Gendern

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Gendern oder Gendering (von englisch gender „soziales Geschlecht“: etwa „Vergeschlechtlichung“) ist eine eingedeutschte Wortbildung aus dem angelsächsischen Sprachraum und bezeichnet im allgemeinen Sinne die Berücksichtigung oder Analyse des Geschlechter-Aspekts in Bezug auf eine Grundgesamtheit von Personen, etwa in Wissenschaft, Statistik und Lehre. Beispielsweise werden statistische Daten unterschieden in Angaben zu Frauen und zu Männern (vergleiche Gender Data Gap). Im besonderen Sinne steht das Gendern im Deutschen für einen geschlechterbewussten Sprachgebrauch, der im Interesse der Gleichbehandlung der Geschlechter mit Veränderungen der herkömmlichen schriftlichen und gesprochenen Sprache einhergeht. In sozialen Medien wird gendern oft nur auf den Einsatz von besonderen Zeichen wie dem Gendersternchen bezogen (Nutzer*innen), teils abfällig als „Genderei“ bezeichnet.

Gendern in der deutschen Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Sprachwissenschaft (Linguistik) bezeichnet gendern den Gebrauch geschlechtergerechter Formulierungen zur sprachlichen Gleichbehandlung der Geschlechter im Deutschen.[D 1][1] Dies betrifft vor allem Personenbezeichnungen (Nomen und Pronomen) und ihre geschlechtsspezifische oder -neutrale Verwendung. Um generisch maskuline Bezeichnungsformen (Lehrer) wegen ihrer Einseitigkeit und Mehrdeutigkeit zu vermeiden und alle biologischen und sozialen Geschlechter (Gender) gleich zu behandeln, wurden ab den späten 1970er-Jahren zwei grundlegende Möglichkeiten entwickelt.

  1. Zur Sichtbarmachung der Geschlechter werden Bezeichnungsformen verwendet, die mit dem Geschlecht/Gender der angesprochenen Personen (fachsprachlich: ihrem Sexus) übereinstimmen – dazu bieten sich zweigeschlechtliche und darüber hinausgehende Möglichkeiten:
    1. die vollständige Beidnennung (Paarform) bezeichnet Männer und Frauen: Lehrerinnen und Lehrer, ein Schüler oder eine Schülerin
      verkürzte Paarformen werden mit Schrägstrich geschrieben: Lehrer/Lehrerinnen oder abgekürzt Lehrer/-innen – außerhalb der amtlichen Rechtschreibregel wird stellenweise die Verkürzung Lehrer/innen oder das Binnen-I verwendet: LehrerInnen
    2. mehrgeschlechtliche Schreibweisen werden seit 2003 und verstärkt seit der rechtlichen Einführung der dritten Geschlechtsoption „divers“ 2018 verwendet, sind aber nicht von den Rechtschreibregeln abgedeckt: das Gendersternchen bei Lehrer*innen, der Gender-Doppelpunkt bei Lehrer:innen oder der Unterstrich bei Lehrer_innen
  2. Zur Neutralisierung werden nur geschlechtlich unbestimmte Personenbezeichnungen und Formulierungen verwendet, die keinen Bezug erkennen lassen zum Gender der angesprochenen Personen:
    1. geschlechtsneutrale Benennung
      durch generische Personenbezeichnungen (Lehrperson)
      durch substantivierte Partizipien oder Adjektive (Lehrende)
      durch Sachbezeichnungen (Lehrkraft)
    2. geschlechtsneutrale Umformulierung
      durch Umformulierung mithilfe des Adjektivs (lehrend tätig sein)
      durch Umschreibungen mit dem Passiv (es ist zu beachten)
      durch direkte Anrede (Ihre Unterschrift:)
      durch Bildung von Relativsätzen (alle, die lehren)

Einschränkungen des Genderns[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Verpflichtung für Dienstleister, „gendergerecht“ zu formulieren, hat im März 2018 der deutsche Bundesgerichtshof (BGH) in einem Einzelfall verneint: Das oberste deutsche Zivilgericht wies die Klage der 80-jährigen Frauenrechtlerin Marlies Krämer ab, die von ihrer örtlichen Sparkasse verlangte, in persönlichen Anschreiben als „Kundin“ angesprochen zu werden statt mit der grammatisch männlichen Wortform „Kunde“ als generischem Maskulinum. Auch die weiblichen Wortformen „Kontoinhaberin, Empfängerin“ beanspruchte sie für sich statt „Kontoinhaber, Empfänger“.[2] Die Formularsprache dürfe aber maskulin bleiben, und Frauen erlitten aus Sicht des BGH keinen Nachteil, wenn sie in Vordrucken mit dem generischen Maskulinum angesprochen werden.[3][4] Die Sprachwissenschaftlerin Carolin Müller-Spitzer kritisierte die Urteilsbegründung des BGH: „Diese Auffassung steht allerdings im Widerspruch zu einer Vielzahl empirischer Studien, die sich u. a. mit der Frage beschäftigen, wie das generische Maskulinum verstanden wird.“[5] Die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, Maria Wersig, bedauerte die Entscheidung des BGH und erklärte, in Sachen geschlechtergerechter Sprache bleibe viel zu tun.[6] Marlies Krämer kündigte an, vor das Bundesverfassungsgericht und notfalls vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen.[7] Im Juli 2020 wies das Bundesverfassungsgericht die Klage wegen eines Mangels bei der Antragsbegründung ab.[8] Die mittlerweile 82-jährige Klägerin erklärte, nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) zu ziehen: „Ich gebe nicht auf, ich mache weiter, bis das Rennen gelaufen ist“.[9]

Die deutsche Partei Die Linke erklärte im September 2019: „Im Interesse des flüssigen Lesens und der Maschinenlesbarkeit ist auf eine ‚gegenderte‘ Schreibweise zu verzichten. Es ist also stets von ‚Nutzerinnen und Nutzer‘ zu schreiben.“ Mit gendern waren hier allerdings nur die Sonderzeichen Genderstern, Binnen-I und Gender Gap gemeint, die von Vorlesegeräten teilweise unverständlich übersetzt würden und es Menschen mit Behinderungen erschweren, Dokumente im Internet zu lesen. Nicht betroffen von diesem Beschluss seien Programm- und Flyertexte.[10]

Gendering in der Wissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Geschichts- und Sozialwissenschaften wird Gendering oder Gendern verwendet, um auszudrücken, dass ein Thema unter einer geschlechterspezifischen Fragestellung und Perspektive untersucht und dargestellt wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Geschlecht in nahezu allen Lebensbereichen eine Rolle spielt und Herrschaftsverhältnisse geschlechtlich markiert sind. Geschlecht prägt Denken, Vorstellungen, die soziale und politische Welt, und diese konstituieren das „soziale Geschlecht“ (Gender).

Beispielsweise zeichnete die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger um das Jahr 1800 die verschiedenen Gendering-Prozesse innerhalb der Naturwissenschaften nach. Sie zeigte, wie die zu der Zeit vorherrschenden Geschlechterbilder und -dichotomien das wissenschaftliche Denken geprägt haben.[11] Die Rechtshistorikerin und Soziologin Ute Gerhard und die Historikerin Joan Scott beschrieben die frauendiskriminierende Grundstruktur des Staatsbürgerkonzepts, wie es erstmals in der Französischen Revolution realisiert wurde, als male gendering („männliches Gendering“).[12]

Im Bereich von Forschung und Lehre wird die Begriffskopplung „Integratives Gendering“ verwendet, um die Integration von Genderaspekten auf allen hochschuldidaktischen Handlungsebenen und in allen hochschulischen Handlungsfeldern zu bezeichnen.[13] Es wird in diesen Zusammenhängen auf folgende Genderkategorien zurückgegriffen:[14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktuelle MaterialsammlungfPortal Frauen: Gendersprache – aktuelle Materialien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Duden-Redaktion: Duden: Die deutsche Rechtschreibung. 28. Auflage. Dudenverlag, Berlin August 2020, ISBN 978-3-411-04018-6, S. 112–114: Geschlechtergerechter Sprachgebrauch (online auf duden.de).
  • Gesellschaft für deutsche Sprache: Leitlinien der GfdS zu den Möglichkeiten des Genderings. In: Der Sprachdienst. Nr. 1–2, Mitte 2020 (online auf gfds.de).
  • Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin April 2020, ISBN 978-3-411-74517-3 (Leseprobe auf weiterlesen.de).
  • Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden: Gendern – ganz einfach! Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin März 2019, ISBN 978-3-411-74335-3 (kompakter Ratgeber; Leseprobe auf duden.de).
  • Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR): Bericht und Vorschläge der AG „Geschlechtergerechte Schreibung“ zur Sitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung am 16.11.2018 – Revidierte Fassung…. Mannheim, 16. November 2018 (PDF: 455 kB, 11 Seiten auf rechtschreibrat.com).
  • Jasmin Siri: Kampfzone Gender: Über die Politisierung wissenschaftlicher Expertise. Nicolai Publishing & Intelligence, Berlin Oktober 2018, ISBN 978-3-96476-003-6 (DLF-Besprechung).
  • Anne Wizorek, Hannah Lühmann: Gendern?! Gleichberechtigung in der Sprache – Ein Für und Wider. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-411-75619-3 (Leseprobe auf duden.de).
  • Anja Steinhauer, Gabriele Diewald: Richtig gendern: Wie Sie angemessen und verständlich schreiben. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-411-74357-5.
  • Duden-Redaktion: geschlechtergerechter Sprachgebrauch. In: Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle: Richtiges und gutes Deutsch (= Duden. Band 9). 8., vollständig überarbeitete Auflage. Dudenverlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-411-04098-8, S. 387–395 (Volltext in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: gendern – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Portale:

Artikel:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden Handbuch 2020, S. 8, Zitat: „Wir verwenden den Ausdruck gendern gleichbedeutend mit ‚Sprache geschlechtergerecht gestalten‘.“
  • Sonstige Belege
  1. Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden: Gendern – ganz einfach! Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin März 2019, ISBN 978-3-411-74335-3, S. 7 (Seitenvorschau auf duden.de: „Blick ins Buch“ anklicken); Zitat: „Gendern ist, sehr allgemein gesprochen, ein sprachliches Verfahren, um Gleichberechtigung, d. h. die gleiche und faire Behandlung von Frauen und Männern im Sprachgebrauch, zu erreichen. Gendern bedeutet somit die Anwendung geschlechtergerechter Sprache.“
  2. Wolfgang Janisch: Entscheidung am Bundesgerichtshof: Wie Marlies Krämer gegen die Sparkassen kämpft. In: Süddeutsche Zeitung. 20. Februar 2018, abgerufen am 1. Juli 2020.
  3. Meldung: Gender-Streit – BGH: Frauen haben kein Recht auf weibliche Ansprache. In: SüddeutscheZeitung.de. 13. März 2018, abgerufen am 24. November 2019.
  4. Meldung: Bundesgerichtshof: Formulare dürfen männlich bleiben. In: Faz.net. 13. März 2018, abgerufen am 24. November 2019.
  5. Carolin Müller-Spitzer: Kundin oder Kunde – Geschlechtergerechte Sprache revisited. In: Verfassungsblog.de. 21. Mai 2018, abgerufen am 24. November.
  6. Meldung (dpa): BGH-Entscheidung: Kundin bleibt Kunde: Klägerin unterliegt im Formularstreit. In: Die Zeit. 13. März 2018, abgerufen am 1. Juli 2020.
  7. Meldung (dpa): Marlies Krämer: Sparkassen-Kundin unterliegt im Formular-Streit. In: Frankfurter Rundschau. 13. März 2018, abgerufen am 1. Juli 2020.
  8. Meldung: Bundesverfassungsgericht: Sparkasse darf Kundin vorerst als Kunde anreden. In: Der Spiegel. 1. Juli 2020, abgerufen am 1. Juli 2020.
  9. Meldung: Gericht Beschwerde wegen Gendern erfolglos: Anrede bleibt männlich. In: morgenweb.de. 2. Juli 2020, abgerufen am 10. August 2020 (hinter einer Paywall).
  10. Anna Lehmann: Barrierefreie Kommunikation im Netz: Linke will aufs Gendern verzichten. In: taz.de. 3. September 2019, abgerufen am 24. November 2019.
  11. Claudia Opitz-Belakhal: Geschlechtergeschichte. Campus, Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-593-39183-0, S. 45.
  12. Claudia Opitz-Belakhal: Geschlechtergeschichte. Campus, Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-593-39183-0, S. 140.
  13. Bettina Jansen-Schulz, Kathrin van Riesen: Integratives Gendering und Gender-Diversity-Kompetenz: Anforderungen an eine innovative Hochschullehre. In: Sven Ernstson, Christine Meyer (Hrsg.): Praxis geschlechtersensibler und interkultureller Bildung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-19798-2, S. 217–237.
  14. Bettina Jansen-Schulz: Integratives Gendering in der Lehre. In: Soziale Technik. Band 3, 2006, S. 19–21 (Zusammenfassung).