Gemeinsam Retten

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United4Rescue – Gemeinsam Retten e.V.
Rechtsform eingetragener Verein
Gründung November 2019
Sitz Hannover, Deutschland Deutschland
Schwerpunkt Seenotrettung
Vorsitz Thies Gundlach (Vorsitzender)

Liza Pflaum (Stv. Vorsitzende)[1]

Website www.united4rescue.org

United4Rescue – Gemeinsam Retten e. V. ist ein deutscher Verein zur Seenotrettung von Menschen im Mittelmeer. Er wird von zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie der deutschen Bundesregierung unterstützt und ist an den beiden Rettungsschiffen Humanity 1 und Sea-Eye 4 beteiligt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründung von United4Rescue im November 2019 geht auf eine Resolution[2] beim Evangelischen Kirchentag im Juni 2019 zurück. Dort hatten Kirchentagsbesucher die Entsendung eines Rettungsschiffes der Evangelischen Kirche in Deutschland ins Mittelmeer gefordert und etwa 40.000 Unterstützer mobilisiert. Die Evangelische Kirche beschloss daraufhin, sich mit anderen Nichtregierungsorganisationen für den Kauf eines zusätzlichen Rettungsschiffs bei der Flucht und Migration über das Mittelmeer in die EU zu engagieren.[3][4][5] Der Wochenzeitung Die Zeit zufolge war der interne Entscheidungsprozess von einem „harten Kampf“ im Kirchenamt geprägt gewesen, das „fast das Schiffsprojekt versenkt“ hätte.[6]

United4Rescue[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

United4Rescue – Gemeinsam Retten e.V. ist der Trägerverein, der hinter der ersten Initiative „Wir schicken ein Schiff“ steht.[1][7] Unter dem Namen „United4Rescue“ wurden ab Dezember 2019 unterstützungswillige Gruppen mobilisiert.[8] Der überwiegende Teil davon sind kirchliche Organisationen,[9][10] aber auch Gruppen und Organisationen aus dem Bereich der Sozial- und Flüchtlingspolitik wie ProAsyl, Campact, Ärzte ohne Grenzen, der DGB und mehrere Flüchtlingsräte.[11] „United4Rescue“ begann Anfang Dezember 2019 mit der Spendensammlung zum Ankauf und Umbau eines geeigneten Schiffes.[12] Während im Dezember 2019 bereits rund 150 zivilgesellschaftliche Gruppierungen United4Rescue unterstützen, versammelt das Bündnis im Juni 2022 mehr als 800 Partnerorganisationen.[13][14]

Das Bündnis beteiligte sich über den Trägerverein am Bieterverfahren für das Schiff Poseidon aus dem Besitz des Landes Schleswig-Holstein.[15][16] Das Schiff wurde am 31. Januar 2020 ersteigert[17] und an die Organisation Sea-Watch übergeben, die das Schiff seitdem betreibt.[18]

United4Rescue betont in seiner Grundsatzerklärung, dass gerettete Menschen ein Recht auf ein faires Asylverfahren hätten, das United4Rescue nur in Europa gewährleistet sehe.[19] Auch verteidigt sich die Organisation in ihrem Botschafter:innen Handbuch gegenüber Vorwürfen und erklärt, dass die private Seenotrettung kein „Pull-Faktor“ sei, der mehr Migranten aufs Mittelmeer locke. Verwiesen wurde dazu auf eine Studie des Migration Policy Centre und auf eine Einschätzung des Leiters der Internationalen Organisation für Migration im Mittelmeerraum Federico Soda von Anfang 2017.[20]

Ende 2020 wirkte der Verein an der Beschaffung eines weiteren Schiffs mit. Mit 434.000 Euro beteiligt man sich dabei am neuen Schiff des Vereins Sea-Eye.[21] Auch über die beiden Bündnisschiffe hinaus, unterstützt der Verein Rettungseinsätze im zentralen Mittelmeer und der Ägäis.

Im November 2022 beschloss der Haushaltsausschuss der Bundesregierung United4Rescue mit 2 Millionen Euro aus Steuergeldern zu unterstützen.[22] Dies ist das erste Mal, dass eine deutsche Regierung die zivile Seenotrettung finanziell fördert.[23]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründung von United4Rescue wurde von einer kontroversen öffentlichen Debatte begleitet.

Günter Thomas, Theologe an der Ruhr-Universität Bochum, kritisierte, die Kirche würde mit der Initiative zuerst eine öffentliche moralisch-politische Machtprobe mit dem Staat suchen. Es gehe darum, Resonanz in der medialen Aufmerksamkeitsökonomie zu erzeugen und moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen. Bezug nehmend auf die Hilfen für die Geretteten durch den Staat schrieb Thomas, die Aktion sei „ökonomisch unverschämt, da die mittelfristigen Folgen des kirchlichen Handelns ungefragt der Allgemeinheit aufgebürdet werden“.[24]

Frank Mathwig, Theologe und Ethiker an der Universität Bern, begrüßte wiederum das Engagement der Kirche als ein „mehr als ehrenwertes und unterstützungswürdiges ethisches Programm“. Die Rettung von Menschenleben gehöre „zum Kern des biblisch begründeten kirchlichen Selbstverständnisses“.[25]

Jürgen Mette, evangelikaler Theologe und Publizist, bezeichnete das Projekt als „Schiff gewordene Predigt“ und sprach sich dafür aus: „Ich halte es für alternativlos, dass die christlichen Kirchen sich an einer Rettungsmission beteiligt, aus einem einzigen und einfachen Grund: Christen dürfen nicht Menschen einfach so im Meer absaufen lassen [...].“

Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank und Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando äußerten Unterstützung für die Forderung des Bündnisses, dass europäische Kommunen nach eigenem Ermessen zusätzliche Flüchtlinge aufnehmen dürfen sollten, eine Entscheidung, die bisher nur von den nationalen Regierungen getroffen werden kann.[16][26]

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, erhielt im Zusammenhang mit dem Engagement für Seenotrettung Morddrohungen.[27] Er verteidigte sich gegen Vorwürfe, das habe „nichts mit politischem Aktivismus zu tun, sondern mit dem Kern christlichen Glaubens und Handelns“.[28]

Ulrich Reitz schrieb beim Focus, dass die kirchliche Initiative in einer moralischen Grauzone sei. Er kommentierte im August 2020, dass sich die evangelische Kirche nicht um die Folgelasten ihrer Aktion kümmere. Weder um die Kosten, die sozialen Folgen, noch um die Integrationslasten, die auf die Rettungen folgten. Reitz sah einen Angriff auf Europas Regierungen durch die kirchliche Initiative und merkte an, dass die Regierungen sich immer darauf zurückziehen könnten, schließlich von den Wählern ein Mandat erhalten zu haben, keine weiteren Flüchtlinge aufzunehmen.[29]

Christiane Florin erklärte dagegen im Deutschlandfunk allein die Frage, ob geholfen werden soll, sei schon „schlicht unethisch“. Man solle nicht, man müsse retten.[30] Im evangelisch bayrischen Sonntagsblatt wurde zudem kommentiert, dass ein behaupteter Pulleffekt aufgrund der Seenotrettung, also dass sich mehr Menschen wegen des verringerten Risikos in Boote setzen würden, von Migrationsforschern zurückgewiesen würde. Die Verzweiflung der Menschen sei zu groß.[31]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b „Über uns“ united4rescue.com
  2. Kirchentag: Rettungsschiff der Kirche für Flüchtlinge gefordert. In: evangelisch.de. 23. Juni 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  3. Gründung des Aktionsbündnisses United4Rescue. In: EKD.de. Evangelische Kirche in Deutschland, 3. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  4. Reinhard Bingener: Synode in Dresden: Die EKD und die Frage nach der Seerettung. Hrsg.: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. November 2019, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 4. Januar 2020]).
  5. Reinhard Bingener: Seenotrettung im Mittelmeer: Evangelische Kirche will sich an weiterem Flüchtlingsschiff beteiligen. Hrsg.: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 12. September 2019, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 4. Januar 2020]).
  6. Hannes Leitlein: "Sea-Watch 4": Seenotrettungsschiff der Kirche macht die Leinen los. In: Die Zeit. 13. August 2020, abgerufen am 10. Juni 2022.
  7. Doris Bimmer: Bedford-Strohm: Morddrohungen wegen Seenotrettungsplänen. In: Bayerischer Rundfunk. 4. Januar 2020, abgerufen am 4. Januar 2020.
  8. Bündnis sammelt für neues Seenotrettungsschiff. In: NDR. 3. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  9. Martin Schlorke: Kirche gründet Bündnis zur Seenotrettung. In: www.pro-medienmagazin.de. 3. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  10. Kardinal Marx spendet 50.000 Euro für Seenotrettungsschiff. In: Der Tagesspiegel. 7. Januar 2019, abgerufen am 8. Januar 2020.
  11. „Alle Bündnispartner auf einen Blick“ united4rescue.com
  12. Die Welt (Hrsg.): Seenotrettung im Mittelmeer: Kirche startet Sammlung für neues Schiff. 4. Dezember 2019 (welt.de [abgerufen am 4. Januar 2020]).
  13. Große Unterstützung für Flüchtlingsschiff der Kirche. In: Süddeutsche Zeitung. 31. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  14. Die Welt (Hrsg.): United4Rescue: Kirche meldet große Unterstützung für eigenes Flüchtlingsschiff. 30. Dezember 2019 (welt.de [abgerufen am 4. Januar 2020]).
  15. Benjamin Lassiwe: Spendensammlung beginnt: Rheinische Kirche gibt 100.000 Euro für Seenotrettung. In: Rheinische Post. 3. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  16. a b Reinhard Bingener: EKD zur Seenotrettung: „Nicht nur reden, handeln“. Hrsg.: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 4. Dezember 2019, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 4. Januar 2020]).
  17. André Klohn und Matthias Hoenig : "Die „Poseidon“ wird zum Flüchtlingsschiff" welt.de vom 31. Januar 2020
  18. Seenotrettung: Bündnis will ein zusätzliches Schiff schicken. In: idea.de. 3. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  19. Reinhard Bingener:"„Nicht nur reden, handeln“". FAZ vom 4. Dezember 2019
  20. United for Rescue: "Botschafter:innen Handbuch" United for Rescue, 2020, abgerufen am 13. August 2020
  21. epd: "United4Rescue schickt noch ein Schiff" evangelische-zeitung.de vom 16. November 2020
  22. "Haushaltsausschuss bewilligt Geld für private Seenotrettung" br.de vom 11. November 2022
  23. ndr.de, abgerufen am 13. November 2022.
  24. Soll man für das EKD-Rettungsschiff spenden? In: idea.de. 10. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  25. Frank Mathwig: Kirchenschiffe. Zur biblisch-theologischen Begründung der Seenotrettung aus aktuellem Anlass. 2019 (evref.ch [PDF]).
  26. Peter Burghardt: Ein Schiff für die Menschlichkeit. In: Süddeutsche Zeitung. 3. Dezember 2019, abgerufen am 4. Januar 2020.
  27. Bedford-Strohm – Morddrohungen gegen EKD-Ratsvorsitzenden. In: Deutschlandfunk. 4. Januar 2020, abgerufen am 4. Januar 2020.
  28. Morddrohungen gegen Bischof Bedford-Strohm nach Flüchtlingsschiff-Initiative. In: Augsburger Allgemeine. 4. Januar 2020, abgerufen am 4. Januar 2020.
  29. Ulrich Reitz: "Mit ihrem "Sea Watch"-Einsatz greift die Kirche Europas Regierungen an" focus.de vom 17. August 2020
  30. Christiane Florin: Genug Raum für Seelenheil und Seenotrettung. In: deutschlandfunk.de. 6. August 2020, abgerufen am 17. August 2020.
  31. Renate Haller: "Die 'Sea-Watch 4' kann die Zahl der Toten im Mittelmeer verringern – und das ist eine ganze Menge". In: sontagsblatt.de. 12. August 2020, abgerufen am 17. August 2020.