, bei amnesty.at
  9. siehe Kurt Lewin, "Der Sonderfall Deutschland" (englische Originalfassung 1943), in Lewin 1953, Die Lösung sozialer Konflikte, Bad Nauheim: Christian, S. 74–91. Zum späteren 3-Phasen-Modell siehe Lewin 1947, Frontiers in Group Dynamics: Concept, Method and Reality in Social Science; Social Equilibria and Social Change, Human Relations 1 (S. 5–41), S. 34f; deutsch: "Geplante Veränderungen als Dreischritt: Auflockern, Hinüberleiten und Verfestigen eines Gruppenstandards", in Lewin 1963, Feldtheorie der Sozialwissenschaften, Bern: Huber, S. 262f
  10. Robert J. Lifton: Thought Reform and the Psychology of Totalism: a study of „brainwashing“ in China
  11. Edgar H. Schein: Coercive persuasion, A socio-psychological analysis of the „brainwashing“ of American civilian prisoners by the Chinese Communists
  12. Margaret Singer In: Bärbel Schwertfeger: Der Griff nach der Psyche – welche Folgen umstrittene Trainings und Therapieangebote haben können. PDF-Download S. 5f.
  13. Margaret Singer In: Bärbel Schwertfeger: Der Griff nach der Psyche – welche Folgen umstrittene Trainings und Therapieangebote haben können. PDF-Download S. 4.
  14. http://www.focus.de/panorama/welt/tid-32578/david-miscaviges-nichte-packt-aus-so-tickt-der-innerste-zirkel-von-scientology-sklaverei-gehirnwaesche-und-angst-die-scientologische-indoktrinierung-endlose-verhoere_aid_1055157.html
  15. Birck, Angelika, Christian Pross, und Johan Lansen, eds. Das Unsagbare: Die Arbeit mit Traumatisierten im Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin. Springer-Verlag, 2011. S. 285.