Gendern

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Gendern oder Gendering (von englisch gender „soziales Geschlecht“: etwa „Vergeschlechtlichung“) ist eine eingedeutschte Wortbildung aus dem angelsächsischen Sprachraum und bezeichnet die Berücksichtigung oder Analyse des Geschlechter-Aspekts in Bezug auf eine Grundgesamtheit von Personen, etwa in Wissenschaft, Statistik und Lehre. Im besonderen Sinne steht das Gendern für einen geschlechterbewussten Sprachgebrauch, der im Interesse der Gleichstellung der Geschlechter mit Veränderungen der herkömmlichen (Schrift-)Sprache einhergeht. In sozialen Medien wird gendern oft nur auf den Einsatz von besonderen Zeichen wie dem Gendersternchen bezogen („Nutzer*innen“), teils abfällig als Genderei bezeichnet.

Gendern in der deutschen Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Sprachwissenschaft (Linguistik) bezeichnet gendern die Bestrebung, die Gleichstellung der Geschlechter auch in der Sprache zu etablieren und möglichem Sexismus entgegenzuwirken, indem Texte in einer möglichst geschlechtergerechten und gender-inkludierenden Form verfasst werden.[1] Zum einen geht es beim Gendern um die Sichtbarmachung beider Geschlechter durch Doppelnennung (oder Beidnennung, Paar- oder Parallelform), zum anderen um die Verwendung geschlechtsneutraler Formulierungen zur Inklusion aller Geschlechtlichkeiten.

Arten des Genderns[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um einen gendergerechten Sprachgebrauch umzusetzen, haben sich die folgenden Schreibweisen entwickelt – bei einigen werden Formulierungen in der Einzahl als unpassend vermieden:

1. Doppelnennung (Splitting)

  • Nennung beider Wortformen (Beidnennung, Parallelform, vollständige Paarform) statt verallgemeinerndem generischen Maskulinum:
Schülerinnen und Schüler
Kollegen und Kolleginnen

2. Abkürzungen (Sparformen)

  1. Gender-Klammer
    • Anhängen der movierten weiblichen Wortendung in Klammern (früher auch mit Bindestrich):
    Schüler(innen)… ein(e) Schüler(in)
    Kolleg(innen)… ein(e) Kolleg(in)
  2. Gender-Schrägstrich
    • Zusammenziehung mit Schrägstrich (früher auch mit Bindestrich):
    Schüler/innen… ein/e Schüler/in
    Kolleg/innen… ein/e Kolleg/in
  3. Binnen-I
    • Zusammenziehung unter Verwendung eines großgeschriebenen „i“ (Binnenversal):
    SchülerInnen… einE SchülerIn  (SchülerIn)
    KollegInnen… einE KollegIn  (KollegIn)

3. Inklusion

  1. Gender-Gap
    Schüler_innen… ein_e Schüler_in
    Kolleg_innen… ein_e Kolleg_in
  2. Genderstern
    • Zusammenziehung mit Asterisk, um alle Geschlechter einzuschließen:
    Schüler*innen… ein*e Schüler*in
    Kolleg*innen… ein*e Kolleg*in
  3. Gender-Doppelpunkt
    • Zusammenziehung mit Doppelpunkt für alle Geschlechter:
    Schüler:innen… ein:e Schüler:in
    Kolleg:innen… ein:e Kolleg:in

4. Neutralisierung

Schülerschaft… ein Schulkind
Lehrpersonal… eine Lehrkraft

Diese und weitere Arten des Genderns wie etwa die Bevorzugung direkter Anrede statt „Herr/Frau“ (siehe Geschlechtsneutrale Anrede und Pronomen) sind möglich und teilweise von verschiedenen Stellen empfohlen (siehe Verbreitung von Genderstern und Doppelpunkt), werden aber auch in der öffentlichen Meinung kontrovers diskutiert.

Einschränkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Verpflichtung für Dienstleister, „gendergerecht“ zu formulieren, hat im März 2018 der deutsche Bundesgerichtshof (BGH) in einem Einzelfall verneint: Das oberste deutsche Zivilgericht wies die Klage der 80-jährigen Frauenrechtlerin Marlies Krämer ab, die von ihrer örtlichen Sparkasse verlangte, in persönlichen Anschreiben als „Kundin“ angesprochen zu werden statt mit der männlichen Wortform „Kunde“ als generischem Maskulinum. Auch die weiblichen Wortformen „Kontoinhaberin, Empfängerin“ beanspruchte sie für sich statt „Kontoinhaber, Empfänger“.[2] Die Formularsprache dürfe aber maskulin bleiben, und Frauen erlitten aus Sicht des BGH keinen Nachteil, wenn sie in Vordrucken mit dem generischen Maskulinum angesprochen werden.[3][4] Die Sprachwissenschaftlerin Carolin Müller-Spitzer kritisierte die Urteilsbegründung des BGH: „Diese Auffassung steht allerdings im Widerspruch zu einer Vielzahl empirischer Studien, die sich u. a. mit der Frage beschäftigen, wie das generische Maskulinum verstanden wird.“[5] Die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, Maria Wersig, bedauerte die Entscheidung des BGH und erklärte, in Sachen geschlechtergerechter Sprache bleibe viel zu tun.[6] Marlies Krämer kündigte an, vor das Bundesverfassungsgericht und notfalls vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen.[7] Im Juli 2020 wies das Bundesverfassungsgericht die Klage wegen eines Mangels bei der Antragsbegründung ab.[8]

Die deutsche Partei Die Linke erklärte im September 2019: „Im Interesse des flüssigen Lesens und der Maschinenlesbarkeit ist auf eine ‚gegenderte‘ Schreibweise zu verzichten. Es ist also stets von ‚Nutzerinnen und Nutzer‘ zu schreiben.“ Mit gendern waren hier allerdings nur die Sonderzeichen Genderstern, Binnen-I und Gender Gap gemeint, die von Vorlesegeräten teilweise unverständlich übersetzt würden und es Menschen mit Behinderungen erschweren, Dokumente im Internet zu lesen. Nicht betroffen von diesem Beschluss seien Programm- und Flyertexte.[9]

Gendering in der Wissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Geschichts- und Sozialwissenschaften wird Gendering oder Gendern verwendet, um auszudrücken, dass ein Thema unter einer geschlechterspezifischen Fragestellung und Perspektive untersucht und dargestellt wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Geschlecht in nahezu allen Lebensbereichen eine Rolle spielt und Herrschaftsverhältnisse geschlechtlich markiert sind. Geschlecht prägt Denken, Vorstellungen, die soziale und politische Welt, und diese konstituieren das „soziale Geschlecht“ (Gender).

Beispielsweise zeichnete die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger um das Jahr 1800 die verschiedenen Gendering-Prozesse innerhalb der Naturwissenschaften nach. Sie zeigte, wie die zu der Zeit vorherrschenden Geschlechterbilder und -dichotomien das wissenschaftliche Denken geprägt haben.[10] Die Rechtshistorikerin und Soziologin Ute Gerhard und die Historikerin Joan Scott beschrieben die frauendiskriminierende Grundstruktur des Staatsbürgerkonzepts, wie es erstmals in der Französischen Revolution realisiert wurde, als male gendering („männliches Gendering“).[11]

Im Bereich von Forschung und Lehre wird die Begriffskopplung „Integratives Gendering“ verwendet, um die Integration von Genderaspekten auf allen hochschuldidaktischen Handlungsebenen und in allen hochschulischen Handlungsfeldern zu bezeichnen.[12] Es wird in diesen Zusammenhängen auf folgende Genderkategorien zurückgegriffen:[13]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktuelle MaterialsammlungfPortal Frauen: Gendersprache – aktuelle Materialien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Dudenverlag, Berlin April 2020, ISBN 978-3-411-74517-3.
  • Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden: Gendern – ganz einfach! Herausgegeben von der Dudenredaktion. Dudenverlag, Berlin März 2019, ISBN 978-3-411-74335-3 (Leseprobe auf duden.de).
  • Gabriele Diewald: Linguistische Kriterien und Argumente für geschlechtergerechten Sprachgebrauch. In: Sabine Berghahn, Ulrike Schultz (Hrsg.): Rechtshandbuch für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte: Recht von A–Z für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in der Öffentlichen Verwaltung, in Unternehmen und in Beratungsstellen. Loseblattsammlung. Dashöfer, Hamburg 2001–2019, ISBN 978-3-931832-44-5, Kapitel „Grundlagen: 1.3“.
  • Rat für deutsche Rechtschreibung (RdR): Bericht und Vorschläge der AG „Geschlechtergerechte Schreibung“ zur Sitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung am 16.11.2018 – Revidierte Fassung…. Mannheim, 16. November 2018 (PDF: 455 kB, 11 Seiten auf rechtschreibrat.com).
  • Jasmin Siri: Kampfzone Gender: Über die Politisierung wissenschaftlicher Expertise. Nicolai Publishing & Intelligence, Berlin Oktober 2018, ISBN 978-3-96476-003-6 (DLF-Besprechung).
  • Anne Wizorek, Hannah Lühmann: Gendern?! Gleichberechtigung in der Sprache – Ein Für und Wider. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Dudenverlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-411-75619-3 (Leseprobe auf duden.de).
  • Anja Steinhauer, Gabriele Diewald: Richtig gendern: Wie Sie angemessen und verständlich schreiben. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Dudenverlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-411-74357-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: gendern – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Portale:

Artikel:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden: Gendern – ganz einfach! Herausgegeben von der Dudenredaktion. Dudenverlag, Berlin März 2019, ISBN 978-3-411-74335-3, S. 7 (Seitenvorschau auf duden.de: „Blick ins Buch“ anklicken); Zitat: „Gendern ist, sehr allgemein gesprochen, ein sprachliches Verfahren, um Gleichberechtigung, d. h. die gleiche und faire Behandlung von Frauen und Männern im Sprachgebrauch, zu erreichen. Gendern bedeutet somit die Anwendung geschlechtergerechter Sprache.“.
  2. Wolfgang Janisch: Entscheidung am Bundesgerichtshof: Wie Marlies Krämer gegen die Sparkassen kämpft. In: Süddeutsche Zeitung. 20. Februar 2018, abgerufen am 1. Juli 2020.
  3. Meldung: Gender-Streit – BGH: Frauen haben kein Recht auf weibliche Ansprache. In: SüddeutscheZeitung.de. 13. März 2018, abgerufen am 24. November 2019.
  4. Meldung: Bundesgerichtshof: Formulare dürfen männlich bleiben. In: Faz.net. 13. März 2018, abgerufen am 24. November 2019.
  5. Carolin Müller-Spitzer: Kundin oder Kunde – Geschlechtergerechte Sprache revisited. In: Verfassungsblog.de. 21. Mai 2018, abgerufen am 24. November.
  6. Meldung (dpa): BGH-Entscheidung: Kundin bleibt Kunde: Klägerin unterliegt im Formularstreit. In: Die Zeit. 13. März 2018, abgerufen am 1. Juli 2020.
  7. Meldung (dpa): Marlies Krämer: Sparkassen-Kundin unterliegt im Formular-Streit. In: Frankfurter Rundschau. 13. März 2018, abgerufen am 1. Juli 2020.
  8. Meldung: Bundesverfassungsgericht: Sparkasse darf Kundin vorerst als Kunde anreden. In: Der Spiegel. 1. Juli 2020, abgerufen am 1. Juli 2020.
  9. Anna Lehmann: Barrierefreie Kommunikation im Netz: Linke will aufs Gendern verzichten. In: taz.de. 3. September 2019, abgerufen am 24. November 2019.
  10. Claudia Opitz-Belakhal: Geschlechtergeschichte. Campus, Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-593-39183-0, S. 45.
  11. Claudia Opitz-Belakhal: Geschlechtergeschichte. Campus, Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-593-39183-0, S. 140.
  12. Bettina Jansen-Schulz, Kathrin van Riesen: Integratives Gendering und Gender-Diversity-Kompetenz: Anforderungen an eine innovative Hochschullehre. In: Sven Ernstson, Christine Meyer (Hrsg.): Praxis geschlechtersensibler und interkultureller Bildung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-19798-2, S. 217–237.
  13. Bettina Jansen-Schulz: Integratives Gendering in der Lehre. In: Soziale Technik. Band 3, 2006, S. 19–21 (Zusammenfassung).