Gemütlichkeit

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Gemütlichkeit, Aussprache?/i abgeleitet von Gemüt, ist ein subjektiv empfundener Gemütszustand des Wohlbefindens, ausgelöst durch subjektiv determinierte materielle Verstärker und/oder Situationen. Das Wort Gemütlichkeit wird auch im Englischen und im Französischen (la Gemütlichkeit) verwendet. Der Gegenbegriff ist 'Ungemütlichkeit'.

Gemütlichkeit kennzeichnet eine dem Menschen freundliche, warme Atmosphäre und Umgebung, in der man sich wohlfühlt. Sie ist gekennzeichnet von Ausgeglichenheit, Geborgenheit, Konfliktfreiheit und Sorglosigkeit. Sie bringt Ruhe in die Hektik. Gemütlichkeit verträgt keine Aufregung, keinen Streit, keine sich aufdrängenden Sorgen. Sie ist auch unvereinbar mit gleichzeitiger schwerer Arbeit, die zwar zu Gemütlichkeit führen kann, aber selbst keine darstellt. In der Kunst kann die Darstellung von Gemütlichkeit bzw. Konfliktfreiheit kitschig wirken.

Etymologie[Bearbeiten]

Der Begriff Gemütlichkeit bedeutete zunächst etwa „voller Gemüt“. Die Herrnhuter verwendeten den Ausdruck Anfang des 18. Jahrhunderts in ihren Schriften im Sinne von Herzlichkeit. Eine neue Bedeutung bekam er in der Biedermeierzeit; in dieser Phase wurde Gemütlichkeit zu einem Modebegriff im Sinne von Behaglichkeit, wurde von Kritikern wie Joseph Görres aber auch in Zusammenhang gebracht mit Nationalismus und Deutschtümelei. Gemütlichkeit bekam daher auch eine negative Konnotation im Sinne von Trägheit und fehlender Courage.

Viele Intellektuelle kritisieren außerdem die Gemütlichkeit als Beispiel trügerischer Idylle. In literarischen Werken, etwa von Ödön von Horváth (Geschichten aus dem Wiener Wald) und Helmut Qualtinger (Der Herr Karl), wurde die als typisch geltende "Wiener Gemütlichkeit" als verlogen und hinterhältig demaskiert.

Der Schriftsteller Friedrich Theodor Vischer (1807–1887) sprach in seinem zweibändigen Werk Auch Einer (geschrieben in den 1850er Jahren) abwertend von der „Vettermichelsgemütlichkeit“.[1]

Nur im Dänischen gibt es mit „hyggelig“ einen zum Deutschen „gemütlich“ ungefähr analogen Begriff.

Sonstiges[Bearbeiten]

Das Trinklied Ein Prosit der Gemütlichkeit – es wird häufig auf dem Oktoberfest gespielt bzw. gesungen – hat dazu beigetragen, den Begriff international zu verbreiten.

Sehr bekannt im deutschen Sprachraum ist das Lied Probier’s mal mit Gemütlichkeit aus dem Walt-Disney-Film Das Dschungelbuch. Die Formulierung wurde zum geflügelten Wort; das Lied wurde mehrfach gecovert.

1973 verklagte ein englischer Tourist seinen Reiseveranstalter, weil seine Pauschalreise in die Schweizer Alpen nicht die im Werbeprospekt angekündigte 'Gemütlichkeit' beinhaltet habe. In britischen Fachkreisen ist der Fall als "Jarvis v Swans Tours Ltd" bekannt.[2]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Brigitta Schmidt-Lauber: Gemütlichkeit. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung. Campus, Frankfurt am Main und New York 2003, ISBN 3-593-37363-7.
  • Klaus Heinrich: Gemütlichkeit, in: Deutsche Stichworte. Anmerkungen und Essays, hrsg. v. Horst Kurnitzky und Marion Schmid, Frankfurt/Main 1984, S. 47-53. ISBN 3-8015-0197-3
  • Peter Melichar: Die Gemütlichkeit oder der Wille zur Abstraktion, in: Memoria Austriae, hrsg. v. Ernst Bruckmüller, Emil Brix und Hannes Stekl, Bd. 1, Wien 2004, S. 271-300. ISBN 3-486-56838-8

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Gemütlichkeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Adolf Storfer, Wörter und ihre Schicksale, Berlin 1935, S. 153 f.
  2. Näheres in der englischen Wikipedia: (englisch)