Gender Gap (Linguistik)

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jede_r
Der Unterstrich als Genderzeichen
zur Abkürzung und Erweiterung
der Beidnennung „jede / jeder“

Der Gender Gap ([ˈdʒɛndɐɡæp], von englisch gender „soziales Geschlecht“, und gap „Lücke, Kluft“), vom Duden empfohlene Schreibweisen Gendergap, Gender-Gap,[1] bezeichnet die Nutzung eines Unterstrichs als Anwendung der gendergerechten Sprache in der deutschen Schriftsprache. Der Name leitet sich ab vom sozialen Gender Gap zwischen Frauen und Männern („Geschlechter-Lücke“), ist aber ein Scheinanglizismus, weil Personenbezeichnungen im Englischen geschlechtsneutral sind. Das Schriftzeichen wird zur Vermeidung des generischen Maskulinums (Schüler) genutzt, um die Beidnennung (Schüler und Schülerinnen) abzukürzen und neben männlichen und weiblichen auch nichtbinäre Geschlechtsidentitäten einzubeziehen (vergleiche Divers, Drittes Geschlecht). Der Unterstrich wird zwischen dem eigentlichen Wortstamm und der movierten weiblichen Endung einer Personenbezeichnung eingefügt (Kolleg_innen) oder zwischen männlicher und weiblicher Endung (Schüler_innen); seltener im Singular: ein_e Schüler_in. Beim Vortragen wird die Lücke wie ein Bindestrich gesprochen: Schüler-innen [ˈʃyːlrərˌʔ ɪnən], was einem Glottisschlag entspricht (siehe Beispiel zur Aussprache). Der Gender-Gap wurde 2003 im Bereich der Queer-Theorie vorgeschlagen als Alternative zum zweigeschlechtlichen Binnen-I (SchülerInnen), allerdings sind sowohl Großbuchstaben als auch Unterstrich im Wortinneren nicht Bestandteil der amtlichen Rechtschreibung. Weiterentwicklungen sind ab 2009 der Genderstern (Schüler*innen) und ab 2015 der Gender-Doppelpunkt (Schüler:innen).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits vor 1900 entwickelte sich eine verkürzende Klammer-Schreibweise wie Schüler(innen) oder Schüler[innen]. Ab den 1940er-Jahren und vermehrt ab den 1960ern entwickelte sich eine Schreibweise mit Schrägstrich: Schüler/-innen. Aus der vermehrten Anwendung des Schrägstrichs ab den 1970er-Jahren im Zuge der zweiten Frauenbewegung, um ausdrücklich auch Frauen einzubeziehen, entwickelte sich ab 1981 die Verkürzung zum Binnen-I: SchülerInnen. Die Queer-Theorie kritisierte früh, dass mit dem Binnen-I zwar Männliches und Weibliches erwähnt werden, damit aber auch die binäre gesellschaftliche Geschlechterordnung hervorgehoben werde. Weitere Geschlechter und Geschlechtsidentitäten wie nichtbinäre oder intergeschlechtliche Personen würden sprachlich verdrängt und hätten sich der zweigeschlechtlichen Norm unterzuordnen.[2][3]

Die Idee zum Stilmittel des Unterstrichs wurde vorgestellt vom Sprachwissenschaftler Steffen „Kitty“ Herrmann 2003 in seinem Essay Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung.[4] Die Bezeichnung Gender Gap oder Unterstrich kommt im Aufsatz nicht vor, nur das Schriftzeichen „_“ als Raum, der Möglichkeiten offenlässt:

„Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _. […] Zwischen die Grenzen einer rigiden Geschlechterordnung gesetzt, ist er die Verräumlichung des Unsichtbaren“

Steffen Herrmann: Performing the Gap (2003)[4][2]

Herrmann vertritt den Gender Gap weiterhin, so 2018: „Der Unterstrich schiebt graphisch die männliche und die weibliche Form auseinander, um dazwischen Platz für etwas Neues zu machen. Nämlich genau für jene, die sich nicht mit der zweigeschlechtlichen Ordnung identifizieren können oder wollen. Der Unterstrich dient also in erster Linie der Sichtbarmachung.“[5]

Nach dem Bekanntwerden wird der Unterstrich zunehmend innerhalb queerer, feministischer und hochschulischer Zusammenhänge eingesetzt, um Geschlechtervielfalt zum Ausdruck zu bringen. Die Queer-Theoretikerin und Philosophin Gudrun Perko erklärte 2008, es wäre vorstellbar, dass „eine Leerstelle anzuzeigen“ sich „in ihr dialektisches Gegenteil“ umschlage, die Leerstelle somit auf Vorhandenes hindeute. Die Unterstrichvariante weise in diesem Sinn auf Menschen hin, „die gesellschaftlich und strukturell unsichtbar gemacht werden“.[3]

Rechtschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Duden online führt den als Gendergap oder Gender-Gap bezeichneten Unterstrich mit der Bedeutung 2: „(bei Personenbezeichnungen) durch einen Unterstrich kenntlich gemachter Abstand zwischen Wortstamm beziehungsweise maskuliner Flexionsendung und femininer Flexionsendung, der der sprachlichen Gleichbehandlung aller sozialen Geschlechter dienen soll“.[6]

Im November 2018 analysiert der Rat für deutsche Rechtschreibung die Vorkommen des Unterstrichs in Textsorten und dazu bestehende Leitlinien, gibt aber selber keine Empfehlung ab. Festgestellt wird:

„[B]eide Formen des Gender-Gap (statischer wie dynamischer Unterstrich) als Kennzeichnung der Aufhebung binärer Geschlechtsvorstellungen sind lediglich in bestimmten Gruppen und Communities verbreitet und entsprechen zum allergrößten Teil nicht den Kriterien, die nach Auffassung des Rats an korrekte Texte gestellt werden müssen (allen voran nicht der Verständlichkeit, Lesbarkeit und Vorlesbarkeit).“[7]

Der Rat erklärt aber: „Entsprechend der Aufgabenbeschreibung im Statut des Rats, auf der Grundlage der Beobachtung des Schreibgebrauchs Empfehlungen zu geben, liegt es allerdings nahe, bei der Beobachtung gendergerechter Schreibung Empfehlungen nicht nur in Bezug auf Formen der Kennzeichnung von Maskulin und Feminin zu erarbeiten, sondern ggf. auch weitere Geschlechter einzubeziehen.“[7]

Das Duden Handbuch geschlechtergerechte Sprache erklärt zur Normierung:

„Aktuell, im Frühjahr 2020, sind diese Möglichkeiten, d. h. Binnen-I, Genderstern, Gendergap, Doppelpunkt und Mediopunkt zwar noch nicht Bestandteil der amtlichen Rechtschreibung, doch sind die drei zuerst genannten als weitverbreitete und legitime Mittel des Strebens nach geschlechtergerechtem schriftlichen Ausdruck durchaus anerkannt und werden auch in den Sitzungen des Rats für deutsche Rechtschreibung zumindest diskutiert […].“[8]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Queer-Theoretikerin Persson Perry Baumgartinger beschreibt 2008 eine zunehmende Verbreitung vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich.[2] In einigen Organisationsnamen taucht er auf, beispielsweise in Österreich: Aktion kritischer Schüler_innen (ab 2010), Grüne & Alternative Student_innen (ab 2016) oder Verband Sozialistischer Student_innen (ab 2016). Der deutsche Dokumentarfilm Viacrucis Migrante – Kreuzweg der Migrant_innen nutzt 2016 den Gender Gap im Titel, um ausdrücklich Frauen und Transgender-Personen einzubeziehen.

2020 enthalten viele der Hochschul-Leitfäden zur Verwendung geschlechtergerechter Sprache in der offiziellen Kommunikation noch den Gender Gap als Möglichkeit für abkürzende Schreibweisen (siehe Liste). Im Februar 2020 ermittelt das Medienunternehmen news aktuell in einer Online-Umfrage bei deutschen Pressestellen und PR-Agenturen, dass nur 1 % der 415 befragten Kommunikatoren den Unterstrich verwenden. In der Schweiz werden 92 Kommunikatoren befragt, von ihnen nutzt ihn niemand (siehe Auswertungstabelle).[9][10]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Problem stellt sich bei der Verwendung des Unterstrichs in Druckwerken oder Webseiten bezüglich der Schriftauszeichnung durch Unterstreichen (Unterlegung von Text mit einer Linie), weil das Genderzeichen dadurch unkenntlich wird und die Wortbildung in einzelne Bestandteile aufgeteilt scheint:[11]

  • Student_innen, ein_e Schüler_in

Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch, Pionierin der geschlechtergerechten Sprache, findet im Jahr 2008 den Gender Gap interessant und im Ansatz gut, ist aber nicht ganz davon überzeugt. Er erinnere sehr an den Aufbau von E-Mail-Adressen, sei besser als der Schrägstrich, aber nicht so gut wie das Binnen-I, „das auf schlaue Weise eine feminine Lesart suggeriert, die trotzdem auch für Männer akzeptabel sein sollte, da sie sich ja von der rein femininen Form ‚Leserinnen‘ grafisch deutlich unterscheidet.“ Insgesamt spricht sie sich für ein konsequentes Hinarbeiten auf neutrale Formen wie im Englischen aus und für „eine rigorose Abschaffung der im Kern diskriminierenden Ableitungen ‚nebensächlicher‘ Formen aus den ‚Hauptformen‘. Alle Geschlechter einschließlich der nicht Festgelegten haben Anspruch auf die Grundform und sollten nicht mit irgendwelchen Wurmfortsatzbildungen in Ecken abgeschoben werden“.[3] Seit 1980 tritt Pusch für die alleinige Verwendung des generischen Femininums ein, bei dem weibliche Personenbezeichnungen verallgemeinernd für alle Geschlechter stehen (siehe auch Puschs Kritik am Genderstern).

Die Queer-Theoretikerin Persson Perry Baumgartinger weist 2008 darauf hin, dass mit dem Unterstrich der Vielfalt an Geschlechtlichkeiten zwischen MannFrau nur ein kleiner Raum zugewiesen werde. Auch bleibe durch die verbindliche Erstnennung der maskulinen Wortform die Hierarchisierung von Mann zu Frau bestehen und werde als einzig anerkannte und nennenswerte Variante gezeigt − gegenüber dem „Anderen“, dem nur ein kleiner Platzhalter zugewiesen werde.[2]

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufkleber auf einem Hinweis­schild in Kiel an der Hörnbrücke (2015)

Anstelle des Unterstrichs als Ausdruck der Geschlechterlücke (Gender Gap) wird 2009 das Gendersternchen vorgeschlagen: „Wissenschafter*innen, Richter*innenschaft“.[12] Nach den Verfassungsurteilen zur dritten Geschlechtsoption „divers“ verbreitet sich ab 2020 als Weiterentwicklung der Gendersternchen#Gender-Doppelpunkt: „Mitarbeiter:innen, Bürger:innenbeteiligung“.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktuelle MaterialsammlungfPortal Frauen: Gendersprache – aktuelle Materialien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2020: Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin April 2020, ISBN 978-3-411-74517-3, S. 126–127: Unterstrich u. A.: „Schüler_innen, Schüler:innen“.
  • 2019: Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden: Gendern – ganz einfach! Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin März 2019, ISBN 978-3-411-74335-3, S. 30: Schüler_innen: Unterstrich (kompakter Ratgeber).
  • 2018: Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR): Bericht und Vorschläge der AG „Geschlechtergerechte Schreibung“ zur Sitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung am 16.11.2018 – Revidierte Fassung… Mannheim, 16. November 2018 (PDF: 455 kB, 11 Seiten auf rechtschreibrat.com).
  • 2017: Anja Steinhauer, Gabriele Diewald: Duden: Richtig gendern – Wie Sie angemessen und verständlich schreiben. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin Oktober 2017, ISBN 978-3-411-74357-5, S. 47/48: Unterstrich (Seitenvorschau in der Google-Buchsuche).
  • 2016: Duden-Redaktion: geschlechtergerechter Sprachgebrauch. In: Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle: Richtiges und gutes Deutsch (= Duden. Band 9). 8., vollständig überarbeitete Auflage. Dudenverlag, Berlin Dezember 2016, ISBN 978-3-411-04098-8, S. 387–395, hier S. 390–391: Großes I, Asterisk und Unterstrich (Seitenvorschauen in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gendergap, Gender-Gap, der. In: Duden.de. Abgerufen am 25. Mai 2020.
  2. a b c d Persson Perry Baumgartinger: Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest… Von Emanzipation und Pathologisierung, Ermächtigung und Sprachveränderungen. In: Liminalis – Zeitschrift für geschlechtliche Emanzipation. Nr. 2, 26. Juni 2008, S. 24–39, hier S. 24 (PDF: 183 kB, 16 Seiten auf liminalis.de (Memento vom 31. Dezember 2013 im Internet Archive)).
  3. a b c Beate Hausbichler: Gender/Sprache: Raum für _!. In: dieStandard.at. 26. Oktober 2008, abgerufen am 26. März 2020.
  4. a b Steffen „Kitty“ Herrmann (alias S_he): Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung. In: Arranca! Nr. 28, November 2003, S. 22–26 (online auf arranca.org).
    Profil: Steffen Herrmann, Institut für Philosophie. In: FernUni-Hagen.de. 2020, abgerufen am 26. März 2020.
  5. Steffen Herrmann: Debatte Sprache und Geschlecht: Den Unterstrich zu verwenden bedeutet, sich politisch zu positionieren. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 8. August 2018, abgerufen am 25. Mai 2020.
  6. Gendergap, Gender-Gap, der. In: Duden online. Abgerufen am 26. März 2020.
  7. a b Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR): Bericht und Vorschläge der AG „Geschlechtergerechte Schreibung“ zur Sitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung am 16.11.2018 – Revidierte Fassung… Mannheim, 16. November 2018, S. 1 und 10 (PDF: 455 kB, 11 Seiten auf rechtschreibrat.com).
  8. Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin April 2020, ISBN 978-3-411-74517-3, S. 127: Anmerkung zur Normierung.
  9. news aktuell – Pressemeldung: Keine einheitliche Regelung: Wie die PR mit gendergerechter Sprache umgeht. In: Pressesprecher.com 7. Mai 2020, abgerufen am 8. Mai 2020.
  10. Redaktioneller Text: Wie die PR mit gendergerechter Sprache umgeht. In: Werbewoche.ch 7. Mai 2020, abgerufen am 8. Mai 2020.
  11. Gleichstellungsbeauftragte der Universität Hamburg: Empfehlungen zu geschlechtergerechterSprache. Hamburg, Mai 2019, S. 2 (PDF: 1,1 MB, 32 Seiten auf gb.uni-koeln.de); Zitat: „Gender-Gap: […] Mit der Formulierung sollen auch andere Geschlechter berücksichtigt werden. Von Nachteil kann die Auslassung bei der Lesbarkeit sein, insbesondere auch bei Unterstreichungen.“
  12. Beatrice Fischer, Michaela Wolf: Leitfaden zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch: Zur Verwendung in Lehrveranstaltungen und in wissenschaftlichen Arbeiten. Institut für theoretische und angewandte Translationswissenschaft, Universität Graz, März 2009, S. 5 (PDF; 64 kB, 11 Seiten auf univie.ac.at); Zitat: „Das Gender Gap kann auch mit einem Sternchen * zum Ausdruck gebracht werden.“