Gendering

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Gendering oder Gendern (von englisch gender „Geschlecht“: etwa „Vergeschlechtlichung“) ist eine moderne Begriffsbildung, die aus dem angelsächsischen Sprachraum in die deutsche Sprache übernommen wurde. Gendering bezeichnet auf einer allgemeinen Ebene die Analyse oder die Berücksichtigung des Geschlechter-Aspekts (etwa in Wissenschaft und Lehre). Außerdem steht das Wort für einen geschlechterbewussten Sprachgebrauch, der im Interesse der Gleichstellung der Geschlechter mit Veränderungen der herkömmlichen (Schrift-)Sprache einhergeht.

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Geschichts- und Sozialwissenschaften wird der Begriff verwendet, um auszudrücken, dass ein Thema unter einer geschlechterspezifischen Fragestellung und Perspektive untersucht und dargestellt wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass Geschlecht in nahezu allen Lebensbereichen eine Rolle spielt und Herrschaftsverhältnisse geschlechtlich markiert sind. Geschlecht prägt Denken, Vorstellungen, die soziale und politische Welt und diese konstituieren das soziale Geschlecht (Gender). Beispielsweise zeichnete die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger die verschiedenen Gendering-Prozesse innerhalb der Naturwissenschaften um 1800 nach. Sie zeigte, wie die zu der Zeit vorherrschenden Geschlechterbilder und -dichotomien das wissenschaftliche Denken geprägt haben.[1] Die Rechtshistorikerin und Soziologin Ute Gerhard und die Historikerin Joan Scott beschrieben die frauendiskriminierende Grundstruktur des Staatsbürgerkonzepts, wie es erstmals in der Französischen Revolution realisiert wurde, als male gendering.[2]

Im Bereich von Forschung und Lehre wird die Begriffskopplung „Integratives Gendering“ verwendet. Hierbei geht es um die Integration von Genderaspekten auf allen hochschuldidaktischen Handlungsebenen und in allen hochschulischen Handlungsfeldern.[3] Es wird in diesem Kontext auf folgende Genderkategorien zurückgegriffen: Geschlechterforschung (etwa feministische Wissenschaftstheorien), Genderkompetenz als Schlüsselkompetenz, Gender als Inhalt (Verankerung im Studiengang), Diversity, Genderdidaktik, Gendermodule (etwa frauenspezifische Seminare), Studienorganisation und Rahmenbedingungen.[4]

Gendering in der deutschen Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Sprachwissenschaft (Linguistik) bezeichnet Gendering die Bestrebung, die Gleichstellung aller Geschlechter in der Sprache zu etablieren und Sexismus entgegenzuwirken, indem Texte in einer möglichst geschlechtsneutralen oder gender-inkludierenden Form verfasst werden. Die beiden Haupttechniken sind die Sichtbarmachung beider Geschlechter durch Doppelnennung (oder Beidnennung, Paar- oder Parallelform) sowie die Verwendung geschlechtsneutraler Formulierungen.

Arten des Gendering[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um einen gendergerechten Sprachgebrauch umzusetzen, werden vor allem 8 Möglichkeiten genannt:[5]

1. Geschlechtsneutrale Formulierungen

  • Ersetzung durch geschlechtsneutrale Formulierungen:
Schulkinder statt Schüler und Schülerinnen

2. Doppelnennung, vollständige Paarform

  • Nennung beider Geschlechterformen:
Schülerinnen und Schüler statt Schüler

3. Verkürzte Paarform

  • Nennung beider Geschlechterformen mit Schrägstrich:
Schülerinnen/Schüler statt Schüler

4. Gendersternchen

Schüler*innen

5. Gender-Gap

  • Verbindung beider Geschlechterformen mit Unterstrich, um auch weitere Geschlechter einzuschließen:
Schüler_innen

6. Binnen-I

  • Zusammenziehung beider Geschlechterformen unter Verwendung eines großgeschriebenen „i“ (Binnenversal):
SchülerInnen

7. Einklammerung

  • Nennung der weiblichen Geschlechterform in Klammern:
Schüler(innen) oder Schüler(-innen)

8. Schrägstrich-Zusammenschreibung

  • Nennung beider Geschlechterformen mit Schrägstrichen:
ein/e Schüler/in

Weitere Arten des Genderings wie die Bevorzugung direkter Anrede[6] sind möglich und werden wie das „Suffix-X“ teilweise kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert.[7]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seitens der Sprachwissenschaft wird am Gendering Kritik geübt, die Hauptargumente sind:

  • das grammatische Geschlecht (Genus) hänge nicht vom biologischen Geschlecht (Sexus) ab, die beiden Begriffe hätten nichts miteinander zu tun
  • die vorgeschlagenen Änderungen mit Gendersternchen, Schrägstrichen oder dem Binnen-I als Majuskel widersprächen der deutschen Orthographie
  • die vorgeschlagenen Techniken des Gendering seien bei flektierten Formen – insbesondere im Genitiv, Dativ und Akkusativ Singular – nicht mit der deutschen Grammatik vereinbar
  • gegenderte Texte seien – gleich in welcher Form – länger, schwerer lesbar oder beim Hören schwerer verstehbar
  • „geschlechtsneutrale“ Formen – beispielsweise „Studierende“ statt „Studenten“ – hätten eine andere Bedeutung
  • einige der vorgeschlagenen Formen seien nicht „geschlechtsneutral“, beispielsweise sei die männliche Form in den Schreibweisen „ProfessorInnen“, „Professor_innen“ oder „Professor*innen“ nicht enthalten
  • die Versuche, verbindliche Sprachregelungen durchzusetzen, stellten einen Zwang dar, der sich in Behörden und Bildungsinstitutionen (Schulen und Universitäten) gegen die Freiheit des Ausdrucks richte

Der Sprachwissenschaftler und Germanist Peter Eisenberg hat in mehreren Essays das Verhältnis der deutschen Grammatik zum Gendering erläutert.[8]

Die Pflicht, „gendergerecht“ zu formulieren, hat der deutsche Bundesgerichtshof in Karlsruhe verneint.[9] Klägerin war die 80 Jahre alte Marlies Krämer, die verlangte, dass die Sparkasse, bei der sie ein Konto hat, in Formularen, Mitteilungen und sonstigen Aussendungen (auch) weibliche Anreden zu verwenden habe. Das oberste deutsche Zivilgericht wies damit die Revision der Klägerin zurück (VI ZR 143/17) und entschied: Die Formularsprache dürfe männlich bleiben. Frauen erlitten aus Sicht des BGH keinen Nachteil, wenn sie in Vordrucken mit dem „generischen Maskulinum“ angesprochen werden. Die Klägerin will (Stand 2018) notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.

Der Filmkritiker Andreas Kilb meint: „Gendersternchen ändern nichts an den Verhältnissen. Doch auf diese Weise entsteht ein neuer Kanzleistil, der den Kontakt zur Wirklichkeit verliert.“[10]

Im September 2019 gab die deutsche Partei Die Linke bekannt, dass sie zukünftig „im Interesse des flüssigen Lesens und der Maschinenlesbarkeit […] auf eine ‚gegenderte‘ Schreibweise […] verzichten“ werde. Insbesondere soll dadurch auf die Kritik behinderter Menschen, die mit der gegenderten Schreibweise Probleme hatten, Rücksicht genommen werden.[11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktuelle MaterialsammlungfPortal Frauen: Gendersprache – aktuelle Materialien

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

WiktionaryWiktionary: gendern – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Claudia Opitz-Belakhal: Geschlechtergeschichte. Campus, Frankfurt/Main 2010, ISBN 978-3-593-39183-0, S. 45.
  2. Claudia Opitz-Belakhal: Geschlechtergeschichte. Campus, Frankfurt/Main 2010, ISBN 978-3-593-39183-0, S. 140.
  3. Bettina Jansen-Schulz, Kathrin van Riesen: Integratives Gendering und Gender-Diversity-Kompetenz: Anforderungen an eine innovative Hochschullehre. In: Sven Ernstson, Christine Meyer (Hrsg.): Praxis geschlechtersensibler und interkultureller Bildung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-19798-2, S. 217–237.
  4. Bettina Jansen-Schulz: Integratives Gendering in der Lehre. In: Soziale Technik. Band 3, 2006, S. 19–21 (Zusammenfassung).
  5. Beispielsweise auf der Seite Gendern.de – das größte Wörterbuch für eine gendergerechte Sprache. 1337 UGC GmbH, Schwanstetten, abgerufen am 12. September 2019 (ohne Datumsangabe, vermutlich 1. Januar 2019).
  6. Anita Prettenthaler-Ziegerhofer, Katharina Scherke, Ulrike Schustaczek (AKGL): Gendergerechtes Formulieren: Ein Leitfaden – Informationen, Tipps und Empfehlungen. (PDF: 27 kB, 6 Seiten) Universität Graz, 10. Dezember 2012, S. 4, abgerufen am 12. September 2019.
  7. Milosz Matuschek: Akte X: Die skurrile Debatte um Profx Hornscheidt. In: NZZ.ch. 16. Juni 2016, abgerufen am 12. September 2019: „Jeder Mensch muss selbst entscheiden dürfen, wie er/sie/x angesprochen werden will. Oder nicht?“
  8. Beispielsweise Peter Eisenberg: Essay: Das mißbrauchte Geschlecht. In: SüddeutscheZeitung.de. 2. März 2017, abgerufen am 12. September 2019; Zitat: „Wie kann man Frauen in der Sprache sichtbarer machen? Muss man sich dafür zum Herren oder zur Herrin über die Grammatik aufschwingen? Mit dem Gendern gehen sprachpolizeiliche Allüren einher.“
    Derselbe: Gendergerechte Sprache: Wenn das Genus mit dem Sexus. In: Faz.net. 28. Februar 2018, abgerufen am 12. September 2019 (bezahlpflichtig); Zitat: „Wann begreifen die Leute endlich, dass das grammatische Geschlecht mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun hat? Eine Verständnishilfe.“
  9. Beispielsweise die Meldung: Gender-Streit – BGH: Frauen haben kein Recht auf weibliche Ansprache. In: SüddeutscheZeitung.de. 13. März 2018, abgerufen am 12. September 2019.
    Meldung: Bundesgerichtshof: Formulare dürfen männlich bleiben. In: Faz.net. 13. März 2018, abgerufen am 12. September 2019.
  10. Andreas Kilb: Die Sprachwäsche. In Faz.net. 10. Januar 2018, abgerufen am 12. September 2019.
  11. Anna Lehmann: Barrierefreie Kommunikation im Netz: Linke will aufs Gendern verzichten. In: taz.de. 3. September 2019, abgerufen am 12. September 2019.